Sein Garten

Hohelied 4,12-16; Hohelied 5,1

Das Zwiegespräch im Lied der Lieder zwischen dem Geliebten und der jüdischen «Braut», der irdischen Frau, spricht das Herz und das Gewissen der himmlischen Braut an, wie auch jeden Gläubigen im Besonderen. Daher können wir mit Recht den Vergleich in Kapitel 4,12: «Ein verschlossener Garten ist meine Schwester, meine Braut …» auf uns anwenden.

Ein Garten ist ein Ort der Entspannung und des Friedens. Seine Daseinsberechtigung ist der Nutzen und die Freude für den, dem er gehört. Und gerade das ist die Versammlung für ihren himmlischen Bräutigam. Dieser Garten ist verschlossen; er ist Privatbesitz. Keine Eindringlinge. Niemand soll sich Früchte aneignen noch den jungen Pflanzen schaden. Kein fremder Same soll dort eindringen. Seine Blumen und seine Früchte, seine Wohlgerüche und seine Gewürze, seine Quellen und seine Brunnen sind für den alleinigen Gebrauch des Meisters vorbehalten. Aus seiner Beschreibung ist zu entnehmen, wie Er ihn schätzt. In seinen Augen ist es ein «Lustgarten» (V. 13): der Garten Eden des zweiten Menschen, in dem alle Reichtümer geistlicher Art sind. Man findet darin alles was die neue Schöpfung an sittlichen Vollkommenheiten hervorbringt, zur Befriedigung dessen, der ihr Schöpfer und Haupt ist. Dieser Garten, gegenwärtig unserer Verantwortung unterstellt, sollte er nicht mit noch mehr Sorgfalt bewahrt werden, als das erste Paradies? In der Tat, wenn wir nicht wachen oder wenn der Trennzaun gegenüber der Welt Löcher hat, dann wird die alte Schlange in das dem Herrn reservierte Gebiet eindringen: in seine Versammlung. Wir werden dadurch grössten Schaden erleiden, und Er wird der Frucht beraubt, die Er darin pflücken wollte. Diese Frucht ist die des Geistes, nach Galater 5,22: Liebe, Freude, Friede …, eine «köstliche Frucht», dem Herrn angenehm, deren Reife Er im Leben der Seinen überwacht. In diesem Garten gibt es Bäume des Lebens: es ist «ein Lustgarten von Granatbäumen». Abwechselnd mit Schellen, zierten die Granatäpfel den Saum des Oberkleides des Hohenpriesters: ein Bild der Frucht des göttlichen Lebens und des auf der Erde abgelegten Zeugnisses der Erlösten, die mit einem himmlischen Christus verbunden sind (das blaue Kleid).

Vielseitige Wohlgerüche werden aufgezählt: Zyperblumen, Narde, Safran, Würzrohr, Zimt, Weihrauch, Myrrhe, Aloe, nebst allen vortrefflichsten Gewürzen, wovon jedes einen Teil des «Wohlgeruchs Christi» darstellt. Was wir nur hervorheben möchten, ist ihre hier erwähnte Vielfalt, ein Beweis der Liebe des Herrn, dem keine der sittlichen Schönheiten der Versammlung entgeht. Ein einfaches Glas Wasser, in seinem Namen gegeben, ein kleiner Beweis der Unterordnung, hat für sein Herz zu viel Wert, als dass Er es vergessen könnte. In Kapitel 5,13 zeigt die Geliebte, dass sie auch einige der Wohlgerüche der Person ihres Herrn kennt, aber wie viel mehr weiss Er in der zu entdecken, die Er liebt.

Aber um die Reichtümer dieses Gartens zu ihrem vollen Wert zu bringen, sind zwei Dinge nötig. Erstens das Wasser, ohne das die beste Blüte der Pflanze oder des Baumes verwelkt und verdirbt. Dieses Wasser fliesst aus der Quelle des 15. Verses zu, wie auch aus den Brunnen lebendigen Wassers: Bilder vom Wort, mitgeteilt durch den Heiligen Geist, dessen frische Quelle für den Unterhalt des göttlichen Lebens unerlässlich sind. Um zu seiner Zeit Frucht zu bringen, muss ein Baum an Wasserbächen gepflanzt sein (Ps 1,3).

