Psalm 105 – Gottes Wunderwerke

Psalm 105

Die Psalmen 105 und 106 bilden zusammen den Abschluss des vierten Psalmbuchs, das mit dem Gebet von Mose beginnt (Ps 90). Dieses Gebet beinhaltet besonders die Treue Gottes, die zu allen Zeiten unveränderlich ist. Der Inhalt des gesamten vierten Psalmbuchs ist dann ein Rückblick auf die Erfahrungen in schwierigen Umständen und Erprobungen. Gleichzeitig ist der Blick auf die Segnungen des Reichs und die kommende Regierung des Messias gerichtet. Damit endet dieses Buch.

Die beiden Schlusspsalmen beginnen und enden mit einem Aufruf zum Lob und zum Preis Gottes. Beide geben einen Rückblick auf die Wege Gottes mit seinem Volk Israel, aber unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten. In Psalm 105 sind es besonders die Wunderwerke Gottes, an die erinnert wird. Es geht um das souveräne Handeln Gottes in Gnade. In Psalm 106 steht das Versagen des Volkes Gottes und wie Gott damit umging im Vordergrund.

Die 45 Verse des Psalms 105 lassen sich wie folgt in 7 Abschnitte aufteilen:

  • Verse 1-7: Ein Aufruf zum Lob Gottes
  • Verse 8-15: Die Patriarchen – von Gott auserwählt und gesegnet
  • Verse 16-22: Joseph – vom Knecht zum Herrscher
  • Verse 23-38: Israel in Ägypten – geknechtet und befreit
  • Verse 39-43: Der Weg durch die Wüste – von Gott bewahrt
  • Vers 44: Das verheissene Land – ein Besitztum von Gott
  • Vers 45: Zusammenfassung

1) Ein Aufruf zum Lob Gottes (V. 1-7)

Der Psalmdichter fordert das Volk auf, den HERRN zu preisen und seinen Namen anzurufen. Im Nachdenken über seine Wunderwerke sollten sie Ihm Loblieder singen und seinen heiligen Namen rühmen.

Gott hat einen Anspruch darauf, dass die Seinen Ihn rühmen und preisen – unabhängig davon, in welcher Zeit sie leben. Die Art und Weise des Lobes hängt dabei vom Wissen über Gott ab. Im Alten Testament war Er den Menschen im Allgemeinen als der Schöpfer des Universums bekannt. Als solchen sollten sie Ihn verherrlichen und Ihm Dank darbringen (Röm 1,21). Sein irdisches Volk Israel kannte Ihn darüber hinaus als den Bundesgott Jahwe (Jehova oder HERR). Immer wieder ist deshalb die Rede davon, dass der HERR gepriesen wurde. Wie dieser Gottesdienst stattfinden sollte, hatte Gott im Einzelnen in den Vorschriften des Gesetzes festgelegt.

Heute kennen wir Gott nicht nur als den Schöpfer, denn Er hat sich im Herrn Jesus als Vater offenbart. Gläubige der Zeitperiode der Gnade kennen Ihn als den «Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus». Dieser Offenbarung Gottes entsprechend sind wir gewürdigt, Ihm in einer besonderen Weise Gottesdienst zu bringen. Wir dienen Ihm durch den Heiligen Geist (Phil 3,3). Der Herr Jesus hat selbst gesagt, dass der Vater jetzt Menschen als seine Anbeter sucht, die Ihn in Geist und Wahrheit anbeten (Joh 4,23). Christlicher Gottesdienst unterscheidet sich von dem des Alten Testaments. Wir selbst sind ein geistliches Haus, eine heilige Priesterschaft, um geistliche Schlachtopfer darzubringen, die Gott durch Jesus Christus angenehm sind (1. Pet 2,5). Grund unserer Anbetung und unseres Lobes sind nicht nur die Wunderwerke und Wunderzeichen Gottes im Allgemeinen, sondern speziell das Erlösungswerk von Golgatha und das Opfer des Herrn Jesus Christus. Die Schatten, die im Opferdienst des Alten Testaments sichtbar wurden, sind der Wirklichkeit gewichen.

