Zerbrochene Herzen

Psalm 147,2-4; Lukas 7,11-15; Lukas 22,54-62

«Der HERR baut Jerusalem, die Vertriebenen Israels sammelt er; der da heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und ihre Wunden verbindet; der da zählt die Zahl der Sterne, sie alle nennt mit Namen» (Ps 147,2-4).

Zerbrochene Herzen sind nicht nur ein Problem unserer Tage. Und doch erkennen wir, dass Depressionen, Niedergeschlagenheit und Trauer unter steigender Belastung ständig zunehmen. Das gilt für die Menschen dieser Welt, es gilt aber auch für die Glaubenden. Es mögen Schwierigkeiten im persönlichen, im familiären oder beruflichen Bereich sein. Es mag die Not im Volk Gottes sein, die uns niederdrückt. Wer kennt sie nicht, die tiefe Not im Herzen? Wer zählt die heimlichen Tränen?

Gibt es eine Antwort auf das Problem zerbrochener Herzen? Gibt es eine Lösung? Gott sei Dank, es gibt sie. Der Psalmdichter weist bereits auf den Einen hin, der jene heilen würde, die zerbrochenen Herzens sind und ihre Wunden verbindet. Es ist der Herr Jesus. Er kam auf diese Erde, um zerbrochene Herzen zu heilen. Er kam, um «Zerschlagene in Freiheit hinzusenden» (Lk 4,18).

Wir wollen uns an drei Begebenheiten aus dem Lukas-Evangelium erinnern, die uns zeigen, wie der Herr Jesus mit zerbrochenen Herzen umgeht. Es ist auffallend, wie gerade der Arzt Lukas den wirklichen Arzt vom Himmel, der verwundete Herzen heilt, vorstellt. Wir dürfen dabei an uns denken, die wir seine heilende Gnade erfahren haben. Wir dürfen aber auch von Ihm, dem vollkommenen Seelsorger, lernen und in seinen Fussspuren folgen.

Das zerbrochene Herz des Sünders

Lk 7,36-38

Die Begebenheit spielte sich im Haus des Pharisäers Simon ab. Ein selbstgerechter Mann hatte den Herrn Jesus eingeladen. Doch das Entscheidende war dabei nicht die Begegnung des Herrn Jesus mit dem Gastgeber, sondern mit einer Frau, die gar nicht eingeladen war. Sie, die eine stadtbekannte Sünderin war, hatte vom Herrn Jesus gehört. Sie litt unter der Schuld ihres Lebens und ergriff nun die sich ihr bietende Chance, die Last, die auf ihrem Herzen lag, loszuwerden. Von ihrer inneren Not getrieben und von der Gnade des Herrn angezogen, kam sie in das Haus des Pharisäers. Hinten zu seinen Füssen steht sie nun und weint.

Ihre Tränen machen klar, dass sie ein gebrochenes Herz hat. Sie hat erkannt, dass sie eine Sünderin ist. Sie verachtet den Reichtum der Güte Gottes nicht und lässt sich von dieser Güte – offenbart im Herrn Jesus – zur Buße leiten (Röm 2,4). Der Heiland lässt das zerbrochene Herz des Sünders nicht ohne Antwort. Wer so zu Ihm kommt, erfährt, dass zerbrochene Herzen geheilt werden. Die Frau hört die Worte der Liebe: «Deine Sünden sind vergeben … Dein Glaube hat dich gerettet; geh hin in Frieden.»

Das ist es, was der Sünder braucht: Vergebung und Frieden. Er empfängt dies durch den Glauben. Der Herr Jesus möchte heute noch die verwundeten Herzen jener Menschen heilen, die ohne Gott und ohne Perspektive leben. Der Weg, den die Frau mit dem zerbrochenen Herzen einschlug, ist heute noch der einzige Weg, um Vergebung und Frieden zu erlangen. Alle anderen Wege sind Irrwege, die nie zum Heil führen. Diese Botschaft dürfen wir heute weitersagen. Wer im Bewusstsein seiner Schuld und Sünde zum Herrn Jesus kommt und an Ihn und sein Erlösungswerk glaubt, der vernimmt seine Worte: «Geh hin in Frieden.» Einen anderen Weg gibt es nicht.

