Abraham lebte durch Glauben (7)

1. Mose 17

«Ich bin Gott, der Allmächtige»

Nach Abrahams Kampf mit den Königen und seinem geistlichen Sieg über die Verlockung des Königs von Sodom war das Wort des HERRN zu ihm geschehen: «Ich bin dir ein Schild, dein sehr grosser Lohn» (1. Mo 15,1). Dort begegnete ihm Gott nach seinen menschlich begrenzten Bedürfnissen, und Abraham erbat sich von Ihm das, wonach er sich vom irdischen Standpunkt aus vor allem sehnte: den Erben.

Das 17. Kapitel aber führt uns zu einer Szene völlig anderer Natur. «Und Abram war 99 Jahre alt, da erschien der HERR Abram und sprach zu ihm: Ich bin Gott, der Allmächtige; wandle vor meinem Angesicht und sei vollkommen.»

Hier geht es nicht mehr um die in Abrahams Herzen verborgenen Bedürfnisse, Wünsche und Probleme. Da enthüllt sich Gott selbst, und zwar in einer grösseren Fülle, als Er sich bis jetzt je Abraham oder einem anderen Menschen gegenüber kundgegeben hat: als Gott, der Allmächtige. Das war die für damals charakteristische Offenbarung seiner selbst, und keiner der Patriarchen ist in der Erkenntnis Gottes jemals weiter vorgedrungen.

Wie muss das Bewusstsein, vor Gott, dem Allmächtigen zu stehen, der ihm in Gnade erschien, auf das Herz Abrahams erhebend gewirkt haben! Wir wissen nicht, wie weit sich sein Glaube seit seinem vorübergehenden Tiefstand in der Sache mit Hagar (1. Mo 16) wieder erholt hat. Aber wie mussten sich jetzt, in der unmittelbaren Nähe eines solch wunderbaren, erhabenen Gottes alle Schwierigkeiten des Kleinglaubens, die den Gläubigen oft wie unüberwindliche Berge umgeben, in Nichts auflösen, wie nächtliche Finsternis vor der aufgehenden Sonne! So werden hier auch, im Gegensatz zu Kapitel 15, die feindlichen Völker in Kanaan und Ägypten gar nicht erwähnt. Für Gott sind sie ja «wie ein Tropfen am Eimer» (Jes 40,15).

«Wandle vor mir und sei vollkommen»

Gott, der Allmächtige, will, dass Abraham nicht nur in diesem Augenblick vor Ihm stehe; sein ganzes weiteres Leben soll sich vor Ihm abwickeln. Dadurch wird der Patriarch nicht in sich selbst zur Vollkommenheit gelangen, aber er wird so für seinen Geist und sein Herz jederzeit einen vollkommenen Anziehungspunkt haben, und dies wird zur Ehre Gottes gesegnete Früchte hervorbringen. Vor Ihm, dem Allmächtigen zu wandeln, ist dies nicht ein Weg der Ruhe und des Friedens, fern von Angst, quälender Sorge und Ungeduld des Fleisches, durch alle Umstände des Lebens hindurch?

«Abraham fiel auf sein Angesicht und Gott redete mit ihm»

Welch tiefe Wirkung haben diese Erscheinung und diese Worte Gottes auf Abraham! Es geht ihm wie später einmal dem Blindgeborenen, als jener in seinem Wohltäter die Herrlichkeit des Sohnes Gottes erkannte und sich huldigend vor Ihm niederwarf (Joh 9,38). Noch nie fühlte sich Abraham von der Gegenwart Gottes so überwältigt wie jetzt, weil er Ihm vorher noch nie im Geist so nahe war. Er ist im Staub vor Ihm. Hier ist es nicht Anbetung vor dem Altar, in Verbindung mit einem Opfer, um eine verheissene Gabe zu erlangen, sondern Gemeinschaft: Gott lässt sich herab, mit ihm zu reden. Abraham ist Ihm tatsächlich praktisch viel näher als in der Szene von 1. Mose 15 und er kann seinem Wort einfältiger vertrauen. Dort hatte er noch offene Fragen, und dichte Finsternis überfiel ihn. Das 16. Kapitel berichtet sogar von Verfehlung. Hier aber wird Abraham persönlich gesegnet, Gott redet von der Aufrichtung eines immerwährenden Bundes zwischen Ihm selbst und der Nachkommenschaft Abrahams; Er gibt ihm die Verheissung vieler Völker und Könige, die aus ihm hervorkommen sollen!