Grundlage unserer Anbetung ist das Werk am Kreuz. So, wie der Psalmdichter das Volk auffordert, das Angesicht des HERRN beständig zu suchen (V. 4), so werden wir aufgefordert, «Gott stets ein Opfer des Lobes darzubringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen» (Heb 13,15). Das Lob Gottes war im Alten Testament mit Freude verbunden. Sie wird in Vers 3 unseres Psalms erwähnt. Für uns kann es nicht anders sein. Wenn wir den Vater anbeten und der Herr in dem, was Er auf Golgatha vollbracht hat, gedanklich vor uns steht, wird auch unser Herz mit Freude erfüllt sein. Es wird uns wie den Jüngern gehen, die sich freuten, als sie den auferstandenen Herrn mit den Wundmalen an seinem Körper in ihrer Mitte sahen (Joh 20,20).

2) Die Patriarchen – von Gott auserwählt und gesegnet (V. 8-15)

Der Rückblick des Psalmdichters auf die Geschichte des Volkes geht bis an den Anfang zurück – zu den Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob. Bereits in Vers 6 werden die Nachkommen Abrahams als «seine Auserwählten» angesprochen. Abraham war von Gott gerufen worden, seine Heimat zu verlassen und in ein Land zu ziehen, das er nicht kannte. Auch unsere «Geschichte» beginnt damit, dass Gott uns auserwählt hat. Unsere Auserwählung ist nicht eine Auserwählung «in der Zeit», sondern «vor der Zeit», d.h. vor Grundlegung der Welt. Als «Auserwählte Gottes» sind wir in Christus auserwählt, damit wir heilig und untadelig vor Ihm in Liebe seien (Eph 1,4). Er hat uns zuvor erkannt und zuvor bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein (Röm 8,29). Das bleibt eine ewig unfassbare Tatsache, über die wir unseren Gott und Vater nur preisen können. Verdient hat das niemand von uns.

Den Patriarchen waren wunderbare Zusagen durch Gott gegeben worden. Er hatte einen ewigen Bund mit ihnen geschlossen (V. 8). Er hatte ihnen unter einem Eid geschworen, sie zu segnen (V. 9). Die Zusagen, die Gott uns gemacht hat, sind nicht irdischer, sondern himmlischer und geistlicher Natur. Wir sind in Christus mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus gesegnet (Eph 1,3). Gott hat uns im Herrn Jesus die kostbaren und grössten Verheissungen geschenkt (2. Pet 1,4) – Zusagen, die weit über das hinausgehen, was den Patriarchen jemals versprochen war. Gott wird zu seinem Wort stehen. Darauf können wir uns fest verlassen.

Dann erinnert der Psalmdichter daran, dass die Patriarchen Fremdlinge waren – ein «zählbares Häuflein» und «Fremde» (V. 12). Die Beziehung zu Gott machte sie zu solchen, die von einem Ort zum anderen wandern mussten (V. 13). Auch wir sind «Fremdlinge und ohne Bürgerrecht» auf dieser Erde (1. Pet 2,11). Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige (Heb 13,14). Unser Bürgertum ist im Himmel. Von dort erwarten wir den Herrn Jesus als unseren Heiland (Phil 3,20). Unser Leben ist in dem Christus verborgen (Kol 3,3). Das wollen wir nicht vergessen, während wir hier auf der Erde leben, arbeiten und für unseren Herrn zeugen.

Während der Zeit ihrer Fremdlingschaft wurden die Patriarchen von Gott bewahrt (V. 14.15). Er liess nicht zu, dass Menschen ihnen etwas antaten. Gefahren gibt es heute wie damals. Da sind Menschen, die uns schaden wollen. Aber wir dürfen wissen, dass wir einen Gott im Himmel haben, der uns sieht und uns bewacht. «Der HERR wird dich behüten vor allem Bösen, er wird behüten deine Seele. Der HERR wird behüten deinen Ausgang und deinen Eingang» (Ps 121,7.8). Auch das ist für uns Ursache zur Dankbarkeit und zum Lob. Judas schreibt in den Schlussversen seines Briefs: «Dem aber, der euch ohne Straucheln zu bewahren und vor seiner Herrlichkeit untadelig darzustellen vermag mit Frohlocken, dem alleinigen Gott, unserem Heiland, durch Jesus Christus, unseren Herrn, sei Herrlichkeit, Majestät, Macht und Gewalt vor aller Zeit und jetzt und in alle Ewigkeit! Amen» (Jud 24.25).

