Die zwölf Söhne Jakobs: Ruben (1)

Das grosse Ziel Gottes in seinem Wort ist die Darstellung der Herrlichkeit seines Sohnes. Es ist seine Freude, schon im Alten Testament in immer neuen Bildern und Hinweisen von dem Einen zu reden, den der Geist Gottes im Neuen Testament den Sohn seiner Liebe nennt (Kol 1,13). Gott, der Vater, möchte uns an dem teilnehmen lassen, was Ihn von jeher beschäftigt hat, und die Aufgabe des Geistes Gottes ist es, den Herrn Jesus in unseren Herzen zu ehren und zu verherrlichen.

Auch in der Geschichte der Söhne Jakobs gibt uns Gott Hinweise auf die vollkommene Schönheit seines Sohnes, von dem die Söhne Korahs mit glücklichem Herzen sagen: «Du bist schöner als die Menschensöhne, Holdseligkeit ist ausgegossen über deine Lippen» (Ps 45,3).

Wir können die Söhne Jakobs von verschiedenen Standpunkten aus betrachten. Wir wollen zunächst jeweils einen Blick auf ihren Lebensweg und die Geschichte ihres Stammes werfen, dann aber das betrachten, worin sie uns auf den Herrn Jesus und auf unsere Stellung, die wir in Ihm besitzen, hinweisen.

Ruben

In 1. Mose 8,21 hatte Gott gesagt, dass das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens böse ist von seiner Jugend an. Dieses dunkle, erschütternde Bild der Sünde zeigte sich auch im Haus Jakobs. Jakob war aus der Linie des Glaubens hervorgegangen, doch zunächst sah es in seinem Haus sehr traurig aus. Der HERR musste sehen, dass Lea gehasst war (1. Mo 29,31). Unfriede und Hass in der eigenen Familie! Dahin führt der Weg ohne Gottesfurcht. Gott sieht heute wie damals, ob in unseren Häusern und in unseren Herzen der Friede des Christus regiert, oder ob Hass und Streit, die Werke des Fleisches, die Herzen beherrschen.

In Lea fand Gott etwas, auf das Er antworten wollte. Er schenkte ihr ihren erstgeborenen Sohn, und in der Freude ihres Herzens nennt ihn diese Mutter: «Ruben» (= Seht, ein Sohn!). Sie ehrt Gott, indem sie hinzufügt, «weil der HERR mein Elend angesehen hat».

Was ist aus Ruben geworden? War er seiner Mutter wirklich ein rechter Sohn? Ging er einen glücklichen Weg in der Furcht des Herrn? Die prophetischen Worte, die Jakob auf seinem Sterbebett über seine Söhne äusserte, zeigen uns, welch ein Schatten auf den Weg dieses erstgeborenen Sohnes der Lea und des Jakob gekommen ist, und welch eine Not der Sohn seinen Eltern bereitet hat. Jakob sagte: «Ruben, mein Erstgeborener bist du, meine Kraft und der Erstling meiner Stärke! Vorzug an Hoheit und Vorzug an Macht! Überwallend wie die Wasser, sollst du keinen Vorzug haben, denn du hast das Lager deines Vaters bestiegen; da hast du es entweiht. Mein Bett hat er bestiegen!» (1. Mo 49,3.4).

Die Sünde Rubens kostete ihn den Platz des Erstgeborenen und machte die Sterbestunde seines Vaters schwer. Wie ernst ist es, wenn in den Familien der Gläubigen ungeordnete und ungerichtete Dinge selbst bis zum Tod nicht geordnet werden und die Herzen beschweren.

Während der Wüstenwanderung empörten sich Söhne Rubens zusammen mit Korah und seiner Rotte gegen Mose und Aaron (4. Mo 16). In welch eine traurige und verhängnisvolle Verbindung mit dem Bösen begaben sich diese Männer und brachten so das Gericht Gottes über sich und ihre Familien!

