Eine Hilfe oder ein Hindernis? (1)

Einführung

Römer 16,1-2 berichtet uns von Phöbe, deren Name «strahlend» bedeutet. Sie war eine Dienerin der Versammlung in Kenchreä und war vielen, auch dem Apostel Paulus selbst, eine Hilfe gewesen. Die ersten 15 Verse dieses Kapitels sind wie ein Beispiel vom Richterstuhl des Christus, wo alles Gute, das der Herr in jedem der Seinen bewirkt hat, ans Licht kommen wird; aber auch ihre Verfehlungen, damit wir uns der Gnade bewusst werden, die diese durch das Blut Christi getilgt hat. Gibt es nicht manchmal in einer Versammlung solche, die aktiv sind, andere, die nichts tun, und solche – die den andern Mühe machen?

Es scheint wahrscheinlich, dass Phöbe diesen Brief, der für den christlichen Glauben so grundlegend ist, nach Rom mitgebracht hat. Die ersten zwei Verse sind wie ein Empfehlungsbrief, in dem der Apostel auch bittet, dass sie «im Herrn» aufgenommen und dass ihr beigestanden werde, «in welcher Sache irgend sie euch nötig hat».

Das Wort Gottes spricht oft davon, «eine Hilfe» zu sein, zu «helfen» oder «beizustehen». In erster Linie ist es Gott, der hilft, wie z.B. in Psalm 33,20: «Unsere Seele wartet auf den HERRN; unsere Hilfe und unser Schild ist er.» An andern Stellen ist es der Herr, z.B. in Hebräer 13,6: «Der Herr ist mein Helfer, und ich will mich nicht fürchten; was wird mir ein Mensch tun?» Und in Römer 8,26 schliesslich lesen wir: «Desgleichen aber nimmt auch der Geist sich unserer Schwachheit an.»

Schon im zweiten Kapitel der Bibel steht: «Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.» Das ist die erste Aufgabe, die der Frau in der Ehe anvertraut wurde; der alleinstehende Mann hat eine Hilfe nötig, sogar im Garten Eden.

Wenn wir das Vorrecht haben, eine Hilfe zu sein, so ist es leider auch möglich, ein Hindernis, ja, sogar ein Fallstrick zu sein: «Wer aber irgend einem dieser Kleinen, die an mich glauben, Anstoss (d.h. ihm einen Fallstrick legt) gibt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein um seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde» (Mt 18,6). Das ist ein sehr ernster Vers. Wir sollten uns davor fürchten, «einem dieser Kleinen, die an Ihn glauben», einen Fallstrick zu legen: sei das nun ein Kind, ein Jugendlicher oder ein Neubekehrter. Man kann auch «den Schwachen zum Anstoss werden … seinem Bruder Anstoss» geben (1. Kor 8,9.13).

Wenn man an so viele Gläubige denkt, junge oder ältere, denen man im Leben begegnet ist, so kann man sich fragen: Was sind sie für mich gewesen, eine Hilfe oder ein Hindernis? Und ich selbst, was bin ich für sie gewesen? Wie viele Erinnerungen kommen uns da! Die gläubigen Eltern haben für uns gebetet und uns in unserer Kindheit und Jugend täglich im Wort unterwiesen. Manche Gebete sind erhört worden, und auf andere wird Gott, entsprechend seiner Gnade, eines Tages noch antworten. Vielleicht durch ein Wort eines Bruders oder einer Schwester, das uns trifft, oder durch ein Gespräch mit einem älteren Gläubigen. Und welchen Einfluss haben wir, bewusst oder unbewusst, auf all unseren Wegstrecken auf andere ausgeübt? War unser Beispiel zur Ermutigung, indem wir es am Herzen hatten, «zu prüfen, was dem Herrn wohlgefällig ist»? Haben wir die Gelegenheiten benützt, ein Wort «in Gnade, mit Salz gewürzt» zu reden? (Eph 5,10; Kol 4,6).

