Damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei

Johannes 17,26

Bevor der Herr zum Kreuz ging und die Seinen deswegen verlassen musste, hat Er sie seinem Vater anbefehlen wollen. Das ist der Gegenstand von Johannes 17. Dieses Kapitel schliesst mit den Worten: «Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen»

Als der Herr hier auf der Erde seinen Dienst erfüllte, hatte Er den Seinen den Namen des Vaters offenbart. Nun kann Er ihnen diesen noch besser bekannt machen, weil der Heilige Geist, die göttliche Person, bei ihnen und in ihnen ist. Er tut dies, damit sie die Liebe des Vaters genössen – diese Liebe, mit der der Vater den Sohn geliebt hat – und davon erfüllt seien, indem sie so verwirklichten, dass sie, «errettet aus der Gewalt der Finsternis», versetzt worden sind «in das Reich des Sohnes seiner Liebe» (Kol 1,13). Dieses Reich ist gekennzeichnet durch die Beziehung, die zwischen dem Sohn und dem Vater besteht. Die Erlösten von Christus sind in die gleiche Beziehung gebracht, mit derselben Liebe geliebt. Der Herr wünscht, dass sich die Seinen dieser Liebe erfreuen, mit der der Vater Ihn geliebt und die Er hier auf der Erde in ihrem vollen Ausmass genossen hat.

Im Evangelium nach Matthäus wird uns der Herr Jesus bei drei Gelegenheiten als der Geliebte des Vaters vorgestellt:

1. Matthäus 3,17

Der Mensch gewordene Sohn Gottes nimmt hier seinen Platz unter den bußfertigen Sündern ein, aber sein Gott und Vater will nicht, dass Er mit ihnen eins gemacht werde. Der Heilige Geist kommt in Gestalt einer Taube auf Ihn herab, der heilig und rein war, und die Stimme des Vaters lässt sich vernehmen: «Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.»

2. Matthäus 12,18

Der Herr wird von den Pharisäern verworfen, die sich beraten, wie sie Ihn umbrächten. Aber seine Stunde ist noch nicht gekommen, und Er setzt seinen Dienst in Demut fort, indem Er ausdrücklich gebietet, dass sein Name nicht offenbar gemacht werde. Das Wort des Propheten war erfüllt: «Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen gefunden hat» (Jes 42,1-4). Da wird der Ausdruck: «mein Geliebter» dem Zitat aus Jesaja hinzugefügt: der Gegenstand des Hasses dieses Volkes, dessen Messias Er war, war der Geliebte des Vaters! Er wandelte in dieser Welt und genoss alles das, was Er für sein Herz war. Welch ein Trost für den, der «verachtet und verlassen war von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut!» (Jes 53,3).

3. Matthäus 17,5

Der Herr nimmt Petrus, Jakobus und Johannes mit sich; Er will ihnen einen Vorgeschmack der Herrlichkeit des Reiches geben. Aber Petrus stellt Ihn in denselben Rang wie Mose und Elia; er hat nicht erkannt, dass, wenn auch seine Erlösten in der Herrlichkeit mit Ihm vereinigt sind, Er gleichwohl der ist, den sein Gott mit Freudenöl salbt, mehr als seine Genossen (Ps 45,8). Daher verkündet der Vater aus der Wolke, was Er für Ihn ist: «Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; ihn hört.»

Diese drei Stellen bilden sozusagen eine Einleitung für den Gegenstand, den wir zur Betrachtung unterbreiten möchten, ein Gegenstand, dessen Bedeutung wir verstehen werden, wenn wir den letzten Vers von Johannes 17 als den höchsten, durch den Herrn in diesem erhabenen Gebet ausgesprochenen Wunsch noch einmal lesen: «Damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei, und ich in ihnen.»

Im Johannes-Evangelium reden sieben Stellen vom Sohn, als dem Gegenstand der Liebe des Vaters:

1. Johannes 3,35

«Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben.»

Der Vater liebt den Sohn von Ewigkeit her (Spr 8,30; Joh 17,24), hier aber in besonderer Weise, weil Er zur Erfüllung seiner Ratschlüsse in die Welt gekommen ist.

