Das christliche Glaubensgut

1. Timotheus 6,20; 2. Timotheus 1,12.14; Judas 3,20

Dreimal erwähnt der Apostel Paulus in seinen Briefen an seinen Freund und Bruder Timotheus den Ausdruck «das anvertraute Gut»:

  1. «O Timotheus, bewahre das anvertraute Gut» (1. Tim 6,20).
  2. «Ich weiss, wem ich geglaubt habe, und bin überzeugt, dass er mächtig ist, das ihm von mir anvertraute Gut auf jenen Tag zu bewahren» (2. Tim 1,12).
  3. «Bewahre das schöne anvertraute Gut durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt» (2. Tim 1,14).

Es ist der Mühe wert, einmal einen Augenblick darüber nachzudenken, was dieses «anvertraute Gut» für uns bedeutet. Es ist das christliche Glaubensgut, die christliche Glaubenswahrheit, das also, was Gott uns in seinem Wort gegeben hat, damit wir uns darüber freuen können. Anders ausgedrückt: Es ist das, was wir im Wort Gottes finden, festgelegt in den Schriften des Alten und besonders des Neuen Testaments. In der Welt, in der wir leben – auch in der christlichen Welt –, zählt dieses Glaubensgut immer weniger. Stattdessen leben die Menschen nach ihren eigenen Prinzipien und Regeln. Bei uns Christen darf das anders sein. Massstab und Orientierung für ein glückliches Christenleben kann nur das sein, was Gott uns in seinem Wort gegeben hat. Die Lehre des Wortes Gottes ist untrennbar mit unserem praktischen Verhalten verbunden. So genügt uns das Festhalten daran völlig, wir finden alles, was wir für ein Leben in wahrer Hingabe an unseren Herrn brauchen.

Es ist sicher nicht von ungefähr, dass gerade zwei der neutestamentlichen Briefe, die sich speziell mit dem Thema der negativen Entwicklung innerhalb des christlichen Zeugnisses und Bekenntnisses beschäftigen, besondere Aussagen zum christlichen Glaubensgut machen. Die beiden Briefe sind der zweite Petrus-Brief und der Brief des Judas. Petrus richtet seinen Brief an solche, «die einen gleich kostbaren Glauben mit uns empfangen haben durch die Gerechtigkeit unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus» (2. Pet 1,1). Judas fordert seine Briefempfänger einerseits auf, «für den einmal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen» (Jud 3), und anderseits ermuntert er sie, sich selbst auf ihren «allerheiligsten Glauben» zu erbauen (V. 20). In allen drei Stellen bedeutet «Glauben» nicht Glaubensaktivität, sondern gemeint ist das, was Paulus das «anvertraute Gut» nennt, also die christliche Glaubenswahrheit.

Die drei genannten Stellen geben uns zusammen sieben wichtige Hinweise über das christliche Glaubensgut.

1. Es ist ein überliefertes Glaubensgut

Die christliche Wahrheit findet ihren Ursprung in Gott. Es hat Ihm jedoch gefallen, uns seine Gedanken mitzuteilen. Paulus schreibt den Korinthern dazu Folgendes: «Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz aufgekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben, uns aber hat Gott es offenbart durch seinen Geist, denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes. Denn wer von den Menschen weiss, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiss auch niemand, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes» (1. Kor 2,9-11). Menschen sind also von sich aus nie in der Lage, die Gedanken Gottes zu erfassen. Und doch hat Gott einen Weg gefunden, uns seine Gedanken zu überliefern. Dazu hat Er Menschen inspiriert, die – geleitet durch den Heiligen Geist – die Wahrheit aufgeschrieben haben. Der christliche Glaube findet seinen Ursprung nicht in den Menschen, so intelligent sie auch sein mögen. Er ist auch nicht mühsam erforscht und entwickelt worden, sondern Gott hat ihn überliefert. Nachdem die letzten Schreiber des Neuen Testaments ihren Auftrag vollendet hatten, war der christliche Glaube überliefert.

