Nebukadnezar

Daniel 1; Daniel 4

Mit diesem König der Nationen ist unser Interesse verknüpft. Der Platz, den er in den Wegen Gottes eingenommen hat, die Umstände, die ihn mit Männern Gottes in Beziehung brachten, wie auch seine eigene Geschichte, alles trägt dazu bei, ihm grosse Bedeutung zu geben und uns nützliche Unterweisungen zu erteilen.

Durch ihn hat Gott die Nationen erhoben und eingesetzt. Das Haus Davids, der Thron Judas, hatten sich verdorben, die Gesetzlosigkeit des Volkes hatte das Mass überschritten und die Grenzen der göttlichen Langmut waren in den Tagen Nebukadnezars erreicht. Der Herr verwendete ihn als die Rute seines Zornes gegen Jerusalem und vertraute ihm das Schwert seines Gerichts über die Erde an.

Die Herrlichkeit des Gottes Israels war von Jerusalem gewichen und hatte die Erde verlassen. Der Prophet Hesekiel hatte sie mit den Cherubim und den Rädern sich emporheben sehen (Hesekiel 10 – 11) und hatte ihr Auffahren zum Himmel bis zu dem Augenblick verfolgt, da sie sich auf den Berg stellte. Aber obwohl man von Jerusalem sagen konnte: «die Herrlichkeit ist von ihr gewichen» (1. Sam 4,21), so konnte man doch von keiner Stadt der Nationen sagen: «die Herrlichkeit ist hier».

Nebukadnezar, dieser Chaldäer und König von Babylon, ist vom HERRN ausersehen, und Er übergibt ihm das Schwert des Gerichts. Da die Herrlichkeit die Erde verlassen hat und der HERR noch nicht im Begriff steht, als König über Israel zu kommen, vertraut Gott Nebukadnezar die nötige Macht an, um die Bösen zu strafen und die zu belohnen, die das Gute üben.

Nebukadnezar war froh, sein Reich zu vergrössern und seine Eroberungen zu erweitern. Er betrachtete Jerusalem als eine wichtige Beute, aber in diesem ganzen Teil seiner Geschichte erfüllte er nur die Beschlüsse Gottes. Später, als sein Schwert in die Scheide gesteckt war, erscheint er uns nicht mehr in Beziehung zu den Ratschlüssen Gottes, sondern in Beziehung zu den Heiligen. Wir sehen dann in ihm den Menschen unter der Wirksamkeit Gottes und nicht mehr nur die Macht, die Gott erwählt hatte. Es ist diese persönlichere Seite des Charakters Nebukadnezars, die uns in den ersten Kapiteln von Daniel enthüllt wird.

Das erste Kapitel zeigt uns Nebukadnezar in seiner Hauptstadt, in Babel. Er nimmt sich vor, seinen Hof mit allem zu zieren, was menschliche Weisheit und Wissenschaft an Vollkommenem bieten können. Seine letzten Eroberungen – und unter ihnen vor allem das Königreich Juda – werden seiner Herrlichkeit und seiner Freude dienen. Der Ruf Babylons, schon so gross durch das Wissen seiner Wahrsager und Schriftgelehrten, wird noch durch die Anwesenheit der jungen Gefangenen aus Juda, «unterwiesen in aller Weisheit und kenntnisreich und mit Einsicht begabt» (Dan 1,4), erhöht werden.

Im 2. Kapitel kommt der Herr, wie es oft geschieht, um Nebukadnezar zu beunruhigen. Sein Reich ist nicht erschüttert und bleibt im gleichen Zustand, aber sein Geist ist beunruhigt. In dieser denkwürdigen Nacht steigen in seinem Geist Gedanken auf, und er fragt sich, was nach diesem geschehen werde (Dan 2,29). Hierauf schläft er ein und träumt. Da der Traum nichts anderes zum Thema hat als was nach diesem geschehen wird, zeigt er uns, dass die Hand Gottes hinter der ganzen Szene ist. Der König versteht jedoch nichts von allem; er erinnert sich nicht einmal mehr an den Inhalt seines Traumes.

