In Weisheit wandeln

Kolosser 4,5-6

Wandelt in Weisheit gegenüber denen, die draussen sind, die gelegene Zeit auskaufend. Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt, so dass ihr wisst, wie ihr jedem Einzelnen antworten sollt (Kolosser 4,5.6).

Diese Verse beschäftigen sich mit einem Teil gesellschaftlicher Beziehungen, die jeder Christ hat. Wir sind zwar nicht mehr von der Welt, aber wir leben noch in ihr (Joh 15,19; 17,11.14.16). Wir haben soziale Beziehungen zu unseren ungläubigen Mitmenschen. Als das Licht der Welt sind wir von ihrem bösen Treiben getrennt. Als das Salz der Erde leben wir mitten unter ihnen. Wir sollen Zeugen für unseren Herrn sein, ohne uns mit ihnen zu verbinden.

Weise wandeln

Der Wandel beschreibt die gesamte Lebensführung des Christen. Das mit «wandeln» übersetzte Wort bedeutet eigentlich «umhergehen». Es umfasst alles, was andere von uns wahrnehmen, besonders unsere Taten und Worte.

Den Kolossern schreibt Paulus, dass der Wandel von Weisheit geprägt sein soll und zwar speziell solchen gegenüber, die draussen sind. Weisheit hat mit Erkenntnis zu tun, geht jedoch darüber hinaus. Erkenntnis ist Einsicht in Gottes Gedanken. Weisheit hingegen bedeutet, Erkenntnis richtig anzuwenden. Das Buch der Sprüche spricht wiederholt von der Weisheit und zeigt uns, wie wir sie erlangen können. Ein treffendes Beispiel für Weisheit gibt uns der gottesfürchtige junge Daniel in Babel. Von ihm und seinen drei Freunden heisst es: «In allen Sachen einsichtsvoller Weisheit, die der König von ihnen erfragte, fand er sie zehnmal allen Wahrsagepriestern und Sterndeutern überlegen, die in seinem ganzen Königreich waren» (Dan 1,20). Man beachte die Formulierung «einsichtsvolle Weisheit», in der «Einsicht» und «Weisheit» miteinander verbunden sind.

Echte Weisheit kommt von Gott. Wir haben sie nicht aus uns selbst. Jakobus nennt sie die «Weisheit von oben», um die wir jederzeit bitten können (Jak 3,17; 1,5). Als Christen sollen wir lebende Beispiele von der Wahrheit sein, die wir gelernt haben. Wir gleichen Lichtern in der Welt, die das Wort des Lebens – das ist niemand anders als der Herr Jesus selbst – nicht zuerst reden, sondern «darstellen» und zeigen (Phil 2,16). Ein unpassendes Benehmen kann ein gesprochenes Wort sehr leicht wirkungslos machen. Weisheit bedeutet hier konkret, dass wir uns im Alltag so verhalten, dass die Menschen keinen Anlass haben, zu Recht mit Fingern auf uns zu zeigen. Salomo macht darauf aufmerksam, dass der Weise Seelen gewinnt (Spr 11,30).

Menschen, «die draussen sind», sind solche, die nicht zu Christus und damit nicht zur Familie Gottes gehören (Mk 4,11; 1. Tim 3,7). Die Thessalonicher werden aufgefordert, «ehrbar» zu wandeln «vor denen, die draussen sind», und «niemand nötig» zu haben (1. Thes 4,12). Das vollkommene Vorbild ist der Herr Jesus selbst. Sein Verhalten ungläubigen Menschen gegenüber war immer weise. Seine Weisheit ist jeder fleischlichen und menschlichen Diplomatie haushoch überlegen.

Die gelegene Zeit auskaufen

Zeit ist eine der Gaben unseres Schöpfers, die Er uns Menschen gegeben hat. Wir sollen sie weder verschwenden noch totschlagen. Das Wort, das Paulus hier benutzt, meint jedoch nicht einen Zeitraum oder ein Zeitintervall. Es geht vielmehr um den «richtigen Zeitpunkt» oder einen «geeigneten Augenblick». In Römer 5,6 wird das gleiche Wort mit «bestimmte Zeit» und in Galater 6,10 mit «Gelegenheit» übersetzt. Es geht um Gelegenheiten, die wir nicht verpassen sollen. Die gelegene Zeit auszukaufen meint deshalb nicht einfach, in der uns zur Verfügung stehenden Zeit so viel wie möglich zu tun. Es geht vielmehr darum, die Zeit richtig und nutzbringend einzusetzen. Gott möchte, dass wir im richtigen Moment das Richtige tun.

