«Seid guten Mutes»

So sprach der Herr Jesus zu den Zwölfen, als Er zum letzten Mal mit ihnen nach Gethsemane ging. Das war sein letztes Wort an die niedergeschlagenen Jünger, bevor Er, als Abschluss, in seinem Gebet für sie zum Vater flehte. Er hatte ihnen den Hass der Welt, in der sie zurückbleiben würden, vorausgesagt, und dass sie Verfolgung haben würden. Und nun ermunterte Er sie mit den Worten: «In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden» (Joh 16,33). In den jetzt folgenden Zeiten der Feindschaft und des Kampfes, der Gefangenschaft und der Schläge, haben sie sich daran festgeklammert und viel Trost darin gefunden. Ihre Haltung in den Tagen der Schmach und der Leiden um des Herrn willen zeugt von erstaunlichem Mut und Unerschrockenheit.

Bis zum heutigen Tag sind diese Worte des Herrn eine starke Stütze und ein Trost gewesen für alle die Seinen, die um seines Namens willen in Bedrängnis sind. Wir denken da ganz besonders an die Kinder Gottes in Mittel- und Osteuropa, in Asien und überall in der Welt, aber auch an alle Gläubigen im Westen, die da, wo sie sind, Spott und Hohn und Widerstand zu erdulden haben. Junge Gläubige, denkt stets an diese Worte eures Heilands, schöpft Kraft daraus, um mutig dazustehen, das Kreuzesbanner in der Hand.

In der Bibel finden wir dieses Wort «seid stark und mutig» zuerst aus dem Mund Moses an das Volk Israel, und unmittelbar nachher an Josua (5. Mo 31,6.7). Ihrer warteten gewaltige Kämpfe, und Josua hatte die überaus schwere Aufgabe, das Volk zu führen. Mose, der hochbetagte, treue Knecht Gottes, nimmt Abschied und gibt ihnen diese stärkenden Worte mit, versichert sie der Hilfe ihres Gottes, der sie in das verheissene Land bringen werde. Wie wohltuend war es, vor allem für Josua, dass ein Mann mit einer so reifen Glaubenserfahrung ihm so zusprach, jemand, der selbst Augenblicke gekannt hatte, in denen der Mut ihm entsank. Das ist ihm zweifellos immer wieder in den Sinn gekommen und hat ihn in dem langandauernden Kampf gegen die immer wieder auftretenden Feinde gestärkt. Ältere Gläubige sollten sich an diesem Handeln von Mose ein Beispiel nehmen und nicht vergessen, die Jüngeren aufzumuntern, wenn diese es schwer haben.

Blieb es nur beim Wort eines Menschen, eines Mose, mit dem Gott zwar redete, «wie ein Mann mit seinem Freund»? Nein, der Herr begann nun selbst, Josua zu ermutigen. Er zeigte, dass Mose nicht zu viel gesagt hatte und bekräftigte dessen Worte in der Gegenwart aller, indem Er sie selbst in den Mund nahm, Ja, der Herr drückt sich noch stärker aus. Er legt Josua die Worte als ein Gebot auf: «Er gebot Josua, dem Sohn Nuns, und sprach: Sei stark und mutig!» (5. Mo 31,23). Der Herr will, dass Josua mutig sei. So will unser Gott, unser Vater, auch, dass wir allezeit guten Mutes seien.

