Eine Anregung zum Schriftstudium (2)

Psalm 1

Das letzte Mal stellten wir uns einige Fragen, die beim Lesen des

Ersten Psalms

in unseren Herzen auftauchen können. Entsprechend unserer Anregung haben inzwischen wohl viele diese Fragen anhand des Wortes beantwortet und werden sich jetzt interessieren, was für Antworten nun hier gegeben werden, und ob sich diese mit dem decken, was sie selbst gefunden haben.

Dabei wird sich aber zeigen, dass die Antworten ganz verschiedenartig sein können, weil dieser Psalm, wie alle Schriftabschnitte, von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet werden darf und vielerlei Gedanken hervorruft, die einander ergänzen.

Vers 1

  1. Dieser göttlich inspirierte Psalm wird vom Eigenschaftswort «glückselig» beherrscht. Gott selbst beschreibt uns hier und an vielen anderen Stellen den Weg, auf dem der Mensch in Glückseligkeit vorangehen kann, auch wenn er von einer bösen Welt umgeben ist. Das ist eines der Themen des Buches der Psalmen.
  2. «Glückselig» bezeichnet den Zustand einer Seele, die Frieden mit Gott hat und durch nichts in der Freude der Gemeinschaft mit Ihm gehindert wird. Nach anderen Stellen der Psalmen ist dieser Zustand nur dann möglich:
    • Wenn der Mensch seine Sünden Gott bekennt und durch Glauben, aufgrund der Gnade Gottes – die jetzt in Christus offenbart ist – das Bewusstsein seiner Vergebung besitzt (Ps 32,1-5);
    • wenn sein Vertrauen in Gott ist, und er Ihn zu seiner Zuflucht macht (Ps 34,9; 40,5 usw.; 84,6.13);
    • wenn sein Herz da wohnt, wo Gott ist (Ps 84,5); wenn er Gott fürchtet und in seinem Weg untadelig ist (Ps 112,1 und 119,1).
  1. Im ersten Vers unseres Psalms sind weitere drei Vorbedingungen zur Glückseligkeit erwähnt. Als erstes: Der Gläubige oder Gerechte kann nur dann glücklich leben, wenn er nicht im Rat der Gottlosen wandelt.
    1. Was kennzeichnet den Gottlosen? – Er lebt ohne Gott dahin. Er betet nicht oder nur in höchster Not. Er kümmert sich weder um Gottes Wort noch um seine Gedanken, noch um seinen Willen. Er lebt nach dem eigenen Willen und nach seinen eigenen Begierden. Er mag sich freundlich und liebenswürdig geben und das, was er als seine Pflicht erachtet, treu erfüllen, aber sein ganzes Dasein ist los-von-Gott.
    2. Der Rat der Gottlosen tritt vor allem durch ihr Beispiel, das sie mit ihrem Leben geben, an uns heran. Eine grosse Gefahr! Der Dichter des 73. Psalms ist ihr beinahe erlegen (Vers 2). Wenn er als vielgeprüfter Mann die Gottlosen betrachtete, musste er sich sagen: Sie haben Erfolg in irdischen Dingen und sind in Wohlfahrt (Vers 3). Sie sind wohlgenährt (Vers 4). Sie haben kein Ungemach; da sie keine Söhne sind, werden sie nicht gezüchtigt (Vers 14; vergleiche auch Heb 12,8). Sie werden mit den Menschen nicht geplagt, da sie mit dem grossen Strom schwimmen und daher weder Widerspruch noch Verfolgung zu erleiden haben (Vers 5). Sie haben eine grosse Meinung von sich selbst und geniessen Ansehen (Verse 6-9). Sie erwerben sich Vermögen und können sich «alles leisten» (Vers 12). Aber wie schrecklich ist ihr Ende! (Verse 17-20). – Lassen wir uns durch ihr Beispiel imponieren und beeinflussen?
      Aber auch durch das, was sie sagen und schreiben, tritt der Rat der Gottlosen an uns heran. Durch ihre Schriften und Bücher verbreiten sie die Grundsätze, nach denen sie ihr Leben ohne Gott und ohne seine Führung einrichten. Ein solches Leben, solche Grundsätze mögen dem oberflächlichen Leser vielleicht harmlos erscheinen wie das, was die Leute in der Stadt Kains taten (1. Mo 4,16-22). Aber das ganze Leben Kains und seiner Nachkommen wickelte sich dort fern vom Angesicht Gottes ab. Und wohin führte sein Weg? Ins Verderben!
  1. Die zweite in Vers 1 erwähnte Vorbedingung zur Glückseligkeit ist die, dass man dabei nicht auf dem «Weg der Sünder» stehen darf.