Es braucht dazu aber noch ein anderes, unerwartetes Mittel, das unangenehm erscheinen mag und für das der Herr in seiner Treue sorgt: der Wind der Prüfung. Jedes Mal wenn unsere geistliche Schläfrigkeit das Offenbarwerden der christlichen Tugenden schwächt, jedes Mal wenn unser Eigenwille das Aufblühen der Blumen des göttlichen Lebens hindert, lässt der Herr, der alles lenkt, den Nordwind oder den Südwind kommen – die Prüfung in der einen oder anderen Form – damit sie durch seinen Garten wehe. «Wache auf, Nordwind, und komm, Südwind.» Dann erwacht der Garten; die Stängel biegen sich, die Zweige werden unangenehm geschüttelt, aber der Zweck ist erreicht: die moralischen Herrlichkeiten des Herrn Jesus treten hervor und gleichzeitig kommt der Wunsch des Herzens der Braut zum Ausdruck: «Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse die ihm köstliche Frucht» (V. 16).

Einem solchen Zuruf gegenüber kann der Herr nicht gefühllos bleiben. Er hat ja nur auf das gewartet, wie sollte Er noch zögern? «Ich bin in meinen Garten gekommen …» (Hld 5,1). Ich bin nicht als Eingeladener dahin gekommen, sondern als Meister. Und seht, was ich hier finde, nachdem der Wind der Prüfung geweht hat! «Ich habe meine Myrrhe gepflückt». Es ist bemerkenswert, dass die Myrrhe, Symbol der Leiden, zuerst genannt wird und direkt auf den Wind folgt, der den Duft verbreitet hat. Der Herr beansprucht die Frucht der Trübsal, als Ihm gehörend. Er macht sich unsere Schmerzen zu eigen: «Ich habe meine Myrrhe gepflückt …» Viele Gläubige behalten ihre Leiden für sich. Sie finden tausend Gründe, um zu stöhnen und zu klagen. «Meine Seele weigerte sich, getröstet zu werden», ruft der Psalmist aus, der sich in seinem Schmerz gefällt (Ps 77,3). Aber die Tränen des Selbstmitleids, die wir manchmal vergiessen, sind nicht von denen, die Gott «in seinen Schlauch legt» (Ps 56,9).

«… samt meinem Balsam». Jedes Mal wenn der Herr in meinem Leben eine Gleichförmigkeit mit Ihm erkennen kann, ist es wie ein Balsam, hervorgebracht durch Ihn und für Ihn. Es ist nicht meine Langmut, meine Sanftmut, meine Liebe; es ist die Langmut, die Sanftmut, die Gnade Jesu, in schwachem Mass hervorgebracht in mir durch seinen Geist. Wie sollte ich mich dessen rühmen?

«Ich habe meine Wabe gegessen samt meinem Honig,» fügt der Geliebte hinzu. Darin, so scheint mir, kann man die Seele und ihre Zuneigungen sehen, das Gefäss und dessen Inhalt: die Gefühle der Liebe, wie auch das Herz, das sie empfindet. Alles in uns gehört dir, singen wir oft. Für den Bräutigam ist nichts kostbarer als das Herz der Braut, auf das Er sich alle Rechte erworben hat.

«Ich habe meinen Wein getrunken …» Der Wein, so gut wie die Myrrhe, gehört Ihm, sowohl die Freude des Kindes Gottes wie sein Schmerz. Meine christlichen Freuden sind gleicher Natur wie die Seinen; redet Er nicht von seiner Freude, die sich in den Seinen erfüllt? (Joh 15,11; 17,13). Es ist also sein Wein, den der Herr erntet, wenn der Gläubige guten Mutes Psalmen singt (Jak 5,13), oder wenn er, selbst in der Trübsal, fähig gemacht ist, sich in Ihm zu freuen.

