Im Heiligtum

Psalm 73

Der Ort der göttlichen Gegenwart löst beim Menschen, der nicht von neuem geboren ist, Furcht und Schrecken aus; und selbst der Gläubige, dessen Wege nicht gerade sind, hat dieses Empfinden. «Wie furchtbar ist dieser Ort!», sagte Jakob, als er an dem Ort erwachte, wo Gott ihm reiche Verheissungen gegeben hatte. Aber für das treue Herz ist es ein Ort, an dem es mit Vorliebe weilt; das Glück des Gläubigen, seine Freude, seine Sicherheit, seine Fortschritte hängen davon ab. Sich einen Augenblick aus dem Heiligtum zu entfernen, bringt ihn in Verlegenheit, Zweifel und Traurigkeit. Der 73. Psalm redet in eindrücklicher Weise zu jedem von uns.

Dieser Psalm wurde von Asaph geschrieben, einem bemerkenswerten Mann Gottes, auf den das Wort aufmerksam macht. Im ersten Buch der Chronika wird sein Name mehrmals erwähnt, zum ersten Mal in Kapitel 6,39, wo sein Geschlechtsregister aufgeführt ist. Dann erwähnt ihn der Geist Gottes in 1. Chronika 15 und 16 als einen, der mit Heman und Ethan, den Verfassern der Psalmen 88 und 89, den Dienst eines Sängers erfüllt. Im 16. Kapitel übergibt ihm David einen Psalm, um den HERRN zu preisen. Schliesslich findet man ihn in Kapitel 25 wieder, wo der betagte David seinen Sohn Salomo als König über Israel einsetzt und auch die Funktionen eines jeden in seinem Reich vorschreibt. Asaph gibt er die Leitung derer, die nach der Anweisung des Königs weissagten (1. Chr 25,2).

Er ist auch der Verfasser der Psalmen 73 bis 83, in denen er ein tiefes Interesse für das unterdrückte Volk Gottes zum Ausdruck bringt. Er befragt oft Gott, wenn er mit prophetischem Auge den Verfall Israels und das Land von Nationen umringt sieht. Aber er gebraucht in seinem Schmerz auch oft den Ausdruck des Glaubens: «Bis wann?»

Er hat auch den 50. Psalm verfasst, der zwischen Psalm 49 – der den Weltlichen zeigt, der sein ganzes Herz auf die sichtbaren und vergänglichen Dinge setzt und sein Ende in der ewigen Nacht findet – und Psalm 51 eingeschoben ist, der die Gewissensregungen des gefallenen Gläubigen beschreibt. Dieser 50. Psalm weist auf den kalten Formalismus des religiösen Menschen hin, der meint, Gott durch eine äussere Frömmigkeit befriedigen zu können. Alle diese Einzelheiten helfen uns verstehen, dass Asaph nicht ein gewöhnlicher Mensch in Israel war. Er nahm einen bevorzugten und erhabenen Platz ein in «dem Volk, wunderbar, seitdem es ist und weiterhin» (Jes 18,2).

Trotz dieser besonderen Ehre hat sich Asaph, wie so viele andere, jedoch nicht beständig im Heiligtum aufgehalten, darum ging er durch so schmerzliche innere Nöte. Und sie werden auch unser Teil sein, wenn wir nicht an diesem gesegneten Ort bleiben. Auch uns stellt sich die Wahl: entweder in der Nähe Gottes bleiben und Ihn geniessen – oder unsere Augen und Herzen abirren lassen auf die vergänglichen Dinge hier auf der Erde.

Sobald man diesen gesegneten Platz verlässt, sieht man die Dinge nicht mehr mit den Augen Gottes. Man beneidet die Hochmütigen, ihre Wohlfahrt, ihren Reichtum. Aber dieser Boden ist gefährlich, man riskiert auszugleiten (V. 2), der Widerspruch regt sich und führt zu Unzufriedenheit und zum Murren. Da gilt es zu wachen, denn das ist der Ausgangspunkt zu einem sicheren Fall. Satan nützt die Gelegenheit aus, um feurige Pfeile auf uns abzuschiessen (Eph 6,16).

Für Asaph war die Wohlfahrt der Gottlosen ein Rätsel, und wir verstehen ihn, denn für den Juden war das materielle Gedeihen ein Zeichen der Gunst Gottes. Aber für einen Gläubigen unserer Haushaltung wären seine Worte durchaus unzulässig. Und doch hört man sie leider oft aus dem Mund von Kindern Gottes. Weshalb? Nicht darum, weil wir unsere bessere und bleibende Habe vergessen (Heb 10,34) und alle unsere geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern in Christus? Wären wir uns doch bewusst, wie wir dadurch das Herz unseres Vaters verletzen, der uns mit seiner unaussprechlichen Gabe alles gegeben hat (2. Kor 9,15; Röm 8,32)! Wenn wir uns mehr mit seiner Liebe beschäftigten, wären wir fähig, das Gegenteil zu tun und wie David zu sagen: «Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht alle seine Wohltaten» (Ps 103,2).