Ja, welch ein Ausdruck von Gemeinschaft sind doch die Worte: «Gott redete mit ihm.» Sie sind vom Heiligen Geist absichtlich so gewählt, und wir begegnen ihnen hier zum ersten Mal Sie lassen den vertrauten Umgang erkennen, den Er jetzt mit Abraham hatte. Wie wichtig ist dieser für einen Gläubigen! Er besteht nicht nur darin, dass wir Gott unsere Anliegen vorbringen und Ihm zu jeder Zeit mit Flehen nahen. (Solange wir auf der Erde sind, wird auch die innigste Gemeinschaft mit Gott solche anhaltenden Gebete nie überflüssig machen.) Die Freude des vertrauten Umgangs mit Ihm ist noch etwas mehr als Gebet. Da «redet» Gott mit uns durch sein Wort und zeigt uns seine Grösse und Herrlichkeit. Da dürfen wir auch aufgrund der Offenbarung, die Er uns von sich selbst gibt, unsere Seelen zu Ihm erheben und Ihm freimütig sagen, was sie dabei empfinden. Jeder Christ ist zu diesem vertrauten Umgang mit Gott berufen. Wenn er fehlt, besteht in seinem persönlichen Leben ein grosser Mangel.

Gott sagt: Ich will… Ich werde…

Weil Abraham vor Gott stand und seine Herrlichkeit betrachtete, sah er jetzt auch sein eigenes Leben in diesem Licht. Sein Herz stand jetzt unter dem tiefen Eindruck: Gott ist gross, und Er ist auch mein Gott, der nach seiner eigenen Weisheit und Allmacht alles selber in die Hand nimmt und meine ganze Zukunft ordnet. Wie ganz anders zeigen sich ihm jetzt die eigenen Probleme als in Kapitel 16, wo er meinte, einen kleinen Gott zu haben, dem man nachhelfen muss!

Tatsächlich, Gott, der Allmächtige, sagt hier in Verbindung mit Abraham und seinem Nachkommen immer wieder: «Ich will… Ich werde…» Gottes Ratschlüsse, auch in Bezug auf sein irdisches Volk, an dessen Wiege wir hier stehen, werden in Erfüllung gehen. Niemand vermag Ihn daran zu hindern:

  • Und ob gleich alle Teufel
    hier wollten widerstehn,
    so wird doch ohne Zweifel
    Gott nicht zurücke gehn!
    Was Er sich vorgenommen
    und was Er haben will,
    das muss doch endlich kommen
    zu seinem Zweck und Ziel.

Vor allem spricht hier Gott immer wieder von «meinem Bund» (dem Wort «Bund» begegnen wir in diesem Kapitel zwölf Mal). Es besteht ein ewiger Bund zwischen Gott und Abraham, beziehungsweise mit dessen Nachkommenschaft. Wie uns im 15. Kapitel gezeigt wurde, ist Gott selbst der Garant dafür, und alle Ver­heis­sun­gen, die der Bund umfasst, werden daher unfehlbar eine herrliche Erfüllung finden. Zwar ist später am Sinai zwischen Gott und dem Volk Israel aufgrund des Gesetzes noch ein anderer Bund geschlossen worden, weil sich das Volk verpflichtet hatte: «Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun» (2. Mo 19,8; 24,7). Aber als – wie es nicht anders sein konnte – das Volk durch Ungehorsam den Bund brach und es als Folge davon als Lo-Ammi («Nicht-mein-Volk») in alle Welt zerstreut wurde, da blieb der Bund mit Abraham bestehen.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, einige der unzähligen Bibelstellen nachzuschlagen, in denen Gott auf seinen Bund mit Abraham Bezug nimmt, und zu beachten, in Verbindung mit welchen Umständen dies geschah:

