Unter der Herrschaft Jesu Christi

Judas 1

Der Ausdruck «am Ende der Tage» wird im Neuen Testament in zweierlei Sinn gebraucht. Wenn er am Anfang des Hebräer-Briefes benützt wird, so ist dort die gegenwärtige Haushaltung im Allgemeinen gemeint. Aber der Ausdruck wird auch auf die letzte Zeit der gegenwärtigen Haushaltung angewendet. So auch in diesem Brief, wo Judas davon redet, dass «am Ende der Zeit» Spötter sein werden (Judas 18).

Es ist wichtig, dass wir die Wesenszüge kennen, die die letzten Tage kennzeichnen, so wie sie hier durch den Geist Gottes beschrieben werden. Hauptsächlich zwei sind es, die – auch nach den anderen Briefen – das Ende dieser Haushaltung charakterisieren:

  1. der Geist intellektueller Unabhängigkeit, und
  2. die Sittenlosigkeit.

In 2. Petrus 3 wird gesagt, «dass in den letzten Tagen Spötter mit Spötterei kommen werden, die nach ihren eigenen Begierden wandeln und sagen: Wo ist die Verheissung seiner Ankunft?» Da ist es ein Geist der Spötterei, der in dieser letzten Zeit aufkommt, und er wendet sich gegen die Geheimnisse der Wahrheit.

Im 1. Johannes-Brief wird von derselben Sache gesprochen als vom Geist des Antichristen, ein Geist, der damals schon wirkte und der ebenso die Geheimnisse der Wahrheit missachtet. «Kinder, es ist die letzte Stunde», sagt er (1. Joh 2,18). Dann beschreibt er, was diese letzte Stunde auszeichnet: die Leugnung des Vaters und des Sohnes.

Durch diese beiden Zeugen, Petrus und Johannes, empfangen wir somit ein genaues Bild dieser letzten Zeit. Sie ist geprägt durch das Siegel eines Geistes der Spötterei und des Unglaubens, der über das Kommen des Herrn spottet und das grosse Geheimnis der Personen der Gottheit leugnet.

Im Judas-Brief werden nicht diese Wesenszüge der letzten Jage erwähnt, sondern vielmehr ein erschreckender Verfall der Sitten, wie auch der Apostel Paulus ihn in 2. Timotheus 3 ankündigt. Gemäss dem Zeugnis des Paulus «werden die Menschen selbstsüchtig sein, geldliebend, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, unheilig, ohne natürliche Liebe, unversöhnlich, Verleumder, unenthaltsam, grausam, das Gute nicht liebend, Verräter, verwegen, aufgeblasen, mehr das Vergnügen liebend als Gott, die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen.» Ein schreckliches Bild! und denken wir daran, dass die Christenheit damit beschrieben wird, nicht die heidnische Welt, von der Paulus in Römer 1 redet. Nein, die Prophezeiungen von Paulus, Petrus, Johannes und Judas betreffen die Christenheit. Sie sagen uns zum Voraus, dass die letzten Tage der Christenheit gekennzeichnet sein werden durch einen schrecklichen moralischen Zustand, wie auch durch einen widersprechenden und spöttischen Geist, der die Geheimnisse der Wahrheit verwirft. Da mögen wir fragen: Inwiefern berühren denn diese Zustände uns, die Gläubigen? Haben wir etwas damit zu tun? Wir müssen die Feinde kennen, mit denen wir zu kämpfen haben, die Formen der Macht Satans, gegenüber denen wir wachsam sein sollen. Wenn wir einem Fallstrick entgehen, könnten wir in einen anderen fallen. Wir sollen nicht nur über die Geheimnisse der Wahrheit wachen, sondern auch über unseren ganzen Wandel, damit wir nicht dem allgemeinen praktischen Zustand der letzten Tage verfallen. Sehr wahrscheinlich finden sich die erwähnten beiden Kennzeichen nicht immer in den gleichen Personen. Wer durch seine Vernunftschlüsse auf Abwege gerät, mag moralisch einwandfrei und liebenswürdig sein, während ein anderer, der sich zum orthodoxen Glauben bekennt, in sittlich Bösem vorangehen kann.

Ich möchte jetzt besonders von der Praxis reden und eure Aufmerksamkeit vor allem auf einen Punkt hinrichten. Wenn der Heilige Geist die Leitung übernimmt, die Ihm eigen ist, redet Er von Christus, vom «gemeinsamen Heil». Seine Aufgabe besteht darin, von den Dingen zu nehmen, die Christi sind, und sie uns zu zeigen.

