Die Witwen im Lukas-Evangelium

Lukas 7,11-15; Lukas 18,2-5; Lukas 21,1-4

Wie vielen bekannt ist, stellt jedes der Evangelien Jesus Christus in einem besonderen Charakter dar. Die vierfache Erzählung der Geschichte vom Leben und Sterben unseres Herrn und Heilandes auf der Erde hilft uns zu einer völligeren Erkenntnis seiner wunderbaren Person. Wie in den drei Vorhängen des Vorhofs und der Stiftshütte, die von den Herrlichkeiten des Herrn reden, die vier Farben in «Kunstweberarbeit» miteinander verwoben waren, so lassen sich die Wesenszüge unseres Herrn in den Evangelien nicht streng auseinanderhalten, doch wird in jedem Bericht der eine mehr als die anderen hervorgehoben:

  • In Matthäus finden wir vor allem den Messias, den Sohn Davids und Sohn Abrahams; dieses Evangelium richtet sich ausgesprochener an Israel als die anderen.
  • Markus zeigt uns Jesus als Diener; er erzählt uns vom Dienst Christi, des Propheten, während
  • Johannes Ihn uns vornehmlich als Sohn Gottes, «der vom Himmel ist», vorstellt.
  • In Lukas aber sehen wir den Sohn des Menschen, den Sohn Adams; daher zeichnet sich dieses Evangelium besonders durch seinen menschlichen Charakter aus.

Neben verschiedenen Merkmalen, die ich anführen könnte, um diese Behauptung zu belegen, gibt es deren zwei, die besonders das Herz berühren: In verschiedenen Begebenheiten werden Worte gebraucht, die uns deutlich machen, wie schmerzlich die geschilderten Umstände für die Beteiligten waren. Es sind die beiden Worte

  • «chera» = «Witwe» (gleichbedeutend mit «leer» oder «verlassen sein», und
  • «monogenes» = «eingeboren, einzig».

Der Begriff «Witwe» wird in einem allgemeinen Sinn wohl auch noch in Markus 12,40 gebraucht.

Aber Lukas allein redet von der Prophetin Anna, der «Witwe» von vierundachtzig Jahren (Lk 2,36.37). Er allein erinnert an die «Witwen» in Israel zur Zeit Elias und an die Tatsache, dass der Prophet zu keiner von ihnen gesandt wurde, als nur nach Sarepta im Gebiet von Sidon, zu einer «Witwe» (Lk 4,25.26). Er nur zeigt uns den barmherzigen Heiland, wie Er innerlich bewegt war gegenüber einer unglücklichen «Witwe» von Nain, die die Bahre ihres toten, «einzigen Sohnes» begleitete (Lk 7,12.13). Er allein erzählt das Gleichnis vom ungerechten Richter und der unterdrückten «Witwe», die jenen unaufhörlich bestürmte, ihr Recht zu verschaffen von ihrem Widersacher, und die es schliesslich wegen ihrer Beharrlichkeit auch erlangte (Lk 18,2-5). Schliesslich erwähnt er die «arme Witwe»1 und fügt die rührenden Worte hinzu: «Er (Jesus) blickte aber auf und sah die Reichen ihre Gaben in den Schatzkasten legen. Er sah aber eine gewisse arme Witwe zwei Scherflein dort einlegen. Und er sprach: In Wahrheit, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr eingelegt als alle. Denn alle diese haben von ihrem Überfluss eingelegt zu den Gaben Gottes; diese aber hat von ihrem Mangel eingelegt: den ganzen Lebensunterhalt, den sie hatte» (Lk 21,1-4).

Das zweite Wort, «eingeboren, einzig» oder «Eingeborener, einziger», das im Johannes-Evangelium ausschliesslich für den Sohn Gottes gebraucht wird, findet sich in seiner Anwendung auf die Menschen nur in Hebräer 11,17 (Isaak) und dreimal im Lukas-Evangelium (Lk 7,12; 8,42; 9,38).