3) Joseph – vom Knecht zum Herrscher (V. 16-22)

In der Mitte des Psalms wird die Geschichte Josephs mit wenig Worten zusammengefasst – und zwar sowohl seine Erniedrigung als auch seine Erhöhung. Joseph wurde als Sklave verkauft (V. 17). Er brachte eine Zeitlang im Gefängnis zu (V. 18.19). Doch dann wurde er zum Herrn des Hauses Pharaos und zum Herrscher über all seinen Besitz (V. 20.21). Der kurze Bericht stellt zwei Seiten vor. Erstens die Seite des Handelns Gottes (V. 16.17) und zweitens die der Verantwortung des Menschen (V. 18).

Joseph ist ein treffendes Bild unseres Herrn Jesus. So zeigt uns dieser Psalm – wie mancher andere auch – etwas von den Leiden und den Herrlichkeiten des Herrn. Alles, was mit Ihm geschah, war einerseits im Ratschluss Gottes bestimmt (Apg 2,23; 4,28). Er war der Knecht Gottes, der kam, um zu dienen. Er wurde aber auch von Gott zum Herrn und Christus gemacht (Apg 2,36). Gott ist nichts aus der Hand gelaufen. Anderseits erkennen wir die Verantwortung der Menschen, die seine Mörder geworden sind (Apg 5,30).

Joseph wird in Vers 17 ein «Mann» genannt, der vor ihnen her gesandt wurde. So ist der Herr Jesus als wahrer Mensch von Gott auf die Erde gesandt worden. Nur als Mensch konnte Er leiden und sterben. Er ist in der vollen Bedeutung des Wortes der «Sohn des Menschen» (geboren von einer Frau) – einst in Niedrigkeit auf dieser Erde, aber jetzt von Gott über alle Werke seiner Hände gesetzt (Ps 8,4-7).

Joseph wird aber auch als «Knecht» bezeichnet, der an die Ägypter verkauft wurde. So hat der Herr Jesus «Knechtsgestalt» angenommen (Phil 2,7). Das bedeutet nicht nur, dass Er äusserlich ein Knecht wurde, sondern es bedeutet, dass Er dem Wesen nach Knecht geworden ist, was Er auch in Ewigkeit bleiben wird. So wahr Er Mensch wurde und bleibt, so wahr ist Er auch Knecht geworden und bleibt es (2. Mo 21,2-6; Lk 12,37). Er kam nicht, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben (Mk 10,45). Schon im Alten Testament richtet Gott unsere Blicke auf Ihn: «Siehe, mein Knecht, den ich stütze, mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat» (Jes 42,1).

Dieser «Mann» und «Knecht» hat gelitten. «Man presste seine Füsse in den Stock, er kam in das Eisen» (V. 18). Das Gefängnis, in dem Joseph schmachtete, weist auf den Tod hin, den der Herr Jesus erduldet hat. Er hat unter der Hand der Menschen gelitten, die Ihn schliesslich an ein Kreuz nagelten und umbrachten (Apg 10,39). Doch Gott hatte etwas anderes für Ihn vorgesehen. Aus dem Knecht wurde der Herrscher. So zeigt uns gerade der Abschnitt in Philipper 2 einerseits die tiefe Erniedrigung unseres Herrn und anderseits die Höhe, die Er jetzt einnimmt. «Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen gegeben, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters» (Phil 2,9-11). Jesaja spricht davon, dass der Knecht des HERRN erhoben, erhöht und sehr hoch sein wird (Jes 52,13). So hat Gott Ihn nach vollbrachtem Werk aus dem Grab erhoben. Er hat Ihn in die himmlische Herrlichkeit erhöht und Ihm dort den höchsten Platz gegeben, den es gibt.

Joseph wurde der Herr über das Haus Pharaos und der Herrscher über all seinen Besitz. So wird der Herr Jesus im Tausendjährigen Reich einmal über alle Nationen herrschen und Herr über das ganze Universum sein. Wir – die wir sein Haus sind (Heb 3,6) – werden seine Herrschaft mit Ihm teilen. Davon schreibt Paulus den Ephesern: «Er hat uns kundgetan das Geheimnis seines Willens, nach seinem Wohlgefallen, das er sich vorgesetzt hat in sich selbst für die Verwaltung der Fülle der Zeiten: alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist, in ihm, in dem wir auch ein Erbteil erlangt haben» (Eph 1,9-11).

