In Christus leben

Philipper 1; Philipper 4

Im Philipper-Brief werden die Erfahrungen des Christen mit Christus beschrieben, die er während seines Lebens auf der Erde machen darf. Darum stossen wir darin immer wieder auf die Ausdrücke: «in Christus» – «im Herrn» – «in Christus Jesus» – «in Ihm» – wohl achtzehnmal.

Auch im Epheser-Brief begegnen wir ihnen, aber dort bezeichnen sie unsere unveränderliche Stellung, in die wir im Herrn Jesus versetzt worden sind.

Hier jedoch wird uns am Beispiel des treuen Apostels Paulus durch die meisten dieser Ausdrücke gezeigt, wie wir alle unsere Umstände, in die wir auf dem Weg der Nachfolge Christi kommen können, mit Ihm in Verbindung bringen dürfen und sollen. Lasst uns der Reihe nach auf einige Punkte etwas näher eingehen!

«Meine Fesseln in Christus» (Phil 1,13)

Weshalb war Paulus in Rom gefangen, als er diesen Brief schrieb? weshalb «mit dieser Kette umgeben»? (Apg 28,20). Um Christi willen. Er suchte die Ursache nicht bei den Menschen, weder bei den Juden, noch bei den Römern. Er zermarterte sich nicht mit Selbstvorwürfen: Wäre ich doch vorsichtiger gewesen! Hätte ich doch auf die Warnungen des Geistes durch die Brüder gehört! (Apg 20,23; 21,4.11.12). Es war ihm nicht bewusst, gegen das Gebot des Herrn gehandelt zu haben. Statt Rücksicht auf sein Leben zu nehmen, hatte er vorgezogen, seinen Lauf und den Dienst zu vollenden, den er von dem Herrn Jesus empfangen hatte, um das Evangelium der Gnade Gottes zu bezeugen (Apg 20,24). Aus diesem Grund war es ihm jetzt, wie schon so oft, «im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden» (Phil 1,29). Weil der Apostel die Leiden der Gefangenschaft nur mit dem Herrn Jesus in Verbindung brachte, machten sie ihn nicht unruhig. Sie waren für ihn vielmehr ein Geschenk, eine Möglichkeit, kostbare «Gemeinschaft der Leiden» mit Ihm zu haben, nach der er sich so sehr ausstreckte! (Phil 3,10).

Sie haben «im Herrn Vertrauen gewonnen durch meine Fesseln» (Phil 1,14)

Wie Paulus seine Fesseln ertrug und wie er durch sie nur umso mehr Christus gewinnen konnte, blieb seiner Umgebung nicht verborgen. Den meisten der Brüder war dies eine Hilfe, selber im Herrn Vertrauen zu gewinnen. Sie sagten sich: «Wie kann der Herr Jesus den Apostel in der Gefangenschaft, von einem Soldaten bewacht, so glücklich, voller Freude und unermüdlich tätig erhalten! Warum sollten dann wir im Verborgenen bleiben und verzagt herumstehen? Wer soll denn nun in unserer grossen heidnischen Stadt Rom das Wort Gottes verkündigen, wenn nicht wir? Komme, was da will; der Herr vermag uns in seinem Dienst aufrecht zu halten wie seinen treuen Knecht Paulus.» Und manche erkühnten sich, «das Wort Gottes zu reden ohne Furcht.»

Solcher Art mag die Sprache jener Brüder gewesen sein. Haben auch wir dieses «Vertrauen im Herrn» zur Verbreitung und Verkündigung des Evangeliums rings um uns her?

«Damit euer Rühmen in Christus Jesus meinethalben überströme» (Phil 1,26)

Der Apostel hatte die Zuversicht, dass er nicht abscheiden, sondern noch eine Zeitlang hierbleiben und auf freien Fuss gesetzt werde. Er dachte an das Wohl der Versammlungen. So redete er auch von seiner Wiederkehr zu den Philippern. Er vertraute im Herrn, dass er bald zu ihnen kommen werde (Phil 2,24). Wohl sehnte er sich nach ihnen allen mit dem Herzen Jesu Christi (Phil 1,8). Aber brüderliche Gemeinschaft mit jenen geliebten Heiligen zu pflegen, war nicht sein Hauptziel. Er wollte unter ihnen dienen zu ihrer «Förderung und Freude im Glauben». Wie konnte er dies erreichen? Indem er ihnen Christus vorstellte, in all der Vortrefflichkeit und unendlichen Herrlichkeit seiner Person, wie auch in den weitreichenden Ergebnissen seines Werkes für uns. So wollte er sie zu Christus Jesus ziehen, bis ihre Herzen im Rühmen in Ihm überströmten. Sich selbst hielt er im Hintergrund. Das ist aufbauender Dienst!