  • In der ersten dieser Stellen handelt es sich um den einzigen Sohn der Witwe von Nain, von der wir schon geredet haben.
  • In der zweiten geht es um die einzige Tochter von Jairus, die durch Jesus auferweckt wurde. In Matthäus 9,18 ist es «ein Vorsteher», der zu Ihm sagt: «Meine Tochter ist eben jetzt verschieden.» Markus teilt mit (Mk 5,22.23), dass Jairus zu den Füssen Jesu niederfiel, Ihn sehr für sie bat und sprach: «Mein Töchterchen liegt im Sterben.» Lukas allein fügt die herzbewegende Tatsache hinzu: «Er hatte eine einzige Tochter.»
  • So verhält es sich auch in der dritten Stelle, wo Jesus einen Besessenen heilte, den die Jünger vergeblich zu befreien versucht hatten. Nach Matthäus 17,15 sagte der arme Vater: «Herr, erbarme dich meines Sohnes, denn er ist mondsüchtig.» Markus berichtet (Mk 9,17): «Lehrer, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht, der einen stummen Geist hat.» Wie viel trauriger aber erscheint die Lage des Vaters nach dem Bericht des Lukas: «Lehrer, ich bitte dich, sieh meinen Sohn an, denn er ist mein einziger

Die menschliche Saite erklingt da viel stärker, das menschliche Herz wird tiefer bewegt durch diese Beifügung, und das ist typisch für den besonderen Gedanken, den der Heilige Geist in diesem Evangelium entfalten wollte.

Die Leser des Wortes, die in diesen besonderen Merkmalen, die wir angedeutet haben, nichts Interessantes oder Kennzeichnendes sehen, tun uns leid. Für den, der an die Inspiration der heiligen Schriften glaubt, hat selbst ein einzelnes Wort mehr oder weniger in dem einen Bericht, weggelassen oder hinzugefügt in einem anderen, eine Tragweite und eine Wichtigkeit, die zu betrachten der Mühe wert ist.

Kommen wir nun auf drei der in Lukas erwähnten Witwen zurück und denken wir einen Augenblick über die Unterweisungen nach, die uns durch ihre Umstände erteilt werden.

Solange wir noch auf der Erde und noch nicht mit unserem Herrn im Himmel vereinigt sind, lässt Er uns in dem Mass seine Güte und seinen Beistand erfahren, als wir seine Abwesenheit empfinden. Sobald der Bräutigam von ihnen weggenommen ist, trauern und fasten die Gefährten des Bräutigams (Mt 9,15). Das ist ihre wahre und geziemende Haltung. Wenn wir sie mehr verwirklichten und die Abwesenheit des Herrn tiefer fühlten, so hätten wir auch ein tieferes geistliches Verständnis für die Ursache dieser Abwesenheit – für seinen Tod. Denn dieser Tod, der einerseits den höchsten Grad seiner Verwerfung seitens der Menschen zum Ausdruck bringt, ist anderseits für uns der Eingang in das Leben und in die Herrlichkeit. Wenn wir die erste dieser beiden Seiten gut erfassen, so werden wir auch die andere praktisch kennenlernen. Mit anderen Worten: In dem Mass, wie wir die Verwerfung und die Vereinsamung, die Christus in dieser Welt so schmerzlich empfand, hier auf der Erde mit Ihm teilen, im lebendigen Bewusstsein seiner Abwesenheit, desto tiefer werden wir auch die Segnung und die Befreiung geniessen, die Er uns erwirkt hat.

In dreien der im Lukas-Evangelium genannten Witwen werden uns drei Arten schmerzlicher Vereinsamung oder «Witwenschaft» gezeigt, auf die wir jetzt etwas näher eingehen wollen.

1. Die Witwe von Nain

(Lukas 7,11-15)