Aber Er nimmt in der Versammlung den Platz des Dienstes ein. Wenn das Böse vor der Türe ist, kehrt Er sich um, um zu ermahnen, «für den einmal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen.»

Er ermahnt die Gläubigen nicht, für die Orthodoxie zu kämpfen, nein, für die Heiligkeit des Glaubens. Wir sind aufgerufen, den Kampf für den Glauben, der den Heiligen einmal gegeben worden ist, aufrechtzuhalten, gegenüber den Menschen, «die die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung verkehren», Menschen, die nicht nur den Vater und den Sohn, sondern «unseren alleinigen Gebieter und Herrn Jesus Christus» leugnen. Diese widersetzen sich in der Praxis seiner Autorität, verachten seine Herrschaft und verwerfen alles, was sie selbst, ihren eigenen Willen, hindern könnte.

Judas redet nicht von Jesus als Heiland, sondern als vom Herrn. – Der Gedanke seiner Herrschaft beschäftigt hier den Heiligen Geist, und wir sollten dieses Wort als gut und nützlich aufnehmen.

Ist es nicht ein grosses Übel, wenn der Gläubige versäumt, eine beständige Wachsamkeit über seine Gedanken, seine Zunge, seine Handlungen auszuüben? Wir sollten nicht sagen: unsere Gedanken, unsere Lippen, unsere Hände, unsere Füsse gehören mir. Sie sind der Herrschaft des Herrn unterworfen. Wir sollen sie nicht missachten.

Der Brief des Judas stellt einen jeden als Wache in einer heiligen Festung auf, um zu wachen, hier nicht gegen einen Geist, der den kostbaren Geheimnissen Gottes widerspricht – das tun Petrus und Johannes, sondern gegen die Neigung des natürlichen Herzens, zu tun was ihm gefällt.

Der Geist Gottes ist eine handelnde Kraft, Er ist das Leben, und der Gläubige soll durch den Geist in lebendiger und heiliger Tätigkeit sein. Wenn uns Petrus die Formen und die Weise des ungläubigen Geistes als Gegenstand der Wachsamkeit angezeigt hat, so erhebt Judas einen anderen Beobachtungsturm, von wo aus wir über die Duldsamkeit gegen uns selbst und gegen die Verunreinigung, die das ganze sittliche Wesen verdirbt, wachen sollen. Auch sollen wir auf der Hut sein gegen den Geist, der sich der Herrschaft Jesu über die Gedanken, die Worte, die Handlungen und die Wege seines Volkes widersetzt.

Wir empfangen Unterweisung aus der Geschichte des Himmels, die uns der Heilige Geist durch Judas gibt (Judas 6). Er geht auch zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte zurück und erwähnt verschiedene Beispiele, um sie uns vor Augen zu stellen und uns so vor einer Auflockerung der Sitten zu warnen. Und beachten wir, wie er diese gottlosen Leute, die die Herrschaft verachten, beschreibt: «Diese sind die Flecken bei euren Liebesmahlen, indem sie ohne Furcht Festessen mit euch halten und sich selbst weiden.» Es ist dieser Mangel an Gottesfurcht, der diesen Zustand des Sittenzerfalls, von dem ich rede, kennzeichnet.

Judas fährt fort und sagt: «Wehe ihnen! Denn sie sind den Weg Kains gegangen und haben sich für Lohn dem Irrtum Bileams hingegeben, und in dem Widerspruch Korahs sind sie umgekommen.»

O Geliebte, ich wünschte, dass dieses einfache Wort, das wir betrachten, euch veranlassen möge, die Lenden eurer Gesinnung zu umgürten. Meinen wir, in irgendeiner Sache unseren eigenen Wegen folgen zu können? Wir haben kein solches Recht. Jemand hat gesagt: «Wenn ich einen Spaziergang unternehme, weil es mein eigener Wille ist, so habe ich gesündigt.» Unseren eigenen Willen tun, weil es unser Wille ist, ist das eigentliche Wesen der Rebellion gegen Gott. Judas weist hier auf die Gefahr hin, den Gürtel zu lösen, der unsere Lenden umgürten soll. Möchten wir doch sein Wort in unsere Herzen einschliessen! Wenn wir unseren Willen dem Herrn Jesus opfern, werden wir viel glücklicher sein, und wir können dabei nichts verlieren. Ich habe keinerlei Recht, zu tun, was mir gefällt und meinem eigenen Vergnügen dient. Der Herr wird mir auf seinen Wegen vielleicht diesen Genuss gewähren; Er wird vielleicht tausenderlei Gnaden auf meinen Pfad streuen. Sobald ich aber meinen eigenen Willen zum Grundsatz meiner Handlungen mache, verachte ich die Herrschaft Jesu. Das ist die Bedeutung des Wortes Gottes durch Judas.

