Der Priesterdienst des Herrn Jesus

2. Mose 28

Im Brief an die Hebräer teilt uns der Apostel mit, dass Mose «alles nach dem Muster» machte, «das ihm auf dem Berg gezeigt worden ist», und dass diese Dinge «dem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge dienen» (Heb 8,5). Die Lehren daraus sind uns im Neuen Testament gegeben, die Einzelheiten der Dinge, die sich auf diese Lehren beziehen, finden wir in den Vorbildern selbst.

Der Priesterdienst setzt eine vollbrachte Erlösung voraus. Er wurde nicht eingesetzt, um uns in die Gegenwart Gottes einzuführen, sondern um uns, wenn wir bereits in seine Gegenwart gebracht worden sind, vonseiten Gottes das darzureichen, was wir nötig haben. «Ihr habt gesehen … wie ich euch auf Adlers Flügeln getragen», sagte der HERR zum Volk Israel, «und euch zu mir gebracht habe» (2. Mo 19,4). Als ein Volk, befreit von der Knechtschaft Ägyptens, waren die Israeliten zu Gott hingeführt worden. Aber sie waren ein schwaches Volk, sie hatten auf dem Weg Hilfe nötig. Und zu diesem Zweck wurde ihnen das Priestertum gegeben. Die Erlösung führt uns in das Licht ein, wie Gott in dem Licht ist. Aber hier auf der Erde benötigen wir den Priesterdienst des Herrn Jesus, damit unser Wandel im Licht bleibe.

Der Hohepriester trug ganz besondere Kleider. Diese sind Vorbilder von Eigenschaften des Herrn Jesus, der jetzt den Priesterdienst ausübt. Das priesterliche Gewand bestand vor allem aus dem Ephod. Doeg, der Idumäer, «wandte sich und stiess die Priester nieder, und er tötete an diesem Tag 85 Mann, die das leinene Ephod trugen» (1. Sam 22,18). David befragte den HERRN durch das Ephod (1. Sam 23,9 und folgende, 30,7 und folgende). Das hohepriesterliche Ephod war aus zwei Teilen gearbeitet, der eine bildete den Vorderteil, der andere den Rückenteil des Gewandes. Es hatte zwei Schulterstücke, die an seinen beiden Enden zusammengefügt waren, sowie einen Gürtel um den Leib. Darüber war ein quadratförmiges, doppelt gearbeitetes Stück befestigt, das Brustschild, auf dem Steine eingesetzt waren, die die Namen der Söhne Israels trugen. Ausserdem hatte der Hohepriester den heiligen Kopfbund zu tragen. Am Saum des Oberkleides des Ephods waren Granatäpfel und goldene Schellen befestigt.

Alle diese Bestandteile des hohenpriesterlichen Gewandes hatten auf das Volk Gottes Bezug. Handelte es sich um das Brustschild? – Die Namen der Kinder Israel waren auf den darauf befindlichen Steinen eingegraben. Und die Schulterstücke? – Die Namen der zwölf Stämme waren auch dort. Handelte es sich um die Urim und Tummim? – auch diese waren mit ihren Namen verbunden. Doch sei wiederholt: Die Kinder Israel sollten dadurch nicht Gerechtigkeit erlangen, sondern ihre Rechtssache wurde so vor Gott aufrechtgehalten. Der Hohepriester stand vor Gott, um zu Gunsten des Volkes zu handeln.

