«Er ruft seine eigenen Schafe mit Namen»

Nichts vermochte Herz und Gewissen von denen, an die der Herr sich richtete, unmittelbarer und tiefer zu berühren, als wenn Er sie bei ihrem Namen rief. Da Er jetzt im Himmel ist, können wir nicht mehr seine Stimme zu uns reden und unseren Namen aussprechen hören, um uns zu ermuntern und uns zu warnen; um uns daran zu erinnern, dass Er uns sieht, dass Er uns begleitet und uns liebt. Aber haben wir es nicht schon in manchen Umständen erlebt, dass wir Ihn wie eine innere Stimme zu uns reden, unseren Namen aussprechen hörten, um uns zu sagen: Halt! du begibst dich auf einen bösen Weg; oder auch: Fürchte dich nicht, verliere nicht den Mut, Ich bin bei dir; oder auch, um uns wie Petrus zu fragen: «Liebst du mich?» Der Herr Jesus ist der Hirte, der seine Schafe liebt und sie bei ihrem Namen ruft.

Denken wir an einige Umstände, in denen der Herr sich an die Seinen richtete und an jene, die Er segnen wollte. Er rief sie mit Namen, um ihr Herz zu erreichen und ihnen Vertrauen zu geben. Diese konnten so sein Interesse an ihnen erkennen und noch mehr als das: die Gnade, die Zuneigung und die Liebe dessen, der als vollkommener Mensch ihr inneres Wesen erfasste.

Maria Magdalene

Maria Magdalene ist weinend vor der Gruft (Joh 20). Zwei Engel sind da und sagen zu ihr: «Frau, warum weinst du?» Darauf kommt der Herr selbst und stellt ihr die gleiche Frage: «Frau, warum weinst du? Wen suchst du?» Bei diesen Worten erkennt sie Ihn noch nicht; aber sobald Er ihren Namen ausspricht: «Maria», hat ihr Herz verstanden, dass Er es ist, ihr Herr. «Rabbuni!», ruft sie aus.

Der Herr in seinem zarten Mitgefühl war für sie gekommen, um ihr zu sagen: «Maria». Damit goss Er in ihr so tief betrübtes Herz den Balsam, der nicht nur ihre Tränen trocknen, sondern sie auch mit Freude erfüllen würde.

Simon Petrus

«Simon, Simon.» Als der Herr eine ernste Warnung an Petrus richtete, der Ihn verleugnen würde, sagte Er ihm zweimal «Simon». In dieser Wiederholung seines Namens liegt ein Ausdruck der Zuneigung des Herrn für seinen Jünger, kein Vorwurf, keine Verurteilung. Er will nicht, dass er niedergeschmettert sei, nachdem er seinen Fehler begangen haben würde; Er kündigt ihm zum Voraus seine Wiederherstellung an; Er hat für ihn gebetet, damit sein Glaube nicht aufhöre, und beauftragt ihn sogar, dann seine Brüder zu stärken (Lk 22,31.32). Der Herr hörte seine Verwünschungen und doch wandte sich sein Herz nicht von ihm ab. Er kehrte sich um, und sein Blick, mehr als irgendein Wort, brachte Reue und bittere Tränen beim unglücklichen Jünger hervor.

Paulus

«Saul, Saul, was verfolgst du mich?» Als Er sich seinem Verfolger offenbarte, nannte der Herr auch ihn zweimal bei seinem Namen, um ihn auf seinem Weg nach Damaskus aufzuhalten. Wer war es, der vom Himmel her zu ihm redete und ihn bei seinem Namen rief? Es war der Sohn Gottes, der alle Menschen kennt, ihre Namen, ihre Taten, ihre Gedanken, ihr Herz, und der im gegebenen Moment seine Auserwählten mit Namen ruft, um sie zu sich zu ziehen. Diese Berufung ist im Herzen des Apostels eingraviert geblieben, und er wiederholt dieses Erlebnis vor den Juden in Jerusalem und vor dem König Agrippa (Apg 22,7 und 26,14).

Zachäus

«Zachäus, steige eilends herab.» So ruft der Herr in Jericho auch Zachäus beim Namen (Lk 19,5). Er weiss, dass er Ihn sehen möchte, und Er hat ihn auf dem Maulbeerfeigenbaum entdeckt. Wieso kennt Er ihn und unterscheidet Er ihn von der Volksmenge? Weil Er sich ihm offenbaren will. Zachäus ist einer der Erlösten, zuvor erkannt vor Grundlegung der Welt. Welche Freude und welches Glück, «Zachäus» gerufen zu werden durch den, den er so sehr zu sehen gewünscht hatte!

Der Herr hatte seinen Jüngern gesagt, dass ihre Namen in den Himmeln angeschrieben seien, worüber sie sich freuen könnten. Wir wissen aber, dass diese Namen auch im Herzen unseres Hohenpriesters eingegraben sind, wie die Namen der Kinder Israels in die kostbaren Steine des Brustschildes Aarons eingraviert waren, «auf seinem Herzen … zum Gedächtnis vor dem HERRN beständig» (2. Mo 28,29). Erinnern wir uns auch daran, dass inmitten des Verfalls der Christenheit der feste Grund Gottes steht und dieses Siegel hat: «Der Herr kennt, die sein sind» (2. Tim 2,19).