    1. Was ist Sünde? – Der Begriff «Sünde» ist unter den Kindern dieser Welt sehr abgenützt. Sie verstehen darunter bald nur noch die schlimmsten Verstösse gegen Moralgesetze, die sie gerade noch anerkennen, wie Mord, Ehebruch usw. Nach Gottes Wort aber ist Sünde dasselbe wie Gesetzlosigkeit (1. Joh 3,4). Der Gottlose lebt nicht nur los von Gott, sondern auch los von seinem Wort, los von seinen Geboten. Jeder Ungehorsam gegenüber seinen Worten und Geboten aber ist Sünde. Jede Ungerechtigkeit ist Sünde (1. Joh 5,17), also alles, was vor Gott «nicht recht» ist, das heisst, nicht mit seinem offenbarten Willen und seinen Grundsätzen übereinstimmt. (Vgl. auch Röm 14,23; Jak 4,17; Spr 21,4 usw.)
    2. Wer ist ein Sünder? – Aus Römer 5,19 geht hervor, wie allumfassend der Begriff «Sünder» ist. Durch die Ungerechtigkeit des einen Menschen (Adam) sind die vielen – alle seine Nachkommen – in die Stellung von Sündern gebracht worden, die fortgesetzt sündigen. Und nur durch die gläubige Annahme der «Gabe der Gerechtigkeit» in Christus Jesus kann ein Mensch in die Stellung von Gerechten versetzt werden. Es gibt also nur diese zwei Gruppen von Menschen: «Sünder» in Adam und «Gerechte» in Christus Jesus.
    3. Können auch Gläubige auf dem «Weg der Sünder» stehen? – «Der aus Gott Geborene bewahrt sich, und der Böse tastet ihn nicht an» (1. Joh 5,18). Das ist der Normalzustand des Gläubigen. Aber es ist leider eine Erfahrungstatsache, dass wir alle «oft straucheln» (Jak 3,2) und dadurch unsere Gemeinschaft mit dem heiligen Gott unterbrechen. Denn wir haben uns ja daran erinnert, dass, was Gott Sünde nennt, unendlich viel weiter geht, als was die Menschen gemeinhin darunter verstehen.
      Aber wir haben jederzeit die Möglichkeit, durch Selbstgericht und Sündenbekenntnis die verlorene Gemeinschaft wieder zu finden (vgl. 1. Joh 1,9; 2,1-2). Es kommt jedoch vor, dass ein Gläubiger aus Mangel an Wachsamkeit nicht nur von einem Fehltritt übereilt wird, sondern für längere Zeit auf den «Weg der Sünder» abirrt und dort stehen bleibt. Dann ist er viel unglücklicher als ein Sünder, der noch keine Erlösung erfahren hat.
    4. Da mag uns Lot als warnendes Beispiel dienen. Er, der zwar gläubig war, suchte nicht die Gemeinschaft mit Gott wie Abraham, sondern schaute nach irdischen Vorteilen aus, nach den bewässerten Ebenen des Jordans. Er schlug Zelte auf bis nach Sodom und wohnte zuletzt darin, obwohl die Leute von Sodom böse und grosse Sünder waren vor dem HERRN. Er stellte sozusagen sein ganzes Haus auf den «Weg der Sünder», zum Schaden seiner Familie, obwohl er selbst gerecht war und von dem ausschweifenden Wandel der Frevler gequält wurde (1. Mo 13 und 19; 2. Pet 2,7).
  2. Wer in der Glückseligkeit stehen will, soll drittens «nicht auf dem Sitz der Spötter sitzen».
    Es ist eine traurige Wahrheit, dass der Mensch, der auf dem «Weg der Sünder» vorangeht und sich nicht retten lassen will, immer tiefer ins Böse verstrickt wird. Der Betrug der Sünde verhärtet ihn (Heb 3,13). Gerät er in diesen Zustand, regt sich in seinem Herzen bald auch Spott. Nicht nur steht er jetzt auf dem Weg der Sünder, unversehens setzt er sich auch auf den Sitz der Spötter: Er wird nun beginnen, sich über die lustig zu machen, die den schmalen Pfad des Glaubens in Treue und Gottesfurcht voranzugehen suchen. Er wird auch das Wort Gottes geringschätzen und sich mit leichtfertigen Redensarten darüber hinwegsetzen. Damit verspottet er aber Gott selbst.
    Ist es nicht traurig, dass die Gerechten und Treuen inmitten Israels Gegenstand des Spottes derer wurden, die doch zum selben irdischen Volk Gottes gehörten? Um wie viel trauriger ist es, wenn solche, die sich zu den Christen zählen, ihren Mund öffnen, um über die zu spotten, die sich dem Wort Gottes unterordnen wollen! Ihnen gilt das Wort: «Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten!» (Gal 6,7).