«Wenn es nun irgendeine Ermunterung gibt in Christus …» (Phil 2,1)

Einst irrten wir alle umher wie Schafe. Wir wandten uns jeder auf seinen Weg. Jeder sah auf das Seine. Wir waren voller Selbstsucht. Wir wollten gross sein, höher als andere. So oft erfüllte uns daher Neid und Streitsucht.

Aber Christus Jesus ist zu uns Menschen gekommen. Durch Ihn wurden die an Ihn Glaubenden von Ihrem sündigen Zustand erlöst und befreit. In Ihm besitzen wir eine unendliche Fülle geistlicher Segnungen, von denen in unserem Vers einige aufgezählt sind: Einen Trost der Liebe, die sich am Kreuz völlig offenbarte und jeden der Seinen auf dem ganzen Weg in unverminderter Wärme begleitet. Eine Gemeinschaft des Geistes (oder durch den Heiligen Geist) unter den Heiligen: Unsere Herzen haben in Christus denselben Gegenstand, das gleiche Heil, das gleiche Leben, dieselbe Hoffnung, das gleiche Ziel. Nur das Irdische und was aus dem Fleisch kommt, ist es, was diese Gemeinschaft stört.

Erfüllt uns diese Ermunterung in Christus, hat das zur Folge, dass wir «einerlei gesinnt» sind und gegen jeden «dieselbe Liebe haben». Dann wird sichtbar, dass Christus in uns lebt, nicht das Ich (Gal 2,20), mit seiner Empfindlichkeit, seinem Geltungstrieb, seiner Selbstsucht. Wir wandeln dann in der Gesinnung Christi, die uns in diesem Kapitel so ergreifend vorgestellt wird: Er hat sich zu nichts gemacht, indem Er Mensch und Knecht wurde. Und als Mensch hat Er sich selbst erniedrigt, indem Er gehorsam wurde bis zum Tod.

«Ich hoffe aber im Herrn Jesus, Timotheus bald zu euch zu senden» (Phil 2,19)

War Paulus nicht zum Apostel berufen? Hatte ihm der Herr nicht inmitten seiner Versammlungen grosse Autorität gegeben? Gewiss, aber das hinderte ihn nicht, seine Anordnungen «im Herrn» zu treffen, Ihm untergeordnet und von Ihm abhängig zu sein.

Auch hierin sei er uns ein Beispiel. Was auch immer unsere Aufgabe und Stellung ist, in der Familie, im Beruf, im Werk des Herrn – alles geschehe «im Herrn», in enger Verbindung mit Ihm. Er ist unser aller Herr, nicht wir sind die Herren.

«Nehmt ihn nun auf im Herrn» (Phil 2,29)

Die Philipper hatten den Apostel «im Herzen» (Phil 1,7). Sie konnten sich in seine Drangsal der Gefangenschaft einfühlen und waren gedrängt, ihm eine Gabe zur Linderung seiner Not zukommen zu lassen. Wen sollten sie senden? Wer war ein geeigneter Bote Ihrer Liebe und bereit, die damals grossen Gefahren und Mühen einer solchen Reise auf sich zu nehmen? Oh, da war ihr geliebter Bruder Epaphroditus! Er führte den Auftrag aus. Dort angekommen, war er für den Apostel zur grossen Ermunterung. Er war sein Bruder und sogleich sein Mitarbeiter und Mitstreiter. Aber weil er sein Leben wagte, um den Dienst der Philipper gegen den Apostel zu erfüllen, wurde er krank und kam dem Tod nahe. Als Epaphroditus vernahm, wie die Geschwister in Philippi deswegen betrübt und in Unruhe waren, verlangte ihn sehr nach ihnen, und Paulus sandte ihn zurück, damit sie wieder froh würden.

War da die Aufforderung des Apostels nötig: «Nehmt ihn nun auf im Herrn mit aller Freude und haltet solche in Ehren»? Die ganze Versammlung in Philippi bereitete ihm doch bei seiner Rückkehr auch ohne eine solche Aufforderung einen überaus herzlichen Empfang!

