Josephs Erhöhung (2)

4. Werft euch nieder!

In der Zeit des Alten Testaments lesen wir von Kriegswagen, mit denen man in die Schlacht zog. Hier handelt es sich aber um einen Prachtwagen, den die Herrscher damaliger Zeit benutzten, wenn sie in prunkvollen Umzügen durch die Städte und Landschaften zogen. Schon von weitem waren die prachtvoll geschmückten Wagen zu erkennen. Der Pharao befahl, Joseph auf dem zweiten Wagen durchs Land fahren zu lassen.

Aber mehr noch als die Fahrt auf dem prachtvollen Wagen war es der Befehl: «Werft euch nieder!», der die Ausnahmestellung Josephs deutlich werden liess. Waren die bisherigen Auszeichnungen mehr persönlicher Art, so wurde mit diesem Umzug allen Untertanen in Ägypten seine öffentliche Anerkennung und Ehre deutlich. So war jeder Passant aufgerufen, sich vor Joseph niederzuwerfen und dem zweiten Mann im Reich Ägypten seine Anerkennung und Huldigung zu erweisen.

In Bezug auf unseren Herrn Jesus lesen wir in Philipper 2,9-11: «Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen gegeben, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters.» Was wird das einmal für Ihn, unseren Herrn, sein, wenn alle Geschöpfe erkennen werden, dass Er, der damals auf Golgatha von den Menschen hingerichtet wurde, der von Gott eingesetzte Herrscher ist, den alle anerkennen und dem sich alle unterwerfen müssen!

Wir dürfen das heute schon freiwillig tun – als Antwort unserer Herzen auf seine unbegreifliche Liebe. Wenn wir im täglichen Leben Jesus wirklich als Herrn anerkennen, nach seinem Willen fragen und ihn auch tun, seinen Wünschen entsprechen, dann können wir heute schon etwas zu seiner Freude und Verherrlichung beitragen.

Wie schrecklich aber wird es für alle Menschen sein, die den Heiland der Welt abgelehnt oder Ihn gleichgültig missachtet haben: Sie werden gezwungen werden, ihre Knie vor Ihm zu beugen.

5. Herrscher über das ganze Land Ägypten

Schon vor der Verleihung all der Auszeichnungen hatte der Pharao zu Joseph gesagt: «Du sollst über mein Haus sein, und deinem Befehl soll mein ganzes Volk sich fügen; nur um den Thron will ich grösser sein als du» (1. Mo 41,40). Sein Haus (das meint das persönliche Umfeld des Pharaos) und sein Volk vertraute er der Herrschaft Josephs an. Konnte der Pharao einen besser geeigneten Mann finden als Joseph, dem Gott überall da, wo er wirkte, Gelingen gab? (vgl. 1. Mose 39,3.23). Josephs Verstand und seine Weisheit prädestinierten ihn geradezu für diese verantwortungsvolle Aufgabe.

Die Herrschaft Josephs ist ein deutliches Bild von der Universalherrschaft des Herrn Jesus. Gott hat Ihm, dem verherrlichten Sohn des Menschen, alle Gewalt über Himmel und Erde gegeben. Diese Herrschaft ist Ihm bereits übertragen – aber Er hat sie noch nicht öffentlich angetreten. «Indem er ihm alles unterworfen hat, hat er nichts gelassen, was ihm nicht unterworfen wäre; jetzt aber sehen wir ihm noch nicht alles unterworfen» (Heb 2,8).

Der Herr Jesus ist der Mittelpunkt aller Ratschlüsse Gottes. In diesem Ratschluss ist auch enthalten, dass «er sich vorgesetzt hat in sich selbst für die Verwaltung der Fülle der Zeiten: alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist, in ihm» (Eph 1,9.10). «Er muss herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füsse gelegt hat» (1. Kor 15,25).

