Der Gläubige in der Welt

Gott hat uns im Alten Testament, oft in ganz kurzen Worten, durch seinen Geist eindrückliche Lebensbilder von Männern aufgezeichnet, die Ihm wohlgefallen haben. Wir lasen sie schon oft, aber die darin enthaltene Botschaft haben wir immer wieder nötig.

Diese Männer lebten in der gleichen Welt wie wir. Auch sie sahen Gott nicht mit ihren leiblichen Augen. Zudem hat Er sich ihnen nicht in gleich hohem Mass offenbart wie uns. Aber was sie von Ihm erkannten, das hielten sie mit Ausdauer im Glauben fest, so dass wir uns fragen müssen: Ist auch unser Glaube so lebendig?

Henoch

Der Bericht vom Leben Henochs konzentriert sich in 1. Mose 5 auf die zweimalige Aussage: «Henoch wandelte mit Gott», und in Hebräer 11 auf das Zeugnis Gottes, dass er Ihm durch Glauben wohlgefallen habe. In dieser Haltung ging er 300 Jahre voran. Er hatte eine Familie mit Söhnen und Töchtern und allem was damit zusammen hing. Aber weder Existenz- noch Erziehungsfragen oder irgendwelche Sorgen vermochten ihn von Gott wegzuziehen. In allen Dingen «suchte» er Ihn, und Gott erwies sich ihm immer wieder als ein «Belohner», der seinem Glauben Antwort gab.

Dabei war seine Umwelt nicht besser als die unsere. Die Menschheit ging damals dem Gericht der Sintflut entgegen, weil ihre Bosheit gross war. In ihren Herzen war Feindschaft gegen Gott und gegen jeden, der auf seiner Seite stand. Henoch litt unter all dem, was die Menschen taten und sagten. Seine Weissagung, die im Brief des Judas angeführt wird, hatte ihren Ausgangspunkt bei den Menschen seiner Tage. Sie lautet: «Siehe, der Herr ist gekommen inmitten seiner heiligen Tausende, um Gericht auszuführen gegen alle und zu überführen alle Gottlosen von allen ihren Werken der Gottlosigkeit, die sie gottlos verübt haben, und von all den harten Worten, die gottlose Sünder gegen ihn geredet haben» (Judas 14.15). Henoch bildete mit den gläubigen Vorvätern und seiner Familie eine kleine Minderheit unter diesen Gottlosen. Aber mit Gott war er in der Übermacht und konnte ihren starken Einflüssen in allen Lebensgebieten im Glauben widerstehen.

Wir lesen in dieser kurzen Biographie des Wortes nichts von Unterbrüchen im Wandel Henochs mit Gott während den dreihundert Jahren. Oh, solche Unterbrüche im Suchen seiner Gemeinschaft, im Gehorsam, in der Abhängigkeit von Ihm, in der Wachsamkeit sind für uns so gefährlich! Sie werden leicht zur Gewohnheit und führen zu einem kraftlosen Christenleben ohne Frieden und Freude. Was einst David sagte, sei auch unser ständiges Verlangen: «Meine Seele hängt an dir» oder «folgt dir unmittelbar nach» (Ps 63,9). So ruft der Herr Jesus auch uns zu: «Bleibt in mir und ich in euch!» (Joh 15,4).

Die Treue im Wandel Henochs mit Gott hatte einen herrlichen Ausgang: «Durch Glauben wurde Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehe.» – «Gott nahm ihn weg.» Wir lesen nicht, dass ihm dieses glückliche Ende seines Glaubensweges auf der Erde zum Voraus offenbart wurde. Für uns aber ist hier auf der Erde das gläubige Festhalten der Verheissung unseres Herrn: «Siehe, ich komme bald!» ein mächtiger Ansporn, uns zu reinigen «wie Er rein ist» und «allezeit überströmend zu sein in dem Werk des Herrn» (1. Joh 3,3 und 1. Kor 15,58).

Noah

In Noahs Lebensbeschreibung steht sein Bauen der Arche im Mittelpunkt (1. Mose 6 – 8). Auch er «wandelte mit Gott». Unter seinen Zeitgenossen war er «ein gerechter, vollkommener Mann», weil er durch Glauben neues Leben besass und sein Tun und Reden mit Gott in Verbindung stand. Daher fand er «Gnade in den Augen des HERRN». Er vertilgte ihn nicht mit den Ungläubigen, sondern beauftragte ihn vielmehr, eine Arche der Rettung zu bauen.