«… samt meiner Milch.» Die Nahrung wird nicht vergessen. Die vollständige Speise des neuen Menschen soll sich im Garten des Herrn, in der Versammlung vorfinden. Aber nicht unsere Wahrheit, unsere besondere Lehre, die Ermahnungen dieses oder jenes Bruders, sind Gegenstand unserer Aufmerksamkeit. «Die vernünftige Milch», von der Petrus redet, die unverfälschte Nahrung, die der Herr als die seine anerkennen kann, ist sein Wort, das gelehrt und in die Praxis umgesetzt wird.

Er ist der Herr; Er kommt in seinen Garten, Er sammelt dort seine Myrrhe, seinen Balsam, seine Wabe, seinen Wein, seine Milch. Wir können Ihm also nur geben, was Ihm jetzt schon gehört, Ihm bringen, was Er selbst in unseren Herzen hervorgebracht hat. Er könnte übrigens nichts anderes annehmen. «Aus deiner Hand haben wir dir gegeben» (1. Chr 29,14). Aus seinem eigenen Garten stammt alles was wir Ihm bringen, besonders im Gottesdienst: alle die Früchte, womit wir unsere «Körbe» füllen sollen (5. Mo 26,2). Aber in seiner Gnade will Er sie uns mit Ihm geniessen lassen.

Ist es wirklich nur zu seinem eigenen Gebrauch, dass der Herr die Früchte und Gewürze seines Gartens einsammelt? Erlaubt Er uns nicht auch, dass sich einer am anderen erfreut, dass wir die Bruderliebe und die Gemeinschaft wahren Mitgefühls schmecken? Wenn Paulus sich vornahm, «etwas Frucht» für den Herrn zu sammeln unter den Heiligen in Rom, so war es, wie er ihnen sagt, «um euch zu befestigen», das ist, «mit euch getröstet zu werden in eurer Mitte, ein jeder durch den Glauben, der in dem anderen ist» (Röm 1,11-13).

  • Wir nehmen teil an der Myrrhe: wenn ein Glied leidet, leiden alle mit ihm;
  • … an dem Wein: wenn ein Glied verherrlicht wird, so freuen sich alle Glieder mit (1. Kor 12,26);
  • … an der Milch: jedes Mal, wenn wir uns in den Zusammenkünften zur Auferbauung gemeinsam über das Wort beugen.

Wenn ein Mensch isst, nimmt sein ganzer Leib an der Nahrung teil; dieser verteilt sie weiter, so dass jedes Glied davon profitiert. Christus nährt und pflegt seine ganze Versammlung. Von Ihm empfangen wir sowohl die Nahrung als auch die Einladung, sie zu gebrauchen: «Esst, Freunde; trinkt, und trinkt euch fröhlich, Geliebte!» – «Du bereitest vor mir einen Tisch» (Ps 23,5). – «Ein Festmahl … von markigen Fettspeisen, von geläuterten Hefenweinen» (Jes 25,6). Alle Produkte des Gartens sind vor uns gestellt, und wir haben uns nur dazuzusetzen, zu danksagen und bei diesem zubereiteten Fest zu essen. Aber wir können es nur in dem Mass tun, wie wir seine Liebe geniessen. Wir essen sowohl als Freunde und trinken auch als Geliebte. Die Aufforderung ist mit der Erinnerung an die Beziehung verbunden.

Möge Gott dem Herzen der Versammlung, das heisst, dem eines jeden von uns die Rechte des Herrn bewusst machen, und dass es nichts so sehr wünscht, als seine Gegenwart, was in Wahrheit das höchste Gut ist! Dann wird sich in jedem unserer Herzen der Wunsch formen: Komm, Geliebter, in deinen Garten; du bist hier zuhause; pflücke was dir gehört … «allerlei edle Früchte, neue und alte, die ich, mein Geliebter, dir aufbewahrt habe» (Hld 7,14).