Wir brauchen nicht jemanden zu suchen, der für uns zu Gott ginge, Christus ist dort für uns, und die Gnade ist für uns tätig, nicht weil wir zu Gott umkehren, sondern um uns zu Ihm zurückzuführen. Wir lesen nicht: «Wenn jemand Buße tut», sondern: «wenn jemand gesündigt hat – wir haben einen Sachwalter bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten» (1. Joh 2,1). Die Liebe, die der Herr Jesus uns gegenüber ausübt, kommt direkt aus Ihm selbst, der die Quelle der Liebe ist. Nicht nach, sondern vor dem Fall des Petrus sagte Jesus zu ihm: «Ich aber habe für dich gebetet» (Lk 22,32), und seine Fürbitte für ihn hörte nicht auf. Christus verwendet sich für uns, nicht weil wir untadelig wandeln, sondern weil wir in Gefahr stehen, vom Weg abzugleiten. Unsere Schwachheit und unsere Verfehlungen geben Anlass, diese Gnade zu betätigen. Bewirkt die Fürbitte des Herrn bei uns Ermahnung, die wir beachten, ist die Züchtigung nicht notwendig. Der Herr blickte Petrus an, und zwar bevor dieser weinte: sein Blick trat im richtigen Augenblick dazwischen. Wäre aber Petrus sich selbst überlassen gewesen, so wissen wir nicht, was nach der Verleugnung seines Meisters aus ihm geworden wäre, aber der Blick Jesu brachte ihn zum Weinen. Der Hohepriester geht für uns zu Gott, nicht wir gehen zum Hohenpriester. Die Rechtfertigung und die Sühnung sind aufgrund der Gegenwart des Herrn Jesus vor Gott bereits vorhanden, und kraft dieser Gegenwart und der Vortrefflichkeiten Christi vermag Er die Seinen zu bewahren und wiederherzustellen.

Der hohepriesterliche Dienst Christi besteht darin, dass Er die Rechtssache seines Volkes während seines Laufes durch die Wüste an die Hand nimmt, um es in der Gegenwart Gottes zu bewahren und es gleichsam «zum Gedächtnis» vor Gott hinzustellen, wie die Schrift sagt (V. 12). Das Priestertum Christi ist etwas anderes als sein Hirtendienst, wodurch Er seine Schafe hier auf der Erde stärkt. Als Hoherpriester trägt Er sie vor Gott gemäss der Kraft der Gnade, die im Innern wirkt. Er trägt sie alle in seinem Herzen und auf seinen Schultern, und der Name jedes Einzelnen ist auf Ihm eingegraben. Er ruft seine Schafe wie ein Hirte, Er trägt uns aber auch, gemäss unserer individuellen Persönlichkeit, in seinem Herzen und auf seinen Schultern. Gott blickt mit der Zuneigung auf uns, die Er für Christus selbst empfindet. Wenn mir jemand sein Kind schickt, werde ich es mit der gleichen Sympathie aufnehmen, die ich für seinen Vater empfinde.

Der Hohepriester stand in der Bekleidung vor Gott, die seines Amtes würdig war. Denken wir an den Herrn Jesus als Hohenpriester, so sollten wir uns unserer eigenen Unvollkommenheit bewusst sein, wenn wir auch als Glieder Christi «gerechtfertigt» und einsgemacht sind mit Ihm, «dem Haupt» (Eph 1 und 2, vgl. auch Heb 10).

Das Brustschild durfte sich nie vom Ephod verrücken (V. 28). Immer wenn der Hohepriester des Volkes Israel in die Gegenwart Gottes eintrat, war er mit seinen heiligen Kleidern angetan. Er konnte Gott nicht nahen, ohne das Volk zu vertreten. So kann sich auch Christus nicht ohne uns in der Gegenwart Gottes aufhalten.

