Josephs Erhöhung (1)

Einleitung

Die Geschichte Josephs im Alten Testament enthält viele Hinweise auf die Person des Herrn Jesus. Gerade im Hinblick auf die Leiden, die Joseph vonseiten seiner Brüder erdulden musste, ist er ein deutliches Bild von Dem, der auch von seinen Brüdern, den Juden, verworfen wurde. Viele Einzelheiten – z.T. mit verblüffender Genauigkeit – stimmen auffällig überein. Um nur einige Beispiele zu nennen:

  • die Auszeichnung vonseiten des Vaters
  • der Hass seiner Brüder
  • die Überlieferung an die Nationen
  • der Preis des Verrats usw.

Weniger vertraut sind uns vielleicht die Parallelen zwischen Joseph und dem Herrn Jesus im Hinblick auf die Erhöhung, die beide erfuhren, nachdem sie vorher Schmerz und Leid erlebt hatten. Petrus schreibt in seinem ersten Brief von «den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach» (1. Pet 1,11). Auch der Herr Jesus selbst verband in seinen Worten an die Jünger, die auf dem Weg nach Emmaus waren, die Leiden mit den darauf folgenden Herrlichkeiten: «Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen?» (Lk 24,26). Ähnlich wie Joseph erging es auch unserem Herrn. Den schrecklichen Leiden folgte eine für uns kaum vorstellbare Herrlichkeit.

Im Folgenden wollen wir uns etwas mit den Auszeichnungen und Ehrungen beschäftigen, die Joseph vonseiten des Pharaos erfuhr, um etwas über die Herrlichkeiten zu lernen, die unserem Herrn nach seiner Himmelfahrt gegeben worden sind. Möge das Nachdenken über diesen Abschnitt in 1. Mose 41,42-45 ein Ansporn sein, uns mehr mit unserem Herrn in der Herrlichkeit zu beschäftigen; uns mehr zu interessieren für das, was Ihm nach vollbrachtem Erlösungswerk geworden ist! Fordert Gottes Wort uns nicht deutlich dazu auf: «Sucht, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Sinnt auf das, was droben ist.» (Kol 3,1.2)? Der Herr Jesus selbst sagt uns: «Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein» (Mt 6,21). Für Gott, den Vater, ist es eine grosse Freude, wenn wir uns immer wieder mit seinem Sohn beschäftigen – sowohl in seinen Leiden als auch mit seinen Herrlichkeiten.

Nachdem Joseph aus dem Gefängnis entlassen war, schor er sich und zog andere Kleider an, da er unmöglich in Gefängniskleidern vor den Pharao treten konnte. Als dieser die Deutung seines Traumes erfahren hatte, wurde ihm sofort bewusst, dass da eine aussergewöhnliche Person vor ihm stand. «Werden wir einen Mann finden wie diesen, einen Mann, in dem der Geist Gottes ist?», so rief er in Gegenwart seiner Knechte aus (1. Mo 41,38). Und es blieb nicht bei anerkennenden Worten. Joseph erfuhr im Anschluss an diese Szene eine Reihe von Auszeichnungen, die für die damalige Zeit etwas Aussergewöhnliches darstellten: Der Pharao

  • übergab ihm seinen Siegelring
  • er kleidete ihn in Byssus
  • er legte eine goldene Kette um seinen Hals
  • er veranlasste, dass sich vor Joseph alle niederbeugen mussten
  • er übertrug ihm die Regierung über sein ganzes Reich
  • er verlieh ihm einen Titel
  • er gab ihm eine Frau

Es lohnt sich, diese Punkte zu betrachten und sich zu fragen: Was kann ich daraus über die Herrlichkeit meines Heilands lernen?