  • Gott hörte das Wehklagen der Kinder Israel in Ägypten, wegen des harten Dienstes, und gedachte seines Bundes mit Abraham (2. Mo 2,24).
  • Als Mose mit den zwei steinernen Tafeln, auf die der Finger Gottes die Worte des Bundes vom Sinai eingegraben hatte, vom Berg herabstieg, da hörte er den Schall von Wechselgesang und sah die Reigentänze um das goldene Kalb. Der HERR sprach davon, das Volk zu vernichten und Mose zu einem grossen Volk zu machen. Mose aber flehte zu Ihm, Er möge seines Schwures gegenüber Abraham gedenken. «Und es reute den HERRN das Übel, wovon er geredet hatte» (2. Mo 32,7-14).
  • Auch als Israel durch die Wüste wanderte, gedachte der HERR seines Wortes gegenüber Abraham: Er führte sein Volk aus Ägypten heraus, leitete es sicher durch die Einöde, stillte seine Bedürfnisse und gab ihm «die Länder der Nationen zum Besitz» (Ps 105,37-44).
  • Als das Volk sich im Land verdarb und die zehn Stämme unter Joahas in allen Sünden Jerobeams verharrten, da erwies ihnen der HERR Gnade und erbarmte sich ihrer … wegen seines Bundes mit Abraham (2. Kön 13,23).
  • Selbst die Geburt und das Kommen von Jesus Christus zur Erlösung Israels, seines Knechtes, wird mit dem Eid in Verbindung gebracht, den Gott Abraham geschworen hat, wie dies aus den Weissagungen Marias und Zacharias hervorgeht (Lk 1,54.55.72.73).
  • Zahlreich sind auch die Hinweise auf die Wiederherstellung Israels in der Zukunft. Wenn sie in den Ländern ihrer Feinde ihre Ungerechtigkeit bekennen und sich demütigen, wird Gott seines Bundes mit Abraham gedenken und sich wieder über sie erbarmen. Er wird alle ihre Sünden in die Tiefen des Meeres werfen und sie ins Land zurückbringen, das wieder aufblühen wird (siehe z.B. 3. Mo 26,40-45; Micha 7,19-20; Jes 41,8-20 usw.).

Wahrlich, der HERR «gedenkt ewig seines Bundes – des Wortes, das er geboten hat auf tausend Geschlechter hin – den er geschlossen hat mit Abraham …» (Ps 105,8.9). Welch ein Gott der Treue ist Er! Auch die herrlichen Ver­heis­sun­gen, die Er seiner Versammlung gegeben hat, wird Er alle erfüllen!

«Du sollst meinen Bund halten!»

Wir haben uns daran erinnert, dass sich Gott selbst dazu verpflichtet hat, den Bund mit Abraham in allen Teilen zu erfüllen. Weshalb sagt Er nun aber zu ihm: «Du sollst meinen Bund halten, du und deine Nachkommen nach dir» (1. Mo 17,9)? Musste der Mensch doch etwas dazu beitragen?

Gott fährt fort: «Dies ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinen Nachkommen nach dir: Alles Männliche werde bei euch beschnitten.»

Der Anteil des Menschen an diesem Bund war also negativer Art: er musste beschnitten werden. In Kolosser 2,11-13 werden wir belehrt, dass diese «mit Händen geschehene Beschneidung» einen tiefen geistlichen Sinn hat. Das, was sie vorbildet, ist erst «in Christus» Wirklichkeit geworden. In Ihm ist der an Ihn Glaubende «beschnitten worden … mit einer nicht mit Händen geschehenen Beschneidung, in dem Ausziehen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung des Christus, mit ihm begraben in der Taufe, in dem ihr auch mitauferweckt worden seid durch den Glauben an die wirksame Kraft Gottes, der ihn aus den Toten auferweckt hat. Und euch, als ihr tot wart in den Vergehungen und dem unbeschnittenen Zustand eures Fleisches, hat er mitlebendig gemacht mit ihm, indem er uns alle Vergehungen vergeben hat». Die des Christus sind, haben somit «das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und den Begierden» (Gal 5,24). Wenn wir dies in der Praxis realisieren, kann der Geist Gottes in und durch uns wirken und seine Frucht hervorbringen. Er wird dann nicht durch das Fleisch daran gehindert.