Vers 2

  1. Nach den drei negativen Voraussetzungen für die Glückseligkeit, die der erste Vers unseres Psalms vor uns hinstellt, finden wir im zweiten Vers eine positive Hilfe dazu: «Sondern seine Lust hat am Gesetz des HERRN und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht!»
    1. Das Wort «sondern» ist wichtig. Nur wer den ersten Vers beherzigt und befolgt, wird seine Lust haben am Wort Gottes. Mangelnde Absonderung von der Welt und ungerichtete Sünde ersticken die Freude am Wort. Der Psalmist sagt: «Von jedem bösen Pfad habe ich meine Füsse zurückgehalten, damit ich dein Wort halte» (Ps 119,101).
    2. Die prophetischen und geschichtlichen Bücher des Alten Testaments, die den Niedergang des Königtums, die Gefangenschaft Israels und Judas, wie auch die Rückkehr des jüdischen Überrestes und das kommende Reich beschreiben, mochten zur Zeit der Niederschrift dieses ersten Psalms noch gefehlt haben. Der Psalmist kannte nur einen Teil der «Aussprüche Gottes», die dem Volk Israel anvertraut wurden. Er nennt sie das «Gesetz des HERRN».
    3. Wir besitzen jetzt das ganze Wort Gottes, nicht nur das vollständige Alte Testament, sondern auch alle Schriften des Neuen Testaments, worin das erste Kommen, das Leben und Sterben Jesu Christi, wie auch die ewigen Ergebnisse seines Werkes, beschrieben sind.
    4. Die Person Jesu Christi ist das Hauptthema der ganzen Bibel. Schon das Alte Testament redet von Ihm in Bildern und prophetischen Aussprüchen. «Von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn selbst betraf» (Lk 24,27). Jesus sagte zu den Juden: «Ihr erforscht die Schriften, denn ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben, und sie sind es, die von mir zeugen» (Joh 5,39; siehe auch Joh 5,46 und Apg 8,32-35). Wir sollen also vor allem die Person des Herrn im Wort suchen.
    5. Das Wort Gottes soll in unseren Herzen, dem Sitz unserer Zuneigungen, Platz finden (Ps 40,9; Ps 119,11; Jer 15,16). So nur werden wir es verstehen und befolgen.
    6. Nur beim Sinnen über das Wort kann es uns reinigen, auferbauen und belehren. Wir haben ja gegenüber den Gläubigen früherer Jahrtausende und Jahrhunderte das grosse Vorrecht, die gedruckte Bibel jeden Tag persönlich lesen zu dürfen. Aber das flüchtige Lesen genügt nicht. Wir sollen auch darüber sinnen Tag und Nacht (vgl. Josua 1,8). In 3. Mose 11 werden uns Tiere als Vorbilder vor die Blicke gestellt, die für rein erklärt werden, weil sie unter anderen Merkmalen Wiederkäuer sind. Wie viel Zeit nehmen sich diese, um wiederzukäuen! Lasst es uns ihnen in geistlicher Beziehung gleichtun und das gelesene oder gehörte Wort nicht unverdaut hinunterschlingen! Das Wort kann in unserem Leben erst Frucht bringen, wenn wir es verstehen (Mt 13,23).