2. Es ist ein den Heiligen überliefertes Glaubensgut

Gott hat einzelne Männer benutzt, um die Wahrheit zu übermitteln. Wenn es um die typisch christliche Wahrheit geht, dann waren es vor allem die Apostel und Propheten des Neuen Testaments, die diesen Auftrag hatten. Sie waren aber nur Instrumente in der Hand Gottes. Die eigentlichen Empfänger des christlichen Glaubensgutes waren und sind die Heiligen, d.h. die Gläubigen der Gnadenzeit. Der christliche Glaube wurde wohl durch die Apostel und Propheten überliefert, aber er gilt uns allen. Menschen, die nicht von neuem geboren sind und den Geist Gottes nicht besitzen, können mit der Glaubenswahrheit nichts anfangen. Sie können sie zwar intellektuell studieren, aber wirklich erfassen können sie die Wahrheit Gottes nicht. Gott benutzt sein Wort wohl, um Sünder zu überführen, aber das ist ein anderer Gedanke. Jedes wiedergeborene Kind Gottes ist jedoch in der Lage, seine Freude daran zu finden. Deshalb schreibt der Apostel Johannes auch: «Ihr habt die Salbung von dem Heiligen und wisst alles» (1. Joh 2,20). Das schreibt er nicht den gereiften Vätern in Christus, sondern denen, die noch am Anfang ihres Glaubenslebens stehen.

3. Es ist ein einmal überliefertes Glaubensgut

Das Glaubensgut ist einmal überliefert worden. Ein zweites Mal wird es nicht gegeben. Einmal bedeutet so viel wie «ein für alle Mal». Dem christlichen Glauben ist nichts hinzuzufügen. Gott hat uns seine ganze Wahrheit gegeben, und Er hat es ein für alle Mal getan. In weniger als 100 Jahren wurde das Neue Testament geschrieben und die Glaubenswahrheit auf diese Art und Weise überliefert. Es gibt keine neuen Offenbarungen mehr. Menschen, die das Gegenteil behaupten, sagen nicht die Wahrheit. Schon in den ersten Jahren des Christentums traten falsche Lehrer auf, die meinten, den christlichen Glauben durch philosophische und/oder gesetzliche Elemente aus dem Judentum bereichern zu müssen. Andere wollten die christliche Glaubenswahrheit weiter entwickeln. Auch das kann nicht sein, denn wir kennen Gottes Gedanken so, dass ihnen nichts mehr hinzuzufügen ist. Jemand hat hierzu einmal treffend bemerkt: «Wenn etwas wahr ist, kann es nicht neu sein, und wenn etwas neu ist, kann es nicht wahr sein.» Auch in unseren Tagen halten viele Menschen die Bibel für überholt und meinen, neue Gedanken und Ideen einführen zu müssen. Dies ist ein grosser Irrtum. Bleiben wir deshalb bei dem, was Gott uns in seinem Wort überliefert hat. Wir wollen nichts davon wegnehmen, aber auch nichts hinzufügen.

4. Es ist ein anvertrautes Glaubensgut

Judas fordert seine Briefempfänger auf, sich selbst auf ihren allerheiligsten Glauben zu erbauen. Der Ursprung der christlichen Glaubenswahrheit ist – wie wir gesehen haben – Gott selbst, aber hier wird der Glaube «euer Glaube» genannt. Gott hat das Glaubensgut also Menschen anvertraut. Das ist es, was Paulus Timotheus gegenüber dreimal erwähnt. Gott übergibt die Glaubenswahrheit der Verantwortung von Menschen. Nicht dass wir die Wahrheit objektiv gesehen beeinflussen oder verändern könnten, wohl aber, dass wir uns der Wahrheit entsprechend verhalten können oder auch nicht. Deshalb wird Timotheus darauf hingewiesen, das schöne anvertraute Gut zu bewahren, und Judas erinnert uns daran, für den einmal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen. Es ist unsere Pflicht, die Grundsätze und die Wahrheit Gottes aufrechtzuerhalten und dafür einzustehen – und das in einer Welt, die sich für die Gedanken Gottes kaum oder gar nicht mehr interessiert. Die christliche Wahrheit wird heute auf unterschiedlichste Art und Weise angegriffen, so dass die Aufforderung, das Glaubensgut zu bewahren und dafür zu kämpfen, von grösster Aktualität ist.