Dann kommt er auf die Weissagung Henochs zu sprechen. Ist es eine Voraussage des Kommens des Herrn, um die zu besuchen, die unter der Macht dieses Geistes des Unglaubens stehen? Nein, Er kommt, um «Gericht auszuführen gegen alle und zu überführen alle Gottlosen von allen ihren Werken der Gottlosigkeit, die sie gottlos verübt haben.» Auf die Gottlosigkeit wird dieses Gericht fallen; und wenn wir auf die uns umgebende Christenheit blicken, sehen wir dann nicht, wie Gottlosigkeit darin überhandnimmt, in einem solchen Mass, dass sie das Gericht des Herrn hervorruft? Aber auch da wollen wir dieses Wort für uns nehmen. Möge der Heilige Geist es auf unser Gewissen anwenden! Ich bin überzeugt, dass wenn ich meinen Willen zur Richtschnur meiner Handlungen mache – indem ich so die Herrschaft Christi missachte – ich mich in meinem Herzen, dem Grundsatz nach, auf dem Weg des Gerichts befinde, von dem Henoch geweissagt hat.

Lasst uns doch von ganzem Herzen diese Ermahnung annehmen! Möchten wir in der Versammlung Gottes ein Nachlassen im Wandel und in der Moral sehen? Soll sie sich nicht der Stimme und dem Zepter des Herrn Jesus beugen? Wenn Er Heiland ist, so ist Er auch Herr.

«Ihr aber, Geliebte, euch selbst erbauend auf euren allerheiligsten Glauben, betend im Heiligen Geist, erhaltet euch selbst in der Liebe Gottes.» Die Liebe Gottes in dieser Stelle erinnert an die andere in Johannes 15: «Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben, wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.» Auf diese Weise werden die Liebe Gottes und die Liebe Christi in uns bleiben.

Treibt dies den Gläubigen zur Gesetzlichkeit? Keineswegs; das bewirkt nur, dass das Herz mit einem weiteren Band an den Herrn Jesus gebunden wird, als an die lebendige Quelle unserer Zuneigungen, dem Gegenstand aller unserer Wünsche.

Schliesslich sagt er noch: «Die anderen aber rettet mit Furcht, sie aus dem Feuer reissend, indem ihr auch das vom Fleisch befleckte Kleid hasst». Tragen wir Sorge, dass dieses Kleid nicht auch uns einhülle. (Lasst uns diese letzten Verse vom Judas-Brief aufmerksam lesen.)

Möge die Botschaft des Judas an das Ohr aller Kinder Gottes dringen, dass allen bewusst werde, wie sehr wir in Tagen des Verfalls und der Selbstsucht leben.

Die Christenheit sucht das ihr Angenehme. Jeden Tag mehren sich die Mittel und Gelegenheiten zu weltlichen oder fleischlichen Genüssen. Die Begierden des Fleisches und der Gedanken (Eph 2,3) werden wohl genährt. Alle Künste und alle Berufe tragen zu ihrer Entfaltung bei. Lasst uns inmitten von all diesem die Herrschaft Jesu lieben! Beugen wir uns unter sein Zepter und bitten wir Ihn, in unseren Herzen zu regieren und darin alle Bewegungen zu leiten.

Jesus soll unser Herr sein, Er, der uns geliebt und sich für uns hingegeben hat. Er ist es, dem wir dienen dürfen, nicht in einem knechtischen Geist und auch nicht durch blosse Ausübung religiöser Riten, sondern in einem Geist der Freiheit und der Liebe, der allezeit Ihm vertraut und alles mit glücklicher Freimütigkeit vor Ihn bringt, am Thron der Gnade.

Wachen wir also, damit Er in der Zeit seiner Abwesenheit in uns verherrlicht werde, durch einen freien und glücklichen Dienst, und damit wir in Ihm verherrlicht werden, wenn Er erscheinen wird, um uns zu sich zu nehmen!