Ruth

Ruth 1; Ruth 4

Die Gnade und der Glaube, und das volle Recht, in dem beide handeln, werden in diesem kleinen Buch sehr schön illustriert.

Der Glaube hat zwei besondere Kennzeichen, und so auch die Gnade:

  1. Der Glaube überwindet die Welt, und im Glauben kehrt der Erlöste ganz und voll Vertrauen zu Gott zurück. Anders gesagt, in Ausdrücken, die wir in der Schrift finden: der Glaubende nimmt seinen Platz «ausserhalb des Lagers» und «innerhalb des Vorhangs» ein.
  2. Die Gnade ermutigt die Seele, indem sie ihr Vertrauen einflösst, dem sie dann entspricht. Das sind zwei Merkmale ihrer Handlungsweise.

Diese Eigentümlichkeiten des Glaubens und der Gnade treten durch das Tun von Ruth deutlich hervor.

Ruth beginnt damit, dass sie ihr Los mit dem der Noomi teilt, in der Stunde ihrer Witwenschaft, ihrer Armut und ihrer Fremdlingschaft. Um Noomis willen will sie, wie eine Tochter Abrahams, Land, Verwandtschaft und das Haus ihres Vaters verlassen. Alles, was gesagt werden kann, um sie davon abzuhalten, weist sie zurück. Sie will in die ihr unbekannte Welt eintreten; das Volk Israel soll ihr Volk, der Gott Israels ihr Gott sein. Auch ihr Glaube zeigt sich also darin, dass sie ihren Platz ausserhalb des Lagers einnimmt und den Sieg über die Welt erringt.

Aber auch bei Ruth ist es so, dass der Glaube, der die Welt verlässt, zu Gott zurückkehrt. Die grossen Dinge von Boas sind nicht zu gross für sie. Was Stellung und Lebensumstände betrifft, ist sie so weit von ihm entfernt, wie sie nur sein kann. Sie ist eine Ährenleserin auf seinem Feld, geht hinter den Schnittern her und ist nicht einmal seinen Mägden gleichgestellt. Aber sie verlangt nach ihm selbst. Sie sucht nicht ein kleines Mass, sondern das reichste und höchste. Die Ährenleserin möchte seine Frau sein.

Das ist der Weg des Glaubens. Er führt aus dem Lager hinaus, aber auch innerhalb des Vorhangs hinein. Er verlässt die Welt, kehrt aber in die volle Gegenwart Gottes zurück. Da nimmt er einen Platz ein, der dem Platz, an dem sich der Mensch durch seinen Fall befindet, völlig entgegengesetzt ist. Durch den Fall entfremdete sich der Mensch von Gott und fand seinen Platz in dieser Welt. Wir sehen dies in Kain. Der Glaube kehrt auf demselben Wege zurück und macht die umgekehrte Reise. Er verlässt die Welt und kehrt voll Vertrauen, ganz und für immer zu Gott zurück. Dieser Weg und diese Kraft des Glaubens werden uns in Ruth gezeigt, die zuerst die Armut Noomis teilte und dann für sich selbst den Reichtum und die Würde des Boas erlangt.

Auch die Gnade zeigt an ihrem Tag ihre Grösse und Vortrefflichkeit. Wie gesagt, ermutigt sie zuerst und flösst Vertrauen ein, und dann belohnt sie das Vertrauen, das sie geweckt hat.

Was tat der Herr mit Gideon, in Richter 6? Wie handelte er mit Mose, in 2. Mose 3? Wie begegnete Er Jeremia, als Er ihn in sein Amt berief? (Siehe Jeremia 1). Er fand widerstrebende Herzen vor, aber Er machte sie zum Empfang der Segnung bereit, die Er in seiner Gnade für sie vorgesehen hatte. Und war in den Tagen seines Dienstes die Weise des Herrn Jesus anders als die Gottes gegenüber einem Mose, Gideon und Jeremia? Er sass am Brunnen von Sichar, um das Vertrauen einer armen, weit abgeirrten Samariterin zu gewinnen! Wie tadelte Er immer wieder ihren Kleinglauben, in dem sie es unterliessen, auf Ihn zu schauen! Und wie wusste Er den einen Zweifel zu beseitigen, der noch im Herzen jenes armen Aussätzigen hing und diesen niederdrückte und umwölkte! (Mk 1,40-42).

Boas ist wie gemacht, solcher Gnade Ausdruck zu geben. Die Zartheit und die Aufrichtigkeit, in der er im zweiten Kapitel Ruth ermutigt, ist schön und bewunderungswürdig. Auch ist er dann bereit, all den Bitten zu entsprechen, die das auf diese Weise geweckte Vertrauen an ihn stellt. Er hat ihr Herz nicht gebildet, um es dann zu enttäuschen, so wie auch der Herr bereit ist, die Hand des Sünders zu füllen, die sein Geist zu dem Zweck geöffnet hat, um von Ihm zu empfangen.