Ist unser Wandel, unser Lebensstil, unser Verhalten in Übereinstimmung mit dem, was wir bekennen? «Wer da sagt, dass er in dem Licht sei, und hasst seinen Bruder, ist in der Finsternis bis jetzt. Wer seinen Bruder liebt, bleibt in dem Licht, und kein Ärgernis ist in ihm» (1. Joh 2,9.10). Er wünscht, für seine Umgebung eine Hilfe zu sein. Wie stellen wir uns dazu, wenn der Herr uns eine Gelegenheit gibt, eine Hilfe zu sein? Der erste Johannesbrief spricht von Leben (innerlich), von Licht (äusserlich), von Liebe (die von Herzen kommt).

Viele Gebete, oft ohne dass wir es wussten, sind zum Thron der Gnade emporgestiegen, damit Gott uns zu seiner Zeit und entsprechend seiner Weisheit zu Hilfe komme. Wie viele solcher Gebete haben wir selbst vor Ihn gebracht, zugunsten unserer Brüder und Schwestern, unserer Familie, unserer Freunde, seiner Diener?

Wir werden in der Folge sehen, in welchen Bereichen ein solcher Einfluss ausgeübt wird, sei es zur Hilfe, sei es zum Hindernis: Da ist der Familienkreis; der Kreis der Freunde; der Bereich der örtlichen Versammlung; jener der Welt, die uns umgibt; der Kreis unserer Brüder im Glauben, in der Nähe oder in der Ferne.

Als in 2. Mose 12 das Lamm für das Passahmahl geschlachtet wurde, konnte es sein, dass ein «Haus» nicht zahlreich genug war für ein Lamm; dann teilte man es mit seinem nächsten Nachbarn, «nach der Zahl der Seelen». Welch ein Beispiel für ein kleines örtliches Zeugnis, wo das geistliche Teilen eine Hilfe für jeden sein kann!

Wodurch sind wir zur Hilfe oder zum Hindernis? Erstens einmal durch unsere Wesensart: Gott wählt sich für einen Dienst keine Träumer aus, sondern Leute von «Charakter». Der Herr Jesus beruft Johannes: Boanerges (Sohn des Donners), Er weiss warum. Aber in der Schule des Meisters wird Johannes zum Apostel der Liebe. Männer von «Charakter» mussten für ihre Ausbildung eine Zeitlang auf die Seite gestellt werden: ein Mose mit der Schafherde in der Wüste; ein David während den Jahren der Flucht vor Saul; ein Elisa, der Wasser auf die Hände des Elia goss.

Sie haben Geduld gelernt. Ihre moralische und geistliche Persönlichkeit hat sich entwickelt. Sie konnten später als Führer ihrem Volk zum Segen werden. Die Gegenwart einer solchen Person kann in einer Gruppe ausschlaggebend sein, sei es zum Guten, sei es zum Schlechten: Wenn diese Person anwesend ist, nimmt man sich in Acht, was man sagt. Dagegen kann die Unbesonnenheit eines Anführers zu einer Atmosphäre leiten, die rasch entartet und sich verderblich auswirkt.

Wie wichtig ist auch das Verhalten, die Art und Weise, wie man sich benimmt. Der Apostel Paulus schreibt in 2. Korinther 8,5 von den Mazedoniern: «Sie gaben sich selbst zuerst dem Herrn.» Ohne es zu wissen, waren sie so ein Beispiel für ihre Brüder.

Der Herr Jesus lehrt uns die Bereitschaft: Er empfängt Nikodemus bei Nacht. Am Brunnen von Sichar, in der Mittagshitze, führt Er die Frau mit dem schlechten Ruf zum Glauben. Er geht im Gespräch mit ihr vom Wasserkrug zur Anbetung über.

Und wie gesegnet ist oft die Ausstrahlung, die von den demütigsten Gläubigen ausgeht, weil sie, wie die Gläubigen von einst, «mit Gott wandeln»!