Es bleibt in ihm ein Gefühl des Missbehagens zurück, nachdem sein Traum verflogen ist. Er ist beunruhigt, und weiss nicht warum. Wie oft erlebt die Seele Ähnliches. Sie ist unruhig und gequält, aber erkennt den Grund der Unruhe nicht und weiss nicht, was für Auswirkungen sie hat. Die Sache ist über dem Fassungsvermögen des Menschen; es ist die Hand Gottes. Die ganze Weisheit Babylons versagt; der Traum, der das Herz des Königs beunruhigt, kann durch die Weisheit der Chaldäer nicht erklärt werden. Dieser Bericht hat für uns eine wichtige Bedeutung. Wir sehen, wie Gott im Herzen von Menschen Umwandlungen und Wunder bewirken kann, und das so begonnene Werk schliesst bei den Auserwählten mit Segnungen ab. Der Mann Gottes durchschaut dieses verborgene Wirken; er versteht die Absicht Gottes in seinem Tun. Daniel kann dem König alles erklären. Nebukadnezar ist von Bewunderung erfüllt. Die Weisheit des Propheten ist wunderbar in seinen Augen, und er ist bereit, für Daniel alles zu tun, was er nur kann. Er macht die Grösse des Gottes Daniels kund und scheint sich sogar darüber zu freuen.

Aber obwohl er der Macht Gottes dieses Zeugnis gibt, bleibt Nebukadnezar derselbe. Er ist der Spielball aller menschlichen Leidenschaften und aller Listen des Teufels. Seine Eitelkeit scheint sich in den Offenbarungen zu gefallen, die der Prophet ihm gemacht hat, und doch, welch ernste Wahrheiten sind ihm verkündigt worden! Wie schrecklich war doch der Anblick dieser durch einen Stein zermalmten Statue! Aber der König hat nur eines von dieser schrecklichen Weissagung behalten: er ist das Haupt von Gold. Sein Hochmut wächst bei diesem Gedanken, er will nicht an die schliessliche Zerstörung in einer fernen Zukunft denken. Er macht jetzt ein Bild von Gold, das alle Welt anbeten muss, und die versammelten Völker und Völkerschaften müssen beim Klang verschiedenartiger Musikinstrumente niederfallen vor diesem Götzenbild, das der König gemacht hat.

Ist es nicht bezeichnend, dass das Menschenherz auch hier die göttlichen Offenbarungen auf seine Weise auslegt? Gott hatte von einem Bild geredet, in tausend Stücke zermalmt, die der Wind wie Spreu davontrug – und Nebukadnezar errichtet eine Statue, zu deren Anbetung er jedermann zwingt! Wie falsch geht doch der Mensch mit dem Wort Gottes um! Die ernstesten Wahrheiten biegt er zum Nutzen seiner Eitelkeit zurecht. Es genügt nicht, die Weisheit Gottes zu bewundern: Nebukadnezar war vor dieser Weisheit niedergefallen, aber er betete sich selbst an und opferte alles seinem Hochmut. Sadrach, Mesach und Abednego, die in gewissem Sinn Gottes Werkzeuge waren, um dem König seine Macht zu offenbaren, werden in den brennenden Feuerofen geworfen werden, wenn sie sich weigern, vor dem goldenen Bild niederzufallen. Aber wenn Gott die Weisheit besitzt, so ist auch die Macht sein; wenn Er Geheimnisse enthüllen und die Gedanken des Herzens mitteilen kann, so vermag Er auch die Glut des Feuers unwirksam zu machen und zu verhindern, dass die Körper seiner Zeugen angetastet werden.

Bei diesem Schauspiel wird Nebukadnezar von neuem von Bewunderung ergriffen, und sie geht weiter als das erste Mal. Er hatte die Diener des Gottes der Weisheit mit Ehren überhäuft; jetzt ehrt er den allmächtigen Gott selbst. Öffentlich anerkennt er den Namen Gottes und führt die Ehrfurcht, die man vor diesem Namen haben soll, wie ein Gesetz in seine Völkerschaften ein. So schliesst das dritte Kapitel.