Bei den Nachkommen Abrahams geschieht die Beschneidung bis jetzt nur äusserlich und ist ein Zeichen der Zugehörigkeit zum irdischen Volk Gottes. «Der Leib des Fleisches» ist bei ihm nicht «ausgezogen», und daher ist seine Geschichte bis dahin die Geschichte der verdorbenen menschlichen Natur. Sie widerstreiten «allezeit dem Heiligen Geist» (Apg 7,51) und hindern dadurch Gott an der Erfüllung seiner Ratschlüsse und Ver­heis­sun­gen. Aber schon Mose hat prophezeit, dass das Volk – d.h. ein Überrest – zu dem HERRN, seinem Gott, von ganzem Herzen umkehren und Ihm gehorchen wird. Ins Land zurückgebracht, wird es Christus aufnehmen und auch die «Beschneidung des Christus» erfahren: «Und der HERR, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, damit du den HERRN, deinen Gott, liebst mit deinem ganzen Herzen …» (5. Mo 30,1-6). Dann erst werden die Ver­heis­sun­gen an Abraham volle Wirklichkeit werden.

Zweierlei Lachen

Nun gab Gott Abraham das zeitlich fixierte Versprechen, dass ihm Sara um diese bestimmte Zeit im folgenden Jahr einen Sohn gebären würde (1. Mo 17,15-22). Abram sollte fortan Abraham heissen (Vater einer Menge) und Sarai sollte von jetzt an Sara (Fürstin) genannt werden.

Wie reagierten die beiden auf diese göttliche Botschaft, nachdem ihnen der Mund des HERRN vor fast einem Viertel­jahrhundert zum ersten Mal einen Nachkommen verheissen hatte und sie so lange vergeblich danach ausgeschaut hatten? «Abraham und Sara waren alt, hochbetagt; es hatte aufgehört, Sara zu ergehen nach Weise der Frauen» (1. Mo 18,11)!

Beide lachten (vergleiche 1. Mo 17,17 mit 1. Mo 18,12). Aber Abraham fiel dabei «auf sein Angesicht», was zeigt, dass er unter dem tiefen Eindruck der Nähe Gottes war, und was er von sich gab, war daher ein Lachen des Glaubens, das Gott gerne hört, wenn er auch noch nicht in allem in Gottes Gedanken eingegangen sein mochte. Bei Sara hingegen schien das Bewusstsein seiner Gegenwart und seiner Grösse in diesem Augenblick schwach gewesen zu sein; sie warf sich nicht nieder vor Ihm. Vielmehr begann sie hinter dem Zelteingang zu überlegen und zu denken: das ist doch unmöglich! Bei ihr war es ein Lachen des Unglaubens. Gott musste sie daher zurechtweisen. Dann aber hat auch sie von den sichtbaren Umständen weggeblickt und auf den geschaut, für den keine Sache zu wunderbar ist. So lesen wir denn in Hebräer 11,11: «Durch Glauben empfing auch selbst Sara Kraft, einen Samen zu gründen, und zwar über die geeignete Zeit des Alters hinaus, weil sie den für treu erachtete, der die Verheissung gegeben hatte.» Und später, als Isaak (Lacher) geboren war, bekannte sie: «Gott hat mir ein Lachen bereitet» (1. Mo 21,6).

Das Lachen des Unglaubens ist heute in der Christenheit überall zu hören. Man lächelt über die Wunder, von denen die Bibel berichtet, weil man sich vor dem Gott, der Himmel und Erde gemacht und seinen Sohn als Heiland in diese Welt gesandt hat, nicht beugen will. Lassen wir uns von diesem Lachen ja nicht beeindrucken! Ach! es wird sich einmal jäh in «Weinen und Zähneknirschen» verwandeln.