1. Der Siegelring

In der Zeit des Alten Testaments war der Träger eines solchen Rings in der Lage, Gesetze und Verordnungen mit bindender Wirkung zu erlassen und in Kraft zu setzen. Wichtige Dokumente und Schriftstücke wurden mit dem Siegel von Autoritätspersonen versehen, um die Originalität und Echtheit zu beweisen. In enger Verbindung mit diesem Autoritätsbeweis stand auch der Tatbestand der Unwiderruflichkeit von Erlassen, wenn sie einmal mit dem Siegel des Gesetzgebers versehen waren. Ein Beispiel dafür finden wir in Esther 8,8: «So schreibt ihr nun im Namen des Königs bezüglich der Juden, wie ihr es für gut haltet, und untersiegelt es mit dem Siegelring des Königs. Denn eine Schrift, die im Namen des Königs geschrieben und mit dem Siegelring des Königs untersiegelt ist, kann nicht widerrufen werden.» Hier treten die beiden Elemente Autorität und Unwiderrufbarkeit deutlich hervor.

Versuchen wir, uns diese Szene vor dem Pharao vorzustellen: Da greift der zu damaliger Zeit wohl mächtigste Mann an seine Hand, zieht seinen eigenen Siegelring, ein Zeichen seiner unumschränkten Herrschaft und Autorität, ab, und steckt ihn an die Hand dieses jungen Hebräers, der vor wenigen Stunden noch im Gefängnis sass, nicht wissend, welches Schicksal ihn ereilen würde. Was wird in Joseph vorgegangen sein, eine solche Auszeichnung und Ehre vom Pharao höchst persönlich überreicht zu bekommen? Eben noch ein rechtloser Gefangener – jetzt der mit höchster Autorität und weitreichenden Befugnissen versehene Herrscher Ägyptens!

Und unser Herr? Er ist jetzt der hoch erhobene und verherrlichte Mensch im Himmel. Gott hat alles in seine Hand gegeben. In diesem Zusammenhang gibt uns 2. Korinther 1,20 einen wichtigen Anhaltspunkt: «So viele der Verheissungen Gottes sind, in ihm ist das Ja, darum auch durch ihn das Amen, Gott zur Herrlichkeit durch uns.» Die von Gott gegebenen Verheissungen und die von Ihm gefassten Ratschlüsse finden ihre Bestätigung und ihre definitive Erfüllung im Herrn Jesus. Er garantiert die Ausführung aller Vorsätze, die Gott gefasst hat; aber ebenso garantiert Er die Erfüllung aller göttlichen Verheissungen. – Auch im Hinblick auf unsere Errettung ist alles endgültig sicher und fest:

  • Wo ist unsre Sünd geblieben?
    Christus starb an unsrer statt;
    durch sein Blut – o welches Lieben! –
    Er die Schuld getilget hat.

Aber auch die Ausführung des von Gott in der Bibel angekündigten Gerichts ist ebenso sicher und unwiderruflich. Zu den Auszeichnungen und Herrlichkeiten, die dem Herrn Jesus als verherrlichtem Menschen gegeben sind, gehört auch die Übertragung der Ausführung göttlicher Gerichte an allen, die den Sohn abgelehnt haben. Gott, der Vater, hat dem Sohn «Gewalt gegeben, Gericht zu halten, weil er des Menschen Sohn ist» (Joh 5,27). Ein ernster Gedanke für ungläubige Menschen – ein ernster Appell aber auch für jeden Gläubigen, die gegenwärtige Zeit auszunutzen, um die Menschen mit der Liebe Gottes, aber auch mit den ewigen Konsequenzen einer verschmähten Liebe Gottes bekannt zu machen.

2. Kleider von Byssus

Leinen oder Byssus bezeichnet einen weissen oder hellfarbenen Stoff, der für die Herstellung von Kleidungsstücken verwendet wurde. Gewöhnlich trugen nur die Priester und vornehme Leute Kleidungsstücke aus Byssus. In 2. Mose 28 wird uns die Priesterkleidung beschrieben: «Du sollst heilige Kleider für deinen Bruder Aaron machen zur Herrlichkeit und zum Schmuck … Und mache den Leibrock von zellenförmigem Gewebe, aus Byssus, und mache einen Kopfbund aus Byssus» (V. 2.39). Mordokai, der Mann, «an dessen Ehre der König Gefallen hatte … ging vom König hinaus in königlicher Kleidung … und in einem Mantel aus Byssus und Purpur» (Est 6,6; 8,15). Diese beiden Beispiele zeigen uns, dass Kleider von Byssus im Allgemeinen von Menschen getragen wurden, die in geistlicher oder weltlicher Hinsicht besondere Würdenträger waren.