In Richter 5,15b.16 haben wir ebenfalls ein negatives Gemälde des Stammes Ruben. Debora sagt dort: «An den Bächen Rubens waren grosse Beschlüsse des Herzens. Warum bliebst du zwischen den Hürden, das Flöten bei den Herden zu hören? An den Bächen Rubens waren grosse Beratungen des Herzens.» Was nützen grosse Beschlüsse und selbst grosse Beratungen des Herzens, wenn man sich dabei der Gemächlichkeit und Trägheit hingibt? Wo bleiben dann Energie und geistliche Entschiedenheit?

Wie alle Menschen hat Gott auch Ruben und seine Nachkommen auf die Probe gestellt. Doch wie zu allen Zeiten entsprach der Mensch in keiner Weise den Erwartungen Gottes. Allein unser geliebter Herr hat als wahrer Mensch jeder Erwartung Gottes entsprochen. Hätte sich im Leben Rubens nicht die Wirklichkeit und Schönheit seines Namens offenbaren sollen, den seine Mutter ihm im Aufblick zu Gott gab? Nur Einer, dessen Reinheit, Schönheit und Vollkommenheit aus allen Blättern der Heiligen Schrift hervorleuchtet, hat als Mensch alles erfüllt, was mit dem Namen der Söhne Jakobs an Hoffnung und Erwartung verbunden war. Das zeigt uns der Geist Gottes in der Schrift an vielen Stellen. Von Ihm sagt auch der Dichter in seiner Freude:

  • Einer ist es, dessen Schöne
    schöner als der Menschensöhne;
    einer ist's,
    und Er ist mein.

Glückliches Vorrecht, Ihn in täglich neuer, anbetender Bewunderung anschauen zu dürfen.

Ruben «Seht, ein Sohn!» Alle Söhne der Menschen in allen Geschlechtern haben versagt. «Ein Sohn soll den Vater ehren … Wenn ich denn Vater bin, wo ist meine Ehre?» (Mal 1,6). Doch der Herr Jesus ehrte seinen Vater vollkommen und zu jeder Zeit. Unter den vielen Stellen, die angeführt werden könnten, wollen wir auf die sieben in den drei ersten Evangelien hinweisen, in denen der Vater selbst Ihn «meinen geliebten Sohn» nennt. Der Vater redete in dieser Weise von seinem Sohn:

  • zu Beginn seines Weges, als Er sich in tiefer Erniedrigung mit dem Überrest aus den Juden einsmachte und sich im Jordan taufen liess
  • dann auf dem Berg der Verklärung, als Er seine Herrlichkeit offenbarte, die in dem kommenden Reich sein Teil sein wird
  • und im Gleichnis von den Weingärtnern in Lukas 20,13.

Wie leuchtet aus 1. Mose 22 die Liebe des Vaters zu seinem Sohn und die Liebe des Sohnes zum Vater hervor. In jenem vorbildlichen Geschehen zeigte Gott, was Er einmal tun und wie der Sohn sich in seiner Liebe und Hingabe verhalten würde. Wie hat sich alles herrlich erfüllt! Doch weder dem Vater noch dem Sohn blieb etwas von der Schwere dieses Weges erspart. Anbetungswürdige Liebe!

Er ist der angekündigte «Sohn des Höchsten» (Lk 1,32), dem der Herr, Gott, den Thron seines Vaters David geben wird. Aber welch eine Erfüllung von Philipper 2,7 finden wir in Lukas 2, wo Er sich selbst zu nichts machte und der Engel von Ihm sagen musste: «Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.» Müssen wir da nicht in stiller und heiliger Ehrerbietung mit dem Dichter sagen:

  • Gott wurde Mensch, o welch Erbarmen!
    Du, sein Volk, bete staunend an?

Sieben Mal spricht der Geist Gottes in jenem Kapitel von Ihm in seiner tiefen Erniedrigung als dem Kind, dem Kindlein und dem Knaben Jesus. Ja, anerkannt gross ist das Geheimnis der Gottseligkeit; Gott ist offenbart worden im Fleisch (1. Tim 3,16).