Gott gab den Menschen noch eine Frist von 120 Jahren zur Umkehr (1. Mose 6,3). In dieser langen Zeit arbeitete Noah täglich an der Arche.

Von Anfang bis zum Ende war es ein Werk des Glaubens, das nach den Anweisungen des unsichtbaren Gottes zu geschehen hatte. Auf keinen von seinen Zeitgenossen konnte er sich dabei stützen. Diese lebten nur im Sichtbaren und wurden von dem «Fürsten der Gewalt der Luft, des Geistes, der jetzt wirksam ist in den Söhnen des Ungehorsams», unbewusst ins Verderben geführt. Aber der Unglaube der anderen hinderte Noah nicht, «als er einen göttlichen Ausspruch über das, was noch nicht zu sehen war, empfangen hatte, von Furcht bewegt eine Arche» zu bereiten (Heb 11,7). Für seine menschlichen Begriffe lag das angekündigte Gericht Gottes noch in weiter Ferne; für seinen Glauben jedoch war es eine tiefernste Wirklichkeit, die ihn trieb, unverzüglich zu handeln.

Alles, was er nun in Verbindung mit dem Bau der Arche tat, war das fortwährende Zeugnis gegenüber seinen Mitmenschen: Das Gericht Gottes kommt! Ob er mit der Axt «Gopher»-Bäume fällte und sie mit der Säge zerschnitt, ob er die Bretter zu weiterer Bearbeitung aufschichtete, ob er die abgemessenen Teile zusammensetzte, und die Fugen schliesslich mit Harz verpichte – alle diese Geräusche und alles, was die Menschen vom entstehenden Gerippe des Schiffes sehen konnten, mahnte sie an das Glaubensbekenntnis Noahs: Gottes Wort wird sich erfüllen.

Noah wird in 2. Petrus 2,5 «Prediger der Gerechtigkeit» genannt. Doch fällt auf, dass keines seiner Worte, die er in den langen Jahren vor der Flut doch ausgesprochen haben muss, aufgezeichnet wurde. Seine Predigt war vor allem die Arche, so wie auch heute das ganze Verhalten und Tun der Christen eine der Hauptaussagen ihres Glaubens ist. Dabei wird uns auch gesagt: «Seid jederzeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der Rechenschaft von euch fordert über die Hoffnung, die in euch ist, aber mit Sanftmut und Furcht; indem ihr ein gutes Gewissen habt, damit, worin sie gegen euch als Übeltäter reden, die zuschanden werden, die euren guten Wandel in Christus verleumden» (1. Pet 3,15.16). – So wurde auch von Noah wegen seines auffallenden gewaltigen Bauwerkes, das vom kommenden gerechten Gericht Gottes sprach, bestimmt Rechenschaft gefordert, und er gab im Glauben Antwort. Aber wie traurig! Trotz dieses deutlichen Zeugnisses und obwohl die Langmut Gottes während des Baues der Arche so lange Zeit harrte, blieben die Ungläubigen ungehorsam und kamen um. Nur acht Seelen, Noah und seine Familie, wurden gerettet (V. 20).

Wie gut, dass die Gläubigen heute nicht nur ihren persönlichen Glauben vom kommenden Gericht zu bezeugen haben, sondern hinausgehen dürfen, um das Evangelium der Gnade in Jesus Christus zu «predigen» (Mk 16,15). Immer noch bringt der Same des Wortes viel Frucht in der Welt, zur Errettung unzähliger Menschen. Möge unser Dienst im Evangelium der Leitung und Erwartung Gottes entsprechen.

Abraham

Schliesslich greifen wir aus der reichen Geschichte Abrahams, die uns wohlbekannt ist, einige Punkte heraus, die uns in anderer Weise daran erinnern, was heute den Weg der Gläubigen in der Welt kennzeichnen soll.

Der «Gott der Herrlichkeit» erschien Abraham, als er noch jenseits des Stromes wohnte, wo die Väter Israels andern Göttern gedient hatten. Er forderte ihn auf, sein Land, seine Verwandtschaft und seines Vaters Haus zu verlassen (1. Mo 12,1; Apg 7,2; Jos 24,2). Ihm sollte er von nun an folgen, bis zum schliesslichen Ziel, das der Patriarch später als die «Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist», erkannte (Heb 11,10).

Welch ein festes Vertrauen auf den lebendigen Gott war nötig, um mit seinem ganzen Haus und den Viehherden seine bisherige Heimat zu verlassen und auszuziehen, «ohne zu wissen, wohin er komme.» Aber Gott hat ihm diesen beispielhaften Glauben gegeben, der sein Leben charakterisieren sollte.

