Joseph, ein Vorbild vom auferstandenen Herrn

«Er sandte einen Mann vor ihnen her, Joseph wurde zum Knecht verkauft … bis zur Zeit, als sein Wort eintraf» (Ps 105,17.19).

Es ist höchst interessant und nützlich, im Alten Testament Vorbilder des auferstandenen Christus zu sehen. Die Geschichte Josephs zeigt etwas von den Segensabsichten Gottes für sein irdisches, aber nicht minder auch für sein himmlisches Volk.

Als Joseph sich seinen Brüdern zu erkennen gab (1. Mo 45,4), war er, wie man dachte, bereits seit zwanzig Jahren tot (vgl. 1. Mo 42,13). Zwanzig lange Jahre waren vergangen, seit Jakob gesagt hatte: «Trauernd werde ich zu meinem Sohn hinabfahren in den Scheol» (1. Mo 37,35). Jetzt aber rief er aus: «Genug! Joseph, mein Sohn, lebt noch!»

So haben wir hier die beiden grossen Grundsätze aus der Geschichte unseres Herrn, nämlich den Tod und die Auferstehung. In den Träumen Josephs wurde die herrliche Zukunft des Herrn kundgemacht, nämlich, dass «Gott ihn hoch erhoben und ihm den Namen gegeben hat, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist» (Phil 2,9-11). Die Vorrechte Josephs wurden seinen Brüdern Anlass zum Neid. So erfüllte auch der Vorrang unseres Herrn seine Brüder nach dem Fleisch mit Neid (Mt 27,18). Joseph wurde für zwanzig Silberstücke verkauft, unser Herr für dreissig. Gleich Isaak im Vorbild wurde auch Joseph vor dem Tod bewahrt, aber unser teurer Herr musste in den Staub des Todes sinken. Gott hat Ihn für uns alle hingegeben. So grausam auch die Behandlung Josephs seitens seiner Brüder war, so war doch Gott mit ihm. Aber der Herr Jesus musste ausrufen: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Josephs Leiden waren seinem Willen entgegen, aber unser Herr starb freiwillig: «Ich lasse mein Leben für die Schafe.»

Anbetend stehen wir vor der kostbaren Person und dem herrlichen, vollbrachten Werk unseres Herrn, den «der Gott des Friedens aus den Toten wiederbrachte».

Zwanzig Jahre lang war die furchtbare Sünde seiner grausamen Brüder verborgen geblieben. Aber dann war die Hungersnot stark auf der ganzen Erde (1. Mo 41,57). Wie oft geschieht es, dass während der Jahre des Wohlstandes und Überflusses die Sünden vergessen werden. So lange der verlorene Sohn (Lk 15) in Luxus und Ausschweifung leben konnte, hören wir aus seinem Mund kein Wort über seine Sünden und das Vaterhaus. Als aber alles verschwendet und die Hungersnot gross war, wurde sein Gewissen wach im Blick auf seine Sünden und das Vaterhaus, sowie auf die Notwendigkeit der Rückkehr zum Vater. Wie sich dieser in seinem Elend an den «Überfluss an Brot» beim Vater erinnerte, so erfuhr Jakob in der Hungersnot, dass in Ägypten Getreide vorhanden war, und seine zehn Söhne mussten hingehen, um zu kaufen, damit sie nicht starben.

Joseph war nicht nur Herrscher über Ägypten, sondern auch «Retter der Welt» (1. Mo 41,45). Zu niemand anderem konnten sie gehen, um Brot zu bekommen. Zwar wussten sie nicht, dass sie vor Joseph standen. Er redete hart mit ihnen: «Ihr seid Kundschafter.» Wie sonderbar aber klingt ihre Verteidigung: «Wir sind redlich. Zwölf Brüder sind wir, Söhne eines Mannes; und siehe, der Jüngste ist heute bei unserem Vater, und der eine ist nicht mehr.» In der Gegenwart dessen, den sie verworfen, aber nur scheinbar getötet hatten, behaupten sie, redlich zu sein! Welch ein Bild von der selbstgerechten Welt! Sie hat den Herrn der Herrlichkeit verworfen und gibt dennoch vor, redlich zu sein und Gottes Gebote zu halten! –

Aber die Prüfung geht tiefer: Anstatt Getreide zu bekommen, müssen sie ins Gefängnis, damit sie erkennten, dass sie sich an Joseph schwer verschuldet haben. Aber am dritten Tage sagt dieser zu ihnen: «Tut dies und ihr sollt leben.» Dieser Hinweis auf den Auferstehungstag unseres Herrn zeigt uns im Vorbild den einzigen Ausweg aus dem Gefängnis eines gequälten Gewissens.

Obgleich Joseph hart mit seinen Brüdern redete, war doch nichts als Liebe für sie in seinem Herzen. Wie der Herr Jesus über die Stadt Jerusalem weinte, so weinte Joseph wegen seiner Brüder. Simeon wird gebunden, ihre Säcke werden mit Getreide gefüllt und schweren Herzens treten sie die Heimreise an. Aber noch hat die Erkenntnis ihrer Sünde bei ihnen keine gottgemässe Buße und kein Bekenntnis hervorgebracht; die Frage der Sünde ist daher noch nicht geordnet. Was für ein Schlag war es nun, als einer von ihnen sein Geld wieder in seinem Sack vorfand! «Was hat Gott uns da getan!» Das Gewissen ist jetzt in die Gegenwart Gottes gebracht. In solcher Lage mag Satan wohl brüllen: «Gott ist gegen dich, du bist ein zu grosser Sünder.» Aber Satan ist der Lügner von Anfang.