Das zerbrochene Herz des geprüften Glaubenden

Lk 7,11-15

Mit tiefer Trauer im Herzen trug jene Witwe ihren einzigen Sohn zu Grab. Unsagbare Not und wahrscheinlich unbeantwortete Fragen brachen ihr das Herz. Doch vor den Stadtmauern von Nain begegneten sich Tod und Leben. Der Trauerzug musste stoppen, als der Fürst des Lebens ihm entgegenkam.

Mit Augen der Liebe sah der Herr Jesus in das zerbrochene Mutterherz. Tiefes Mitgefühl bewegte Ihn. «Als der Herr sie sah, wurde er innerlich bewegt über sie.» Die Not der Frau liess Ihn nicht gleichgültig. O nein! Und so kamen Worte der Gnade über seine Lippen: «Weine nicht!» Das war Trost für ein verwundetes Herz.

Dann offenbarte Er sich als der Herr über Leben und Tod. Er trat zur Bahre und die Dabeistehenden hörten seine Worte: «Jüngling, ich sage dir, steh auf!» Der Tod musste sein Opfer loslassen. Das zerbrochene Herz der Mutter wurde geheilt. Sie bekam ihren Sohn zurück.

Es ist eine unausweichliche Tatsache, dass über allem in dieser Welt der Schatten des Vergänglichen liegt. Die Welt ist ein «Tal des Todesschattens». Gerade in diese Welt ist unser Heiland und Herr gekommen. Er hat selbst erfahren, was es bedeutet, hier zu leben. Er weiss, was es heisst, einen geliebten Menschen zu verlieren. Am Grab seines Freundes Lazarus hat Er selbst Tränen vergossen.

Deshalb versteht Er uns, wenn wir durch Schwierigkeiten gehen, wenn wir krank sind, wenn wir bedrückt sind und uns das Herz schwer wird. Wie gut ist es da zu wissen, dass unser Herr die Macht hat, um uns zu helfen. Aber nicht nur das. Zuerst lässt Er uns sein Mitempfinden erfahren. Er liebt uns. Er kommt in unsere Umstände hinein und tröstet auch uns: «Weine nicht!» Er kann Tränen trocknen und zerbrochene Herzen heilen.

Der Meister handelt in göttlich vollkommener Weise. Zuerst trocknet Er die Tränen, dann löst Er das Problem. Wir hätten es vielleicht umgekehrt gemacht. Doch Er möchte, dass wir zuerst sein zartes Mitempfinden kennen lernen und dann seine helfende Macht. In seiner Weisheit wird Er selbst entscheiden, wie und wann Er uns hilft. Das wollen wir Ihm überlassen. Aber eines ist sicher: Er heilt zerbrochene Herzen und verbindet unsere Wunden. Er möchte, dass sein Friede uns auch in schwierigen Umständen erhalten bleibt.

Niemand von uns hat die Macht, Tote zum Leben zu erwecken. Und doch möchte der Herr auch uns gebrauchen, um Mitmenschen zu helfen. Wenn wir solchen begegnen, die ein zerbrochenes Herz haben, dann dürfen wir versuchen, ihnen in der Gesinnung unseres Herrn zu helfen.

Das zerbrochene Herz des gefallenen Glaubenden

Lk 22,54-62

Hier steht eine ganz andere Szene vor uns. Böse Menschen, Feinde des Herrn Jesus, haben Ihn gefangen genommen und in das Haus des Hohenpriesters gebracht. Petrus folgt Ihm von fern. Wenige Stunden vorher hat er selbstsicher erklärt, mit seinem Herrn sterben zu wollen. Doch jetzt wird der Abstand grösser. Er tritt zwar in den Hof jenes Hauses. Aber schon bald sitzt er unter den Feinden seines Meisters und wärmt sich an ihrem Kohlenfeuer. Ob ihm dabei wohl gewesen ist? Die Versuchung lässt nicht auf sich warten. Es ist «nur» eine Magd, die ihn anspricht, doch der Schreck fährt Petrus in die Glieder. Mit allem Nachdruck distanziert er sich von Dem, auf den sich der Hass aller konzentriert. «Ich kenne ihn nicht.»

