Die Stiftshütte (6)

2. Mose 16,32-34; 2. Mose 25,10-22; 4. Mose 17; Hebräer 9,4

7. Das Allerheiligste

Wie die Stadt in Offenbarung 21,16 war auch das Allerheiligste ein Kubus: Breite, Länge und Höhe waren gleich lang, was die Vollkommenheit Gottes in allen Dingen anzeigt. Es war dunkel darin, denn Gott hatte gesagt, dass Er im Dunkel wohnen wolle (1. Kön 8,12). Dadurch wurde angedeutet, dass Er den Menschen noch nicht völlig offenbart war. Erst in Christus hat die volle Offenbarung Gottes, «Gott offenbart im Fleisch», stattgefunden (Joh 1). Das Allerheiligste war – wie wir gesehen haben – durch den Vorhang abgeschlossen, der mit Cherubim verziert war, die an jene in Eden erinnerten, die den Weg zum Baum des Lebens bewahrten. Niemand durfte ins Allerheiligste eintreten, mit Ausnahme des Hohenpriesters, der einmal im Jahr, nicht ohne Blut, hineingehen durfte (3. Mo 16; Heb 9,7). Jetzt aber ist der Vorhang beim Tod des Herrn Jesus zerrissen worden (Lk 23,45), und wir können nun «auf dem neuen Weg», der in Hebräer 10,19-22 beschrieben ist, «eintreten».

Die Lade (2. Mose 25,10-22)

In den Anweisungen über die Stiftshütte (Kapitel 25 bis 27), die Gott Mose gegeben hatte, steht die Lade an erster Stelle: Wenn Gott sich uns offenbart, geht Er vom Heiligtum aus zum Vorhof. Er zeigt uns zuerst den höchsten Gegenstand seines Herzens: die Person Christi. – Wenn wir aber den Weg betrachten, auf dem wir Gott nahen, dann gelangen wir zuerst in den Vorhof, zum Brandopferaltar, zum Becken, und erst dann können wir in das Heiligtum eintreten. Darum kommen wir in unserer Betrachtung erst an letzter Stelle auf die Lade zu sprechen.

Es bleibt aber bestehen, dass, wenn die Lade in diesen Kapiteln als der erhabenste Gegenstand vor unsere Augen gestellt wird, die Person Christi den ersten Platz in unseren Zuneigungen einnehmen soll. In Psalm 132 sehen wir, welche Wichtigkeit die Lade für das Herz Davids hatte. Und es ist bemerkenswert, dass der 133. Psalm daran anschliesst, mit dem Ausruf: «Siehe, wie gut und wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!» Wir müssen den Mittelpunkt haben, bevor wir das Versammeln verwirklichen können.

Erinnern wir uns auch daran, dass die Lade nur im Allerheiligsten gesehen werden konnte. Wie schon gesagt, steht uns der Zugang heute offen, aber es geziemt uns, dass wir uns in grösster Ehrfurcht mit der Person des Herrn Jesus beschäftigen.

Die Lade war zweieinhalb Ellen lang, anderthalb Ellen breit und anderthalb Ellen hoch; sie war aus Akazienholz und reinem Gold angefertigt, (bei den Brettern war nicht die Rede von «reinem» Gold). Sie ist ein Vorbild auf die Person Christi, dem «Wort», das «Fleisch wurde» (Joh 1), «Gott offenbart im Fleisch» (1. Tim 3,16). Dieses Geheimnis führt uns zur Anbetung; aber es steht uns in keiner Weise zu, die vollkommene Menschheit (Akazienholz) von der Göttlichkeit (Gold) trennen zu wollen. Im Wort werden sie uns immer in wunderbarer Verbindung in der einen Person vorgestellt, die uns in den Evangelien und auf andern Blättern der Heiligen Schrift kundgemacht wird. Die Männer von Beth-Semes sind gestorben, weil sie in die Lade hineinschauen wollten (1. Sam 6,19); und Ussa wurde geschlagen, weil er die Lade berührt hatte (2. Sam 6,7).

Rings um die Lade war ein goldener Kranz angebracht (Vers 11), der von der erhabenen Herrlichkeit Christi spricht; aber er bildete auch eine Art Schutz gegen das unehrerbietige Eindringen in das Geheimnis seiner Person (ein gleicher Kranz umgab auch den goldenen Altar und den Schaubrottisch).

