Das Heiligtum

Psalm 27; Psalm 63; Psalm 73

I. Psalm 63

Die Psalmen 63 und 73 stellen uns einen einfachen und vor allem sehr praktischen Gedanken vor. Sie stehen in einem bemerkenswerten Gegensatz zueinander. In Psalm 63 sehen wir einen Gläubigen, der sich völlig bewusst war, was Wüste ist: «ein dürres und lechzendes Land ohne Wasser». In dieser Wüste dürstet er nach Gott und sein Fleisch schmachtet nach Ihm. Da empfängt er eine wunderbare Antwort, die gleiche, die Mose vernahm, als er in der Felsenkluft verborgen war: «Ich werde alle meine Güte vor deinem Angesicht vorübergehen lassen» (2. Mo 33,19). Auch ihm wird die Güte Gottes offenbart. Wie sehr wäre es zu wünschen, dass wir, die Geliebten des Herrn, alle diese Antwort empfingen; aber um sie zu bekommen, müssen wir – was in Psalm 73 fehlt – mit dem Heiligtum begonnen haben. Der Gläubige sagt hier: «wie ich dich angeschaut habe im Heiligtum, um deine Macht und deine Herrlichkeit zu sehen» (V. 3). Das ist das Geheimnis der überfliessenden Freude, wovon diese Seele erfüllt ist (V. 8).

Das ist umso auffallender, als im 2. Buch der Psalmen, dem Psalm 63 angehört, der Gläubige dem Heiligtum entzogen ist und nur noch die Erinnerung daran besitzt (Ps 42,5), aber er hatte mit dem Heiligtum begonnen. Er hatte die Macht und Herrlichkeit Gottes gesehen. Von diesem gesegneten Ort ist er in die Wüste hinaus verjagt worden, wie auch der treue Überrest des Endes es einst erfahren wird. Aber gerade weil er am Ort der Macht und der Herrlichkeit gewesen war, ist er fähig, das Milieu, in dem er sich jetzt befindet, in seiner ganzen traurigen Wirklichkeit zu beurteilen. Wie könnte der, der Zeuge der Lieblichkeiten des Heiligtums gewesen ist, an dieser dürren Einöde irgendwelche Reize entdecken? Jene Herrlichkeiten lassen ihn den trostlosen Eindruck der Wüste nur umso tiefer empfinden.

Lass uns also mit dem Heiligtum beginnen, lieber Mitchrist; wenn wir dies noch nicht getan haben, so wollen wir es jetzt tun. Treten wir ins Heiligtum ein, wo wir nur Ihn finden, denn Er erfüllt den Himmel mit seiner Macht und Herrlichkeit; Er ist dessen alleiniger Anziehungspunkt. Lasst uns Ihm, seiner Person, anhangen, so wie Er ist in dem Haus des Vaters, und wir werden fähig sein, durch die Gegenüberstellung das wahre Gesicht der Welt zu erkennen. Einer Seele, die sich von den Vollkommenheiten Christi genährt hat, kann sie nichts bieten. Noch weit mehr, sie steht dann in einer solchen Trostlosigkeit und Leere vor unseren Augen, dass wir bei ihrem Anblick sogleich sagen: Dieser Ort hat keine Anziehung für mich, er bietet mir nichts von dem, was ich mir wünschen könnte; denn ich kenne den Ort des göttlichen Überflusses und Reichtums, weil ich dort gewesen bin.

Ist es nicht auffallend, dass die Bewohner der Wüste, die Gott «die auf der Erde wohnen» nennt, umgekehrt in ähnlicher Weise urteilen, wenn sie sich vor dem einzigen «Wurzelspross aus dürrem Erdreich» befinden? Sie sagen: «Er hat kein Aussehen, dass wir ihn begehrt hätten» (Jes 53,2). Sie können nichts sehen von seiner Schönheit und seinem Reichtum, weil sie Ihn nicht kennen und weil sie sich allezeit vom Heiligtum ferngehalten haben, wo man mit Ihm bekannt werden kann.