Wollen wir uns innerlich über Petrus stellen? Sicher nicht. Ist es uns nicht schon passiert, dass wir unseren Herrn in viel harmloseren Situationen im Stich gelassen haben? In der Schule? Am Arbeitsplatz? In der Nachbarschaft? Ein wenig innere Distanz von unserem Herrn genügt schon, um bei der kleinsten Versuchung, die an uns herantritt, zu fallen.

Und der Herr? Hatte Er überhaupt Zeit, um auf seinen Jünger zu achten? Erforderte das, was man mit Ihm machte, nicht seine ganze Aufmerksamkeit? Das Herz des Herrn war mit seinem Jünger beschäftigt. Obwohl Er von vornherein wusste, was Petrus tun würde, muss diese Verleugnung Ihn doch tief getroffen haben. Doch Er lässt ihn nicht fallen. Ein Blick seiner Liebe verändert die ganze Situation. «Der Herr wandte sich um und blickte Petrus an.» Dieser traurige und zugleich liebevolle Blick seines Herrn glich einem Pfeil, der Petrus mitten ins Herz traf. Dieser eine Blick muss sein Herz gebrochen haben. Petrus, sonst ein Mann der Tat, ein Mann mit Mut, geht hinaus und weint bitterlich.

Der Herr wird auch uns nicht fallen lassen. Er bemüht sich, uns immer wieder durch seinen Blick der Liebe ins Licht zu stellen, um unsere Herzen zu erreichen. Seine Liebe verändert sich nicht. Doch Er will nicht nur aufrütteln und uns klarmachen, wo wir abgewichen sind. Er will auch heilen. Am Auferstehungsmorgen hat Er Petrus aufgesucht und sein Herz geheilt. Kurze Zeit später wurde er auch vor den anderen Jüngern rehabilitiert. Das ist immer das Ziel des Herrn. Er möchte uns in die glückliche Gemeinschaft mit sich zurückführen und uns zu brauchbaren Dienern für sich machen.

Das zerbrochene Herz des Heilands

Wir können unsere kurze Betrachtung über zerbrochene Menschenherzen nicht schliessen, ohne an das Herz Dessen zu denken, der uns gerade im Lukas-Evangelium als der «Sohn des Menschen» beschrieben wird.

In den Psalmen werden uns seine Empfindungen mit den Worten geschildert: «Der Hohn hat mein Herz gebrochen, und ich bin ganz elend; und ich habe auf Mitleid gewartet, und da war keins, und auf Tröster, und ich habe keine gefunden» (Ps 69,21).

Er war der, der zerbochene Herzen heilte. Aber auf dem Weg zum Kreuz brach der Hohn sein eigenes Herz. Er war immer da, wenn andere Hilfe brauchten. Er hatte immer ein mitfühlendes Herz, wenn andere in Not waren. Doch als Er selbst in grösster Not war, verschlossen sich die Herzen der anderen.

Er hatte nur Liebe gesät, aber Er erntete meistens nur bittere Feindschaft. Man warf Ihm sogar sein Vertrauen zu seinem Gott vor. Und seine Jünger? Hat der Herr nicht auf Trost gewartet? Doch sie waren geflohen. Ganz allein musste der Heiland diesen schweren Weg gehen.

Die Worte aus Psalm 22,15: «Wie Wasser bin ich hingeschüttet, und alle meine Gebeine haben sich zertrennt; wie Wachs ist geworden mein Herz, es ist zerschmolzen inmitten meiner Eingeweide», drücken Empfindungen aus, die Er am Kreuz hängend gehabt haben musste.

Wer von uns kann die Not des Heilands erahnen, die Er damals durchgemacht hat? Ewig sei Ihm Lob und Dank für seine Liebe!