4) Israel in Ägypten – geknechtet und befreit (V. 23-38)

Die Geschichte Israels setzt sich in Ägypten fort. Dort gerieten die Nachkommen der Patriarchen unter die Knechtschaft eines grausamen Pharaos, der Joseph nicht kannte. Gott musste sie aus dieser Sklaverei befreien, um seine Zusagen wahr zu machen und ihnen das Land Kanaan zu geben. So waren auch wir in einem Zustand, in dem wir Erlösung und Befreiung nötig hatten. Nur so wird Gottes Plan mit uns einmal in Erfüllung gehen können.

Der Aufenthaltsort der Nachkommen Israels wird mit den beiden Worten «Ägypten» und «Land Hams» bezeichnet (V. 23). Während uns der erste Ausdruck geläufig ist, kommt der zweite nur in den Psalmen 105 und 106 vor. «Ägypten» spricht von dieser Welt unter der Macht eines grausamen Fürsten, der die Menschen in seiner Gewalt hält. Das «Land Hams» lässt uns an den Fluch denken, der über den Sohn Noahs ausgesprochen worden war (1. Mo 9,25). Beides erinnert uns an unseren natürlichen Zustand. Wir waren ohne Gott und ohne Hoffnung in dieser Welt (Eph 2,12). Wir befanden uns einerseits in der Gewalt des Teufels, der die Macht des Todes hatte. Anderseits standen wir gleichzeitig unter dem Fluch, der über jeden Menschen ausgesprochen worden ist, weil wir Sünder sind. Aber Gott wollte uns nicht in diesem Zustand lassen.

«Er sandte Mose, seinen Knecht, Aaron, den er auserwählt hatte. Sie taten unter ihnen seine Zeichen, und Wunder im Land Hams» (V. 26.27). In den Zeichen und Wundern offenbarte Gott seine Macht. Von den 10 Plagen, die das Land Ägypten trafen, werden hier 8 erwähnt (V. 28-36). Mose und Aaron weisen auf den Herrn Jesus hin, der uns aus der Macht des Teufels befreit hat. Vers 36 erwähnt die Tatsache, dass Gott alle Erstgeburt im Land schlug und bezeichnet diese als «die Erstlinge all ihrer Kraft». Nach diesem Gericht führte Er die Israeliten aus dem Land ihrer Knechtschaft heraus (V. 37). Satan ist am Kreuz besiegt worden. Der Herr Jesus hat durch seinen Tod auf Golgatha den entmachtet, der die Macht des Todes hatte. Er hat alle die befreit, «die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren» (Heb 2,14.15).

Vers 37 erwähnt noch zwei weitere Tatsachen, die zum Nachdenken anregen. Erstens wird gesagt, dass Gott das Volk Israel mit Silber und Gold herausführte. Für uns gilt, dass alles Silber und Gold dieser Welt nicht ausreichen würde, um einen einzigen Menschen für den Himmel zu erkaufen. Niemand von uns hätte den Preis der Erlösung zahlen können. Christus allein konnte unsere unbezahlbare Schuld vor Gott begleichen – und Er hat es getan. «Indem ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden seid …, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, als eines Lammes ohne Flecken und ohne Fehl» (1. Pet 1,18.19). Das ist der Preis, um den wir erkauft worden sind (1. Kor 6,20). Dafür sei Ihm ewig Lob und Dank!

Zweitens wird hinzugefügt: «Kein Strauchelnder war in seinen Stämmen.» Das ist die Sichtweise Gottes. Für uns heute gilt, dass niemand, der mit dem kostbaren Blut des Heilands am Kreuz erkauft worden ist, dieses Heil je verlieren kann. Der Herr Jesus selbst gibt die Garantie dafür: «Ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben» (Joh 10,28). Auf dieser und anderen gleichlautenden Zusagen des Neuen Testaments basiert unsere Heilssicherheit. Einmal gerettet – immer gerettet. Wer ein echtes Kind Gottes ist, bleibt es für ewig. Der Herr wird uns «ohne Straucheln» bewahren.