Aber das ist nicht alles: Die Seele, die durch die Wüste wandern muss und sich der schrecklichen Leere bewusst ist, die man da empfindet, hat nur einen Gedanken: Während der Reise die Dinge geniessen, die sie im Heiligtum gefunden hat. Sie wünscht, dass das Wort von Gott für sie Wirklichkeit werde: «Obgleich ich sie unter die Nationen entfernt, und obgleich ich sie in die Länder zerstreut habe, so bin ich ihnen doch ein wenig zum Heiligtum geworden in den Ländern, wohin sie gekommen sind» (Hes 11,16). Sie erfasst, dass der Inhalt des Heiligtums auch im Land des Hungers und des Durstes in ihrer Reichweite liegt. Sie ist sich der Schrecklichkeit dieses Landes bewusst, erinnert sich aber auch, dass Gott einst gerade in die Wüste gekommen ist, um sein Zelt inmitten seines Volkes aufzurichten. Wenn also der Gläubige dürstet, wenn sein Fleisch schmachtet, so ist es nach Gott, und nicht nach den Gurken, den Melonen, dem Lauch, den Zwiebeln und dem Knoblauch Ägyptens. Die Seele will in der Wüste seine Macht und seine Herrlichkeit sehen, wie sie diese im Heiligtum in Ihm betrachtet hat.

Gott antwortet ihr nicht in vollständiger Weise. Das Heiligtum, das sie hier in der Wüste «ein wenig» verwirklicht, kann nicht alle seine Vollkommenheiten enthalten. Die Wüste ist nicht der Ort der endgültigen Entfaltung seiner Macht. Um diese ermessen zu können, müsste die Seele ins Heiligtum zurückgekehrt sein, an den Ort, von dem sie ausgegangen ist. Bis dahin wird sie aufrecht gehalten und jeden Tag erfahren, dass «die Kraft des Herrn in Schwachheit vollbracht wird». Sie wird, da ihre Kraft in Ihm ist, von Kraft zu Kraft gehen, bis sie bei Ihm anlangt, auf dem Berg Zion, aber sie schaut seine Kraft nicht so, wie sie im Heiligtum erstrahlt. Sie wird auch nicht seine ganze Herrlichkeit sehen. Sie hat, um diese so zu betrachten, zu warten, bis sie an den Ort ihrer Wohnung zurückgekehrt ist. Und so ist es auch für uns.

Aber ein Teil seiner Herrlichkeit, der kostbarste, der im Wert alle anderen übersteigt, ist die Liebe. Sie wird hier Güte genannt. Die Gläubigen der Psalmen werden sie in der Ruhe der tausendjährigen Herrlichkeit beständig preisen, wenn sie sagen: «Preist den HERRN, denn er ist gut, denn seine Güte währt ewig» (Ps 136,1). So ist es auch in unserem Psalm: «Denn deine Güte ist besser als Leben» (V. 4). Mose hatte dasselbe Teil. Alle Güte des HERRN ging in der Wüste Sinai vor seinem Angesicht vorüber (2. Mo 33,18-23). Die Liebe ist von den Himmeln herabgekommen. In der Wüste dieser Welt ist sie in ihrer ganzen strahlenden Schönheit erschienen; in dem erniedrigten und verachteten Menschen auf dem schändlichen Kreuz erstrahlt dieses unaussprechliche Licht der göttlichen Liebe vor unseren Augen. Jetzt hat der arme, leidende und vereinsamte Mensch, von dem in diesem Psalm die Rede ist, das gefunden, was allen seinen Bedürfnissen reichlich entspricht: «Deine Güte ist besser als Leben.» Er sagt damit: Müsste ich auch alles entbehren, deine Liebe wird alle meine Bedürfnisse ersetzen und sie stillen. Ist dieser Psalm der Wüste also ein Psalm der Trübsal? Ganz im Gegenteil, er ist ein Psalm der Freude, des Lobes und der Sättigung. «Meine Lippen werden dich rühmen … Wie von Mark und Fett wird gesättigt werden meine Seele, und mit jubelnden Lippen wird loben mein Mund … ich werde jubeln in dem Schatten deiner Flügel … der König wird sich freuen in Gott!»