Abraham wurde berufen, bevor der HERR ihm und seinen Nachkommen das verheissene Land zum Besitztum geben konnte, denn «die Ungerechtigkeit der Amoriter war noch nicht voll». Gerade der Umstand, dass er ein Fremder blieb in Kanaan, dass Gott ihm darin kein Erbe gab, auch nicht einen Fuss breit, macht ihn zum Vorbild für uns. Auch wir sind ja «herausgenommen aus der gegenwärtigen bösen Welt, nach dem Willen unseres Gottes und Vaters» (Gal 1,4), um später in unser Erbteil einzugehen. Aber dieses ist für uns nicht ein irdisches Land, das von Milch und Honig fliesst, sondern die unbeschreibliche Herrlichkeit Gottes droben.

Wie füllte Abraham die von Gott angeordnete Wartezeit aus, die für ihn zeitlebens andauerte? Durch Glauben hielt er sich auf in dem Land – für ihn das Land der Verheissung – «wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob» (Heb 11,9). Der Patriarch verwirklichte seinen Fremdlingscharakter, obwohl er wusste, dass für ihn und seine Nachkommen an diesem Zustand noch jahrhundertelang nichts geändert werden würde. Er wusste auch, dass man ihn hier einst im guten Alter begraben werde. Trotz der natürlichen Neigung, sich da, wo man sich aufhält, heimisch zu machen, blieb er in einem Zelt, worin alles provisorisch, vorübergehend und aufs Notwendige beschränkt ist. Ein Zelt abbrechen und weiterziehen ist daher leicht gemacht.

Auch dem Volk des Landes gegenüber bekannte sich Abraham zur Fremdlingschaft. Ging dieses wegen seiner Götzendienerei nicht dem Gericht entgegen? Er wollte nicht in ihren Toren sein, wie Lot, um mitzureden. Er sagte zu den Kindern Heth: «Ich bin ein Fremder und Beisasse bei euch» (1. Mo 23,4).

Wie zeigen wir, die wir «nicht von dieser Welt», aber mit jeder geistlichen himmlischen Segnung gesegnet sind, unseren Fremdlingscharakter? Wir haben eine bessere Zusage als die, in gutem Alter hier begraben zu werden. Wir gehören zur Braut des Herrn, der Er die Verheissung seiner Wiederkunft gegeben hat. Diese Erwartung ohne Unterbruch im Herzen festzuhalten, als eine «glückliche Hoffnung», die sich nach Gottes Wort jeden Tag erfüllen kann, ist das beste Mittel, um in dieser Welt als Fremde leben zu können. Sobald der Christ voraussetzt, es werde noch eine Zeit dauern, bis unser Herr kommt, ist er in Gefahr, diesen Zeitraum nach seinen irdischen Neigungen auszufüllen.

Abraham baute da, wo er sich als Fremder aufhielt, auch einen Altar. Aufgrund der Opfer, die er auf diesem darbrachte, konnte er mit dem «Gott der Herrlichkeit» Gemeinschaft pflegen und Ihm priesterlich dienen. – So wird uns Christen nun in Hebräer 13,10 gesagt: «Wir haben einen Altar.» Im Gegensatz zu den Juden in Jerusalem können wir, gestützt auf das vollkommene Opfer Christi, wahren Gottesdienst ausüben. Es ist unser grosses Vorrecht, immer wieder am Tisch des Herrn zu erscheinen, um uns mit dem Lamm Gottes zu beschäftigen, das sich am Kreuz für Gott und für uns hingegeben hat. Wir vertiefen uns dabei in seine Leiden, die Ihn uns so kostbar machen, und denken an die verschiedenen Seiten seines vollkommenen Opfers, dessen Wohlgeruch wir in Anbetung vor Gott bringen. Wie vermag der Segen solcher Stunden der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn, wie auch untereinander, als Ausdruck der Einheit des Leibes Christi, uns auch durch die Tage der Fremdlingschaft zu begleiten und uns zu erinnern, dass unser Heim in der Herrlichkeit droben ist!

So sind diese Männer aus dem Alten Testament: Henoch, Noah und Abraham, durch ihren treuen Wandel mit Gott, durch ihr Zeugnis gegenüber den Kindern dieser Welt, wie auch im Fremdlingscharakter und im Gottesdienst, für uns Gläubige der Jetztzeit anspornende Beispiele. Hat Gott uns in Christus Jesus nicht «alles zum Leben und zur Gottseligkeit geschenkt», damit wir «mit allem Fleiss» darin leben können?