Wahre Anbetung

Der wunderbare Charakter wahrhaftiger Anbetung hat in jüngster Zeit meine Gedanken vielfach beschäftigt, und ich habe tief gefühlt, welch schwache Begriffe wir davon haben. Unsere Bedürfnisse sind so zahlreich, dass wir wissen mögen, was Gebet ist, und wir stimmen auch von Herzen ein in die Danksagung für alles, womit ihnen so reichlich begegnet worden ist. Anbetung aber geht, in ihrem vollsten und höchsten Sinne, weit über die Danksagung hinaus, wenn ich auch nicht sagen will, dass sie diese ausschliesse.

In der Anbetung bringen wir Gott das dar, was Ihn erfreut, das, worin Er seine Befriedigung und seine Wonne findet. Und wo findet Er sie? In Christus und sonst nirgends. Gottes ganze Wonne konzentriert sich in seinem geliebten Sohn. Bei eigentlicher Anbetung hat die Beschäftigung mit unserem Zustand, unseren Gefühlen, Prüfungen, Erfahrungen oder auch mit unserem Dienst keinen Platz. Wir mögen alle Ursache haben, über diese Dinge zu beten; wenn wir aber anbeten, so sprechen wir vor Gott aus, was wir in Christus haben, und was Er in Christus hat, so wie es Ihm wohlgefiel, es uns zu offenbaren.

Es ist ein tiefer Schmerz für mich, die Armut an wahrer Anbetung in so manchen Versammlungen wahrzunehmen. So viele Brüder sind am Tisch des Herrn ganz stumm. Damit will ich nicht sagen, dass keine Anbetung sei, wo Schweigen ist; sind aber die Herzen von Anbetung erfüllt, so wird der Herr auch bald eine Stimme finden, um ihr einen vereinten Ausdruck zu geben.

Ich fürchte, dass wir wenig davon wissen was es heisst, in der Gegenwart des Vaters Anbeter zu sein, indem wir wirklich vor Ihm mit Christus beschäftigt sind in all der Freude solcher, die wissen, wie wohlgefällig Er dem Herzen des Vaters ist. Hat dieser Mangel nicht seinen Grund? Nach meiner Überzeugung liegt er darin, dass wir trotz all unserer Erkenntnis Christus in Wirklichkeit so wenig für uns persönlich wertschätzen, und wir daher nur in sehr schwacher Weise erfassen, wie unendlich kostbar Er dem Herzen des Vaters ist.

Für meine eigene Seele liegt eine ganz besondere Kraft in dem engen Zusammenhang, den wir in Philipper 3,3 sehen, zwischen «durch den Geist Gottes dienen» (oder anbeten) und «uns Christi Jesu rühmen». Würden wir stets Christus geniessen, fänden unsere Herzen ihre Wonne in Ihm und in seinem Werk, indem sie sich nicht bloss bezüglich ihres Heils auf Ihn stützten, um für die Vergangenheit und die Zukunft von jeder Furcht befreit zu sein – ach, wie manche scheinen nie über dies hinauszukommen! – dann wären wir gleich Räuchergefässen, die unaufhörlich seinen Wohlgeruch in geistlicher Anbetung verbreiteten.

Ich möchte mein eigenes Herz und das Deine ernsthaft fragen: Geniessen wir Christus? Gott sei Dank, ich zweifle weder an deiner Bekehrung noch an der meinen, und gerade diese Gewissheit befähigt uns, alles willkommen zu heissen, was in uns eine Herzensübung vor Gott hervorruft. Lasst uns nicht vergessen, dass Verständnis und Genuss nicht dasselbe sind. Hat es sich nicht sehr oft gezeigt, dass bei viel Erkenntnis des Wortes durch den Verstand dennoch in der Seele wenig Genuss der göttlichen Gunst vorhanden war?

Rühmst du dich Christi als des Sündopfers? Beschäftigen sich deine Gedanken mit dem fleckenlosen Opfer, das jenen schrecklichen Platz der Entfernung von Gott, des Todes und des Gerichts für dich und deine Sünden einnahm? Denkst du mit anbetendem Staunen an jenen Schrei unvergleichlicher Angst: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Alle Schrecken der Entfernung von Gott, die uns gebührte, wurden während jener drei Stunden seiner stellvertretenden Leiden auf dem Kreuz von seiner heiligen Seele gefühlt. Als wir kraftlos und Gottlose waren, ist Christus für uns gestorben. Ja, für Sünder, wie du und ich waren, starb Er! Er gab sich selbst hin für deine und meine Sünden, diese dunkeln, blutroten, die Seele befleckenden und Gott entehrenden Sünden; Er starb für sie nach den Schriften, indem Er sie an seinem eigenen Leib auf dem Holz getragen und für jede von ihnen gelitten hat. Das Schwert des Gerichts erwachte aus seiner Scheide des Erbarmens, als der Mann, der der Genosse des HERRN war, unseren Platz am Kreuz einnahm. Ein Gericht ohne Barmherzigkeit, ein Zorn, durch nichts gemildert, das war sein Teil, als Er, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht wurde. An Ihm hat die Flamme sich ausgebrannt und du hast Vergebung; du bist gewaschen, gerechtfertigt, erlöst, in deinem Gewissen gereinigt und durch sein Blut nahe gebracht. Geniessest du das?