Vergessen wir also nicht, dass das ganze Geheimnis der Freude, des Lobes, des geistlichen Wachstums in unserem christlichen Leben darin besteht, mit dem Heiligtum begonnen zu haben. Es ist nötig, dass die Dinge, die wir darin gesehen haben, in unseren Seelen jeden Wunsch auslöschen, auf der dürren Erde, über die unsere Füsse laufen, einen Vorteil zu erringen.

II. Psalm 73

Der 73. Psalm steht in verschiedener Hinsicht im Gegensatz zum 63., mit dem wir uns soeben beschäftigt haben. Wir finden darin eine Seele, die, statt mit dem Heiligtum zu beginnen und sich so in der Wüste aufzuhalten, mit der Wüste oder vielmehr mit der Welt beginnt, um dann mit dem Heiligtum zu enden. Lasst uns ihren moralischen Zustand ergründen, in dem sie sich befindet!

Beachten wir zunächst, dass es eine gottesfürchtige Seele ist, die nicht der Welt angehört; sie ist mit den Dingen Gottes beschäftigt, sucht in ihren Wegen rein zu bleiben und sich strafbarer Handlungen zu enthalten. Aber sie findet darin weder Befriedigung noch den Frieden des Herzens; denn sie sagt: «Gewiss, vergebens habe ich mein Herz gereinigt und meine Hände in Unschuld gewaschen» (V. 13). Diese Seele besitzt manche richtigen Begriffe vom Zustand der Welt; sie kennt das Böse und das Elend in ihr, dass Hochmut und Gewalttat darin vorherrschen, sich in aller Öffentlichkeit breitmachen und dass der Nächste in allem übervorteilt wird. Angesichts dieses bösen Zustandes ist die Seele mit Schmerz, statt mit Freude erfüllt. Auch Lot, der Gerechte, der sich einen Platz in der Welt erwählt hatte, quälte Tag für Tag seine gerechte Seele durch das, was er in Sodom erlebte, und er konnte sich inmitten jener schändlichen Menschen weder wohl fühlen noch sich freuen.

Lieber Bruder, wenn du die Absicht hast, dein christliches Leben mit der Welt zu beginnen, so lies und betrachte immer wieder die ersten Verse dieses Psalms. Du versuchst, ich zweifle nicht, inmitten dieses Zustands der Dinge treu zu bleiben wie Asaph; aber wenn du nicht gequält wirst, wenn du nicht siehst, dass das Ende dieser Menschen schlimmer ist als deines, so wird es dir vielleicht begegnen, dass du sie beneidest, wenn du ihre Wohlfahrt siehst. Dann wird Gott seine Züchtigung an dir ausüben, trotz deines vergeblichen Wunsches, es gut zu machen.

Du wirst geplagt werden jeden Tag, und jeden Morgen wird deine Züchtigung da sein. Dein Leben wird ein Leben der Züchtigung sein. Ist es das, was du wählen sollst?

Armer Asaph! Wie ist er zu bedauern! Er sucht vollkommen zu sein, und Gott schlägt ihn! Wenn wir so beginnen wie er, wird Gott auch uns schlagen, pausenlos, bis Er uns sozusagen hinausgejagt hat, aber nicht, um uns an der Türe stehen, sondern um uns in das Heiligtum eintreten zu lassen. Ach, wenn wir mit diesem begonnen hätten wie David, hätten wir aus dem Haus Gottes Vorräte von Mark und Fett gesammelt (Ps 63,5), um uns inmitten einer Welt, «die im Bösen liegt», in Frieden zu bewegen. Doch die Züchtigung unseres Gottes führt uns nun in seine Gegenwart, und da werden unsere Augen aufgetan. Da lernen wir auch die Welt beurteilen, die wir bis dahin, ganz zu Unrecht, zu kennen glaubten. «Ich gewahrte jener Ende», sagt Asaph. Wie völlig wird die Vernichtung der Welt und der Zusammenbruch aller ihrer Pläne sein, aller ihrer Hoffnungen. «Wie einen Traum nach dem Erwachen wirst du, Herr, beim Aufwachen ihr Bild verachten» (V. 20). Soll ich da noch die Gewalttätigen beneiden? Soll ich mich da noch der Welt gleichsetzen, wenn ich weiss, dass nichts vor Gott bestehen bleiben wird? Wie wäre doch seine Beurteilung der Welt vollkommener gewesen, wenn Asaph mit dem Heiligtum begonnen hätte!

