Gottes Wirken in uns – dargestellt im Buch Hiob

Hiob 42,1-5

Einführung

Das Buch Hiob nimmt einen besonderen Platz im Wort Gottes ein. Es hat einen speziellen Charakter und enthält Belehrungen, die man sonst nirgends in der Bibel findet. Gott gibt sie uns zu unserem eigenen Nutzen und zum Segen seines Volkes.

Die ersten Seiten des Buches stellen uns Hiob vor: Er war vollkommen, rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend. Wir lesen auch, dass die Hand Gottes ihn beschützte und ihn mit den reichsten Segnungen überhäufte. Er besass alles, was sich das natürliche Herz wünscht. Er hatte Kinder und einen grossen Reichtum. Er war geehrt und angesehen, mehr als alle anderen, die ihn umgaben. Mit einem Satz: Der Kelch seines irdischen Glücks war voll!

Das verborgene Böse

Gott musste Hiob prüfen, um das aufzudecken, was tief in seinem Herzen verborgen war. Es sollte ans Licht gebracht und verurteilt werden. Etwas davon können wir bereits in seinen Worten erkennen: «Vielleicht haben meine Kinder gesündigt.» Er scheint nicht an die Möglichkeit gedacht zu haben, selbst zu sündigen. Ein Gläubiger, der sich selbst verurteilt hat und vor Gott zerbrochen ist, weiss um seinen eigenen Zustand, seine Neigungen und seine Tendenzen. Darum wird er zuerst an seine eigenen Sünden und an die Notwendigkeit eines Opfers für sich selbst denken. Hiob hingegen hatte noch nicht gelernt zu sagen: «Ich weiss, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt» (Röm 7,18). Das ist der Schlüssel zum Verständnis des Buches Hiob. In Kapitel 29 finden wir den eindrucksvollsten Beweis dafür: Dort offenbart sich die Selbstzufriedenheit, die im Herzen dieses Gläubigen verborgen war. Die Zeichen der Gunst, mit der Gott ihn umgeben hatte, nährten seine Selbstgefälligkeit. Das ganze Kapitel enthält eine ergreifende Klage über das, was nicht mehr so war wie früher. Der Ton und der Charakter dieser Worte beweisen, wie notwendig es war, dass Hiob sich selbst im Licht Gottes kennen lernte.

Gott bewirkt Buße

Gottes Wirken in den Herzen ist ein Thema, das uns im Buch Hiob zur Betrachtung vorgelegt wird. Das Ziel dieses göttlichen Werks in uns ist es, echte Demütigung zu bewirken, jede Selbstgerechtigkeit von uns zu entfernen und uns von allem Selbstvertrauen zu befreien. Gott will uns Christus als unsere einzige Stütze zeigen. Wir alle müssen lernen, von uns selbst frei zu werden. Dieser Prozess geschieht manchmal vor der Bekehrung, in anderen Fällen findet er danach statt. Einige werden durch schmerzhafte Herzens- und Gewissenserfahrungen zum Heiland geführt. Andere erlangen die Gnade zur Errettung durch vergleichsweise leichte innere Übungen. Sie nehmen die gute Botschaft von der Vergebung der Sünden durch den Sühnungstod des Herrn Jesus schnell an. Ihr Herz wird sogleich mit Freude erfüllt. Aber dann muss ein Werk folgen: Der Glaubende soll sein verdorbenes Ich erkennen, damit er nicht mehr auf sich selbst vertraut. Oft kommt diese Selbsterkenntnis mit solcher Wucht, dass er erschüttert wird und an seiner Bekehrung zweifelt.

Dieser Prozess ist sehr schmerzhaft, aber absolut notwendig. Früher oder später muss das eigene «Ich» erkannt und verurteilt werden. Wenn wir das nicht in der Gemeinschaft mit Gott begreifen, werden wir die bittere Erfahrung machen, einige Male zu fallen, «damit sich vor Gott kein Fleisch rühme» (1. Kor 1,29). Es ist nötig, dass wir unsere völlige Hilflosigkeit einsehen. Nur so können wir die Freude und den Trost verstehen, der in den folgenden Worten liegt: «Aus ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung» (1. Kor 1,30). Gott will leere Gefässe. Eine ernste und immer gültige Wahrheit. Lasst uns das nicht vergessen.

«So spricht der Hohe und Erhabene, der in Ewigkeit wohnt und dessen Name der Heilige ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen» (Jes 57,15).

«So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füsse. Wo ist das Haus, das ihr mir bauen könntet, und wo der Ort zu meiner Ruhestätte? Hat doch meine Hand dies alles gemacht, und dies alles ist geworden, spricht der HERR. Aber auf diesen will ich blicken: auf den Elenden und den, der zerschlagenen Geistes ist und der da zittert vor meinem Wort» (Jes 66,1.2).