Die Epheser werden ähnlich motiviert: «Gebt nun acht, wie ihr sorgfältig wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise, die die gelegene Zeit auskaufen, denn die Tage sind böse. Darum seid nicht töricht, sondern verständig, was der Wille des Herrn sei» (Eph 5,15-17). Jeder Tag bietet Gelegenheiten, unseren Glauben durch Taten und Worte zu bezeugen. Wir sollten sie nicht verpassen.

Worte der Gnade

Nachdem Paulus zuerst über die Lebensführung des Christen gesprochen hat, geht es nun konkret um das, was wir sagen. Taten und Worte gehören zusammen (Lk 24,19; 2. Thes 2,17). Beides wird von den Menschen wahrgenommen, mit denen wir zu tun haben. Danach werden wir beurteilt.

Mit dem verwendeten Ausdruck «Wort» ist hier das gemeint, was wir sagen. Es geht um unsere Gespräche, die wir mit ungläubigen Menschen – Arbeitskollegen, Nachbarn usw. – führen. Jeder Tag im Leben bietet Gelegenheit zu Kontakten mit ungläubigen Menschen. Wir wollen sie nutzen und nicht verstreichen lassen. Wenn wir mit ihnen reden, soll etwas von der Gnade sichtbar werden, in der wir selbst stehen und aus der wir leben. Das vollkommene Beispiel ist erneut unser Herr. In Lukas 4,22 lesen wir, dass die Menschen sich über seine «Worte der Gnade» verwunderten, die sie hörten. Psalm 45,3 bestätigt, dass «Holdseligkeit» über seine Lippen ausgegossen ist. Selbst die Diener seiner Feinde mussten zugeben: «Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch» (Joh 7,46). In Gnade zu reden bedeutet, den jeweiligen Gesprächspartner auf eine gewinnende und freundliche Art anzusprechen.

Das negative Gegenstück ist, wenn wir Ungläubigen gegenüber arrogant und unhöflich auftreten. Titus wurde aufgefordert, sich «selbst als ein Vorbild guter Werke» darzustellen: «in der Lehre Unverfälschtheit, würdigen Ernst, gesunde, nicht zu verurteilende Rede, damit der von der Gegenpartei beschämt wird, da er nichts Schlechtes über uns zu sagen hat» (Tit 2,7.8). Titus sollte andere daran erinnern, «niemand zu lästern, nicht streitsüchtig zu sein, milde, alle Sanftmut zu erweisen gegen alle Menschen» (Tit 3,2). Den Ephesern schreibt Paulus: «Kein faules Wort gehe aus eurem Mund hervor, sondern was irgend gut ist zur notwendigen Erbauung, damit es den Hörenden Gnade darreiche» (Eph 4,29). Wir müssen lernen, unsere Zunge im Zaum zu halten und zu kontrollieren, damit wir das reden, was dem ungläubigen Hörer nützlich ist.

Worte mit Salz gewürzt

Echte Worte der Gnade sind keine faden Worte, die ohne Geschmack sind und ihr Ziel nicht erreichen. Sie sollten im Gegenteil mit Salz gewürzt sein. Salz wurde in der damaligen Zeit vor allem eingesetzt, um zu verhindern, dass Nahrungsmittel faulten und verdarben. Das Wort «würzen» bedeutet eigentlich «wohlgeordnet», «gut gefügt» oder «zurechtgemacht». Es kommt ausser in unserem Vers noch in Markus 9,50 und Lukas 14,34 vor (beide Male zusammen mit Salz). Unsere Rede soll ohne Plattitüden, Witzeleien und Falschheiten sein (Eph 5,4; Kol 3,8.9). Dummes Geschwätz kann nur schädlich sein. Es gleicht den toten Fliegen im Öl des Salbenmischers (Pred 10,1).

