Du bist schöner als die Menschensöhne (2)

Psalm 45

Die richterliche Herrlichkeit unseres Herrn

In der Zeit der Gnade und der Langmut Gottes, die schon so lange währt, hat sich unser Herr zur Rechten Gottes gesetzt, bis Gott, nach den Worten des 110. Psalms, seine Feinde als Schemel für seine Füsse hinlegen wird. Von dort her erwarten wir Ihn zu unserer Aufnahme zu Ihm «zur Errettung» (Heb 9,28). In den Versen 4-6 unseres Psalms wird Er aufgefordert, als Held, in Pracht und Majestät, sein Schwert zu umgürten und zur Ausführung der Gerichte Gottes glücklich hinzuziehen. Wenn auch – nach Offenbarung, Kapitel 6 bis 18 – schwere, vorbereitende Gerichte diese Erde heimsuchen werden, so sind die umfangreichen kriegerischen Gerichte, die der Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches vorangehen werden, doch unserem Herrn selbst zur Ausführung vorbehalten. Sie werden sich auf eine verhältnismässig kurze Zeitspanne erstrecken, sind aber äusserst ernst und werden die Heeresmassen «von allen Nationen der Erde» treffen. (Siehe Sacharja 12,3). Die auffallendsten Stellen, die vom persönlichen Eingreifen des Herrn reden, sind Offenbarung 19,19-21, betreffs Harmagedon, und Jesaja 63,1-6, bezüglich einer Völkeransammlung unter der Führung von Edom. In Offenbarung 14,14-20 werden alle diese kriegerischen Gerichte unter den Bildern:

  • die Ernte der Erde (alle Nationen)
  • und die Weinlese des Weinstocks der Erde (das abtrünnige Israel)

zusammengefasst.

«Furchtbares wird dich lehren deine Rechte. Deine Pfeile sind scharf – Völker fallen unter dir –, sie dringen den Feinden des Königs ins Herz», sagt unser Psalm. Und in Psalm 110,5-6 lesen wir: «Der Herr zu deiner Rechten zerschmettert Könige am Tag seines Zorns. Er wird richten unter den Nationen, er füllt alles mit Leichen; das Haupt über ein grosses Land zerschmettert er.» Unser Herr zieht in Ausübung dieser Gerichte glücklich hin, «um der Wahrheit und der Sanftmut und der Gerechtigkeit willen». Die Zeit der bewundernswerten Langmut Gottes ist dann vorbei. Gott, der das ganze Gericht seinem Sohn gegeben hat, will nun, dass Er im Blick auf das kommende Reich die Erde von der Lüge, von der Gewalttat und von der Ungerechtigkeit befreie, worunter sie während der Herrschaft Satans solange gelitten hat.

Im Propheten Hesekiel (Hes 32,22-28) lesen wir von Völkern, «die Schrecken verbreiteten im Land der Lebendigen». Im ganzen Verlauf der Geschichte dieser Erde könnten wir Gewalttätige finden, die dies taten. Bei welchen von ihnen allen wären je Wahrheit, Sanftmut und Gerechtigkeit die wirklichen Leitmotive der Ausübung ihrer Gewalt gewesen? Selbst bei denen, die Gott im Blick auf die Herrschaft unseres Herrn zu Vorbildern ausersehen hat (David, Salomo, Kores), traten immer wieder Schatten auf und verdunkelten das anfänglich schöne Bild. So dürfen auch wir unseren Herrn in seiner richterlichen Herrlichkeit bewundern und mit dem Psalmisten ausrufen: «Du bist schöner als die Menschensöhne.»

Im Gegensatz zu allen grossen Weltreichen wird die Herrschaft unseres Herrn «keinem anderen Volk überlassen werden»; sein Reich «wird alle jene Königreiche zermalmen und vernichten, selbst aber in Ewigkeit bestehen» (Dan 2,44). «Dein Thron, o Gott, ist immer und ewig; ein Zepter der Aufrichtigkeit ist das Zepter deines Reiches», sagt hier der Psalmist, indem er den Herrscher auch als Gott anspricht. Ähnlich nennt Jesaja in seiner wunderbaren Weissagung den Herrn, der als Kind in diese Welt geboren wurde, unter anderem auch «starker Gott» und «Vater der Ewigkeit», und fügt hinsichtlich des Charakters und der Dauer seiner Herrschaft hinzu: «Die Mehrung der Herrschaft und der Frieden werden kein Ende haben auf dem Thron Davids und über sein Königreich, um es zu befestigen und zu stützen durch Gericht und durch Gerechtigkeit, von nun an bis in Ewigkeit» (Jes 9,6). Auf dieser Erde suchen wir vergeblich nach einer Herrschaft ohne jeden Verstoss gegen vollkommene, wohltuende Gerechtigkeit. Von seiner Herrschaft aber schreibt der Psalmist: «Ein Zepter der Aufrichtigkeit ist das Zepter deines Reiches.» Diesen Charakter wird es bewahren bis zum Übergang des irdischen Reiches zum ewigen Zustand auf der neuen Erde, da Er die Regierungsgewalt, die Er von Gott empfangen hat, wieder «dem Gott und Vater übergibt». «Dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei» (1. Kor 15,22-28). Welch wunderbarer Ausklang zur Verherrlichung des Vaters und des Sohnes!