Schwer ist die Hungersnot im Land, wiederum müssen sie zu Joseph gehen. – Arme, von deinen Sünden geplagte Seele, du musst dich zum Herrn Jesus wenden!

Welche Gewissensnot! Benjamin muss mitziehen und Juda, der Stammvater des ewigen Bürgen seiner Erlösten, wird Bürge für ihn. Sie fürchten sich, aber statt des verdienten Zornes hören sie das Wort: «Friede euch, fürchtet euch nicht!» (1. Mo 43,23). Josephs Herz ist von verlangender Liebe tief bewegt, als er seinen Bruder Benjamin bei ihnen sieht, und er geht hinaus, um zu weinen. Welches Bild göttlicher Gnade! Aber noch muss Joseph sich zurückhalten. Bei seinem Fest trinken sie sich fröhlich mit ihm. Wieder ist für eine Weile die Sünde vergessen, aber Bekehrung hat noch nicht stattgefunden. Man mag vorübergehend an den göttlichen Segnungen teilnehmen, doch menschliches Vergessen und göttliche Vergebung sind zwei verschiedene Dinge. Wiederum werden ihnen die Säcke gefüllt, sie empfangen neuen Segen, sind aber immer noch in Ungewissheit, wie ihre Sünde weggetan werden kann. Dann wird in Benjamins Sack der Becher gefunden, und das bewirkt den Zusammenbruch. «Gott hat die Missetat deiner Knechte gefunden» (1. Mo 44,16).

Durch das Auffinden des Bechers in Benjamins Sack kommen Josephs Brüder zur vollen Erkenntnis ihrer Sündenschuld. Jetzt – nicht vorher – kann Joseph sich ihnen zu erkennen geben. Was mochten wohl ihre Gedanken sein, als sie hörten: «Ich bin Joseph»? Derselbe Joseph, den sie in die Grube geworfen, nach Ägypten verkauft und als tot bezeichnet hatten, steht nun vor ihnen als Herrscher über Ägypten, mit einer Macht bekleidet, die jedes Vergehen rächen konnte. Er hat das Recht, ihr Leben zu fordern, das sie verwirkt haben. Aber in Gnaden sagt er: «Tretet doch zu mir her!» – Gleichen diese Worte nicht der Einladung unseres Herrn Jesus: «Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben» (Mt 11,28)? «Und sie traten herzu.» Jetzt vernehmen sie Worte des Lebens aus seinem Mund: «Gott hat mich vor euch hergesandt … um euch am Leben zu erhalten für eine grosse Errettung» (1. Mo 45,7).

Ist das nicht auch die Botschaft des Evangeliums, wodurch uns mitgeteilt wird, dass unser geliebter Herr sterben und auferstehen musste, um verlorenen Sündern eine grosse Errettung, ewiges Leben geben zu können? «diesen, hingegeben nach dem bestimmten Ratschluss und nach Vorkenntnis Gottes, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen an das Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt» (Apg 2,23.24). «Das ganze Haus Israel wisse nun zuverlässig, dass Gott ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt» (Vers 36).

Wie gut, dass Josephs Brüder herzutraten! – So darf auch der arme, schuldige Sünder kommen! Der auferstandene und verherrlichte Herr hat durch seinen Tod und durch seine Auferstehung die Grundlage gelegt, damit der gerettete Sünder die Botschaft vernehmen kann: «Lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigen Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens» (Heb 10,22), um so sein grosses Vorrecht in der Anbetung des Vaters und des Sohnes am Tisch des Herrn auszuüben.

«Und er küsste alle seine Brüder und weinte an ihnen; und danach redeten seine Brüder mit ihm» (Kap. 45,15). Von welcher Sicherheit der Vergebung zeugt dieser Vers! Aber nicht nur Vergebung, auch wahre, aufrichtige Versöhnung war Josephs Brüdern zuteilgeworden, denn der Kuss ist in Gottes Wort oft das Zeichen der Versöhnung (Lk 15,20). Aber das war noch nicht alles: Im Land Gosen wurden sie auch mit reichen irdischen Segnungen bedacht.

So sind die Gläubigen aufgrund des vollbrachten Werkes ihres Herrn und Heilandes «gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern» (Eph 1,3). Wäre der Herr Jesus nicht gestorben und siegreich aus den Toten auferstanden, würde die ganze Menschheit in ihrer Sündennacht umkommen, sowie damals alles menschliche Leben auf der Erde hätte zugrunde gehen müssen, wenn Joseph nicht nach Ägypten gekommen wäre. «Und nun, nicht ihr habt mich hierher gesandt, sondern Gott; und er hat mich zum Vater des Pharaos gemacht und zum Herrn seines ganzen Hauses und zum Herrscher über das ganze Land Ägypten» (Kap. 45,8). So furchtbar die Sünde des Menschen und so gross seine Verantwortung dafür ist, den Herrn der Herrlichkeit gekreuzigt zu haben, so ist es doch anderseits Gott selbst, der Ihn zuvor erkannt hat, damit Er uns als «das Lamm ohne Flecken und ohne Fehl» durch seinen Tod am Kreuz erretten und für Gott erkaufen möge. Derselbe Jesus, der am Kreuz starb und aus den Toten auferstand, ist jetzt das Haupt einer neuen Schöpfung. Er ist hoch erhoben «über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrlichkeit und jeden Namen, der genannt wird» (Eph 1,21).

Als man Pharao sagte, Josephs Brüder seien gekommen, da war es gut in seinen Augen. Wie gross ist aber erst die Freude Gottes des Vaters über jeden Sünder, der Buße tut! Und wie gross wird seine Freude sein, wenn sein Vaterhaus für ewig mit den Erlösten gefüllt sein wird!

Gehören alle Leser zu den Gegenständen seiner ewigen Freude?