Diese Bibelworte können auf uns alle angewendet werden. Echte innere Beugung (ein zerschlagener Geist) ist oft dringend nötig. Ein grosser Teil von den Leiden, die wir erfahren, hängt mit dieser Notwendigkeit zusammen. Es ist erstaunlich, welche Fortschritte im persönlichen Leben, in der Familie und in der Versammlung gemacht werden, wenn wir verwirklichen, dass das eigene Ich mit Christus gekreuzigt ist. Sobald wir uns Gott unterwerfen, sind wir in der Lage, die Vergänglichkeit und Wertlosigkeit vieler Dinge zu erkennen, die sonst unser Herz anziehen würden. Wir können dann auch Unrecht, Schmach, Verachtung und Beleidigung ertragen. Ausserdem ist es uns möglich, unsere Launen, Marotten und Vorurteile beiseitezuschieben. So werden wir befähigt, die guten Werke zu tun, die die Lehre unseres Heiland-Gottes zieren (Tit 2,10). Leider ist es häufig anders! Wie oft sind wir äusserst unnachgiebig. Wie häufig halten wir an unseren Rechten, Interessen und Vorteilen fest und sind nur mit uns selbst beschäftigt. All das beweist, dass unser eigenes Ich nicht in der Gegenwart Gottes verurteilt worden ist.

Ich wiederhole es: Gott will leere Gefässe haben. Er liebt uns zu sehr, um uns in einer harten und eigenwilligen Haltung zu lassen. Deshalb muss Er uns durch alle möglichen Übungen führen, damit wir so werden, dass Er uns zu seiner Ehre gebrauchen kann. Mein Eigenwille und mein Selbstvertrauen müssen gebrochen werden. Um dies zu erreichen, benutzt Gott unsere Umgebung. Die Umstände, die wir erfahren, und die Menschen, mit denen wir im Alltag zu tun haben, sind seine Mittel zu unserer Erziehung. Das sehen wir im Buch Hiob deutlich. Es ist offensichtlich, dass Hiob ernsthaft geprüft werden musste. Andernfalls hätte der gütige Gott ihm sicherlich diese harten Prüfungen erspart. Er hatte ein Ziel vor Augen, als Er dem Satan erlaubte, seine Pfeile auf seinen geliebten Diener abzuschiessen. Wir können mit Sicherheit sagen, dass Gott eine solche Serie von Bedrängnissen niemals zugelassen hätte, wenn es Hiobs Zustand nicht erfordert hätte. Gott liebte ihn mit einer vollkommenen Liebe, die in das Herz seines Dieners eindringen und dort eine schlechte moralische Wurzel entdecken konnte. Ohne diese Prüfungen hätte Hiob sie nie entdeckt oder verurteilt.

Welch eine Gnade, dass wir es mit einem solchen Gott zu tun haben! Wie gut ist es, seinen Händen anvertraut zu sein! Er scheut keine Mühe, um in uns alles zu beseitigen, was Ihm entgegensteht, damit Er sein gesegnetes Bild in uns hervorbringen kann!

Ergebnisse in Hiobs Herz

Die Worte Elihus und die anschliessenden Worte des HERRN brachten bei Hiob ein dreifaches Ergebnis hervor. Hiob musste in Bezug auf Gott, auf sich selbst und auf seine Freunde dort korrigiert werden, wo er sich geirrt hatte.

Seine Einstellung gegenüber Gott

In Blick auf Gott stellte Elihu das Versagen Hiobs mit folgenden Worten fest: «Hiob redet nicht mit Erkenntnis, und seine Worte sind ohne Einsicht. Ach, dass doch Hiob immerfort geprüft würde wegen seiner Antworten nach Frevlerart! Denn er fügt seiner Sünde Übertretung hinzu, klatscht unter uns in die Hände und mehrt seine Worte gegen Gott» (Hiob 34,35-37). Dem fügte Elihu fragend hinzu: «Hältst du das für recht? Du hast gesagt: Meine Gerechtigkeit ist grösser als diejenige Gottes» (Hiob 35,2).

Es trat jedoch eine Veränderung ein. Hiob tat Buße und verurteilte sich in echtem Selbstgericht: «Hiob antwortete dem HERRN und sprach: Ich weiss, dass du alles vermagst und kein Vorhaben dir verwehrt werden kann. Wer ist es, der den Rat verhüllt ohne Erkenntnis? So habe ich denn beurteilt, was ich nicht verstand, Dinge, zu wunderbar für mich, die ich nicht kannte. Höre doch, und ich will reden; ich will dich fragen, und du belehre mich! Mit dem Gehör des Ohres hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen» (Hiob 42,1-5).