Und jetzt, so möchte ich sagen, gab es in der Seele der Noomi einen gesegneten Augenblick, in dem die Erinnerung oder die Erkenntnis durchbrach, dass Boas ein Löser war (Ruth 2,20). Sie sagt: «Gesegnet sei er von dem HERRN, dessen Güte nicht abgelassen hat von den Lebenden und von den Toten!» So ist es, wenn eine Seele nicht nur zur Entdeckung der Gnade in Gott gelangt, sondern auch zur Entdeckung des rechtmässigen Anspruchs eines Sünders auf diese Gnade, weil der Herr Jesus der Löser ist.

Bei der Entdeckung dieser Tatsache fordert Noomi die Ruth sogleich auf, nur mit den Mägden von Boas auszugehen, damit sie nicht auf einem anderen Feld gefunden werde. Denn dies ist der Weg des Glaubens zur vollen Erkenntnis Christi: auf seinem Feld bleiben. Dies führt zur völligen Aufgabe jedes anderen Vertrauens.

Boas war Löser, und ein Löser hat Aufgaben und Verpflichtungen gegenüber dem Gesetz und seinen Verordnungen für Israel. Noomi wusste das, und sie unterwies Ruth, die Fremde, in diesen wunderbaren Geheimnissen. Sie ist kühn und ermutigt auch Ruth zur Kühnheit. So ist der Glaube immer: er rechnet mit den grössten Dingen wie Vergebung, Annahme, Kindschaft, Erbteil, Herrlichkeit. Aber er ist berechtigt, kühn zu sein. Die Gebräuche und die Verordnungen des Platzes, in den der Glaube eingeführt wird, die Ratschlüsse des Gottes Israels, die Geheimnisse der überströmenden Gnade, sind Ermächtigungen für den Glauben. Seine Ziele sind hoch, aber sie sind durch den Geist Gottes gegeben; denn Gott hat diese Dinge schon vor alters für den Glauben bestimmt.

Als Ruth das Wort Noomis befolgte, sich zu den Füssen des Lösers hinlegte und ihn zu ihrem Herrn und Gatten begehrte, sagte Noomi zu ihr: «Wie steht es mit dir, meine Tochter?» oder, wie auch übersetzt werden kann: «Wie bist du, meine Tochter?» (Ruth 3,16). Noomi sah Ruth schon als vollkommen schön, als die auserwählte Braut. Sie wusste, was der treue Löser aus ihr machen würde. In den Augen Noomis war Ruth in diesem Augenblick voller Würde und Freude, geradeso wie auch wir uns in der gleichen Kraft des Glaubens gegenseitig betrachten und sagen sollten: «Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass wir, wenn es offenbar werden wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist» (1. Joh 3,2).

Nun folgt die Erfahrung einer Seele, die durch Glauben den Löser erkannt hat. Auch die Gnade des Lösers zu sehen, ist bewunderungswürdig.

Da waren Hindernisse im Weg. Da war noch ein näherer Löser, der Ansprüche machen konnte; Boas musste sie anerkennen und ihnen freien Lauf lassen. Geradeso war es auch im grossen Gegenbild: Die Sünde widerstand den Absichten der Liebe; die Schuld des Menschen stand der Segnung vonseiten dessen im Weg, der sowohl heilig als gnädig ist. Aber Er hat einen Weg gefunden, um seine Gerechtigkeit aufrecht zu halten und die Sünde wegzutun, seine eigene Liebe hervorströmen zu lassen und allen Ansprüchen des Glaubens auf die Gnade zu entsprechen.

Boas geht «zum Tor» hinauf, dem Platz des Gerichts, und trifft dort «die Ältesten», die die Hüter und Wahrer der Gerechtigkeit sind. Dort, in ihrer Gegenwart und zu ihrer vollen Befriedigung setzt er den näheren Löser beiseite und räumt so das Hindernis aus dem Weg, das seine Absicht verunmöglichte, Ruth zu nehmen mitsamt allen ihren Lasten. Der Glaube hat damit gerechnet, dass der Mann nicht ruhen würde, bis die Sache zu Ende geführt sei (Ruth 3,18). Und so geschah es auch. Boas ordnet die ganze Angelegenheit. Ruth hat nur still zu «bleiben», wie Noomi sie unterwiesen hat; ihr Löser ist treu und mächtig.

Der Löser in Israel war einer, der – wie Noomi zu Ruth gesagt hat – die Güte des HERRN gegenüber den Lebenden und den Toten, und wir können hinzufügen: gegenüber den Armen und Unterdrückten, nicht vergass (Ruth 2,20). Er wird das ganze Erbteil seines verarmten Bruders lösen, das Blut seines ermordeten Bruders rächen (4. Mo 35,12.21), den Namen seines gestorbenen und kinderlosen Bruders wieder erwecken. Ein schöner Dienst, aus dem die Gnade in ihrem Reichtum, ihrer Tiefe und ihrer Mannigfaltigkeit hervorleuchtet.