Was wird das einmal für unseren Herrn sein, den man bis heute missachtet und verachtet, wenn Er unumschränkt herrschen und das «Wohlgefallen des HERRN in seiner Hand gedeihen wird» (Jes 53,10)! Dann wird Er in Gerechtigkeit regieren, und alles wird in Übereinstimmung mit Gott sein.

Bei der Aussage des Pharaos, dass er «nur um den Thron grösser sein» wollte als Joseph, können wir an 1. Korinther 15,24-28 denken: «Dann das Ende, wenn er das Reich dem Gott und Vater übergibt, wenn er weggetan haben wird alle Herrschaft und alle Gewalt und Macht … Wenn er aber sagt, dass alles unterworfen sei, so ist es offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn ihm aber alles unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei.» Ist es nicht auch für unser Herz eine grosse Freude, wenn wir daran denken, dass wir heute schon untrennbar mit dieser herrlichen Person verbunden sind?

6. Josephs neuer Name

Im Altertum war es nicht ungewöhnlich, wenn grosse und mächtige Herrscher anderen Menschen einen neuen Namen gaben – dies war sozusagen Ausdruck ihrer unumschränkten Macht über ihre Untertanen. Der Joseph verliehene Name «Zaphnat-Pahneach» bedeutet wahrscheinlich: Retter der Welt oder Erhalter des Lebens. War es nicht der Weisheit Josephs zu verdanken, dass die Ägypter vom Hungertod gerettet und am Leben erhalten wurden? Aus dem Mund der Ägypter selbst wurde es später bestätigt: «Du hast uns am Leben erhalten» (1. Mo 47,25). Auch Joseph spielt gegenüber seinen Brüdern auf diesen Gedanken an: «Gott hat mich vor euch hergesandt, um … euch am Leben zu erhalten für eine grosse Errettung» (1. Mo 45,7).

Neben der ägyptischen Namensdeutung gibt es auch eine hebräische: Offenbarer von Geheimnissen. Auch dies ist wahr im Hinblick auf Josephs Traumdeutung. Die Absicht Gottes wurde ihm offenbart, und er konnte sie zur Rettung der Menschen an den Pharao weitergeben.

Beide Namensdeutungen finden wir auch im Hinblick auf die Person unseres Retters wieder. Das im Neuen Testament mit «Heiland» wiedergegebene Wort umfasst sowohl den Aspekt der Rettung wie auch den der Erhaltung. Der Herr Jesus ist der «Heiland der Welt» (Joh 4,42; 1. Joh 4,14). Er ist auch der «Erhalter aller Menschen, besonders der Gläubigen» (1. Tim 4,10).

Er wird uns im Neuen Testament in vierfacher Weise als Heiland vorgestellt. Er ist unser Heiland im Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.

  1. Titus 3,4.5 spricht von dem, was Er getan hat: «Als aber die Güte und die Menschenliebe unseres Heiland-Gottes erschien, errettete er uns, nicht aus Werken …, sondern nach seiner Barmherzigkeit.»
  2. In der Gegenwart «vermag er auch die völlig zu erretten, die durch ihn Gott nahen, indem er immerdar lebt, um sich für sie zu verwenden» (Heb 7,25).
  3. In der Zukunft «erwarten wir den Herrn Jesus Christus als Heiland, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen» (Phil 3,20.21). Das alles betrifft unsere persönliche Seite.
  4. Den korporativen Aspekt finden wir in Epheser 5. Der verherrlichte Herr im Himmel sorgt für seine Versammlung, indem Er sie in seiner unendlichen Liebe heiligt, reinigt, nährt und pflegt (Eph 5,26.29).

Das ist dein und mein Heiland!

Aber der Herr Jesus ist auch der, der sowohl die Heilsratschlüsse Gottes als auch Ihn als Vater offenbart hat. «Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart», so sagt Er im Gebet zu seinem Vater (Joh 17,6). Er hat den Ratschluss Gottes nicht nur offenbart, sondern durch sein Leiden und Sterben auch die Grundlage dafür gelegt, dass alle Heils- und Segensabsichten Gottes in Erfüllung gehen können.