Gewiss, für manche Gläubige sind die gegenwärtigen Tage wirtschaftlich hart und sie mögen, wie Asaph, geneigt sein, den ganzen Tag zu klagen (V. 14). Aber wäre es nicht besser emporzublicken und unsere Sorgen und die ganze Unruhe unserem Vater anzuvertrauen, so wie Er uns in seinem Wort an manchen Stellen dazu ermuntert? Das Wort ist voller Verheissungen, und bei Ihm finden wir die Kraft, unsere Reise zu vollenden, die sichtbar ihrem Ende entgegen geht.

Man hat den Gläubigen schon zu Recht mit der magnetischen Nadel eines Kompasses verglichen. Sie kann durch fremde Einflüsse Abweichungen aufzeigen, kehrt aber nachher sogleich zu ihrer normalen Richtung zurück, und diese Richtung ist für den Treuen das Heiligtum.

Zahlreiche Psalmen reden von diesem gesegneten Ort, aber vier davon geben uns in dieser Beziehung kostbare und nützliche Unterweisungen.

  • Im 27. Psalm befindet sich die Seele im Heiligtum, in sicherem Schutz gegen die Angriffe des Feindes.
  • Im 63. Psalm geniesst sie, mit dem Heiligtum beschäftigt, die Gemeinschaft und empfindet eine unendliche Freude, obwohl der Ort, wo sie sich aufhält, dürr und ohne Wasser ist.
  • Im 84. Psalm findet sie sich nach langer Abwesenheit wieder beim Heiligtum ein, betrachtet die Altäre und lobt den Herrn unaufhörlich.
  • In unserem Psalm ist das Heiligtum der Ort, wo man Verständnis empfängt für alle Dinge; die Rätsel werden erklärt, die Probleme gelöst, das Murren zum Schweigen gebracht. Es ist der Ort, wo man das göttliche Erbarmen spürt.

Sobald Asaph da hineingeht, ändert sich alles für ihn, und seine Gedanken gegenüber Gott verändern sich:

  1. Er erkennt das Los der Bösen; sie mögen wohl Gedeihen haben in der Welt, aber sie gehen einem ewigen Gericht entgegen.
  2. (V. 21,22) – Er lernt sich selbst kennen; das ist unerlässlich für jeden wirklichen Fortschritt. Er sagt: «Da war ich dumm und wusste nichts; ein Tier war ich bei dir.» Agur (Spr 30) geht von dieser Erkenntnis seiner selbst aus, wenn er seinen wunderbaren Ausspruch äussert. Hiob erwirbt diese Einsicht nach vielen Diskussionen. Aber dann segnet ihn Gott und gibt ihm das Doppelte von allem.
  3. (V. 24) – Die Hoffnung wird für sein Herz wieder lebendig: Asaph spricht von der Herrlichkeit. Diese Hoffnung ist von der unseren etwas verschieden. Wir sind schon angenommen und werden bald mit dem Herrn offenbart werden in Herrlichkeit (Kol 3,4), nachdem Er erschienen ist, um uns zu sich zu nehmen. Unsere Herzen, die diese Wahrheiten kennen, rufen aus: «Amen, komm, Herr Jesus!»
  4. (V. 25) – Gott als sein alles zu besitzen, führt zu einer Sprache der Vertrautheit und der Befriedigung. Asaph erhebt seine Augen zum Himmel, wo er seinen Gegenstand hat, und wenn er auch über die Erde schreitet, findet er seine Lust einzig in Ihm. Ist das nicht auch die Sprache des glücklichen Apostels: «Ich achte auch alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn» (Phil 3,8).
  5. (V. 26) – Unterwerfung und Vertrauen in der Prüfung. Zerfällt auch der äussere Mensch, wird er durch Leiden aufgezehrt, so ist doch Gott der Fels, auf den die Seele sich stützt und der ihr Teil ist auf ewig.
  6. (V. 28) – Gott zu nahen ist gut für ihn; das ist der normale Zustand des Treuen, und darin ist die Abhängigkeit eingeschlossen: Man will nichts tun, ohne Ihn zu fragen, ohne Ihm seine Bedürfnisse und seine Unruhe vorzustellen. Dazu werden wir im Hebräerbrief immer wieder ermuntert, sei es zum Gebet (Heb 4,16) oder zum Gottesdienst (Heb 10,22; siehe auch Hebräer 7,19.25). Von Abraham wird gesagt, dass er hinzutrat, um Gott seine Bitten vorzulegen (1. Mo 18,23).
  7. So wird man in den Stand gesetzt, von der Treue Gottes zu zeugen, und wird ein Mittel in seinen Händen, um andere zu ermuntern, «um alle seine Taten zu erzählen».

Ist es nicht wahr, dass die Vorteile vom Bleiben im Heiligtum gross sind, und dass man sogleich dahin zurückkehren soll, wenn man es verlassen hat? Der Herr Jesus hielt sich ständig dort auf; Er konnte von sich sagen, dass Er «des Menschen Sohn» sei, «der im Himmel ist». Seine irdische Laufbahn zeigte keinerlei Schwachheit oder persönliche Unzufriedenheit. Auch wenn der Druck der Umstände am stärksten war, konnte Er den Vater loben für alle Zuwendungen Ihm gegenüber. Möchten wir doch diesem vollkommenen Vorbild gleichen!