Über die Herrschaft unseres Herrn durfte auch David weissagen: «Ein Herrscher unter den Menschen, gerecht, ein Herrscher in Gottesfurcht; und er wird sein wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: Von ihrem Glanz nach dem Regen sprosst das Grün aus der Erde» (2. Sam 23,3-4). Als der Messias oder «der grosse König» wird Er über Israel herrschen, als «König der Könige und Herr der Herren» über alle Grossen der Erde, als «Menschensohn» über alle Werke der Hand Gottes und völliges Verfügungsrecht darüber haben.

Wir gehören dem himmlischen Gebiet seines Reiches an, werden uns aber, als seine himmlische Braut, über jede Seite seiner wunderbaren Herrlichkeit innig freuen. Wir wissen auch, dass vom himmlischen Jerusalem aus ein Einfluss zur Heilung der Nationen und zu ihrer gottgemässen Führung ausgehen wird (Off 21,24 und 22,2). Die Verbindung der himmlischen mit der irdischen Herrlichkeit in jener glückseligen Zeit, eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, ist ausser den vorerwähnten Stellen, wenn auch nicht ausführlich, so doch ganz unzweideutig im Wort vermerkt: Siehe 1. Mose 28,12; Johannes 1,49-51; Hebräer 12,22-24).

Die Zeit der Herrschaft unseres Herrn über diese Erde wird auch durch äussere Herrlichkeit und durch Freude gekennzeichnet sein: «Aus Palästen von Elfenbein erfreut dich Saitenspiel.»

Die Herrlichkeit Salomos war einst das Ergebnis der Kämpfe und Mühsale Davids. So steht auch die Herrlichkeit unseres Herrn in seinem Reich in Verbindung mit seinen Leiden und seinem Tod am Kreuz. Davon zeugen seine im 9. Vers unseres Psalms beschriebenen Kleider. Myrrhe deutet die Bitterkeit dieses seines Weges der Leiden an, wie auch dessen Wohlgeruch für das Herz Gottes, seines Vaters. Aloe spricht von seinem Tod und von dessen Ergebnissen. Bei der Grablegung unseres Herrn brachte Nikodemus eine Mischung von Myrrhe und Aloe, bei hundert Pfund. Sie wickelten den heiligen Leib mit diesen Gewürzsalben in Leinentücher (Johannes 19,39-40). Kassia redet von ausserordentlicher Schönheit, gab doch der wiederhergestellte Hiob einer seiner Töchter, die ausnehmend schön war, den Namen Kezia oder Kassia.

«Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen?», so sagte Er selbst zu den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Dass Er dies alles litt, um Gott, seinen Vater, zu verherrlichen und damit dessen Ratschlüsse ihre Erfüllung finden konnten, gehört – bildlich gesprochen – mit zur ausnehmenden Schönheit seiner Kleider am Tag seiner Herrlichkeit und macht Ihn schöner als irgendeinen der Menschensöhne.

Als der grosse König steht der Herr naturgemäss in Beziehung zu Israel. Die Königin hier ist das wiederhergestellte Volk; des Königs Tochter dürfte Jerusalem sein, ihre Gefährtinnen die Städte Israels. Auch die mit Israel gesegneten Nationen tragen zu der beschriebenen Herrlichkeit bei, was hier durch die Tochter Tyrus (Vers 13), die Reichen des Volkes, dargestellt wird.

Heute ist die Herrlichkeit unseres Herrn vor den Augen der Welt noch verborgen. Den Erlösten der Gegenwart, die als Glieder seines Leibes und als solche, die zu seiner himmlischen Braut gehören, auf das Innigste mit Ihm verbunden sind, ist die überaus grosse Gnade gegeben, unter der Anleitung des Heiligen Geistes, jetzt schon etwas vom unergründlichen Reichtum des Christus zu kennen. Wir dürfen die verschiedenen Strahlen seiner Herrlichkeit schon jetzt betrachten und uns an ihnen freuen. Dazu gehört auch die so anziehende Schönheit seiner Eigenschaften, die wir hier ein wenig betrachten durften. Wir dürfen uns über sie freuen, wie eine Braut sich über edle, vornehme Charakterzüge ihres Bräutigams freut, mit dem Unterschied allerdings, dass unser Herr «schöner ist als die Menschensöhne». Die Erkenntnis der Kostbarkeit seiner herrlichen Person vermag unser Herz von der Welt, die Ihn gekreuzigt hat und Ihn heute noch verwirft, völlig zu lösen. Dass wir doch, gleich dem Apostel Paulus, alles für Verlust achteten, «wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, unseres Herrn» (Phil 3,7-14)!

Unser Gott und Vater hat dafür gesorgt, dass, durch alle Geschlechter hindurch, wenigstens einige Seelen des grossen Namens Christi gedachten und noch gedenken. Mit uns werden einst nicht nur die Stämme Israels, sondern auch alle Völker Ihn immer und ewig preisen, was auch der Apostel Paulus durch seine Aufforderung zum Lob in Römer 15,9-12 klar bestätigt: «Lobt den Herrn, alle Nationen, und alle Völker sollen ihn preisen!»