Der Gürtel war das Zeichen des Dienstes. Er kennzeichnet eine Person, die einen Dienst ausübt. So ist auch Christus Diener auf ewig. Als Er Mensch wurde, nahm er «Knechtsgestalt» an. Er hätte ohne weiteres um zwölf Legionen Engel bitten und frei ausgehen können, dann aber wäre Er allein geblieben. Aber Er sagte: Nein, ich will mein Werk vollbringen, ich liebe meine Frau, und so wählte Er, für immer Diener zu bleiben (vgl. 2. Mose 21,5-6 und Ps 40,6). Er wurde Knecht bei seiner Menschwerdung, aber indem Er sein Leben liess, verpflichtete Er sich, auf ewig Diener zu sein. In der Tat, Er wird «Diener» bleiben, denn «er wird sich umgürten und sie sich zu Tisch legen lassen und wird hinzutreten und sie bedienen» (Lk 12,37). Gewiss, seine göttliche Herrlichkeit ändert sich nie, aber der Herr Jesus wird auch seinen Charakter als Diener nie aufgeben: von Ewigkeit zu Ewigkeit werden wir diesen «Erstgeborenen unter vielen Brüdern» (Röm 8,29), diesen neuen Adam als Haupt seiner Familie haben.

«Und Aaron soll die Namen der Söhne Israels an dem Brustschild des Gerichts auf seinem Herzen tragen» (V. 29). Was auch immer die Wertschätzung des Hohenpriesters in den Augen Gottes sein mag, der Hohepriester lässt diese Wertschätzung den Seinen zugutekommen. Er trägt sie auf seinem Herzen, Er trägt sie vor Gott, entsprechend all der Liebe, die Er für sie hat. Als Folge davon empfangen sie alles, was sie nötig haben, Züchtigung vielleicht, oder auch Kraft. Christus empfängt für uns alle Segnungen, die wir nötig haben, und zwar gemäss der Zuneigung Gottes für seinen Sohn.

Aber nicht nur deswegen sind wir gesegnet, da sind auch die Urim und die hummim, das heisst das Fundament dieser Gunst, das in Gott selbst ruht. Die Segnung wird uns entsprechend den Lichtern und Vollkommenheiten Gottes zuteil.1 Christus hat unser Gericht gemäss dem Licht und der Vollkommenheit Gottes getragen – eine wichtige Tatsache im Blick auf unser tägliches Selbstgericht. Wir wandeln in dem Licht, wie Gott in dem Licht ist (1. Joh 1,7), und wir haben das Bewusstsein unserer vollkommenen Reinigung vor Gott durch das Blut Jesu Christi, seines Sohnes. Werde ich, wenn ich einen Fehler begangen habe, deswegen verurteilt? Nein, denn Christus, der Gerechte, steht vor Gott für mich da. Doch muss Gott in Übereinstimmung mit diesem Licht und diesen Vollkommenheiten mir gegenüber handeln. Er beschäftigt sich mit uns und leitet uns nach unseren Bedürfnissen und unserer Schwachheit. Er wird uns einen Ausgang schaffen, damit wir fähig sind, die Versuchung zu ertragen, denn Christus ist da. Er trägt Sorge für uns und verwendet sich zu unseren Gunsten, da wo wir uns befinden, indem Er unserer Stellung, in die uns die Gnade versetzt hat, Rechnung trägt. Wenn das Volk Israel von Gott etwas zu lernen hatte, so teilte dies Gott durch die Urim und die Tummim mit. Und so unterweist und leitet mich Gott in Verbindung mit seinem Licht und seinen Vollkommenheiten.

Schwachheit, Verfehlungen, Kleinglaube werden, anstatt Gründe zu meiner Verdammnis zu sein, vielmehr zu Gelegenheiten für meine Belehrung. Die Namen, die der Hohepriester auf seinen Schultern und auf seinem Herzen trägt, sind solche, für die es keinen Zorn mehr gibt. Der Herr Jesus trug Petrus auf seinem Herzen, doch betete Er nicht, dass dieser nicht gesichtet würde, weil Er sah, dass sein Hochmut gebrochen werden musste. Weil Er ihn auf seinem Herzen trug, empfing Er für ihn das, was nötig war: dass sein Glaube nicht aufhöre (Lk 22,31-32). Der Priesterdienst Christi ist stets zu meinen Gunsten tätig, damit mein Herz vor Gott in den richtigen und gerechten Zustand gebracht werde.