5) Der Weg durch die Wüste – von Gott bewahrt (V. 39-43)

Das aus Ägypten gerettete Volk Israel befand sich nun auf dem Weg in das von Gott versprochene Land Kanaan. Anders als in Psalm 106 – wo es in Vers 13 unmittelbar nach dem Durchzug durch das Rote Meer und der endgültigen Rettung aus der Hand Pharaos heisst, dass sie Gottes Taten schnell vergassen und nicht auf Ihn hörten – wird hier von dem gesprochen, was Gott getan hat. Der Psalmdichter erinnert an fünf Hilfsquellen, die ihnen während der ganzen Zeit der Wüstenreise zur Verfügung standen.

Erstens ist in Vers 39 die Rede von einer Wolke zur Decke. In 2. Mose 13,21 wird die Wolkensäule zum ersten Mal erwähnt. In 2. Mose 14,19.20 stellte sie sich zwischen das Heer der Ägypter und das Lager Israels. Nur in unserem Psalm wird sie als «Wolke zur Decke» bezeichnet. Offensichtlich wollte Gott damit andeuten, dass die Wolke für sie ein Schutz vor jeder drohenden Gefahr war. Er selbst hatte die Bewahrung des Volkes übernommen. Paulus erinnert daran, dass die Väter «unter der Wolke» waren (1. Kor 10,1). Unser Schutz heute ist niemand anders als Christus. Wir sind «in ihm» geborgen.

Zweitens wird die Feuersäule erwähnt. Der Psalmdichter nennt sie ein «Feuer, um die Nacht zu erleuchten». Feuer ist häufig ein Bild vom Gericht. Hier jedoch geht es um Licht. Wenn es in der Wüste Nacht wurde und niemand etwas sehen konnte, hatte das Volk Israel genügend Licht, um den Weg zu finden. Als Christen sind wir heute von der geistlichen Nacht der Welt umgeben. Die moralische Finsternis nimmt ständig zu. Paulus erinnert die Römer daran, dass die Nacht weit vorgerückt ist und fügt sofort hinzu: «Lasst uns anständig wandeln wie am Tag» (Röm 13,12.13). Obwohl es in dieser Welt moralisch stockdunkel ist, können wir doch wie am Tag leben. Unser Licht ist niemand anders als Christus selbst.

Drittens wird in Vers 40 vom Himmelsbrot gesprochen, mit dem das Volk gesättigt wurde. Gott sorgte während der ganzen Reise dafür, dass sie genug zu essen hatten. Auch wir brauchen für unseren Weg die erforderliche Nahrung. Unser «Himmelsbrot» ist Christus. Er ist das wahre Manna, das aus dem Himmel auf die Erde kam. Er sagt selbst: «Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, wird niemals dürsten» (Joh 6,35). Für unseren Weg auf der Erde brauchen wir das Vorbild und Beispiel des Herrn Jesus, der selbst hier als wahrer Mensch gelebt hat. Wir nähren uns von Ihm, um Kraft für den Weg zu bekommen.

Viertens erinnert der Psalmdichter an das Wasser: «Er öffnete den Felsen, und es flossen Wasser heraus; sie liefen an dürren Orten wie ein Strom» (V. 41). Der Weg des Volkes ging durch «dürre Orte». Doch sie waren nicht ohne Erfrischung. Auch in unserem Leben gibt es Phasen, in denen wir die «dürren Orte» der Welt besonders empfinden. Sie gibt keine wirkliche und dauerhafte Befriedigung – weder für den natürlichen Menschen und schon gar nicht für den Christen. Aber in Christus haben wir alles. Er ist der Fels (1. Kor 10,4). Ströme von Erquickung und Erfrischung gibt Er uns gerade da, wo die Welt uns nichts zu bieten hat.

Vers 43 spricht fünftens davon, dass Gott selbst es übernommen hatte, sein Volk zu führen. Aber nicht nur das. Der Psalmdichter sagt: «Er führte sein Volk heraus mit Freuden, mit Jubel seine Auserwählten.» Die Tatsache, dass wir auserwählt sind, macht deutlich, welch hohen Wert wir in seinen Augen haben. Der Wert liegt nicht in uns, sondern darin, dass wir in Christus – in seinem Geliebten – auserwählt und angenehm gemacht worden sind (Eph 1,6). Deshalb führt Gott uns «mit Freuden» und «mit Jubel». Es ist Ihm – mit Ehrfurcht gesagt – nicht «lästig», uns zu führen. Nein, Er tut es mit Freuden und mit Jubel. Psalm 78,53 erinnert uns daran, dass Gott uns sicher führt. Wie nötig ist das! Doch hier ist es seine Freude, uns so zu führen, dass wir den ersehnten Hafen sicher erreichen (Ps 107,30).

