Lektionen aus 1. Mose 40
Es kann sein, dass wir biblische Geschichten wie die Erzählung von Joseph seit unserer Kindheit kennen. Wenn wir uns mit ihnen befassen, haben wir manchmal das Gefühl, sie hätten uns nicht mehr viel zu sagen. Vielleicht betrachten wir die schwierige Situation, der die Person in der Geschichte begegnet, aus der Sicht des glücklichen Endes, das wir bereits kennen.
Darum wollen wir versuchen, einige Tatsachen im Bericht von 1. Mose 40 auf das Kapitel beschränkt zu betrachten. Wir finden dort Joseph, der wegen der falschen Anschuldigung von Potiphars Frau im Gefängnis sitzt. Am Ende dieses Kapitels ist er immer noch in Haft. Was hat sich in seinem Leben geändert? Nichts.
Joseph befand sich in einer Situation, die man als eine Wartezeit bezeichnen könnte. Das Wort Gottes sagt uns nicht genau, wie gross das Ausmass der Strafe war, die er verbüßen musste. Er war ein Gefangener. Wir gehen auch davon aus, dass er nicht wusste, wie lange die Haft dauern würde. Zudem musste seine Freilassung an eine ganze Reihe von Ereignissen geknüpft sein, die völlig ausserhalb seiner Kontrolle lagen.
Joseph wartete darauf, dass etwas geschah, dass ein Ereignis seine Situation veränderte. Er wartete auf die Entlassung aus dem Gefängnis und hoffte, Gott würde in sein Leben eingreifen. Joseph war ein Wartender. Wir alle müssen warten – auf etwas oder jemand. Wir alle haben unsere Erwartungen.
Für viele von uns ist das Warten etwas im Leben, was wir nicht schätzen. Dennoch müssen wir in vielen Phasen unseres Lebens warten, unabhängig davon, ob es sich um grosse oder kleine Ereignisse handelt.
Einige Beispiele
Wenn wir jung sind, warten wir auf den Abschluss unserer Ausbildung oder unseres Studiums. In dieser Phase gibt es immer wieder Prüfungen, die mit Warten verbunden sind. Sobald wir die Abschlussprüfung abgelegt haben, warten wir auf den Bericht, ob wir sie bestanden haben.
Später warten wir darauf, einen Job zu finden. Wir warten auf die Einladung zum Vorstellungsgespräch. Danach müssen wir oft warten, bis wir erfahren, wie es gelaufen ist.
Wir warten darauf, ob Gott in seinen Plänen mit uns vorgesehen hat, dass wir heiraten und eine Familie gründen. Wir warten, bis Er uns die Person zeigt, die Er als Ehepartner für uns im Auge hat.
Wenn wir heiraten, möchten wir verstehen, ob Gott uns Kinder schenken will. Kommt es zu einer Schwangerschaft, dann warten wir neun Monate, bevor wir das Baby in den Armen halten.
Was kennzeichnet uns in dieser Zeit des Wartens? Rechnen wir mit Gott? Lassen wir uns von Ihm den Weg zeigen? Sind wir abhängig von Ihm im Gebet? Schenken wir Ihm unser bedingungsloses Vertrauen? Oder zeigen wir Angst und Ungeduld, was auf einen Mangel an Glauben hindeutet? Was, wenn sich die Umstände nicht so entwickeln, wie wir es uns wünschen? Versuchen wir dann, die Situation selbst zu kontrollieren oder zu verändern?
Das Gefängnis war eine Schule, in der Joseph lernte, von Gott abhängig zu sein. Dadurch wurde sein Glaube ständig geprüft. Es gibt aber noch eine tiefgründigere Lektion in der Geschichte Josephs.
Bisher haben wir von einer Wartezeit gesprochen, die wir als «normal» und natürlich bezeichnen. Aber bei Joseph ergab das Warten keinen Sinn. Es war schwierig, eine plausible Erklärung dafür zu finden. Auch aus geistlicher Sicht war sein Warten unverständlich. Warum befand er sich in diesem Gefängnis?
Als ich meinen Militärdienst leistete, war ich der Fahrer des Kommandanten. Ich musste ihn auf allen seinen Einsätzen begleiten. Wenn ich am Ort ankam, wo er seinen Termin hatte, blieb ich im Auto sitzen und wartete. Unter bestimmten Umständen wusste ich bei solchen militärischen Treffen weder das Thema noch die Dauer der Besprechung. Ich konnte nur eins tun: warten und das Funkgerät eingeschaltet lassen. So konnte sich der Kommandant jederzeit bei mir melden, wenn er etwas brauchte. Hätte mich jemand gefragt, warum ich mich an diesem Ort befand und wie lange ich dort bleiben würde, hätte ich oft nicht gewusst, was ich antworten sollte.