Versetzen wir uns zunächst in die Lage Josephs. Was für ein Gegensatz! Vor kurzer Zeit trug er noch Häftlingskleider – und nun königliche Kleider! Eine ungerechte Beschuldigung war die Veranlassung gewesen, ihn ins Gefängnis zu werfen. Aber diese Kleider von Byssus machten jedem Betrachter unmissverständlich klar: Hier stand jemand vor ihnen, der vollständig rehabilitiert war.

Im Hinblick auf unseren Herrn lesen wir in Psalm 18,19.20: «Er führte mich heraus ins Weite, er befreite mich, weil er Gefallen an mir hatte. Der HERR vergalt mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände erstattete er mir.» Byssus oder Leinen ist im Neuen Testament ein Symbol für praktische Gerechtigkeit. Siehe dazu Offenbarung 19,8: «Die feine Leinwand sind die Gerechtigkeiten (oder die gerechten Taten) der Heiligen.»

Der Herr Jesus starb auf Golgatha nicht wegen eigener Schuld. Er konnte die Juden fragen: «Wer von euch überführt mich der Sünde?» (Joh 8,46). Kurz zuvor hatte Er ihnen schon gesagt, dass Er allezeit das dem Vater Wohlgefällige tat (Joh 8,29). Auf Schritt und Tritt, in seinem Tun und Lassen, Reden und Schweigen war Er in vollkommener Übereinstimmung mit seinem Gott und Vater. Das bedeutet vollkommene Reinheit in den Augen Gottes.

Seine Antwort auf dieses Leben in Heiligkeit und Reinheit war die Auferweckung seines Sohnes. Er «liess nicht zu, dass sein Frommer die Verwesung sah» (Ps 16,10; Apg 2,27). Damit bestätigte Er auf eindrucksvolle Weise, dass der Herr Jesus wegen fremder Schuld – nicht wegen eigener – gestorben war.

3. Die goldene Kette

In Verbindung mit der goldenen Kette steht zum einen der Gedanke des Schmucks, zum anderen aber wohl auch die Verleihung einer amtlichen Würde. In Hesekiel 16,11.13 sagt Gott von Jerusalem: «Ich schmückte dich mit Schmuck: Ich legte Armringe an deine Hände und eine Kette um deinen Hals … So wurdest du mit Gold und Silber geschmückt.» Den anderen Aspekt zeigt uns Daniel 5,29: «Darauf befahl Belsazar, und man bekleidete Daniel mit Purpur, mit einer goldenen Kette um seinen Hals; und man rief über ihn aus, dass er der dritte Herrscher im Königreich sein solle.» Beide Auszeichnungen wurden Joseph vom Pharao gegeben.

Mit dem Material Gold ist Glanz und Wertbeständigkeit verbunden. Gewonnen wird es, indem das Rohmaterial einem Schmelzprozess unterzogen wird. In der Bibel ist Gold ein Symbol für die Ausstrahlung einer absoluten und vollkommenen göttlichen Gerechtigkeit.

Joseph hatte seinen Hals oder Nacken nicht unter die Verführungskünste der Frau Potiphars gebeugt. Und jetzt schmückte die goldene Kette des Pharaos diesen Hals.

In Bezug auf die Verherrlichung unseres Herrn lässt uns die goldene Kette daran denken, dass Er jetzt mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt ist: «Du hast ihn ein wenig unter die Engel erniedrigt; mit Herrlichkeit und Ehre hast du ihn gekrönt und ihn gesetzt über die Werke deiner Hände … Wir sehen aber Jesus, der ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt war, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt» (Heb 2,7.9). Ein Dichter hat es wie folgt ausgedrückt:

  • Mitten in dem Throne
    sehn die Deinen dich.
    Deine Siegerkrone
    schmückt dich ewiglich.