6) Das verheissene Land – ein Besitztum von Gott (V. 44)

«Er gab ihnen die Länder der Nationen, und das von den Völkerschaften Errungene nahmen sie in Besitz.» Zum Schluss erinnert der Psalmdichter daran, welch ein Land Gott seinem Volk gegeben hat. Es war das Land, das Er den Patriarchen versprochen hatte und von dem es immer wieder heisst, dass es von Milch und Honig fliesst. Es war das Land, das uns im 5. Buch Mose in seiner ganzen Herrlichkeit und Schönheit beschrieben wird. Gott hatte es ihnen gegeben. Es war nicht ihr eigener Verdienst, sondern seine Gnade (Jos 24,13).

Auch wir Christen haben ein herrliches «Land». Es liegt nicht hier auf der Erde, sondern es sind die «himmlischen Örter», von denen der Epheser-Brief spricht. Wir sind mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus gesegnet (Eph 1,3). Das ist das typisch christliche Teil. Es handelt sich erstens um «jede» geistliche Segnung. Keine einzige fehlt. Es sind zweitens «geistliche Segnungen», d.h. keine materiellen Güter, die man anfassen kann. Sie sind drittens «in den himmlischen Örtern», d.h. Segnungen, die nicht mit dieser Erde in Verbindung stehen. Viertens sind sie uns «in Christus» geschenkt. Alles, was wir besitzen, haben wir in Ihm, dem Mann des Ratschlusses Gottes, der jetzt nach vollbrachtem Werk zu seiner Rechten sitzt. Wie viel Ursache haben wir, den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus dafür zu preisen!

7) Zusammenfassung (V. 45)

Der Psalmdichter fasst zusammen und appelliert dabei an die Verantwortung des Volkes. Wenn Gott alles für das Volk getan und ihnen dieses wunderbare Land gegeben hat, dann werden sie jetzt aufgefordert, seine Satzungen zu halten und seine Gesetze zu bewahren. Konnte Gott das nicht von seinem Volk erwarten? Aber sicher!

Was kann Er heute von uns erwarten? Wir sind Gegenstände seiner Gnade und Barmherzigkeit geworden. Er hat den «Reichtum seiner Gnade» und die «Herrlichkeit seiner Gnade» an uns gross gemacht. Er hat uns ein wunderbares «Land» gegeben. Nun erwartet Er von uns, dass wir sein Wort halten.

Das Neue Testament fordert uns auf, das festzuhalten, was Er uns gegeben hat. «Halte fest das Bild gesunder Worte.» «Halte fest, was du hast» (2. Tim 1,13; Off 3,11). Gott hat uns ein Glaubensgut gegeben, das wir festhalten wollen. Wir dürfen es nicht aufgeben und fallen lassen.

Das Neue Testament fordert uns auch auf, das zu bewahren, was Er uns gegeben hat. «Bewahre das anvertraute Gut.» «Bewahre das schöne anvertraute Gut durch den Heiligen Geist.» «Gedenke nun, wie du empfangen und gehört hast, und bewahre es» (1. Tim 6,20; 2. Tim 1,14; Off 3,3). Wenn wir etwas bewahren, dann ist es uns etwas wert. Dann schützen wir es vor schädlichen Einflüssen und sind bereit, dafür zu kämpfen (Jud 3).

Gott hat uns sein Wort gegeben, damit wir es lesen, lieben und tun. Er möchte, dass wir solche sind, die «in der Wahrheit wandeln» (3. Joh 4). Wir sollen nicht nur Hörer, sondern auch Täter seines Wortes sein (Jak 1,22). Dann halten und bewahren wir sein Wort.

Der Psalm beginnt mit der Aufforderung, den HERRN zu preisen und Ihm zu danken. Er endet mit den Worten: «Lobt den HERRN!» Dazu haben wir jeden Tag mehr als genügend Ursache.