Sich selbst erkennen

Was für ein Bekenntnis! Was für ein Moment im Leben eines Menschen, wenn er entdeckt, dass er bis dahin falsch gelegen hat! Diese Erkenntnis hinterlässt im Herzen einen unauslöschlichen Eindruck. Richtige Gedanken über Gott zu haben, ist der Ausgangspunkt, um alles so zu sehen, wie Er es sieht. Wenn ich mich in Bezug auf Gott irre, denke ich auch verkehrt über mich, über andere und über die Umstände, in denen ich mich befinde. Das war bei Hiob der Fall. Seine neuen Gedanken über Gott führten zu neuen Gedanken über sich selbst. Als es Schluss war mit seiner Selbstgefälligkeit, sagte er: «Ich verabscheue mich» (Hiob 42,6).

Das ist der Boden, auf dem wir alle stehen müssen. Aber wie Hiob brauchen wir oft eine längere Zeit, bis wir ihn erreichen. Viele von uns denken, dass sie mit dem eigenen Ich gebrochen haben, wenn sie einige Spuren menschlicher Verdorbenheit in ihrem äusseren Verhalten verurteilen. Leider kennen nur wenige Gläubige die volle Wahrheit über sich selbst. Zu sagen: «Wir sind böse», ist relativ einfach. Um wirklich zu bekennen: «Ich bin böse», dafür braucht es ein gedemütigtes Herz vor Gott. Die beiden Aussagen «Nun hat mein Auge dich gesehen» und «Darum verabscheue ich mich» gehören zusammen. Wenn ich im Licht Gottes stehe, wird mir bewusst, wie sehr ich mich zu verabscheuen habe. Das Geheimnis eines zerbrochenen Herzens besteht darin, sich in der Gegenwart Gottes aufzuhalten.

Seine Haltung gegenüber seinen Freunden

Sobald Hiob ein gesundes Urteil über Gott und über sich selbst hat, bekommt er auch die richtige Einstellung zu seinen Freunden. Er betet für sie, die «leidige Tröster» waren und ihn so sehr erzürnt haben. «Der HERR wendete die Gefangenschaft Hiobs, als er für seine Freunde betete» (Hiob 42,10). Das ist die herrliche Frucht des göttlichen Wirkens. Wie rührend zu sehen, dass die Freunde Hiobs ihre Erfahrung, ihre Tradition und ihre Gesetzlichkeit beiseitelegen und ein wertvolles Brandopfer darbringen. Es berührt auch unser Herz, wie Hiob aus Liebe zu seinen Freunden für sie betet, anstatt ihnen mit heftigen und bitteren Worten zu antworten. Alles ist verändert. Die Freunde kommen wieder zusammen. Alle liegen im Staub vor Gott. Der Wortstreit ist zu Ende. Stattdessen sehen wir Tränen der Buße, ein angenehmer Geruch des Brandopfers und Handlungen der Liebe. Was für eine herrliche Szene! Welch ein Ergebnis des göttlichen Wirkens! Was fehlt noch? Nichts, ausser dass Gott noch reichlich segnet. «Der HERR mehrte alles, was Hiob gehabt hatte, um das Doppelte» (Hiob 42,10). Hiob befindet sich moralisch auf einem neuen Boden. Er hat neue Gedanken über Gott, über sich selbst, über seine Freunde, über die Umstände. Für ihn ist alles neu geworden.

«Alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle seine früheren Bekannten kamen zu ihm; und sie assen mit ihm in seinem Haus, und sie bezeugten ihm ihr Beileid und trösteten ihn wegen all des Unglücks, das der HERR über ihn gebracht hatte; und sie gaben ihm jeder eine Kesita und jeder einen goldenen Ring. Und der HERR segnete das Ende Hiobs mehr als seinen Anfang; und er bekam 14000 Stück Kleinvieh und 6000 Kamele und 1000 Joch Rinder und 1000 Eselinnen. Und es wurden ihm sieben Söhne und drei Töchter geboren. Und er gab der ersten den Namen Jemima und der zweiten den Namen Kezia und der dritten den Namen Keren-Happuch. Und so schöne Frauen wie die Töchter Hiobs wurden im ganzen Land nicht gefunden. Und ihr Vater gab ihnen ein Erbteil inmitten ihrer Brüder. Und Hiob lebte nach diesen Dingen 140 Jahre; und er sah seine Kinder und seine Kindeskinder, vier Geschlechter. Und Hiob starb, alt und der Tage satt» (Hiob 42,11-17).