Im Heiligtum lernen wir auch uns selber kennen. Asaph glaubte sich zwar zu kennen, als er mit der Welt Umgang pflegte: «Ich habe mein Herz gereinigt», sagte er. Er war gar nicht so unzufrieden mit sich selbst. Ins Heiligtum eingetreten, bekannte er aber: «Da war ich dumm und wusste nichts; ein Tier war ich bei dir» (V. 22). Diese völlige Verurteilung, unter die er sich stellt, erinnert an die Syro-Phönizierin, die den verächtlichen Platz eines «Hundes» akzeptiert, oder an David, der sich «einen toten Hund, einen Floh» nennt (1. Sam 24,15). Es gibt vielleicht kein gründlicheres Selbstgericht als das dieser Frau und dieser beiden Männer Gottes, und David hatte dies, wie aus dem 63. Psalm hervorgeht, schon am Anfang seiner Laufbahn erkannt, schon bevor er in der Wüste Juda war (siehe Vers 1). Asaph aber gelangte ganz am Ende seines Weges zu dieser Einsicht.

Doch, wunderbare Tatsache, Asaph kann nicht im Heiligtum sein, ohne auch kennen zu lernen, was der Herr ist. In einem Zustand wie dem unseren, muss man unter der Züchtigung gewesen sein, sozusagen mit Gewalt zu dem Ort getrieben werden, wo Gott wohnt, um dort alle Segensquellen zu erkennen, die in Christus sind. Der Herr hat Reichtümer, die nur die kennen und völlig geniessen, die durch Prüfungen und Züchtigungen gegangen sind. Hat Asaph diese bedauert? Hören wir, was er sagt: «Doch ich bin stets bei dir: du hast mich erfasst bei meiner rechten Hand; durch deinen Rat wirst du mich leiten und nach der Herrlichkeit wirst du mich aufnehmen. Wen habe ich im Himmel? Und neben dir habe ich an nichts Lust auf der Erde.» So ist er also zu der anfänglichen Erfahrung Davids gelangt, die dieser im 63. Psalm beim Verlassen des Heiligtums machte, wo – wie hier – die Fürwörter «du» und «dich» und «dein» überwiegen. Das Ergebnis ist, Gott sei Dank, das gleiche, obwohl der Weg, der dazu führte, für Asaph viel länger und schmerzlicher war als für David. Aber ist es nicht der Weg Asaphs, den wir meistens wählen? Wenn wir gelernt haben, uns selbst zu erkennen und uns selbst zu richten, werden wir daher Gott nicht mehr bitten, uns aus seiner Züchtigung zu entlassen, da wir nun wissen, dass sie uns tiefer eindringen lässt in die Geheimnisse seines Herzens, und wir werden sagen: «Vergeht mein Fleisch und mein Herz – der Fels meines Herzens und mein Teil ist Gott auf ewig!»

III. Psalm 27

Erinnern wir uns daran, dass Psalm 63 uns das Heiligtum als Ausgangspunkt vorgestellt hat, um den wahren Charakter der Welt richtig einzuschätzen – eine dürre Wüste für den Mann Gottes. Der 73. Psalm hingegen hat uns das Heiligtum als einzige Zuflucht des Gläubigen gezeigt, nachdem er traurige Erfahrungen gemacht hat von dem, was eine völlig von Gott entfremdete Welt ist. Er hat uns das Heiligtum als den einzigen Ort vorgestellt, wo man den hoffnungslosen Zustand der Welt richtig beurteilen kann, wie auch unseren eigenen Zustand und die Güte Gottes uns gegenüber. Im Fall Asaphs sind die Erfahrungen vielleicht verschiedenartiger und reicher, die Seele wird dabei tief bearbeitet, um ihre Zuflucht endlich im Heiligtum zu finden. Im Fall Davids gab es weniger Erfahrungen, aber mehr Freude, mehr Lob, mehr Erkenntnis von einer Liebe, die wertvoller ist als das Leben, mehr Einfachheit und eine völlige Hingabe im Wandel: «Meine Seele hängt an dir» oder «folgt dir unmittelbar nach» (Ps 63,9).