Wie die anderen Gegenstände der Stiftshütte, war auch die Lade mit Stangen versehen, damit sie getragen werden konnte. Diese Stangen haben in Bezug auf die Lade eine besondere Bedeutung, sei es im Hinblick auf alle die Teilstrecken, die sie vom Sinai bis zur endgültigen Ruhe im Tempel Salomos durchlief (1. Könige 8,8), sei es im Hinblick auf die Heiligkeit dessen, was Christus in sich selbst darstellt und immer wieder bezeugt werden muss: die Lade sollte jedes Mal von den Leviten getragen und niemals auf einen Wagen gestellt werden (1. Chr 15,2 und 13).

Wie die Lade, mit einem Tuch von blauem Purpur bedeckt, durch die Wüste getragen wurde (4. Mo 4,5-4), so ist auch Christus in dieser Welt: «Der vom Himmel kommt» (Joh 3,31). Unter dem blauen Tuch war eine Decke von Seekuhfell, die seine verschiedenen Herrlichkeiten verbarg: der Scheide-Vorhang (Vers 5), der allein mit der Lade in unmittelbare Berührung kam. «Er hatte keine Gestalt und keine Pracht; und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir ihn begehrt hätten» (Jes 53,2). Einzig der Glaube vermochte die Herrlichkeiten des Vorhanges unter den Seekuhfellen zu erkennen. Was die Lade selbst betrifft, erkennt niemand «den Sohn, als nur der Vater» (Mt 11,27). Das ist ein unerforschliches Geheimnis.

In der Wüste (nur bis zum Durchgang durch den Jordan), wurde die Lade «Lade des Zeugnisses» genannt (Josua 4,16). In der Wüste dieser Welt gab es einen treuen Zeugen, der in allem dem Willen Gottes (die Gesetzestafeln in der Lade) entsprochen und Ihn auf der Erde verherrlicht hat.

Anderswo hiess sie «Lade des Bundes», als Grundlage der Beziehungen Gottes zu seinem Volk. Schliesslich war sie auch «die Lade des HERRN» wenn es sich darum handelte, seine Macht zu zeigen, wie am Jordan, bei Jericho oder im Haus Dagons (1. Sam 5,3).

Der Sühndeckel (2. Mose 25,17-21)

Die Lade war ein Kasten, wovon der Sühndeckel1 den Abschluss bildete (siehe Anmerkung zu Vers 17): das Wort «Deckel» steht im Zusammenhang mit dem Zeitwort zudecken; im Alten Testament bedeutet «Sühnung der Sünden», dass sie «zugedeckt» sind, wie im Psalm 32,1, während im Neuen Testament, nachdem das Werk Christi vollbracht ist, die Sünden «weggenommen» sind (Heb 10,4.11-18).

Der Deckel war ganz aus reinem Gold gemacht und spricht von der Gerechtigkeit, die der göttlichen Natur eigen ist. Er war von zwei aus Gold getriebenen Cherubim überschattet; sie waren aus einem Stück mit ihm und bildeten mit ihm ein Ganzes. Die Cherubim, die Stützen des Thrones Gottes (Ps 80,2; 89,15), reden im Wesentlichen vom Gericht Gottes; so bringt die göttliche Gerechtigkeit das unerbittliche Gericht Gottes auf sein sündiges Volk herab, das in keiner Weise das Gesetz gehalten hat (2. Mo 32,19).

Aber die Cherubim und der Sühndeckel waren auf der Lade, sozusagen auf Christus, der den Willen Gottes vollkommen ausgeführt und die Ausübung der Liebe gegenüber dem Menschen ermöglicht hat (die Gesetzestafeln waren in der Lade); auf dem Sühndeckel befand sich auch das Blut des Opfers, das der Hohepriester am grossen Versöhnungstag darauf sprengte (3. Mo 16,14-15). Diese Cherubim hatten im Gegensatz zu jenen im Garten Eden kein Schwert, sondern Flügel um zu schützen; ihre Angesichter waren einander zugekehrt und auf den Sühndeckel gerichtet: Sie betrachteten das Blut!

Das Ganze – die Lade, der Sühndeckel, die Cherubim – ist nicht mehr der Thron Gottes zum Gericht, sondern ist zum Thron der Gnade geworden. Alles spricht sowohl von Christus als auch von seinem Werk; wir sehen darin auf eindringliche Weise, wie Er sowohl der Gerechtigkeit als auch der Liebe Gottes völlig entsprochen hat (Ps 85,11). Der Gnadenthron gründet sich auf den Gehorsam Christi bis zum Tod.