Freust du dich in Christus als dem Brandopfer? Betrachtest du mit Bewunderung, mit Liebe und Anbetung das Werk Christi als den Gegenstand der Wonne für das Herz Gottes? Der Herr Jesus Christus starb am Kreuz in vollkommener Liebe zu seinem Vater und aus Gehorsam gegen ihn, um seine Herrlichkeit in jeder Hinsicht aufrecht zu halten. Welche Befriedigung hat Gott darin gefunden, dass seiner Heiligkeit in Bezug auf die Sünde Genüge getan wurde. Der erste Mensch war zum Tod ungehorsam gewesen, hier aber war Einer, der gehorsam war bis zum Tod, ja, dessen Tod noch ein weiterer Grund war für die Liebe des Vaters zu Ihm. Er konnte sagen: «Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse» (Joh 10,17). Gott war nirgends so sehr verherrlicht worden, wie am Kreuz. Christus hat sich selbst für uns gegeben als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zum duftenden Wohlgeruch. Er hat das Herz des Vaters weit über alle Begriffe erfreut. Gott hat Ihn und sein Werk für dich angenommen und du bist nun «begnadigt (oder in seine Gunst genommen) in dem Geliebten». Durch das Sühnopfer wurden Gottes Ansprüche befriedigt, durch das Brandopfer sein Herz erfreut. Und was ist die Folge davon? Es gibt keinen Strahl der Herrlichkeit, keine Segnung der Gnade, die jetzt nicht auf dich und mich, den geliebten Kindern, ausströmen könnte. Geniesst dein Herz diese Gunst?

Freust du dich der persönlichen Vollkommenheiten Christi? Denke an jenes kostbare Räucherwerk (2. Mo 30,34) von unbeschränktem Gewicht, dessen Bestandteile aber wohlriechende Gewürze «zu gleichen Teilen» sein sollten; sie sind ein Vorbild der mannigfaltigen Vollkommenheiten Christi in ihrem Ebenmass zueinander. Die Gefördertsten unter den Gläubigen wiesen Ungleichheiten auf: Die einen waren voll Liebe, folgten aber nicht in allem der Gerechtigkeit; andere waren in der Wahrheit gefördert, zeigten aber wenig Gnade; andere vielleicht waren voller Energie, doch von wenig geistlicher Unterscheidungsgabe; andere wieder hatten viel Verständnis, daneben aber wenig Eifer. Solche Einseitigkeiten und Mängel fanden sich bei Jesus nicht. Alle diese kostbaren Dinge waren bei Ihm in unumschränkter Fülle vorhanden, sich gegenseitig entsprechend und ausgleichend. Er war unendlich und göttlich vollkommen.

Wie köstlich ist es zu wissen, dass uns Gott in Christus sieht und seine Gedanken über uns nicht unseren armseligen Gedanken über Christus gemäss sind, sondern dass sie seiner eigenen Wertschätzung dieser unvergleichlichen Person und seines wunderbaren Werkes entsprechen. Wenn wir dieses durch die Kraft des Heiligen Geistes erkennen, so entzündet es unsere Herzen mit dem Wunsch, Ihn besser zu kennen und völliger zu geniessen. Und in dem Mass, als Er uns kostbar wird, in dem Mass, als die Betrachtung seiner selbst unseren Herzen wahre und immer neue Wonne bringt, wird es immer mehr unsere Freude sein, diese Gedanken über Jesus vor dem Vater auszusprechen.

Fragt man mich: «Wie können wir in der Erkenntnis und Wertschätzung Christi wachsen?», so antworte ich: Der Sachwalter, der Heilige Geist, ist gekommen, um von Ihm zu zeugen und Ihn zu verherrlichen; von dem Seinen zu empfangen und uns zu verkündigen. Wir besitzen im Wort die volle Offenbarung Christi (mögen wir es fleissig benützen!), und der Heilige Geist ist die Kraft, mit der wir Ihn geniessen. «Betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes» (Eph 4,30), damit Er in seinem kostbaren Dienst der Mitteilung der Dinge Christi nicht gehindert werde, sondern «seid mit dem Geist erfüllt». Wenn jemand mit dem Geist erfüllt ist, so zeigt es sich darin, dass Christus der Gegenstand ist, der ihn beherrscht. Christus selbst besitzt sein Herz, und Christi Interessen auf der Erde sind es, für die er lebt. Obwohl seiner eigenen Schwachheit bewusst und durch die Kenntnis seiner selbst demütig gemacht, kann er dennoch sagen: «Das Leben ist für mich Christus.»

Vielleicht denkst du, dass das Vorhergehende mehr auf Gemeinschaft als auf Anbetung Bezug habe; allein die erstere ist in Wirklichkeit die Grundlage der letzteren, denn wir können nur in dem Mass zu Gott von Christus reden, Ihn sozusagen vor Gott bringen, als wir selbst Ihn geniessen. Gott sei Dank dafür, dass, wie wenig wir auch Christus zu schätzen vermögen, Er doch Gott immer wohlangenehm ist! Wenn du eine Turteltaube hast (3. Mo 1,14), so halte diese nicht zurück, weil es kein Schaf oder kein junger Stier ist; bringe sie; auch dies ist «ein duftender Wohlgeruch» für Gott. Aber, lieber Bruder, möchten wir Christus besser zu erkennen suchen, und uns mehr und mehr «seiner rühmen».

Zum Schluss empfehle ich deinem Nachdenken noch das besondere Interesse, das der Vater an dieser «Stunde» nimmt. «Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater im Geist und in Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter» (Joh 4,23).