Im 27. Psalm wird uns nun eine dritte Alternative vorgestellt, die erhabenste, die kostbarste von allen, der Fall einer Seele, die nur einen Gedanken hat: im Heiligtum zu wohnen und es nie zu verlassen. Diese Seele ist im Kampf mit der Welt, nicht als einer Wüste oder einer Wohnung des Menschen in seinem Ehrgeiz und seinem Hochmut, sondern als dem Ort, wo man dem Menschen in seiner Feindschaft gegen Gott begegnet. Der Treue findet da nur Leiden, und was für Leiden! Er sucht das Angesicht des HERRN, wünscht, dass es auch von anderen gesucht werde und gibt ihnen ein Beispiel. Aber dann begegnet er einem Gott, der sein Angesicht vor ihm verhüllt, der ihn mit Zorn von sich stösst, der ihn verlässt und ihn aufgibt! Einem Gott, der ihn dem Willen seiner Widersacher, den Verleumdungen falscher Zeugen, den Gewalttaten von Blutmenschen überliefert!

Ist dies das Bild unseres Lebens hier auf der Erde? Gewiss nicht, wenn wir auch in unseren Umständen etwelchen Vorgeschmack der Feindschaft der Menschen gegen Gott kosten mögen. Ein einziger Mensch nur ist durch diese Dinge in ihrer ganzen Schrecklichkeit gegangen, hat den Hass der Welt verspürt, hat den Kelch des göttlichen Zornes bis zur Neige getrunken, damit wir selbst es niemals tun müssen. Dieser Psalm ist also nicht das Bild unseres Lebens, sondern des Lebens Christi, der in Gethsemane, der letzten Station vor dem Kreuz, eine ganze Laufbahn beispielloser Hingabe sich abschliessen sieht. In der Tat, kein Mensch vermöchte Ihm auf diesem Weg je bis zum Ende zu folgen, aber Er ist uns darin ein Beispiel. Er ist tatsächlich das Vorbild, der in allem vollkommene Mensch, vollkommen als Knecht, vollkommen auf dem Weg der Abhängigkeit, des Vertrauens und des Glaubens, vollkommen in der Gerechtigkeit, vollkommen in der Hingabe, vollkommen in seiner Menschheit, vollkommen in seiner Göttlichkeit. Und doch fordert Er uns als solcher auf, Ihm nachzufolgen, natürlich mit Ausnahme des Werkes der Erlösung. Sagt Er nicht: Sucht mein Angesicht? Gibt Er uns nicht selbst das Beispiel eines Menschen, der das Angesicht Gottes sucht? (V. 8).

Aber angesichts dieser feindlichen Welt, als sich die Häscher und die bewaffneten Soldaten, vom Verräter angeführt, Ihm nahen, um «sein Fleisch zu fressen», was wird Er tun? Wie ihnen widerstehen? Ein einziges Wort: «Ich bin es» (aus dem Mund des «Ich bin»), und sie weichen zurück und fallen zu Boden, oder wie unser Psalm sagt: «Sie strauchelten und fielen.» Woher hatte Er diese Kraft? Von seiner Göttlichkeit, sagst du. Gewiss, wie könnte der Sterbliche auch nur einen Augenblick vor einem einzigen Blick Gottes, des «Ich bin», standhalten? Aber hier handelt es sich nicht um seine Göttlichkeit, denn beachte wohl, dass Er das alles für uns sagt. Wo hat Er «des Lebens Stärke» geschöpft, um den Sieg über die Welt zu erringen? «In der Welt habt ihr Bedrängnis», sagt Er zu seinen Jüngern, «aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden» (Joh 16,33).