Die vorangehenden Verse unterstreichen den Gegensatz zwischen dem Dienst des Johannes und dem des Christus, zwischen dem prophetischen Zeugnis und dem des Gesandten Gottes. Die Propheten bekamen den Geist in dem Mass, wie sie Ihn nötig hatten, um ihren Dienst zu erfüllen (vgl. 2. Kön 2,9), aber Christus empfing den Geist nicht nach Mass. Er besass Ihn in Fülle und redete die Worte Gottes. Wer Ihn hörte, hörte Gott, und wer an Ihn glaubte, besiegelte, dass Gott wahrhaftig ist (Joh 3,33-34). Gott, der ehemals durch die Propheten zu den Vätern geredet hatte, redete jetzt im Sohn (Heb 1,1). Als Er den Sohn seiner Liebe herabsandte, legte der Vater, zum Heil des verlorenen Menschen, alles in seine Hände. Er liebt den Sohn, weil der Sohn für alles die Verantwortung übernimmt.

Daher, weil alles in seine Hände gegeben ist, gibt es kein anderes Mittel der Rettung als dieses: an den Sohn glauben. «Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben» (V. 36). Er ist der einzige Weg zum Vater: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich» (Joh 14,6). Zu behaupten, man kenne Gott, ohne zu dem gekommen zu sein, in dessen Hände alle Dinge gelegt sind – ist der Geist des Antichristen. «Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht» (1. Joh 2,23).

2. Johannes 5,20

«Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er selbst tut.»

Hier handelt es sich um die Liebe des Vaters zum Sohn, der auf dem Weg des Gehorsams und der Abhängigkeit wandelt.

Die Juden klagten den Herrn an, dass Er sich Gott gleich mache (V. 18). Gewiss, Er war Gott, offenbart im Fleisch, und der vollkommene Ausdruck des Vaters, aber Er hat nie den Weg des abhängigen Menschen verlassen. Seine Worte, wie auch seine Werke, waren die des Vaters. Er sagte und tat nichts von sich aus (Joh 8,26-29; 12,49.50; 14,10). Er hatte Werke vollbracht, wie die Heilung des Kranken in Kapernaum oder des Lahmen am Teich von Bethesda (Joh 4,46-54; 5,1-25), aber der Vater würde Ihm noch grössere Werke als diese zeigen (zweifellos deutete der Herr damit die Auferweckung des Lazarus an; denn um den verlorenen Menschen zu retten, war das Werk der Auferweckung nötig). Alle diese Werke, die der Sohn getan hatte und die Er tun würde, wurden in der Abhängigkeit vom Vater vollbracht (V. 19) Als gehorsamer und abhängiger Mensch ist Er, in dieser Stellung, der Gegenstand der Liebe des Vaters. Welche Befriedigung war es für den Vater, in dieser Welt einen vollkommen abhängigen Menschen zu sehen, den einzigen, den Er hier betrachten konnte! Und dieser Mensch war sein eingeborener Sohn!

3. Johannes 15,9

«Wie der Vater mich geliebt hat, habe auch ich euch geliebt.»

In seiner Liebe bleiben heisst, völlige Gemeinschaft mit Ihm haben. Der Sohn ist in der Liebe des Vaters geblieben (V. 10). Er genoss diese Gemeinschaft mit dem Vater, weil Er seine Gebote hielt. Das Geheimnis der Gemeinschaft besteht im Gehorsam und in der Abhängigkeit. Der Vater liebt den, der auf seinem ganzen Weg unaufhörlich in seiner Gemeinschaft war: «Wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe» (V. 10).

4. Johannes 10,17

«Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme.»

Der Vater liebt den Sohn,

  • weil Er sich zur Erfüllung seiner ewigen Ratschlüsse bereitstellte (Joh 3,35);
  • weil Er hier auf der Erde der gehorsame und abhängige Mensch war (Joh 5,20);
  • weil Er unaufhörlich in einer völligen Gemeinschaft mit Ihm blieb (Joh 15,9.10).

Am Ende dieses Weges wird nun der Sohn dem Vater einen neuen Beweggrund zum Lieben geben: Er lässt sein Leben!

In diesem zehnten Kapitel des Johannes-Evangeliums erwähnt der Herr nacheinander drei Motive, derentwegen Er sein Leben hingeben würde:

  • Er lässt sein Leben für die Schafe, damit sie Leben in Überfluss hätten (V. 10.11) – damit sie die Fülle des Lebens besässen. Das ist jetzt das Teil seiner Erlösten, nachdem ihnen der Heilige Geist gegeben worden ist.
  • Er lässt sein Leben für die Schafe, damit sie sich einer völligen Gemeinschaft mit Ihm erfreuen könnten, wie Er selbst die Gemeinschaft mit dem Vater genoss (V. 14.15).
  • Er lässt sein Leben, um den Vater zu verherrlichen! In völliger Hingabe an Gott gab Er sich dar und opferte sich selbst als heiliges Opferlamm zum vollkommenen Brandopfer.

