Die Weissagungen Haggais (4)

Haggai 2,10-23

und ihre Anwendung auf die gegenwärtigen Tage

5. Aufruf zu praktischer Heiligkeit

Die Offenbarung des ersten Kapitels, wodurch das Gewissen des Überrestes erreicht werden sollte, ist nicht die einzige Ermahnung des Propheten. Diese Stelle enthält eine weitere.1 Möchten wir alle, wie der Überrest, die erste vernommen haben. Ach! Es sollte eine Zeit kommen, wo dieser Überrest entarten und das Ersehnte aller Nationen, seinen eigenen Messias kreuzigen würde, er, der zu dem besonderen Zweck nach Jerusalem zurückgeführt wurde, um Ihn zu empfangen. Darum wurde der Leuchter von Israel weggenommen und das Volk unter die Nationen zerstreut.

So ergeht es jedem Zeugnis, das untreu wird. Gott hat uns nicht nötig, um für den Herrn und seine Versammlung ein Zeugnis zu sein. Wenn wir es gering achten, gibt Er es in andere Hände. Hatte Er in Bezug auf Israel nicht gesagt: «Er wird … den Weinberg anderen geben» (Lk 20,16)?

Die Heiligkeit soll im Leben verwirklicht werden

Die erste Offenbarung hatte es mit der Selbstsucht zu tun, die dritte redet von der Heiligkeit.

Wir besitzen in Christus vor Gott eine unveränderliche Heiligkeit, wie wir auch eine unantastbare Gerechtigkeit haben, indem wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes gemacht worden sind. Aber wir sind nun berufen, diese Gerechtigkeit und diese Heiligkeit, in die wir der Stellung nach versetzt sind, hier auf der Erde im praktischen Leben zu verwirklichen. Sie besteht in wahrer Trennung von allem Bösen und in lebendiger Gemeinschaft mit dem Guten, mit Gott, dem Vater und dem Sohn.

Diese praktische Heiligkeit fehlte dem Überrest; und einige Jahre darauf war dies in einem noch viel grösseren Mass der Fall. Sie verunreinigten sich dadurch, dass sie die Töchter der Kanaaniter zu Frauen nahmen (Esra 9), den Sabbat brachen und das Priestertum entweihten (Nehemia 13).

Zwei Fragen des Propheten

1. Im Zusammenhang damit stellte der Prophet den Priestern die Frage: «Siehe, wenn jemand heiliges Fleisch im Zipfel seines Gewandes trägt und mit seinem Zipfel Brot oder Gekochtes oder Wein oder Öl oder irgendeine Speise berührt, wird es heilig werden? Und die Priester antworteten und sprachen: Nein.» (Hag 2,12). Der Fall, den er ihnen vorlegte, ist der eines Menschen, dem das heilige Fleisch, das er in seinem Mantel trägt, den Charakter äusserlicher Heiligkeit verleiht. Wird die Frucht seiner Arbeit (das Brot, das Öl, der Wein, hervorgegangen aus der Tätigkeit des Menschen) dadurch geheiligt? Keineswegs.

Um wohlgefällig zu sein, muss die Arbeit die Frucht der Heiligkeit sein. Gott anerkennt nur das als für Ihn getan, was aus dieser Quelle hervorkommt. Keine Stellung äusserer Heiligkeit, keinerlei Bekenntnis macht unsere Arbeit Gott wohlgefällig. Eine ernste Tatsache, die wir gerade auch in unseren Tagen zu Herzen nehmen sollten.

2. Der Prophet fügt hinzu: «Wenn ein wegen einer Leiche Verunreinigter dies alles berührt, wird es unrein werden? Und die Priester antworteten und sprachen: Es wird unrein werden» (Vers 13).