Boas war der rechte Mann, um dies darzustellen. Sein Handeln zeigte sich darin, dass er Ruth zur Frau nahm, sie mit den reichsten Segnungen, die er hatte, überschüttete, aufgrund der Vollmacht, die ihm das Gesetz Israels einräumte. Er handelte gerecht, in Übereinstimmung mit den Ansprüchen des Thrones des Gerichts, wenn er eine Ährenleserin vom Feld wegnahm, um sie an seine Seite zu setzen. Ein schönes Vorbild von dem, der gerecht ist, wenn er Sünder rechtfertigt.

Der Glaube mag in seinen Ansprüchen hochgreifen und grosse Dinge beanspruchen; aber die Gnade und die Ratschlüsse Gottes, das Gesetz des Lösers und die Treue des Erlösers berechtigen ihn dazu. Die Kühnheit des Glaubens wird nie die Rechtsansprüche des Glaubens überschreiten. Das Herz, das in Gott Mut fasst, wird gesegnet.

Die Gnade hat ebensolche Berechtigung, sich zu erweisen, wie der Glaube, um sich diese zu eigen zu machen. Das Kreuz ist sozusagen bei dem «Tor» aufgerichtet worden, oder am Platz des Gerichts. Die Heiligkeit Gottes tritt nie so deutlich hervor, wie dann, wenn Er aufgrund des Kreuzes Christi Sünden vergibt. Dort, wo Friede auf der Erde verkündigt wird, wird auch die Herrlichkeit Gottes in der Höhe kundgemacht. Seine Gerechtigkeit leuchtet dort ebenso hell hervor, wie seine Liebe. Wir stützen uns auf die auf den Thron erhobene Gnade, – das Blut wurde auf den Sühndeckel der Bundeslade gesprengt, in der die zwei Tafeln des Zeugnisses waren. Dadurch wurde sowohl die Gnade aufrechtgehalten und verherrlicht als auch das Gesetz. Gottes Gerechtigkeit kam dort zum Ausdruck, darin nämlich, «dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist» (Röm 3,26).

Noch auf einen schönen Punkt in den Unterweisungen Noomis an Ruth möchte ich hinweisen. Als diese noch eine Bittstellerin war, sagte ihr Noomi, sie solle sich baden und salben, ihre Kleider anziehen und zur Tenne hinabgehen, wo Boas sein werde. Sobald aber Boas sie angenommen hatte, änderte Noomi ihre Stimme und veranlasste sie, still zu bleiben (Ruth 3,18). So ist es auch jetzt auf dem Weg, den die Seele zu gehen hat. Zunächst sind wir mit uns selbst beschäftigt. Wir haben manche Gedanken über unsere Unreinheit und Nacktheit, sind von unserem sündigen Zustand überzeugt und schämen uns darüber. Haben wir aber das grosse Geheimnis der Gnade kennengelernt, dass unser Erlöser unsere Sache zu seiner eigenen gemacht hat, dann geziemen uns Ruhe und Stille, das Wegblicken von uns selbst. Dafür aber dürfen wir uns mit Christus beschäftigen. Wir brauchen dann nur zu stehen und die Rettung Gottes zu sehen. Wir haben dann wie Josua in Sacharja 3, still zu sein, während der Herr seine Aufgabe an uns und für uns ausführt. Wir können es Ihm überlassen, unserem Ankläger zu antworten und müssen – wie die Frau in Johannes 8 – unsere Lippen nicht öffnen. Solange wir noch von der Welt her auf dem Weg zu Ihm sind, mögen wir, wie der verlorene Sohn, an uns selber denken; sobald wir aber das Haus betreten haben und sehen, wie der Vater unsere Segnung zu seiner Sorge gemacht hat, dann haben wir, wie der verlorene Sohn, nur zu sitzen und zu essen und uns zu freuen.

Noomi stand zwischen Boas und Ruth, als eine Zeugin von Boas für sie. So ist auch die Schrift zwischen Gott und uns. Sie bezeugt uns Gott. Die Aufgabe des Glaubens ist es zu hören, zu empfangen und im Vertrauen darauf sich zu freuen. So hat es Ruth getan. Die bescheidene Ährenleserin wird unter dem Wort Noomis zur sicheren und kühnen Bittstellerin. Für Ruth war es völlig genug, dass Noomi sie unterwiesen hatte. Sie begehrte nichts anderes und zögerte auch nicht.

Anderseits ist es ebenso wichtig, dass Noomis Wort auch Boas genügte. Was immer auch Noomi von Boas zu Ruth gesagt hatte, machte Boas ihr gegenüber wahr. Und so genügt es auch, dass die Schrift geredet und im Namen des Herrn Sündern Verheissungen gegeben hat. Alle werden sich erfüllen, nicht ein Jota wird fehlen. Himmel und Erde können vergehen, aber nicht ein Wort des Herrn, bevor es geschehen ist. Jesus war hier auf der Erde in seinem ganzen Dienst die Erfüllung der Schriften; und Er wird nicht ruhen, bis Er alle ihre Pfänder, die dem Glauben gegeben sind, eingelöst hat, in all ihrem wunderbaren Reichtum der Gnade und Herrlichkeit.