Der abhängige Mensch (2)

Psalm 16,5-11

Psalm 16

In diesem Psalm sehen wir den Herrn Jesus, wie Er als Mensch auf der Erde gelebt und seinem Gott gedient hat. Viele einzelne Aussagen zeigen uns sein vollkommenes Menschsein. Weil wir Ihn lieben, denken wir gern über sein heiliges Leben auf der Erde nach, das Er zur Ehre Gottes und zum Segen der Menschen geführt hat.

Der Herr ist das Teil meines Erbes (Verse 5.6)

Als der ernannte Erbe aller Dinge wird der Herr Jesus alles im Himmel und auf der Erde zum Erbteil besitzen. Darin wird auch das enthalten sein, was der Herr in Psalm 2,8 dem Messias mitteilt: «Fordere von mir, und ich will dir die Nationen zum Erbteil geben und die Enden der Erde zum Besitztum.» Obwohl Besitzer und Erbe aller Dinge – war Er auf der Erde so arm wie kein anderer Mensch. Einmal sagte Er: «Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlege» (Mt 8,20). Der Herr Jesus ist arm geworden, damit wir durch seine Armut reich würden. Zugleich besass Er ein Erbe, von dem die Menschen dieser Welt nichts wussten: Gott war sein Vater, zu dem Er immer «mein Vater» sagen konnte. Welch ein gesegnetes Teil für den Sohn Gottes in der Zeit seiner Armut! Als Ihn die Menschen in jenen Städten ablehnten, in denen Er seine mächtigen Werke vollbracht hatte, wandte Er sich im Gebet an Den, mit dem Er alles teilen konnte: «Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde» (Mt 11,25).

Gott, der Vater, war nicht nur das beständige Teil (= Erbe), sondern auch das gegenwärtige Teil (= Becher), das Jesus jederzeit genoss. Der Becher, der Ihm von den Menschen gereicht wurde, war mit Leiden und Schmerzen gefüllt. Er war tatsächlich ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut. Zugleich wurde sein Becher vom Vater mit einer Freude gefüllt, die die Welt nicht kannte, die Er jedoch den Seinen gab, damit sie auch daran teilnehmen konnten (Joh 15,11). Das Los, das Ihm gegeben wurde, erhielt der Vater aufrecht. Ob es seinen Weg durch tiefste Leiden oder die vor Ihm liegende Freude betraf, die Mess-Schnüre, die sein Los markierten, befanden sich in lieblichen Örtern. Nach aussen hin war sein Aufenthalt in der Welt trostlos und öde. Nichts, was für das natürliche Auge attraktiv ist, kennzeichnete das Leben des Herrn Jesus. Doch es war eine Freude für Ihn, den Willen des Vaters zu tun, was auch immer das für Ihn bedeutete. Er liess sich durch nichts davon abhalten, alles, was der Vater Ihm aufgetragen hatte, vollständig auszuführen. Das war ein schönes Erbteil für Ihn, denn es sollte die Herrlichkeit des Vaters sicherstellen, auch wenn Jesus dafür das Kreuz und alle seine Schande ertragen musste.

Der Herr hat mich beraten (Vers 7)

Jesus Christus liess sich durch das Wort Gottes leiten und lebte in Gemeinschaft mit Gott. So war Er seinem Gott und Vater immer gehorsam. Er tat als Mensch keinen Schritt ohne den Rat des Herrn. Als Er mit Satan und seinen Versuchungen konfrontiert wurde, lautete seine Antwort: «Es steht geschrieben.» Damit offenbarte Er die Quelle, aus der Er sich beraten liess. Als Lazarus krank wurde, blieb Jesus zwei Tage da, wo Er war, denn Er wartete auf den Rat seines Vaters. Es war nicht schwer oder bitter für Ihn, dem Vater zu gehorchen, denn Er freute sich über dessen Willen und dankte Ihm für seinen Rat.

Sogar bei Nacht, als alles dunkel zu sein schien, wurde der Herr Jesus durch das unterwiesen, was sich in Ihm durch die Gemeinschaft mit Gott bildete. In der ständigen Abhängigkeit von Gott besass Er ein Verständnis und eine Weisheit, die Ihn in jeder Erprobung anleiteten. Ob Ihn die Gesetzgelehrten, die Pharisäer, die Herodianer oder die Sadduzäer befragten, immer gab Er eine perfekte Antwort, die seine Feinde verstummen liess. In Gethsemane litt Er im Voraus, als Er an das Schwere dachte, das Ihn am Kreuz erwartete. Trotzdem waren seine Worte vollkommen – ob Er nun seine Not über die Leiden im göttlichen Gericht zum Ausdruck brachte oder den Kelch der Leiden aus der Hand seines Vaters annahm.

Ich habe den Herrn stets vor mich gestellt (Vers 8)

Viele hingebungsvolle Gläubige und Diener Gottes haben den Herrn vor sich gestellt. Aber nur Jesus konnte sagen: «Ich habe den Herrn stets vor mich gestellt.» Jeden Moment seines Lebens widmete Er sich seinem Gott und Vater. Allezeit tat Er das Ihm Wohlgefällige (Joh 8,29). Gott, der Vater, war immer das Ziel und der Grund seines Lebens als Mensch auf der Erde.