Das Kapitel, das uns jetzt beschäftigt, enthält noch eine Anspielung auf etwas, das wir kraft der Auferstehung Christi besitzen: auf den Heiligen Geist. Durch die Rechte Gottes erhöht, empfing der Herr Jesus vom Vater die Gabe des Heiligen Geistes, Er empfing Ihn allein aufgrund seines vollbrachten und wohlangenehmen Werkes. Und wir, bildlich gesprochen, der Saum seines hohenpriesterlichen Kleides, empfangen Ihn durch Christus selbst (siehe Ps 133).

Die «Schellen und Granatäpfel» stellen die Gaben, das Zeugnis und die Frucht des Heiligen Geistes dar, die sich zeigten, als Christus in den Himmel eintrat, und sich zeigen werden, wenn Er von dort wiederkommen wird. «Und Aaron soll es anhaben, um den Dienst zu verrichten, damit sein Klang gehört werde, wenn er ins Heiligtum hineingeht vor den HERRN und wenn er hinausgeht, damit er nicht sterbe» (V. 35).

Auf dem Blech aus reinem Gold war geschrieben «Heilig dem HERRN», es musste beständig auf der Stirn Aarons sein. Nicht nur wenn ich gesündigt habe, verwendet sich Christus für mich. Er tut es auch in den heiligen Dingen. Wenn ich hingehe, um Gott Anbetung darzubringen, kann etwas dazwischen treten, das mit der Heiligkeit Gottes nicht im Einklang steht, ein Gedanke zum Beispiel, der mich ablenkt. Was es auch sein mag – beispielsweise die Bewunderung schöner Musik oder irgendetwas anderes – es ist dazwischen getreten als Folge des Mangels an gewohnheitsmässiger Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus. Kann ich nun in einem solchen Fall einfach sagen: «Ich habe gesündigt!» und denken, alles sei nun in Ordnung? Gott sei gedankt, die Heiligkeit unserer Anbetung ist in Christus selbst. Zweifellos sollten wir uns nie zufriedengeben, wenn nicht alle Zuneigungen unserer Herzen zu Ihm empor steigen, jedoch sind wir angenommen aufgrund der Heiligkeit Christi. Ungerechtigkeit kann niemals geduldet werden, aber sie steigt auch nicht zu Gott empor. Der Gläubige ist und bleibt angenommen, weil er «in Christus» ist. Ich darf allezeit vor Gott hintreten, weil das Priestertum beständig ausgeübt wird. Christus trägt meine Verfehlungen, damit sie gerichtet werden, Er trägt aber auch meine Schwachheit, damit ich gestärkt werde. Sein Herz ist beständig in ganz persönlicher Liebe für uns tätig, die immer bereit ist, unseren Bedürfnissen zu entsprechen. Vielleicht mag Böses bei uns vorhanden sein, das Zurechtweisung verlangt, aber Christus wird uns deswegen nicht aus seiner Gegenwart verbannen, weil wir angenommen sind, sorgt Er für Abhilfe.

Das Endziel des Dienstes unseres Hohenpriesters ist der, dass unsere Seelen im Himmel vor Gott mit Christus seien, und dass wir entsprechend der Heiligkeit Gottes wandeln. Wenn wir Christus für uns vor Gott stehen sehen, sollen wir geübt sein, sein Licht und seine Vollkommenheiten auf unsere Wege anzuwenden. Wie hat doch unser Herr Jesus für uns in Liebe und Heiligkeit für alles Vorsorge getroffen! Denn Gottes Heiligkeit ist in leuchtender Schrift Ihm selbst und allem, was Er tut, aufgeprägt. Christus ist der Apostel und Hohepriester unseres Bekenntnisses (Heb 3,1). Der Sünder benötigt einen Apostel und die Botschaft Gottes bezüglich des Heils, der Heilige jedoch hat den Hohenpriester nötig.

  • 1Urim und Tummim bedeuten nämlich «Lichter und Vollkommenheiten»