Vers 3

  1. Der Baum ist an Wasserbächen gepflanzt. Er bleibt dort stehen. Er treibt seine Wurzeln ins unaufhörlich bewässerte Erdreich. Er bringt Frucht. Sein Blatt welkt nicht, weil es allezeit genügend Saftzufuhr erhält.
    Wer seine Lust hat am Wort Gottes und darüber Tag und Nacht sinnt, ist «am Bach Gottes» gepflanzt, der immer voll Wasser ist (Ps 65,10). Glückselig, wer sich an diesem Bach niedergelassen hat, um hier zu bleiben und die Wurzeln seines Herzens nach diesem Wasser auszustrecken! Er wird Frucht tragen; denn «wer in mir bleibt und ich in ihm, dieser bringt viel Frucht» (Joh 15,5). Sein «Blatt» –wohl ein Bild vom Zeugnis des innewohnenden Lebens und der inneren Frische – welkt nicht. – «Alles, was er tut, gelingt.» Wer so mit dieser himmlischen Quelle verbunden ist, steht in Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes und wird auf seinen Wegen zu wandeln suchen. Alles, was irgend er den Vater bitten wird, erfleht er in Jesu Namen, und Er wird es ihm daher geben. Er tut, was Gott will, und darum wird es ihm gelingen.
    Das Sinnen über Gottes Wort soll also zum Fruchtbringen führen, und nicht nur zur Mehrung unserer Erkenntnis, indem wir es nicht nur hören, sondern auch tun (Lk 8,21; vgl. auch Jak 1,22-25).

Verse 4-6

  1. Wie die Spreu wertlos ist, so sind auch die Gottlosen wertlos für Gott; sie bringen Ihm keine Frucht. Sie sind auch wertlos für die Gerechten: Die Gottlosen können ihrem geistlichen Leben nicht von Nutzen sein. Was sie darreichen, ist kein Brot für die Seele.
    Die Spreu wird von den Körnern sorgfältig geschieden. Zu diesem Zweck wird der Weizen gesichtet, das heisst dem Wind ausgesetzt. Er treibt die Spreu weg, und nur die Körner fallen auf den Weizenhaufen, der eingesammelt wird.
  2. So werden einst die Gottlosen aus der Gemeinde der Gerechten ausgesondert. Der Herr wird vor der Aufrichtung seines Reiches auf der Erde den ungläubigen Teil seines Volkes und die aufrührerischen Nationen durch Gericht beseitigen. Johannes der Täufer sagte von Ihm: «Der nach mir Kommende … er wird euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen; dessen Worfschaufel in seiner Hand ist, und er wird seine Tenne durch und durch reinigen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; die Spreu aber wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer» (Mt 3,11.12).
    In einem weiteren Sinn ist dieses Bild auf die ganze Menschheit anwendbar. Die Sünder müssen gerichtet werden; die Gerechten aber gehen in das ewige Leben ein (Heb 9,27; 2. Kor 5,10; Joh 5,24).
  3. Was ist ein «Gerechter»? – Da in der Christenheit über diesen Begriff so wenig Klarheit herrscht, ist es gut, sich daran zu erinnern, was das Neue Testament darüber sagt.
    In Römer 3,23-26 lesen wir: «Alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist; den Gott dargestellt hat als ein Sühnmittel durch den Glauben an sein Blut, … zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist.» Der Ruhm, aus eigener Kraft gerecht zu werden, ist dadurch ausgeschlossen; es ist eine Unmöglichkeit. Durch Glauben an Jesus erlangt der Mensch als Geschenk die Gerechtigkeit Gottes, und dadurch wird er in die Lage versetzt, in seinem Leben hier auf der Erde auch in praktischer Gerechtigkeit zu leben.
    Auch die alttestamentlichen Heiligen, z.B. ein Abraham oder David, wurden einzig durch den Glauben an Gottes Wort, wie es damals offenbart war, und durch seine Gnade, die später in Christus erschienen ist, gerechtfertigt (Röm 4,1-8). Im Alten Testament war die «Stellung der Gerechten» noch nicht offenbart. Als «Gerechter» wird dort mehr der Mensch bezeichnet, der durch Glauben in praktischer Gerechtigkeit vorangeht.
  4. Durch die Gnade Gottes – nun in Christus offenbart und aufgrund seines Werkes auf ewig festgestellt – bleibt die Gemeinde der Gerechten in Ewigkeit bestehen.
    Gott kennt den Weg der Gerechten in dieser Welt, auf dem sie vielen Prüfungen und Schwierigkeiten begegnen und von den Gottlosen oft verachtet und auch verfolgt werden. Aber in dem Mass, wie sie Ihn von ganzem Herzen suchen und die Unterweisungen seines Wortes zu Herzen nehmen, wird Gott die Gerechten bis ans Ende ihrer irdischen Laufbahn in einem Zustand der Glückseligkeit bewahren.