Der Sühndeckel war in zweifacher Weise der Ort, wo Gott mit dem Menschen zusammentraf:

  1. Aaron, der Priester und Vertreter des Volkes vor Gott, trat mit dem Blut herzu;
  2. Mose, der Gesandte und Knecht Gottes, empfing dort die Mitteilungen Gottes für das Volk (2. Mo 25,22).

Nach Hebräer 3,1 vereinigt der Herr Jesus in sich den doppelten Charakter eines Mose und eines Aaron: Er wird dort «Apostel und Hoherpriester unseres Bekenntnisses» genannt.

Inhalt der Lade (Hebräer 9,4)

a) die Gesetzestafeln

Die ersten Tafeln wurden angesichts des Götzendienstes des Volkes zerbrochen (2. Mo 32,19). Die zweiten Tafeln werden uns in 5. Mose 10,3-5 vorgestellt, als solche, die nach der Herstellung der Lade dorthinein gelegt wurden. Nur Christus vermochte das Gesetz Gottes zu erfüllen (Ps 40,9); nur um seinetwillen, der das Gegenbild der Lade ist, konnte Gott weiterhin in der Mitte seines Volkes wohnen.

b) der goldene Krug (2. Mose 16,32-34)

Dieser goldene Krug, der das Manna enthielt, stellt uns zweierlei Gedanken vor die Seele:

  1. Die Treue Gottes, in der Er während vierzig Jahren sein Volk auf der Reise durch die Wüste genährt hat; sie sollten es nicht vergessen: «Du sollst dich an den ganzen Weg erinnern …» (5. Mo 8,2).
  2. Er dient zur Erinnerung an Christus, der als lebendiges Brot, als Nahrung für sein Volk in der Wüste (Joh 6) vom Himmel herabgestiegen ist, und auch der HERR hat Anteil an dem Brot, das Er durch Ihn gegeben hat.

Zu diesem Gegenstand ist noch zu bemerken, dass die Israeliten jeden Tag pro Kopf ein Gomer Manna sammelten; auch uns geziemt es, so zu tun und uns jeden Tag von Christus zu nähren. Aber der letzte Vers von 2. Mose 1 sagt uns, dass «der Gomer ein Zehntel vom Epha» ist: Das, was wir hier auf der Erde von Christus erfassen können, ist nur ein schwacher Teil des vollen Masses, das wir in der Herrlichkeit geniessen werden!

c) Der Stab Aarons (4. Mose 17)

Dieser Stab, der gesprosst und Blüten und Mandeln hervorgebracht hatte, spricht von Gnade und Auferstehung.

So wird alles, was uns die eigentliche Lade von der Person Christi lehrt, durch ihren Inhalt vervollständigt: sein vollkommener Gehorsam, die Erniedrigung dessen, der vom Himmel herabgestiegen ist, seine Gnade und seine Auferstehung.

8. Der Zugang zum Heiligtum

Die Stiftshütte hat vom Haus Gottes und von der Gesamtheit seiner Erlösten gesprochen, dargestellt in den Brettern, den Teppichen, den 12 Broten, den Säulen und den Umhängen des Vorhofs – Vorbilder, wenn auch unvollständig, des Geheimnisses, das später dem Apostel Paulus völlig offenbart werden sollte: die Versammlung, die sein Leib ist (Eph 3,5).

In einem höheren Sinn noch hat die Stiftshütte von der Offenbarung Gottes in Christus geredet; in allen ihren Teilen, von der Lade bis zum Tor haben wir Christus gesehen. Möge Er immer mehr der Gegenstand des Sinnens unserer Herzen und der Anziehungspunkt unserer Seelen werden.

Die Stiftshütte zeigt uns schliesslich auch den Weg, durch den wir Zugang zu Gott haben. Das Evangelium Johannes folgt in den grossen Zügen dieser Linie. Die Kapitel 1 – 13 handeln vom Vorhof: Gleich am Anfang, wo dort der kupferne Altar steht, wird uns hier das Lamm Gottes vorgestellt (Joh 1,29); das 13. Kapitel entspricht dem kupfernen Becken. Die Kapitel 14 – 16 lassen uns ins Heilige eintreten. Der Herr Jesus redet dort mit seinen Jüngern ganz besonders vom Heiligen Geist, und von dem Licht, das Er ihnen bringen würde. Dann, in Kapitel 17, geht unser Hoherpriester allein ins Allerheiligste hinein, um mit seinem Vater zu reden und sich für die Seinen zu verwenden.