Welch ein Hindernis ist dagegen die üble Nachrede! Böswilliges Flüstern, das Nachäffen eines Dieners Gottes, ein spöttischer Blick, das kann manchmal junge Gläubige oder Gesandte des Herrn entmutigen; während man doch in vielen Bereichen zur Freude und zum Fortschritt seiner Brüder hätte beitragen können!

Thessalonicher 5,11 sagt uns: «Deshalb ermuntert einander und erbaut einer den anderen.» Wohlverstanden, es geht hier nicht um Zusammenkünfte der Versammlung, sondern um Kontakte anlässlich verschiedener Zusammentreffen, in kleinerem oder grösserem Kreis, wo man einander im Glauben ermuntern kann.

Hebräer 12,12 fordert uns auf, «die erschlafften Hände und die gelähmten Knie aufzurichten». Vielleicht waren diese Hände aktiv, und dann ist aus verschiedenen Gründen die Entmutigung eingetreten, es war keine genügende innere Erneuerung da (2. Kor 4,16), und der frühere Eifer ist erloschen (2. Tim 1,6). Man kann im Wandel oder im Gebet ermüden, die Knie können erlahmen, und man hat nötig, aufgerichtet und belebt zu werden. Da ist das Beispiel besser als Worte: «Macht gerade Bahn für eure Füsse, damit nicht das Lahme vom Weg abkomme, sondern vielmehr geheilt werde» (Heb 12,13).

Es bleibt noch der materielle Bereich. 1. Johannes 3,1 sagt uns: «Wer aber der Welt Güter hat und sieht seinen Bruder Mangel leiden und verschliesst sein Herz vor ihm, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm?» Es geht nicht darum, ohne Unterscheidungsvermögen rechts und links zu helfen. Der Gedanke ist vielmehr der einer christlichen Pflicht: meinem Bruder für die Bedürfnisse, von denen ich Kenntnis habe, entsprechend meinen Mitteln zu Hilfe zu kommen. In 2. Korinther 8,12 wird es wie folgt ausgedrückt: «nach dem man hat.»

Der Herr Jesus selbst hat gesagt: «Geben ist seliger als Nehmen» (Apg 20,35). Und in Hebräer 13,16 wird unmittelbar nach den Opfern des Lobes vom Wohltun gegenüber den Brüdern und vom Mitteilen unserer Güter zur Unterstützung der Diener des Herrn gesprochen. Das Wort «Opfer» wird sowohl für das Lob als auch für die Gabe gebraucht. 2. Korinther 9,7 fügt hinzu: «Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.»

Unter den Hindernissen ist noch die Weltförmigkeit zu erwähnen, der Feind unseres geistlichen Lebens. Sie kann auch ein Fallstrick für andere sein, abgesehen vom Neid, der hervorgerufen wird. In 1. Petrus 3,3.4 liegt die Betonung auf dem Äusseren; 1. Korinther 15,33 warnt vor schlechter Gesellschaft. Denken wir daran, dass «die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist» (Jak 4,4).

Der Tag wird kommen, wo wir «Bilanz ziehen» müssen, von der Jugend, dem aktiven Lebensabschnitt, dem reifen Alter: Was bleibt davon für den Herrn? Und dann wird am Richterstuhl des Christus alles im Licht offenbar werden. Aber wollen wir nicht in der Zwischenzeit das Licht jenes Tages in unser Leben leuchten und uns einerseits zur Dankbarkeit und anderseits zur Buße führen lassen? Von den Verfehlungen, die wir bekennen, sobald sie uns bewusst werden, sind wir durch das Werk Christi gereinigt (1. Joh 1,9): das Gedächtnis seines Todes, wovon die «Asche» in 4. Mose 19,9 ein Abbild ist. Und was die Frucht betrifft, die der Geist durch Gnade hervorgebracht hat, so wird uns nur das Bewusstsein bleiben, dass wir nichts aus uns selbst tun konnten.

  • Dir zum Ruhme wir bekennen,
    wenn wir werden offenbar:
    Dein ist jedes Werk zu nennen,
    der in Schwachen mächtig war.