Gott konnte hier auf der Erde einen Menschen betrachten, der Ihn vollkommen befriedigte und der sich am Ende seiner Laufbahn als ein lieblicher Wohlgeruch Ihm geopfert hat. Wie sehr liebt Ihn der Vater! Welch einen neuen Beweggrund fand Er da in Ihm, den Sohn seiner Liebe zu lieben!

5. Johannes 17,23

«Du hast sie geliebt, wie du mich geliebt hast.»

Der Vater hat seinem Geliebten die Herrlichkeit gegeben, die Er sich durch seine Leiden und seinen Tod erworben hat – die Herrlichkeit des Sohnes des Menschen. Und Er hat sie seinen Erlösten gegeben, damit sie mit Ihm auf ewig eins seien in Herrlichkeit: «in eins vollendet seien» (V. 23). – Dann wird die Welt wissen:

  • in erster Linie, dass der Vater den Sohn gesandt hat, an den sie nicht glauben wollte und den sie gekreuzigt hat;
  • dann aber auch, dass die Seinen mit der gleichen Liebe geliebt worden sind, mit der der Vater den Sohn geliebt hat.

Heute weiss die Welt nicht, dass wir so geliebt sind, wie der Vater Jesus liebt. Wir aber wissen es jetzt schon und freuen uns dessen in unseren Herzen, wenn auch schwach, mit Dankbarkeit und Anbetung!

6. Johannes 17,24

«Denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt.»

In diesem Vers ist von seiner göttlichen Herrlichkeit die Rede, von der des Sohnes Gottes, den der Vater schon vor Grundlegung der Welt geliebt hat. Wir werden diese Herrlichkeit schauen, die Er von Ewigkeit her hatte, als Er der Gegenstand der Liebe des Vaters war, und wir werden Ihn in Ewigkeit anbeten, weil Er den Ort der Herrlichkeit und der Liebe verlassen hat, um hier auf der Erde zu leiden und auf einem Kreuz zu sterben

7. Johannes 17,26

«Damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen.»

Als Er bei ihnen war, hatte Er den Jüngern den Namen des Vaters kundgetan (Joh 14,7.9.10). Nach seiner Auferstehung wird Er Maria Magdalene beauftragen, ihnen diese Botschaft zu bringen: «Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott» (Joh 20,17). «Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan.» Er fügte bei: «und werde ihn kundtun». Nachdem der Heilige Geist als göttliche Person auf die Erde gekommen war, waren die Jünger fähig, tiefer in diese Erkenntnis einzudringen. Wir haben den Geist der Sohnschaft empfangen, in dem wir rufen: «Abba, Vater!» (Röm 8,15). Der Heilige Geist lässt uns die Beziehung mit dem Vater und mit der Liebe des Vaters geniessen – der Liebe, mit der der Vater den Sohn geliebt hat!

Die Liebe des Vaters uns gegenüber ist darin kundgetan worden, dass Er seinen Sohn gesandt hat, um die Sühnung für unsere Sünden zu sein (1. Joh 4,10). Aber da ist noch mehr: Wegen unserer tatsächlichen Verbindung mit dem Sohn haben wir teil an der Liebe des Vaters zum Sohn. Was Christus gehört, gehört auch uns! – Das Herz des Erlösten entdeckt in Jesus den Gegenstand, auf dem die Wonne und die Gunst des Vaters ruhen. Er betrachtet Ihn als den, der in diese Welt kam, um die göttlichen Ratschlüsse zu erfüllen – der auf dem Weg des Gehorsams und der Abhängigkeit wandelte – eine ununterbrochene Gemeinschaft mit dem Vater genoss – und sein Leben liess. So erkennt und schmeckt der Gläubige etwas von der Liebe des Vaters. «Und ich in ihnen»: Christus wohnt in uns (vgl. Eph 3,17-19); unser Herz ist erfüllt von dem, der der Gegenstand der Liebe des Vaters ist, und wir sind auf diese Weise fähig gemacht, sie zu geniessen. Dass doch nichts in uns die Wirksamkeit des Heiligen Geistes hinderte! Er wird uns am inneren Menschen mit Kraft stärken, damit der Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohnen kann. Er wird bewirken, dass wir uns in der bestehenden Beziehung zum Vater und zu der Liebe des Vaters erfreuen. Dann wird die Liebe, mit der der Vater den Sohn geliebt hat, in uns sein.

Das ist es, was der Herr von seinem Vater für uns erbeten hat, bevor Er ans Kreuz ging.