Jeder vom Volk Israel durfte durch das grosse Tor in die Umzäunung der Stiftshütte treten, vorausgesetzt, dass er mit einem Opfer kam; kein Cherub verwehrte den Zugang. Am kupfernen Altar lernte der Schuldige verstehen, wie seine Sünden vergeben werden konnten. Heute erkennt der bußfertige Sünder, der im Glauben zum Kreuz kommt, dass das Blut Christi seine Sünden wegnimmt: Gott wird ihrer nie mehr gedenken.

Wer in der heutigen Haushaltung der Gnade so zu einem Gläubigen und gleichzeitig auch zum Priester geworden ist, findet am kupfernen Becken das, was von den Verunreinigungen des Weges reinigt. Dann, wenn er ins Heiligtum hineingeht (das Heilige und Allerheiligste bilden, da der Vorhang zerrissen ist, für uns heute nur einen Bereich), findet er Nahrung und Licht. Er hat das Bewusstsein, dass er in Christus vor Gott dargestellt wird: «ihr in mir» (Joh 14,20). Am goldenen Altar kann er anbeten und dabei etwas von den Vollkommenheiten der wunderbaren Person, die diese heilige Stätte erfüllt, zu Gott emporsteigen lassen; denn jetzt kann er durch den zerrissenen Vorhang hindurch die Schönheit und die Herrlichkeiten dessen betrachten, von dem die Lade nur ein Schatten war (Ps 27,4; 2. Kor 3,18).

Als die Wolke, das Zeichen der Gegenwart Gottes, die Stiftshütte und später auch den Tempel erfüllte, mussten sich die Priester draussen aufhalten (2. Mo 40,35; 2. Chr 5,14). Selbst für die Jünger war diese Wolke ein Gegenstand der Furcht (Lk 9,34), aber für uns heute ist sie die Herrlichkeit des Vaters, von woher die Stimme ertönt: «Dieser ist mein geliebter Sohn, ihn hört». In Hebräer 10,19-22 wird die Summe unserer gegenwärtigen Vorrechte beschrieben. Anstelle eines verschlossenen Zugangs haben wir nun volle Freimütigkeit, um in das Heiligtum einzutreten. Das Blut Jesu ist vergossen; der neue und lebendige Weg wurde durch Ihn, durch den Vorhang hin, geöffnet; Er bleibt unser grosser Priester, der unsere heiligen Opfer Gott gereinigt darbringt. Sollen wir «von fern» stehen, wie damals die Ältesten Israels? (2. Mo 24,1). Im Gegenteil, wir können ohne Furcht herzunahen. Aber der praktische Zustand soll mit der Gegenwart Gottes übereinstimmen: Ein wahrhaftiges Herz, das den Herrn liebt; eine volle Gewissheit des Glaubens, die auf das Wort Gottes gegründet ist; die Herzen durch die Besprengung des Blutes Christi gereinigt vom bösen Gewissen, und der Leib ein für alle Mal mit reinem Wasser gewaschen (Titus 3,5; Johannes 13,10. Nach dieser letzten Stelle benötigen wir nur immer wieder die Fusswaschung).

Welch wunderbares Wort: «Lasst uns hinzutreten»! Alles, was wir in der Stiftshütte gesehen haben, hat uns immer wieder gezeigt, dass damals «der Weg zum Heiligtum noch nicht offenbart» war. Gott wohnte im Dunkel (2. Chr 6,1). Heute aber ist alles geöffnet, alles ist Licht. Christus ist mit seinem eigenen Blut gekommen; Er hat seinen eigenen Leib geopfert; und jetzt haben wir durch Ihn – welch gesegnete Stellung in Erwartung der Herrlichkeit! – «beide den Zugang durch einen Geist zu dem Vater» (Eph 2,18). Als «lebendige Steine», die geschmeckt haben, dass der Herr gütig ist, kommen wir zu Ihm (1. Pet 2,4). Es ist der Wunsch seines Herzens, uns in seiner Gegenwart zu haben; der Vater sucht Anbeter, die Ihn in Geist und Wahrheit anbeten. Könnte es einen besseren Abschluss für unsere ganze Betrachtung geben, als diesen dringenden Aufruf: «Lasst uns hinzutreten!»

  • 1Der Ausdruck Sühndeckel wird in der unrevidierten Elberfelder-Übersetzung auch mit «Gnadenstuhl» wiedergegeben, in der englischen Version mit «mercy-seat»; beide Ausdrücke enthalten den Gedanken der Gnade, des Erbarmens.