5. Es ist ein allerheiligstes Glaubensgut

Der Ausdruck «allerheiligstes» Glaubensgut verdient besondere Beachtung. Durch den Heiligen Geist geleitet, nennt Judas den Glauben nicht nur «heilig», sondern spricht vom «allerheiligsten Glauben». Wir kennen das Allerheiligste aus dem Alten Testament und wissen, dass es der Ort war, wo Gott in der Mitte seines Volkes wohnen wollte. Nur einmal im Jahr durfte der Hohepriester dort hineingehen – und das nicht ohne Blut. Das zeigt uns, wie heilig dieser Ort war. Übertragen auf unser Thema sehen wir, wie heilig die christliche Glaubenswahrheit ist. Sie ist zwar unserer Verantwortung übergeben, aber gleichzeitig weist Judas uns durch den Ausdruck «allerheiligsten Glauben» deutlich darauf hin, dass wir mit der Glaubenswahrheit nicht tun und lassen können, was uns gefällt. Es ist und bleibt die Wahrheit Gottes, und damit können wir Menschen nicht machen, was wir wollen. Gott kann niemals zulassen, dass die Menschen die Wahrheit verändern. Wir können der Wahrheit nichts hinzufügen, wir können nichts von der Wahrheit wegnehmen, und wir können und dürfen uns die Wahrheit auch nicht so «zurechtbiegen», wie sie uns gefällt. Nicht wir beurteilen die Wahrheit, sondern sie beurteilt uns.

6. Es ist ein Glaubensgut, das allen Heiligen gehört

Petrus wendet sich in seinem zweiten Brief ausdrücklich an solche, die einen «gleich kostbaren Glauben mit uns» empfangen haben. Dieses Gut gehört also allen Heiligen in gleicher Weise. Das Glaubensgut, das die Apostel empfangen hatten, war kein anderes als das Glaubensgut der Briefempfänger damals. Und auch heute ist es nicht anders. Alle Gläubigen der Gnadenzeit haben ein gleich kostbares Glaubensgut empfangen. Ob Schwester oder Bruder, ob jünger oder älter, die Wahrheit der Bibel ist für alle in gleicher Weise da. Dass wir ein unterschiedliches Verständnis davon haben mögen, ist wohl wahr, es ändert aber nichts daran, dass das Glaubensgut allen Gläubigen gleichermassen gehört. Es gibt keine «geistliche Eliteklasse», sondern die Wahrheit Gottes ist allen gleich zugänglich. Wir haben diesen «gleich kostbaren Glauben» empfangen «durch die Gerechtigkeit unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus» (2. Pet 1,1). Zu behaupten, dass der christliche Glaube nicht allen Gläubigen in gleicher Weise gehört, wäre also ein direkter Angriff gegen die Gerechtigkeit Gottes.

7. Es ist ein kostbares Glaubensgut

Petrus verwendet den Ausdruck «kostbar» sehr oft. Das Glaubensgut, das Gott uns gegeben hat, besitzt einen hohen Wert. Schon die Gläubigen im Alten Testament hatten einen tiefen Eindruck vom Wert des Wortes Gottes. David bringt es z.B. mit den Worten zum Ausdruck: «Wie kostbar sind mir deine Gedanken, o Gott! Wie gewaltig sind ihre Summen!» (Ps 139,17). Der Wert der Gedanken und Beschlüsse Gottes ist für uns nicht zu ergründen. Gott allein kann ihn ermessen. Und doch bleibt die Frage für uns: Welchen Wert hat die Glaubenswahrheit für uns? Es ist eine Frage, die jeder nur für sich persönlich beantworten kann. Schätze ich die Wahrheit Gottes? Hat sie einen hohen Wert für mich? Nur dann werden wir auch bereit sein, für die Wahrheit einzustehen, für sie zu kämpfen und das schöne anvertraute Gut zu bewahren. Je höher wir den Wert der Wahrheit für uns persönlich einschätzen, umso grösser wird auch unsere Bereitschaft sein, «in der Wahrheit zu wandeln», d.h. sie zu praktizieren und sie anderen gegenüber zu verteidigen.