Was geschieht nun im folgenden Kapitel? Wir finden Nebukadnezar mit seinem Hochmut und seiner Eitelkeit wieder, ein Mensch, der, wie einst Adam, gleich wie Gott sein wollte. Nachdem er Zeuge der göttlichen Macht und Weisheit gewesen war, nachdem er in seinem Herzen und in seinem Gewissen berührt worden war, lebte er wieder wie vorher, «ruhig in seinem Haus und hatte Gedeihen in seinem Palast» (4,4).

Die menschliche Natur widersteht den Lektionen und Warnungen Gottes. Der neue Wein, in alte Schläuche gegossen, wird verschüttet und verliert sich. Die wiederholten Zurufe Gottes werden von unaufmerksamen Ohren nicht vernommen. «Wir haben euch auf der Flöte gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht gewehklagt.» Aber der Herr ist geduldig; Er weiss zu warten, wie Er später wartete, als Er am Brunnenrand sass, um mit der Sünderin zu reden.

Gott wendet sich von neuem an Nebukadnezar und sendet ihm einen Traum, den Daniel auslegt. Aber wie neuer Wein in einem zu alten Schlauch, so geht diese neue Warnung für den König verloren. Zwölf Monate nachdem er diese ernste Mahnung vernommen hat, «ging er auf dem königlichen Palast in Babel umher», und sein elendes, hochmütiges Herz vermisst sich zu sagen: «Ist das nicht das grosse Babel, das ich zum königlichen Wohnsitz erbaut habe durch die Stärke meiner Macht und zu Ehren meiner Herrlichkeit?» (4,27).

Da noch finden wir in Nebukadnezar den «alten Menschen» wieder. Die Offenbarungen Gottes blieben ohne Wirkung auf ihn; alle seine besten Empfindungen haben sich verflüchtigt, wie Morgennebel. Der neue Wein muss in neue Schläuche gefüllt werden, damit er erhalten bleibt. Und Nebukadnezar muss ein neues Gefäss werden. Dieses Werk ist ernst; das Urteil des Todes wird gegen den König gefällt. Die Weisheit und Macht Gottes waren ihm offenbart worden; er hatte durch einen kürzlichen Traum den Beweis der Fürsorge Gottes für ihn empfangen – aber alles war umsonst gewesen. Jetzt sollte der Ton durch die Hand des Töpfers umgeknetet werden, um ein neues Gefäss zu sein. «Der Mensch, der in Ansehen ist und keine Einsicht hat, gleicht dem Vieh, das vertilgt wird» (Psalm 49,21). Nebukadnezar war in Ansehen, hatte aber keine Einsicht; und jetzt sollte er zu einem Tier werden. «Er wurde von den Menschen ausgestossen, und er ass Kraut wie die Rinder, und sein Leib wurde benetzt vom Tau des Himmels, bis sein Haar wuchs wie Adlerfedern und seine Nägel wie Vogelkrallen.» Auf diese Weise musste er sich kennen lernen; er sollte die Erfahrung machen, dass er in all seiner Herrlichkeit nicht mehr Einsicht hatte als die Tiere des Feldes. Aber zu gleicher Zeit lernte er Den kennen, der den Geringen aus dem Staub emporhebt (Psalm 113,7). Und als der vorgesehene Augenblick gekommen war, erhob Gott in seiner Gnade Nebukadnezar. Der Verstand des Königs, sein Königtum, seine Herrlichkeit kamen ihm wieder, seine Räte und Gewaltigen suchten ihn wieder auf und ausnehmende Grösse wurde ihm hinzugefügt.

Und nun ist er zur Erkenntnis Gottes und der seines eigenen Herzens gelangt. Er sucht Gott nicht mehr durch Erlasse und Verordnungen zu ehren, sondern er beugt sich vor Ihm, als vor dem Oberhaupt, dem König des Himmels und der Erde, und er rühmt seine herrlichen Werke.

Nebukadnezar ist nicht mehr der hochmütige König, sondern der demütige Untertan des Königs des Himmels. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.