Er, der Sohn seiner Liebe, liess es sich gefallen, der «Sohn des Zimmermanns» genannt zu werden (Mt 13,55), obwohl Er doch gerade im Matthäus-Evangelium in seiner majestätischen Grösse in Verbindung mit Israel vorgestellt wird. Vierzehn Mal heisst Er dort der Christus, sieben Mal der König und sieben Mal der Sohn Davids. Zudem ist Er der Sohn Abrahams (Mt 1,1).

Wir ahnen ein wenig von seiner tiefen Herablassung und Erniedrigung, wenn in Markus 6,3 von Ihm gesagt wird: «Ist dieser nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria?» Schon der erste Vers dieses Evangeliums bezeichnet Ihn als den Sohn Gottes, und doch wurde Er vollkommen Mensch – «der Sohn der Maria». Wir können nicht in die Geheimnisse seiner Person eindringen, aber in geziemender Ehrerbietung vor Ihm weilen, Ihm danken und Ihn preisen, dass Er sich so tief erniedrigt hat und «der Sohn des Menschen» wurde. Wie nah sind Ihm alle geworden, die Ihm angehören! Dennoch geziemt uns im Blick auf seine Person als ewiger Gott und vollkommener Mensch – höchste Höhe und tiefste Erniedrigung – der gebührende Abstand von «2000 Ellen» (Jos 3,4). Unsere Herzen dürfen glücklich sein über alles, was der Geist Gottes uns an Herrlichkeiten des Sohnes Gottes offenbart hat, und wir sollten keine Einzelheit übergehen, um an der Freude des Vaters teilzunehmen, der uns zuruft: «Dieser ist mein geliebter Sohn.» Hüten wir uns aber vor dem Tun der Leute von Beth-Semes, die den gebührenden Abstand vergassen, in die Lade Gottes schauten und durch das Gericht Gottes weggerafft wurden (1. Sam 6,19).

Werfen wir im Vorbeigehen noch einen Blick auf die besonderen Erwähnungen über den Herrn im Lukas-Evangelium. In jenem langen bis auf Adam, ja, auf Gott zurückgehenden Geschlechtsregister in Lukas 3,23-38 ist Er der 77ste. Er war, wie man meinte (V. 23), ein Sohn des Joseph, und in Lukas 4,22 fragen alle in der Synagoge: «Ist dieser nicht der Sohn Josephs?» Er, «der Sohn des Höchsten» (Lk 1,32), lebte nahezu 30 Jahre «in ihrer Stadt Nazareth» (Lk 2,39), hat sich selbst zu nichts gemacht und Knechtsgestalt angenommen, indem Er in Gleichheit der Menschen geworden ist (Phil 2,7).

Und wir, die wir durch Gnade sein Eigentum wurden? Unsere Stellung ist in so wunderbarer Weise mit Ihm, dem jetzt hoch Erhobenen verbunden, dass wir nur immer wieder staunen und danken können für das, was Er zustande gebracht hat.

Das ist die dritte Seite dieses Bildes in Verbindung mit dem bedeutsamen Namen Ruben. Wir sind in die Stellung von Söhnen (Ruben = Seht, ein Sohn!) eingeführt worden: «Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!» (Röm 8,14.15).

Wenn der Apostel daran denkt, dass wir «gesegnet sind mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern», kann er nicht anders als in glücklicher Anbetung sagen: «Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus» (Eph 1,3). Dann zählt er sieben einzelne Segnungen auf, die uns auf ungeahnte Höhen führen. «Zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade» sagt Vers 6, und es klingt wie der Refrain eines wunderbaren Liedes, der in den Versen 12 und 14 mit den Worten «zum Preise seiner Herrlichkeit» wiederholt wird. Als zweite dieser sieben Segnungen finden wir, dass Gott uns «zuvor bestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens» (V. 5). Könnte es grössere Gnade geben? Stimmen wir nicht glücklichen Herzens in diesen Jubelruf des Apostels ein: «Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus!»? Gleichen unsere Empfindungen angesichts dieser Gunst Gottes, in der wir stehen dürfen, nicht denen, die der Apostel in Römer 11,33 ausdrückt: «O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes!»?