Doch gerade dieser Umstand gibt den Worten des Apostels grosses Gewicht. Der Umgang mit allen unseren Geschwistern, ob sie Epaphroditus gleichen oder weniger unsere «Wellenlänge» haben, soll im Herrn sein. Das bewahrt uns vor Gefühlsüberschwang und Lobhudelei, wie auch vor Interesselosigkeit und Herzenskälte. Nehmen wir einander auf im Herrn, so sind wir uns der Verbindung mit Ihm bewusst. So werden wir einander in der Liebe Gottes begegnen, die aus einer anderen Quelle fliesst als menschliche Zuneigung oder Abneigung.

«Freut euch im Herrn!» (Phil 3,1; 4,4)

Ein wohlbekannter Zuruf an die Erlösten. Das Herz des Menschen ist beständig auf der Suche nach etwas, woran es sich freuen kann. Findet es nichts, wird es matt. Das Leben erscheint ihm trübe und sinnlos. Der Teufel weiss das. Er bietet dem Menschen weltliche und sündige Vergnügen an, um ihn zu hindern, die Freude in Gott zu suchen.

Freude in Gott? Ja, bei Ihm allein ist völlige Freude zu finden. Er vermag das Herz mit aller Freude zu erfüllen (Röm 15,13). Durch den Glauben an den Herrn Jesus hat das Kind Gottes offenen Zugang zu Ihm. Es ist frei gemacht von der Sünde, hat jetzt in Christus Leben aus Gott und daher Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn. Das ist die Grundlage dieser völligen Freude (1. Joh 1,1-4). Sie ist uns in seinem Sohn, im Herrn Jesus gegeben.

Aber der Genuss dieser Freude unterliegt Bedingungen. Der Herr sagt: «Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben … Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure Freude völlig werde (Joh 15,10.11). Auch der Gebetsumgang mit dem Vater, im Namen Jesu gehört dazu: «Um was irgend ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben … Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude völlig sei» (Joh 16,23.24).

Die Freude von Gott ist eine Frucht seines Heiligen Geistes (Gal 5,22; Röm 14,17). Um sie zu geniessen, habe ich im Geist zu wandeln (Gal 5,16), nicht im Fleisch. Er ist immer bemüht, die Herrlichkeiten des Herrn Jesus, als Sohn Gottes und als Sohn des Menschen, in dem die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt (Kol 2,9), vor die Blicke der Seinen zu stellen. Beschäftigt sich mein Herz mit Ihm, so wandle ich im Geist, und so vermag ich Ihm auch in der Kraft des Geistes nachzufolgen.

Auf diese Weise kann ich mich, unabhängig von allen Umständen, «allezeit im Herrn freuen».

«Damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde» (Phil 3,8.9)

Besonders der Apostel Paulus lehrt uns in seinen Briefen die unveränderliche Stellung des Erlösten in Christus, unabhängig von seinem – ach! – so schwankenden Zustand. Hier aber ging es ihm um sein persönliches Herzensverhältnis zu Christus. Sein sehnliches Begehren war, Ihn immer besser zu erfassen und zu erfahren, Ihn zu gewinnen und in Ihm zu bleiben, so wie der Herr es ja auch seinen Jüngern ans Herz gelegt hatte: «Bleibt in mir, und ich in euch» (Joh 15,4-7). Weil dies das stündliche Streben des Apostels war, brachte sein Leben und sein Dienst «viel Frucht».

«Ich jage, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus» (Phil 3,14)

Ein Wettläufer fasst schon am Start sein Ziel ins Auge, das er nach kurzer, harter Anstrengung erreichen wird, ohne sich irgendwie davon ablenken zu lassen. So lief auch Paulus seinem festen Ziel, das er am Ende seines ganzen Lebenslaufes sah, beharrlich und ohne Ablenkung entgegen. Dort erwarteten ihn keine Preisrichter, die sein «Jagen» nach menschlichen Massstäben beurteilten. Gott hatte ihn berufen, diesen Lauf zu unternehmen, der in seiner Herrlichkeit droben enden würde, und sein Kampfrichter war Christus Jesus selbst. So richtete er seine Blicke nur auf Ihn. Ihm zu leben, Ihm zu dienen, und dass Christus an seinem Leib allezeit «erhoben werde» (Phil 1,20), war sein einziger Wunsch.

Christus Jesus droben ist auch die Endbestimmung unseres Laufes. Sein Name ist die beste Beschreibung des ganzen Himmels, dem wir entgegengehen. Er ist der Inbegriff unseres herrlichen Ziels. Er ist es, der uns hinaufzieht.