Das ist möglich! Paulus, der eine nicht weniger schwere Aufgabe zu erfüllen hatte – und wer ist in solchen Kämpfen, in solchen Leiden gewesen, wie er? – ist hierin ein sprechendes Beispiel: nie hat er den Mut verloren. «In allem bedrängt, aber nicht eingeengt; keinen Ausweg sehend, aber nicht ohne Ausweg; verfolgt, aber nicht verlassen; niedergeworfen, aber nicht umkommend», schrieb er an die Versammlung in Korinth (2. Kor 4,8.9), und etwas weiter hinten in demselben Brief: «Durch Ehre und Unehre, durch böses Gerücht und gutes Gerücht, als Verführer und Wahrhaftige; als Unbekannte und Wohlbekannte; als Sterbende, und siehe, wir leben; als Gezüchtigte und nicht getötet;  als Traurige, aber allezeit uns freuend; als Arme, aber viele reich machend; als nichts habend und alles besitzend» (2. Kor 6,8-10). Was für ein unzerstörbarer Mut spricht aus diesem allem! Er ist dermassen sein Teil, dass er, als er «vom entkleidet werden» sprach, zweimal sagen konnte: «wir sind guten Mutes» (2. Kor 5,6.8). Solch ein Mut ist ein Zeugnis für die Welt, denn dadurch wird «das Leben Jesu an unserem Leib – an unserem sterblichen Fleisch – offenbar» (2. Kor 4,10.11).

Liebe Geschwister, lasst uns nicht nur nie den Mut verlieren, sondern ihn auch denen zeigen, die uns umgeben, auch wenn wir in einer Prüfung sind oder ein grosses Leid zu tragen haben. Wir verherrlichen dadurch unseren Herrn.

Das ermutigende Wort eines Mitgläubigen mag für uns von grossem Wert sein; wertvoller aber ist es, wenn Gott selbst es durch sein Wort an uns richtet. Zahlreich sind darin die Aussprüche, die den Mut beleben und anfachen können. Wie viele Male finden wir in der Schrift doch die Worte:

  • fürchte dich nicht,
  • verzage nicht;
  • erschrick nicht;
  • der Herr, dein Gott ist mir dir;
  • Er wird dich nicht versäumen und dich nicht verlassen;
  • Er wird mit dir sein …

Unser treuer Gott wird nie müde, seinen Kindern in den verschiedenen Umständen mit Ermunterungen beizustehen, damit sie mutig standhalten. Als Mose gestorben war, sagte der Herr noch dreimal die Worte zu Josua: «sei stark und mutig» (Jos 1,6.7.9) und zudem noch das vertrauenerweckende Wort: «so wie ich mit Mose gewesen bin, werde ich mit dir sein». Brüder und Schwestern können uns weggenommen werden, so dass wir nicht mehr bei ihnen anklopfen können, wenn wir dann und wann mutlos werden; aber die himmlische Adresse bleibt bestehen und wir dürfen allezeit zum Herrn «hinzutreten». Er ist stets zur Hilfe bereit und gibt uns aus sich selbst Mut und Kraft.

Noch einmal bekam Josua bei der Ausübung seiner Aufgabe die bekannten Worte zu hören, diesmal aber von den Männern der Stämme Ruben und Gad und des halben Stammes Manasse. Seine Mitstreiter rufen sie ihm zu, nachdem sie ihm ihre Unterwürfigkeit und ihren Gehorsam bezeugt haben (Jos 1,16-18). Wie wohl wird ihm dies getan haben! Sollte es nicht auch auf unserem Weg liegen, hie und da zu denen, die uns vorangehen, zu sagen: Sei guten Mutes, Bruder, der Herr ist mir dir, und wir stehen dir bei im Kampf!

Nach dieser siebenfachen Ermutigung tat Gott noch mehr. Er nahm sowohl den Bewohnern von Jericho als auch den Königen der Amoriter und der Kanaaniter allen Mut weg; es zerschmolz ihr Herz, und es war kein Mut mehr in ihnen (Jos 2,11; 5,1).

Noch auf vier andere Stellen im Alten Testament möchte ich hinweisen, zuerst auf Josua 10,25. Da sehen wir, wie der so Ermutigte nun selber das Wort, das er siebenmal vernommen hat: «Sei stark und mutig», weitergibt. Auch wir sollen andere ermutigen mit dem Mut, den wir selbst empfangen haben, so wie wir auch andere «trösten können, … durch den Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden» (2. Kor 1,4).