7. Eine Frau für Joseph

Als letzten, sozusagen krönenden Beweis königlichen Wohlwollens spricht der Pharao Joseph eine Frau zu. Sie war eine besondere Frau, denn Asnat stammte aus priesterlichem Geschlecht. Ihr Vater war Priester von On (griechisch: Heliopolis), einer der grossen Kultstätten, wo die Ägypter den Sonnengöttern opferten. Aus 1. Mose 47,22 kann man entnehmen, dass die Priester unter dem Pharao eine wichtige Stellung einnahmen. Wenn Joseph also aus diesem Geschlecht eine Frau zugesprochen bekam, dann war das zu damaliger Zeit eine besondere Ehre. Die bisher erhaltenen Auszeichnungen und Würden hatten mit Josephs Stellung zu tun. Mit Asnat bekam er etwas für sein Herz:

  • eine Frau, der er seine Liebe schenken konnte
  • eine Frau an seiner Seite, während er die Herrschaft über Ägypten ausübte
  • eine Frau, die ihm zwei Söhne, Ephraim und Manasse, schenkte

Asnat ist ein Bild von der Versammlung, die nach der Himmelfahrt und der Verherrlichung des Herrn Jesus entstanden ist und gebildet wird.

Eva ist ein Bild der Versammlung, die ihre Existenz dem «Todesschlaf» des «zweiten Adam» verdankt. Rebekka ist ein Bild der Versammlung, die durch den Heiligen Geist ihrem Mann entgegengeführt wird. So wie Asnat während der Herrschaft Josephs mit ihm verbunden war, so ist auch die Versammlung untrennbar mit dem verherrlichten Herrn im Himmel verbunden. Und nicht nur das – sie ist von Ihm geliebt und wird an seiner Universalherrschaft teilhaben.

Heiland und Offenbarer von Geheimnissen – die beiden Aspekte der vorherigen Auszeichnung, die Joseph vom Pharao erhielt, stehen in enger Verbindung mit der letzten Ehrung, der Vermählung mit Asnat. Der Herr Jesus sorgt heute unermüdlich für seine Versammlung. Als Offenbarer von Geheimnissen war Er es, der Paulus die Wahrheit über Christus und seine Versammlung offenbart hat.

Schluss

Wenn wir ein wenig über die Auszeichnungen, Würden und Herrlichkeiten unseres Herrn nachgedacht haben, dann bleibt uns abschliessend nur übrig, der Aufforderung Josephs Folge zu leisten: «Berichtet meinem Vater alle meine Herrlichkeit» (1. Mo 45,13).

Das ist das grosse Ziel Gottes: Durch seinen Geist möchte Er uns immer wieder und mehr und mehr mit der Person des Sohnes beschäftigen, «damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren» (Joh 5,23). Wie freut sich der Vater, wenn sein Sohn auf der Erde geehrt wird! Wir dürfen dies heute schon tun. Bald wird es öffentlich geschehen – zu seiner Verherrlichung und zu unserer Freude.

  • Dir, dem hoch erhobnen Herrn,
    den der Engel Scharen loben,
    dem sich alles, nah und fern,
    beugen wird einst hier wie droben,
    bringen Huldigung auch wir;
    denn du bist für uns gestorben,
    hast uns durch dein Blut erworben.
    Ehre, Preis und Ruhm sei dir!
  • Dich zu schaun in Herrlichkeit,
    Gegenstand der höchsten Ehren,
    ruhmgekrönt in Ewigkeit –
    ist das Ziel, das wir begehren.
    Und wenn wir nach dieser Zeit
    dort mit dir verherrlicht stehen,
    wird doch jeder in uns sehen,
    Herr, nur deine Herrlichkeit.