Wir alle erleben Zeiten, in denen wir nicht wissen, wie wir die Frage beantworten sollen, warum wir uns in einer bestimmten Situation befinden. Es sind Momente, in denen nichts einen Sinn zu haben scheint. Manchmal passiert ganz plötzlich etwas Schwieriges, was unser Leben durcheinanderbringt. Wir wissen nicht, wie lange es dauert und ob sich das Problem löst. Wir sind auch nicht in der Lage, es zu ändern. Ausserdem können wir in solchen Umständen ein gutes Gewissen haben und im Klaren sein, dass wir nicht die Folgen der väterlichen Erziehung unseres Gottes für begangene Fehler tragen müssen. Dann sagen wir wie Joseph: «Ich habe gar nichts getan, dass sie mich in den Kerker gesetzt haben» (Vers 15). Wir fühlen uns verwirrt, sind vor den Kopf geschlagen und entmutigt.
Warum lässt Gott so etwas in meinem Leben zu? Warum greift Er nicht ein? Warum gibt es keine Lösung? Warum endet diese Prüfung nicht? Und alles, was wir tun können, ist warten!
Was tun wir in der Wartezeit?
Wir sollen bereit sein. Wozu? Um anderen nützlich zu sein. In der Geschichte von Joseph waren zwei Männer mit ihm im Gefängnis: der Oberste der Mundschenken und der Oberste der Bäcker. Das waren missmutige Leute mit betrübten Gesichtern (Verse 6.7).
In schwierigen Umständen begegnen wir vielleicht Menschen, die wir nie kennen gelernt hätten, wenn wir diese Erfahrung nicht gemacht hätten. Joseph kümmerte sich um die beiden Gefangenen. Er beantwortete die Fragen ihrer Herzen nach den Gedanken Gottes. Joseph war bereit, zu dienen und Menschen zu Gott zu bringen.
Darin liegt eine grosse Lektion für uns alle. Die Umstände in unserem Leben, die uns aus menschlicher Sicht am schlimmsten zu sein scheinen, kann Gott benutzen, um daraus das Beste zu seiner Ehre zu machen. Joseph erlitt ein grosses Unrecht. Er wusste nichts über seine Zukunft. Doch das war nicht seine Hauptbeschäftigung. Er befasste sich vielmehr damit, seinem Gott zu dienen.
Joseph wünschte, aus dem Gefängnis herauszukommen. Darum sagte er zum Mundschenk des Königs: «Erinnere dich an mich, wenn es dir gut geht, und erweise doch Güte an mir und erwähne mich beim Pharao und bring mich aus diesem Haus heraus» (Vers 14). Joseph dachte vielleicht für einen Moment, er habe im Mundschenk die Lösung für sein Problem gefunden. Ich denke, dass jeder von uns sich in einer schweren Prüfung wünscht, Gott würde auf die eine oder andere Weise eingreifen.
Doch gleich darauf wird es still. Joseph ist ruhig. Wir lesen nichts von Hektik, Sorgen oder Ängsten. An seiner Stelle hätte ich mir nach dem Gespräch mit dem Mundschenk sofort viele Fragen gestellt: «Wird er sich an mich erinnern?» Und: «Wann wird er an mich denken?» Und: «Wird er gegenüber dem Pharao die richtigen Worte verwenden?» Und: «Wie wird der Pharao reagieren?»
Wie geht es weiter?
Kapitel 40 endet auf eine verwirrende Weise: «Aber der Oberste der Mundschenken dachte nicht mehr an Joseph und vergass ihn» (Vers 23).
Was sollte Joseph in diesem Moment tun? Warten und nochmals warten. Wie lange? Viele Tage? Einige Monate? Nein, er wartete von jenem Zeitpunkt an mindestens zwei Jahre.
Kapitel 40 geht also zu Ende, ohne dass sich für Joseph etwas geändert hat. Welche Lehren können wir aus seinem Verhalten in dieser Begebenheit ziehen?
- Völlige Abhängigkeit von Gott
- Treue und Stabilität
- Strahlender Glaube
- Bereitschaft, Gott auch unter schwierigen Bedingungen zu dienen
- Bereitschaft, anderen zu helfen, selbst wenn wir menschlich dazu neigen, uns nur mit uns selbst zu beschäftigen
Das sind Dinge, die bleiben und in Gottes Augen wertvoll sind. Es ist das, was Er von den Seinen wünscht, wenn es eine lange Wartezeit gibt, wenn wir in Umstände kommen, die wir nicht verstehen und die unseren Glauben auf die Probe stellen.
Befiehl dem HERRN deinen Weg und vertraue auf ihn, und er wird handeln! … Vertraue still dem HERRN und harre auf ihn! (Psalm 37,5.7).
Wenn du auch sagst, du schaust ihn nicht – die Rechtssache ist vor ihm; so harre auf ihn. (Hiob 35,14).