Nain bedeutet: schön oder angenehm. Die Welt scheint an sich schön; aber beim Tor der Stadt, was sehen wir da? Einen toten jungen Mann, den einzigen Sohn einer Mutter, und diese war eine Witwe! Mochte der Platz, wo sie wohnte, noch so schön sein – für sie war jede Hoffnung und jede Freude dahingeschwunden. Sie war nicht nur Witwe, sondern hatte jetzt auch ihr einziges Kind verloren. Das letzte Band, das sie mit der Erde verband, war abgebrochen; die Trostlosigkeit und Vereinsamung hatten nun ihr Vollmass erreicht. Aber welche Hilfsquelle wurde nun dieser Unglücklichen und allen denen angeboten, die sich in einem ähnlichen Leid, in einer ebenso traurigen Vereinsamung befinden? Christus, in der Kraft der Auferstehung. Gerade das tiefe Leid führte diese arme Frau zur Erkenntnis des Herrn. Wäre sie nicht derart ohne Trost gewesen, hätte sie den Herrn nicht so erkannt, wie sie es nun tun durfte. Ihre Witwenschaft, ihr qualvoller Schmerz der Vereinsamung wurde für sie ein Gewinn; denn dadurch lernte sie die unbegrenzten Hilfsquellen in Christus kennen. Eine Witwe dieser Art zu sein, heisst für uns, mit Christus verbunden sein und seine mächtige Hilfe erfahren. Solange wir aber diesen Platz der Abkehr von der Welt noch nicht eingenommen haben, werden wir den Herrn nicht in dieser Weise kennenlernen. Alles, was uns zu einer wahren geistlichen Witwenschaft führt – was auch immer die Veranlassung dazu sein mag – führt zum Segen und zu einem Zustand der Ähnlichkeit mit Christus und seiner Stellung hier auf der Erde; wir nehmen dann sein Joch auf und lernen von Ihm.

2. Die Witwe vor dem ungerechten Richter

(Lukas 18,2-5)

Diese Frau ist das Bild einer zweiten Art von Witwenschaft. Dieser armen Witwe werden keinerlei Widerwärtigkeiten und Verlegenheiten erspart. Gross ist ihre Hilflosigkeit und absolute Unfähigkeit, etwas zu tun, um sich aus ihrer Lage zu befreien. Mehr noch, sie hat einen mächtigen Widersacher; und der Richter sieht untätig zu. Hier haben wir also nicht nur Trostlosigkeit und Vereinsamung, wie im ersten Fall, sondern eine Unglückliche, die einem zertretenen Wurm gleicht. Was ist nun ihre Hilfsquelle? «Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen?» Es gilt, allezeit zu beten und nicht zu ermatten.

David war in Ziklag in einer ähnlichen Lage (1. Samuel 30). Abgeschnitten von aller menschlichen Hilfe, drohte ihm zudem noch Gefahr von seinem Feind; «aber er stärkte sich in dem HERRN, seinem Gott.» Je tiefer er die Vereinsamung empfand, desto mehr freute er sich nachher über die Hilfe, die Gott ihm zuteilwerden liess, indem Gott selbst mit den Feinden Davids abrechnete.

3.Die Witwe mit den zwei Scherflein

(Lukas 21,1-4)

Hier finden wir die dritte und wohl die erhabenste Art von Witwenschaft. Diese Witwe gab alles, was sie hatte, für das Zeugnis Gottes hin. Es waren zwar nur zwei Scherflein, und vielleicht sind einige geneigt zu denken, sie hätte diese zwei Kupferstücke, oder wenigstens eines davon, besser für ihre eigenen Bedürfnisse verwendet. Aber nein, sie will sie dem Tempel opfern, dem Gebäude des Zeugnisses Gottes auf der Erde. Sie ist eine wahre Witwe im geistlichen Sinn des Wortes. Nicht nur war sie im Blick auf diese Welt ohne Hoffnung, sie dachte auch gar nicht daran, und vergass darüber hinaus sich selbst, so dass sie nicht das geringste Besitztum, das ihr noch verblieben war, für sich selbst verwenden wollte: Ihr Herz war derart von den Interessen Gottes gefangen genommen, dass sie ihren ganzen geringen Besitz Ihm übergab. Sie tat dies ohne jede Furcht, ohne in innerer Unruhe an die eigene Zukunft zu denken, in einer einfachen und glücklichen Hingabe an die Sache Gottes auf dieser Erde, auf der sie sich für nichts anderes mehr interessierte.

Auch Paulus glich – nach den Worten des Philipperbriefes – einer «Witwe» dieser Art. Im Gefängnis hatte er kein anderes Interesse als das, was sich auf die Verherrlichung des Herrn bezog, und er war bereit, sich selbst und alles was er hatte, hinzugeben; denn das Leben war für ihn Christus.

In dem Mass, wie wir das Bedürfnis und Verlangen nach unserem Herrn empfinden, werden wir auch von ihm empfangen und Ihn erkennen. Möchte diese Erfahrung doch mehr und mehr unser Teil sein, denn was die Erkenntnis Christi alles in sich schliesst, vermag niemand zu sagen, als nur wer sie besitzt.

  • 1Nur von dieser Witwe spricht auch Markus in Kapitel 12,41-44