Eine Leiche war in Israel das ausgeprägteste Bild der schrecklichen Folgen und der schliesslichen Auswirkung der Sünde. Wenn die Trennung vom Bösen, von der Sünde, unter uns keine Wirklichkeit ist, wie könnte dann das Werk unserer Hände rein und Gott wohlgefällig sein? Es ist beschmutzt, unrein. Das ist es, was dem Gewissen des Überrestes eingeprägt werden musste und was auch in unser Gewissen eingegraben sein muss. Es mag viel Tätigkeit vorhanden sein, um das Korn zu mahlen, um aus den Trauben den Wein und aus den Oliven das Öl zu pressen, damit sie für unseren Gebrauch nutzbar werden. Aber was ist dies für Gott? Nur das, was Ihm aus einem reinen Herzen dargebracht wird, was für Ihn allein getan wird, das bleibt; das ist für Ihn wie die Narde Marias. Den eigenen Speisekeller zu füllen ist nicht die Aufgabe eines Zeugen, sondern vielmehr das Wirken für die Speicher und die Speisekammern Gottes. «Da antwortete Haggai und sprach: So ist dieses Volk und so diese Nation vor mir, spricht der HERR, und so ist alles Tun ihrer Hände; und was sie dort darbringen, ist unrein» (Vers 14).

Die Folgen mangelnder Absonderung

Das ist es, was unser Werk heute teilweise unfruchtbar macht. Wir lesen hier: «Kam man zu einem Garbenhaufen von zwanzig Mass, so wurden es zehn; kam man zum Fass, um fünfzig Eimer zu schöpfen, so wurden es zwanzig» (Vers 16). Wir sagen «teilweise», denn wenn Gott gezwungen ist, uns zu züchtigen, so tut Er es mit Mass. Er ist langmütig, barmherzig und voll unendlicher Güte.

Was trägt die Arbeit unserer Hände heute ein? Was sie einbringen sollte, haben wir schon vom Propheten vernommen: Material für das Haus Gottes, Seelen, die nicht nur gerettet, sondern auch zum Zeugnis hinzugefügt werden. Ist dem so? Ach, wie wenig! Das Licht ist so schwach, dass es wenig Kraft hat, die anzuziehen, die noch in der Finsternis wohnen. Es genügt kaum, um durch die geschlossenen Augenlider der Seelen zu dringen, um sie aufzuwecken.

Aber die Züchtigung ging noch weiter. «Ich schlug euch mit Kornbrand und mit Vergilben, und mit Hagel alle Arbeit eurer Hände» (Vers 17). Gott hatte sogar die Quellen ihrer Arbeit geschlagen. Die Türe der Segnung war geschlossen.

Aber hat der Überrest wenigstens Buße getan? «Ihr kehrtet nicht zu mir um, spricht der HERR!»

Jetzt aber, achtet wohl darauf, was nun kommen wird: «Richtet doch euer Herz auf die Zeit von diesem Tag an und aufwärts», sagt uns das Wort Gottes eindringlich, «vom vierundzwanzigsten Tag des neunten Monats an, von dem Tag an, als der Tempel des HERRN gegründet wurde, richtet euer Herz darauf! … Von diesem Tag an will ich segnen» (Verse 18-19). Wenn ihr an diesem Tag eure Wege richtet, und ihr euch ans Werk macht, um dieses Haus zu bauen, das ihr aus Selbstsucht und wegen eurer Weltlichkeit verlassen, nachdem ihr die Grundlage gelegt habt – von diesem Tag an werde ich euch segnen!

Brüder, machen wir es ebenso! Hören wir auf diesen Ruf! Wir können die Segnung wiederfinden. Lasst uns denn mit Glaubensenergie dem Ruf folgen, in wirklicher Trennung von der Welt und mit Herzen, die von Christus und von Eifer zur Aufrichtung des Hauses Gottes erfüllt sind, indem wir nicht unsere eigene Bequemlichkeit und unsere Interessen suchen – und von diesem Tag an werden wir die verlorene Segnung wiederfinden!