Der Herr Jesus hatte seinen Gott und Vater nicht nur vor sich, sondern auch neben sich. Der Vater war zu seiner Rechten, um Ihn in all seinen Prüfungen zu unterstützen. Als sich das Kreuz vor Ihm abzeichnete und keiner seiner Jünger fähig war, bei Ihm zu bleiben, sagte Er: «Ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir» (Joh 16,32). Satan mochte durch Simon Petrus versuchen, Jesus Christus davon abzuhalten, den Willen des Vaters zu erfüllen (Mt 16,22.23). Doch der Herr hatte keinen Gedanken des Selbstmitleids und liess sich nicht davon abbringen, den Willen Gottes zu tun. So ging Er einen Weg, auf dem Er die ständige Unterstützung seines Vaters hatte.

Auch wir sind aufgerufen, den Herrn immer vor uns zu stellen und den Weg des Gehorsams zu gehen, den Jesus vollkommen gegangen ist. Jede Gnade, die wir für diesen Weg zur Freude Gottes brauchen, finden wir in Christus, der zur Rechten Gottes ist. Wenn wir wirklich für den Herrn leben möchten und deshalb wünschen, Ihn vor uns zu haben, werden wir Ihn auch zu unserer Rechten erfahren, wie Er uns unterstützt und durch sein Wort und seinen Rat leitet.

Mein Herz freut sich (Verse 9.10)

Wir stehen vor einem Geheimnis, wenn wir den Herrn Jesus betrachten, wie Er das Kreuz vor sich sah. Wie tief war die Not seiner Seele, als Er betete: «Was soll ich sagen? Vater rette mich aus dieser Stunde!» (Joh 12,27)! Zugleich konnte Er bezeugen: «Darum freut sich mein Herz.» Warum? Weil Er an die Herrlichkeit seines Vaters dachte! Weil Er sah, was es für den Vater bedeuten würde, dass sein Wille und sein Vorsatz in Erfüllung gingen! Für den Herrn Jesus würde das Kreuz tiefe Leiden und unendliche Qualen im ungemilderten Gericht Gottes mit sich bringen. Selbst wenn Er all das vor sich sah, konnte der Heiland zugleich an die wunderbaren Ergebnisse seines Werks am Kreuz denken. Darum freute sich sein Herz.

Die Freude seines Herzens mitten in den Leiden entsprang auch dem Wissen, dass Er aus den Toten auferstehen würde. Er musste zwar sterben und sein Körper würde in der Gruft ruhen, die Joseph von Arimathia gehörte. Doch Jesus Christus besass die Hoffnung auf die herrliche Auferstehung. Es war nicht möglich, dass Er vom Tod festgehalten wurde (Apg 2,24). So freute Er sich im Ausblick auf diesen Moment, wo Er durch die Herrlichkeit des Vaters aus den Toten auferweckt würde. Wie gross war seine Freude über die Fürsorge des Vaters: «Meine Seele wirst du dem Scheol nicht überlassen, wirst nicht zugeben, dass dein Frommer die Verwesung sehe. Du wirst mir kundtun den Weg des Lebens.»

Der Weg des Lebens (Vers 11)

Für den Mensch gewordenen Sohn Gottes führte der Weg des Lebens durch den Tod. Es ist tatsächlich wunderbar zu sehen, dass der Urheber des Lebens durch den Tod gehen sollte, damit Er durch die Auferstehung als Mensch in die Gegenwart Gottes eintreten konnte. Dort im Himmel gab es für Ihn Fülle von Freuden und ewige Herrlichkeiten. Diese Freude, die vor Ihm lag, befähigte Ihn, die Schande nicht zu beachten und das Kreuz zu erdulden. Es ist die Freude, den Willen seines Gottes und Vaters erfüllt zu haben.

Der Platz zur Rechten Gottes steht dem Sohn rechtmässig zu. Er ist aber auch ein Beweis der Gunst, die der Vater Ihm erweist. Dieser Platz der Erhöhung und Verherrlichung ist einerseits die Antwort Gottes auf all das, was die Menschen seinem Sohn angetan haben, und anderseits auf all das, was der Sohn als Mensch für Ihn vollbracht hat. Ausserdem führt Jesus Christus nun vom Platz zur Rechten Gottes den Willen des Vaters aus. Er wirkt für die Seinen, während Er wartet, bis seine Feinde als Schemel für seine Füsse hingelegt werden.

Schluss

Wie gesegnet ist es, den Sohn Gottes in seinem vollkommenen Menschsein zu betrachten und Ihn auf der Erde zu sehen, wie Er ständig in Abhängigkeit von Gott und in Unterordnung unter dessen Willen lebte. Es war eine Freude für den Herrn Jesus, zu gehorchen, obwohl Er als Sohn den Gehorsam durch das lernte, was Er litt. In Psalm 16 wird uns Christus zur Freude unseres Herzens vorgestellt. Zugleich ist Er in vielen Aspekten, die sein Leben kennzeichneten, auch ein Beispiel für uns. Doch die letzten Verse gehören dem Herrn Jesus allein, obwohl wir Ihm auf dem Weg des Lebens folgen. Als Er in den Tod ging, entfernte Er für uns den Stachel des Todes. Wenn wir mit Ihm und seinem Platz beim Vater beschäftigt sind, können auch wir sagen: «Fülle von Freuden ist vor deinem Angesicht, Lieblichkeiten in deiner Rechten immerdar.»