Mit Salz gewürzte Worte sind Worte, die nicht nur überzeugend, sondern rein, heilig und wahr sind. Salomo schreibt: «Der Prediger suchte angenehme Worte zu finden; und das Geschriebene ist richtig, Worte der Wahrheit» (Pred 12,10). Worte der Gnade sind dann mit Salz gewürzt, wenn sie zum Nutzen anderer sind, wenn sie geistlich gesund machen und dem Verderben, das in der Welt ist, entgegenwirken (Mt 5,13). Wenn unsere Worte mit Salz gewürzt sind, haben wir keine Gemeinschaft «mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis», sondern wir stellen sie bloss (Eph 5,11 Fussnote).

Beachten wir, dass der Text nicht sagt, dass unsere Worte «allezeit in Salz und mit Gnade gewürzt» sein sollen, sondern «allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt». Die Gnade, in der wir stehen und aus der wir leben, muss als eigentliches Motiv unseres Verhaltens und unserer Worte wirken. Doch dabei müssen Wahrheit und Gerechtigkeit unbedingt aufrechterhalten bleiben. Worte der Gnade erreichen das Herz, während das Salz das Gewissen anspricht. Beides ist nötig. Gnade und Wahrheit gehören untrennbar zusammen (Joh 1,17).

Jedem Einzelnen antworten

Petrus fordert seine Briefempfänger auf: «Heiligt Christus, den Herrn, in euren Herzen. Seid jederzeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der Rechenschaft von euch fordert über die Hoffnung, die in euch ist» (1. Pet 3,15). Wenn wir unseren Herrn heiligen, haben wir Salz. Zugleich sind wir jederzeit bereit, mit Worten der Gnade zu den Menschen zu reden. Wir tun das in einer angemessenen Sprache, damit die Kraft des Evangeliums wirken kann.

Jedem Einzelnen zu antworten, beschränkt sich nicht darauf, dass wir nur konkrete Fragen beantworten, die uns Ungläubige stellen. Es geht vielmehr darum, dass wir generell bereit sind, mit ihnen über den christlichen Glauben zu sprechen. Ein Beispiel für ein solches Gespräch ist die Unterhaltung des Herrn Jesus mit der Frau an der Quelle von Sichar (Joh 4). Er war zum Gespräch bereit. Er tat es mit Worten der Gnade, wobei das Salz nicht fehlte. Es gab im Leben dieser Frau einen wunden Punkt und genau den berührte unser Herr in Liebe – und doch deutlich.

Unser Vers macht darüber hinaus zwei wichtige Dinge deutlich:

  1. Die Predigt des Evangeliums ist nicht darauf beschränkt, dass es öffentlich und vor möglichst vielen Menschen verkündigt wird. Das persönliche Gespräch hat eine grosse Bedeutung. Der Menschenfischer benutzt nicht nur das Netz, um möglichst viele Fische auf einmal zu fangen. Er setzt daneben auch die Angel ein, um einzelne Menschen für den Heiland der Welt zu gewinnen.
  2. In der «persönlichen Evangelisation» gibt es kein «Schema F». Jeder Gesprächspartner ist anders. Jede Gesprächssituation ist anders. Wir benötigen Weisheit, um in jedem Einzelfall die richtigen Worte zu finden und die richtigen Antworten zu geben.

Zusammenfassung

Ein Ausleger1 kommt in seinen Ausführungen über den Kolosser-Brief zu folgendem Schluss: «Wir tragen die Botschaft der Gnade weiter, die in Worten der Gnade ausgedrückt werden muss. Zugleich soll unsere Rede mit dem Salz der Heiligkeit gewürzt sein. Wenn wir so sprechen, wird unsere Gnade nicht dazu führen, dass wir leichtfertig über Sünden hinweggehen. Und unsere Treue wird nicht zur Folge haben, dass wir Sünder in Härte verdammen. Für diese Kombination von «Gnade» und «Salz» haben wir die Weisheit von Christus nötig, der nicht nur immer wusste, seinen Fragestellern oder Feinden die richtigen Antworten zu geben. Er antwortete auch immer in der richtigen Art und Weise, um den Bedürfnissen jedes Einzelnen zu entsprechen.»

  • 1Hamilton Smith: Der Brief an die Kolosser.