6. Am Ende triumphiert die Gnade

Und nun folgt in einer vierten Offenbarung eine Ermunterung für den armen Überrest, dessen Gewissen erweckt worden war, und der die Aufrichtung des Hauses Gottes vier Jahre später tatsächlich vollendete. Diese Ermunterung ist eine Verheissung: «Ich werde den Himmel und die Erde erschüttern. Und ich werde den Thron der Königreiche umstürzen und die Macht der Königreiche der Nationen vernichten; und ich werde die Streitwagen umstürzen und die, die darauf fahren; und die Pferde und ihre Reiter sollen hinfallen, jeder durchs Schwert des anderen» (Verse 21-22; vergleiche Kapitel 2,6; Hebräer 12,26).

Alles wird erschüttert werden. Weshalb denn? «Damit die, die nicht erschüttert werden, bleiben» (Heb 12,27). Bei diesen unerschütterlichen Dingen handelt es sich, nach Haggai 2, um die Einführung des Messias in seinen herrlichen Tempel. Mit welcher Verwunderung vernehmen wir hier aber, dass der schwache Serubbabel auf immer eingesetzt und versiegelt werden soll! «An jenem Tag, spricht der HERR der Heerscharen, werde ich dich nehmen, Serubbabel, Sohn Schealtiels, meinen Knecht, spricht der HERR, und werde dich wie einen Siegelring machen. Denn ich habe dich erwählt, spricht der HERR der Heerscharen» (Vers 23).

Ohne Zweifel war Serubbabel, der Fürst, in schwachem Mass ein Bild von Christus, aber vor allem war er der Vertreter des Überrestes vor Gott, wie auch Josua, der Hohepriester, nach Sacharja 3 ein solcher ist. Alle Dinge sollen also erschüttert werden, damit dieser Überrest auf immerdar eingesetzt werden kann.

So ist es auch mit uns. «Deshalb, da wir ein unerschütterliches Reich empfangen», wird in Anführung der Prophezeiung Haggais von den Christen gesagt (Heb 12,28). Gott hat den Herrn schon zu seiner Rechten gesetzt und zugleich uns in Ihm, aber bald wird Er uns auch auf den Thron setzen mit Ihm.

«Und ich werde dich wie einen Siegelring machen.» Der schwache Serubbabel oder Überrest, wie auch die Versammlung Gottes, die jetzt nach aussen hin so schwach erscheint, werden die Besiegelung aller Wege des HERRN vor alters sein. In ihm, wie auch in ihr, werden alle Augen schauen, welches die Absichten des HERRN waren und wie Er sie ausgeführt hat. «Um diese Zeit wird von Jakob und von Israel gesagt werden, was Gott gewirkt hat» (4. Mo 23,23). An jenem Tag wird der Herr «verherrlicht werden in seinen Heiligen und bewundert in allen denen, die geglaubt haben» (2. Thes 1,10).

Da geht es nicht nur um die Belohnung der Treue und der Hingabe in seinem Dienst, sondern noch um viel mehr: Die Gnade Gottes wird am Ende triumphieren und sich über alle unsere Schwachheiten und über alle unsere Untreue erhaben zeigen: «Denn ich habe dich erwählt, spricht der HERR der Heerscharen» (Vers 23). Die Gnade der Auserwählung soll vor den Augen aller erstrahlen. Sie ist der einzige Beweggrund am Anfang und am Schluss, die einzige Veranlassung zur ewigen Segnung der Erlösten!

Gestützt auf Christus, unsere Hoffnung, und auf die Gewissheit des Heils Gottes, wollen wir uns daher in beständigem Selbstgericht daran machen, das Werk des Hauses Gottes zu vollenden, indem wir die Seelen um Christus versammeln, als dem einzigen Mittelpunkt ihrer Sammlung und ihrer Segnung.

  • 1Wie wir schon früher erwähnt haben, enthält das Buch Haggai vier Offenbarungen. Die erste und die dritte sind Zurechtweisungen, die zweite und die vierte aber prophetische Ermunterungen.