Ferner denken wir an 2. Chronika 32,7. Von neuem stand das Volk Gottes einem furchtbaren Feind gegenüber. Jerusalem wurde durch Sanherib belagert. Aber in Juda regierte ein frommer König, der seinem Gott völlig nachfolgte. Dieser sagte zu seinen Kriegsobersten: «Seid stark und mutig!» Und was er zu diesem Wort hinzufügte, war nicht weniger geeignet, um Mut zu fassen. Hat es beim Volk eingeschlagen? Bestimmt, denn im 8. Vers lesen wir: «Und das Volk verliess sich auf die Worte Jehiskias, des Königs von Juda.» Der Herr hat dieses Vertrauen nicht beschämt. Sollten wir uns dann nicht noch viel mehr auf die Worte unseres Herrn stützen, die wir am Anfang erwähnt haben?

Die beiden anderen Stellen finden wir in 1. Chronika 22,13 und 28,20. Da geht es um etwas ganz anderes. Da ist kein Feind zu bekämpfen, sondern eine grosse Aufgabe mit schwerer Verantwortung muss in Angriff genommen werden: der Bau des Tempels, des Hauses Gottes. David legt die Aufgabe auf die Schultern seines Sohnes Salomo, weil der HERR zu ihm gesagt hat: «Salomo wird meinem Namen ein Haus bauen.» Ein solch bedeutendes Werk für den Herrn zu beginnen, mochte im Herzen des Sohnes Bangigkeit hervorgerufen haben. Sein Vater hat das wohl begriffen, und darum ermutigte er ihn zweimal mit den uns so wohlbekannten Worten.

Beim Bau des geistlichen Hauses Gottes sind alle Gläubigen und besonders die «Arbeiter des Herrn» in Anspruch genommen, denn «wir sind Gottes Mitarbeiter», sagt Paulus. Dafür ist aber viel Mut nötig. Es ist keine gemütliche Aufgabe, und sie ist mit einer grossen Verantwortung verbunden, wobei man genau unterscheiden muss, was man zum Bau beiträgt und wie man es tut (1. Kor 3,12-15). Wir tun sicher gut daran, diese Arbeit zu würdigen, besonders bei denen, die ausschliesslich damit beschäftigt sind, das Werk der Hirten, Lehrer, Propheten, Evangelisten zu tun. Den Brüdern «im Werk» geben wir allen die ermutigenden Worte Davids an Salomo weiter: «Sei stark und mutig, und handle … mein Gott wird mit dir sein; er wird dich nicht versäumen und dich nicht verlassen, bis alles Werk zum Dienst des Hauses des HERRN vollendet ist.» Mögen es ausschliesslich «Gold, Silber, kostbare Steine» sein, womit du baust.

Wenn unter unseren Mitgläubigen Kranke, Betrübte, Gebrechliche und Schwache sind, so rufen wir auch ihnen zu: «Sei guten Mutes; steh auf, er ruft dich!» so wie viele Bartimäus, dem blinden Bettler bei Jericho zugerufen haben, als der Heiland vorüberging (Mk 10,49). Besteht das, was dir Mut gibt, nicht vor allem darin, dass Er dich immer wieder zu sich ruft? Ja, stehe nur auf und gehe, denn auch dir will Er seine gesegnete Hilfe geben; Er will deine Stütze sein!

Wir kommen noch einmal auf Paulus zurück. Nach seiner Gefangennahme und auf seiner Reise nach Rom hat ihm der Herr verschiedentlich Mut zugesprochen (Apg 23,11 und 27,24), und so konnte auch er der verzweifelten Schiffsmannschaft durch seine Haltung und seine Worte Mut einflössen (Apg 27,22.25.36). Als sie schliesslich landeten, kamen ihm die Brüder von Rom entgegen, «und als Paulus sie sah, dankte er Gott und fasste Mut» (Apg 28,15). Nur schon das Sehen der Brüder veranlasste ihn, Gott zu danken und belebte seinen Mut. Der Herr gebe, dass die Begegnung mit einem Bruder oder einer Schwester, die uns in unseren Schwierigkeiten oder Nöten entgegenkommen, auch uns Anlass zum Danken und zur Ermunterung sei.

«Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters» (Mt 28,20).