Dahin also möchte ich kommen! Seine Seele wohnte ständig im Heiligtum, und sie verliess es nie. Ja, es gibt ein Mittel, um immer dort zu sein, und Jesus allein hat es völlig verwirklicht. Er konnte von sich sagen: «Der Sohn des Menschen, der im Himmel ist.» Hier sagt Er: «Eins habe ich von dem HERRN erbeten, danach will ich trachten: zu wohnen im Haus des HERRN alle Tage meines Lebens, um anzuschauen die Lieblichkeit des HERRN und nach ihm zu forschen in seinem Tempel» (V. 4). Beachte, dass Er eins erbittet. Er hätte für sich selbst dem HERRN viele Bitten vorlegen können, aber Er bringt Ihm nur die eine vor, in der die ganze Segnung zusammengefasst ist: zu wohnen, nicht nur oft, was Ihm nicht genug wäre, sondern alle Tage meines Lebens, ohne einen einzigen auszunehmen. Und womit will Er im Heiligtum beschäftigt sein? Mit dieser feindlichen Welt, um sie so fernzuhalten? Nein, um die Lieblichkeit des HERRN anzuschauen, und in seinem Tempel über Ihn zu sinnen.

Der böse Tag kam, der Tag voller Schrecken, an dem Er für diese hungrigen Wölfe zur Beute wurde, um sein Fleisch zu fressen. Wo war Er? Leiblich zweifellos inmitten derer, die Ihn schmähten; aber seine Seele? Sie hat nicht einen Augenblick lang das Heiligtum verlassen. Am bösen Tag war Er im Verborgenen des Zeltes, im Schoss seines Vaters. Womit beschäftigt? Mit seinen Feinden? Nein, denn sein Haupt war erhöht über seine Feinde rings um Ihn her. Nein, denn Er war mit dem HERRN beschäftigt: «Opfer des Jubelschalls will ich opfern in seinem Zelt, ich will singen und Psalmen singen dem HERRN.» Ist auch uns solches möglich? Ja gewiss, denn Er hat uns ja ein Beispiel hinterlassen, damit wir seinen Fussstapfen nachfolgen. Schon jetzt will Er uns da haben, nicht erst dann, wenn wir bei Ihm in seiner Herrlichkeit sein werden, sondern jetzt, während wir durch eine feindliche Welt gehen, die uns umringt und uns bedroht. Unser Schutz, unser Licht, die Kraft unseres Lebens finden sich in der beständigen Beschäftigung unserer Seele mit Ihm im Heiligtum.

Wie lässt sich solches in die Wirklichkeit umsetzen? sagst du. Das sind Höhen, die ich nicht erreichen kann! Lieber Bruder, um sie zu erreichen, braucht es nur ein einfältiges Herz. Sie sind mehr in der Reichweite eines Kindes als in der eines Mannes, der hauptsächlich bekannt ist für seine Erkenntnis. Um was bittest du deinen Vater? Was begehrst du in dieser Welt? Zahllose Dinge meinst du nötig zu haben. Unter all diesen Bitten gibt es eine, eine einzige, die du vergessen hast. Christus als Mensch hat nur eins für sich selbst erbeten. Hat dein Leben die Einfachheit des Lebens unseres geliebten Herrn? Lasst uns also in seiner Nachfolge Menschen sein, die eins begehren!

Man kann wie Martha besorgt sein um viele Dinge, aber nur eins ist nötig, sagt der Herr, und Maria hatte dies erwählt, ein Teil, das ihr nicht genommen werden konnte (Lk 10,41.42). Der Blindgeborene kannte vieles nicht, aber eins wusste er: was Jesus für ihn getan hatte, genügte ihm (Joh 9,25). Paulus hatte anderen gegenüber vieles voraus, aber er achtete alles für Verlust und vergass alles, um eins zu tun: «Er jagte, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus» (Phil 3,14).

Lasst auch uns eins wählen, wissen, tun, erbitten. Bis wir das Ziel erreicht haben, besteht dieses Eine darin, alle Tage unseres Lebens im Heiligtum zu bleiben. Wo ist die Macht der Welt gegenüber solchen, die im Heiligtum wohnen? Sie fällt zu Boden vor dem, dessen Haupt erhöht ist über seine Feinde rings um ihn her. Die Welt kann nicht ins Heiligtum eintreten und hat keine Macht über eine Seele, die sich dort befindet. Es kann ihr erlaubt sein, den Leib derer anzutasten, die im Heiligtum wohnen; aber in allen Prüfungen, die auf sie eindringen, können sie in Frieden den Genuss der göttlichen Dinge pflegen, die sie in der Betrachtung Jesu Christi kennen lernten.