Paulus schrieb sich in diesem Wettlauf keine Verdienste zu. Er sagt von sich selbst: «durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen» (1. Kor 15,10). Anderseits aber ermahnt er die Korinther und uns: «Mitarbeitend aber ermahnen wir auch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt» (2. Kor 6,1). Auch wir sind also in gleicher Weise «qualifiziert», an diesem Wettlauf teilzunehmen.

«Steht fest im Herrn, Geliebte» (Phil 4,1)

Steht der Gläubige allein, wird er leicht ein Spielball seiner eigenen Gedanken und Wünsche. Er steht in Gefahr, «von jedem Wind der Lehre» umhergetrieben zu werden (Eph 4,14). Selbst wenn er sich auf treue Brüder stützte oder sich nur verstandesmässig an der zuverlässigen Lehre der Heiligen Schrift festhielte (der wir anhangen sollen – Tit 1,9), so wäre dies für ihn noch kein genügender Schutz. Wir haben da traurige Beispiele. Sogar Brüder, die in der Lehre des Wortes gut gegründet waren, haben sich in den Fallstricken des Teufels verfangen.

Das Herz des Gläubigen muss im Herrn selbst Quelle und Nahrung haben, aus der es trinkt und von der es sich nährt. In Sprüche 4,23 lesen wir: «Behüte dein Herz mehr als alles, was zu bewahren ist; denn von ihm aus sind die Ausgänge des Lebens.»

«Der Friede Gottes … wird eure Herzen und euren Sinn bewahren in Christus Jesus» (Phil 4,7)

Diese Verheissung steht im Zusammenhang mit unseren Sorgen und Bürden, die uns so leicht beunruhigen. Sie können ja wie ein Keil sein, der sich zwischen Christus Jesus und uns schieben und die Gemeinschaft mit Ihm unterbrechen will. Nein, sagt hier das Wort, jede Sorge, die kleinste wie die grösste, sei für euch ein Bote, der euch einlädt, in Glauben und Vertrauen das Angesicht Gottes zu suchen, der euch in allen Dingen auf seine vollkommene Weise helfen wird. Diese Zuversicht verscheucht Angst und Unruhe. Je grösser der Glaube an Gottes Weisheit, Macht und Liebe, umso tiefer ist sein Friede, der sich ins Herz senkt. Die Sorgen sind dann nicht mehr Störenfriede in der Gemeinschaft mit unserem Herrn Jesus. Sie verwandeln sich im Gegenteil in echte Glaubenserfahrungen, so dass wir uns der Trübsale, der Nöte, der Schwierigkeiten und Verlegenheiten rühmen können. Am besten ist es, Gott im Voraus dafür zu danken.

«Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt» (Phil 4,13)

Nicht erst in der Gefangenschaft, auch schon während seines Dienstes, war der Apostel oft in Not (Phil 4,16). Er hätte selber Abhilfe schaffen können. Er war ja Zeltmacher. Und wenn er aus guten Gründen den Brüdern verschiedener Versammlungen nicht zur Last sein wollte, wie es doch sein Recht gewesen wäre, so hätte er für seine Bedürfnisse arbeiten können. Aber dann wäre ihm für seinen Dienst weniger Zeit geblieben. So übte er sich auch in dieser Frage in der Abhängigkeit von seinem Herrn. Oft konnte er sich satt essen, dann wieder war er hungrig (vgl. auch 1. Kor 4,11; 2. Kor 11,27). Manchmal hatte er vorübergehenden Überfluss, dann wieder litt er Mangel. In allen diesen Umständen blieb er in Verbindung mit seinem Herrn und machte kostbare Erlebnisse mit Ihm. Daher konnte er aus Überzeugung sagen: «Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt.» Und er rief den Philippern zu: «Mein Gott aber wird euch alles Nötige geben nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus» (Phil 4,19).

Lassen sich diese Erfahrungen der Abhängigkeit nicht auch auf unser ganzes Leben anwenden? Warten wir in allen Dingen auf die Weisungen des Herrn, statt uns selber zu helfen, so werden wir in der Geduld, in der Demut, im Erkennen des Willens Gottes, in seiner Weisheit geschult, und das scheint uns nicht so einfach. Aber es lohnt sich. Ich erlebe Ihn dann als «meinen Gott». So kann auch ich aus Erfahrung sagen: «Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt.»

Der Herr lehre uns, das praktische Leben in Ihm, wovon uns der Philipper-Brief so manche Punkte aufzeigt, immer besser zu erfassen und darzustellen. Gott will uns alles «im Herrn» geben.