Sie hat viel geliebt

Lukas 7,33-50

Die Verse 33 und 34 fassen zusammen, wie die Juden Johannes dem Täufer und Jesus Christus begegneten und über sie dachten. Die Botschaft Gottes, die Johannes brachte, rief zur Buße auf. Als Prophet trug er ein Gewand aus Kamelhaar, ass Heuschrecken und lebte in der Wüste. Sein Auftreten war streng. Die Juden sagten: «Er hat einen Dämon.» Damit machten sie deutlich, wie sie den Vorläufer behandelten, der den Messias ankündigte. Die Botschaft Gottes, die der Herr Jesus verkündigte, war anders. Er sprach von Gnade und Erlösung zu denen, die ihre Bedürfnisse spürten und sich als Sünder erkannten. Da sagten die Juden: «Siehe, ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund von Zöllnern und Sündern.»

Im Lukas-Evangelium werden die Belehrungen und Berichte über das Leben des Herrn oft in einer moralischen Reihenfolge erzählt. Das ist in der nächsten Erzählung gut erkennbar. Der Pharisäer Simon zeigt die Ansichten der jüdischen Führer über den Herrn (V. 34). Die sündige Frau hingegen beweist, dass sie durch ihren Zustand und ihr Verhalten ein Kind der Weisheit ist (V. 35).

Ein Pharisäer lädt den Herrn ein

Der Herr nimmt Simons Einladung an, obwohl Er genau weiss, wer der Gastgeber ist und was dieser für Ihn empfindet. Er tritt ins Haus ein und legt sich zu Tisch. Damit macht Er klar, dass Er Herr der Lage ist. Der weitere Verlauf der Erzählung wird dies bestätigen. Eine Sünderin – von der das Wort Gottes aus Feingefühl nicht mitteilt, was sie begangen hat – kommt herein. Sie will dem Herrn Jesus begegnen, denn sie weiss, dass Er anwesend ist.

Sie muss eine grosse Portion Mut haben, ja sogar Kühnheit, um das Haus des Pharisäers ungebeten zu betreten. Sie weiss genau, dass sie nicht willkommen ist und ihr Verhalten Anstoss erregen wird. Es ist ihr auch klar: In dieser Atmosphäre der Selbstgerechtigkeit wird sie einen Schandfleck darstellen. Doch das hält sie nicht ab. Warum? Weil Gott tiefgehend in ihrem Herzen gewirkt hat. Sie hat bereits in sich selbst das scheinbar unüberwindbare Hindernis der Blicke und Urteile anderer Menschen bezwungen. Wie der verlorene Sohn hat sie das Ende ihres sündigen Weges erreicht. Sie steht am Ende von allem und ist nun endlich bereit, zu Jesus Christus zu kommen. Sie geht hinein und sieht nur Ihn. Alles andere ist ihr unwichtig. Sie weiss: Hier ist der Eine, der die Liebe ist und durch den die Gnade Gottes zu den Menschen gelangt ist. Von dieser Gnade wird sie liebevoll angezogen. Sie glaubt, dass sie nicht zurückgewiesen wird. Der Herr wird ihr Recht geben.

Die Taten dieser Frau

Sie tritt nicht von vorn auf den Herrn Jesus zu und begegnet Ihm auch nicht auf Augenhöhe. Nein, sie kommt von hinten und kniet zu seinen Füssen nieder. Sie zeigt kein vertrauliches Verhalten, sondern nimmt eine demütige und respektvolle Stellung ein, denn sie ist sich bewusst, was sie selbst in der Gegenwart dieser herrlichen Person ist. Es werden uns mehrere Handlungen dieser Frau berichtet:

  • Sie weint. In der Gegenwart des Herrn erkennt sie mit Bitterkeit, wie schwerwiegend und umfangreich ihre Sünden sind. Die Atmosphäre der Gnade und des Vertrauens beim Heiland bewirkt bei ihr weder Leichtfertigkeit noch Freude, sondern Reue und Tränen. Diese Frau tut Buße und erkennt, wer sie ist und was sie getan hat. Es ist eine Gott gemässe Betrübnis, die eine echte Buße zum Heil bewirkt. Sie wird diesen Moment nie bereuen.
  • Sie benetzt die Füsse des Herrn mit Tränen. Simon hat nicht, wie es die damalige Sitte verlangte, die Füsse des Herrn mit Wasser erfrischt. Die Tränen dieser Frau erquicken das Herz des Heilands mehr als jedes Wasser, das Ihm angeboten worden wäre.
  • Sie trocknet seine Füsse mit ihren Haaren. Das lange Haar der Frau ist eine Ehre für sie (1. Kor 11,15). Lange Zeit hat sie in ihren eigenen Augen den ersten Platz eingenommen. Jetzt tritt sie zurück und legt ihre Ehre beiseite, um den Herrn zu verherrlichen. Nicht mehr sie ist wichtig, sondern Christus.
  • Sie hört nicht auf, seine Füsse mit Küssen zu bedecken. Ihre Liebe zum Herrn Jesus ist sehr gross, das zeigen ihre Küsse. Kann man sich ein stärkeres Zeugnis der Liebe vorstellen? Etwas später sagt der Herr: «Sie hat viel geliebt.»
  • Sie salbt seine Füsse mit dem Salböl. Vielleicht unbewusst, aber mit der Einsicht ihres Herzens verehrt sie den Herrn. Sie zeigt mit dieser Handlung, dass Jesus Christus Gott ist. Ihm allein gebührt das wertvolle Salböl, das ein Symbol der Anbetung ist.

Während dieser ganzen Szene spricht die Frau kein einziges Wort. Dennoch verlässt sie das Haus mit der Vergebung ihrer Sünden und im Bewusstsein, dass sie gerettet ist. Ihre Taten sind eine Sprache, die der Herr versteht. Es ist die Sprache der Liebe. Simon versteht sie nicht und urteilt falsch. Da wird Jesus Christus ein Ausleger für ihn (Hiob 33,23). Er spricht zu Simon in einer Sprache, die der Pharisäer versteht. Es ist die Sprache der Wirtschaft und der Finanzen (Geld, Schuldner, Gläubiger). Diesmal urteilt Simon richtig (V. 43).

Der Herr nimmt dieses Urteil zum Anlass, um ihm zu erklären, was diese Frau wirklich tut. Damit öffnet Er Simon die Augen für das, was dieser nicht getan hat. Wie die Frau hat auch er eine Schuld gegenüber Gott, aber sie ist ihm nicht bewusst. Er verspürt kein Bedürfnis nach Vergebung und Errettung. Folglich kennt er weder die Liebe des Herrn Jesus noch empfindet er in seinem Herzen Liebe zu Ihm.

Die Einstellung Simons

Der Pharisäer Simon war zum Zeitpunkt dieser Erzählung nicht gläubig. Hoffen wir, dass diese starke Botschaft sein Herz berührte.

Sein Beispiel warnt uns, denn auch Gläubige können dieselbe Haltung zeigen. Der Herr sagte einmal zu seinen Jüngern: «Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer» (Mt 16,11). Mit diesem Sauerteig ist eine selbstgerechte und stolze Einstellung gemeint. Man nimmt sich wichtig und denkt, man habe aufgrund der persönlichen Stellung in der Gesellschaft oder der eigenen Taten etwas verdient. Das führt dazu, die Mitmenschen zu verachten, eine verurteilende Haltung einzunehmen und streng mit anderen zu sein.

Dieser Stolz hat auch zur Folge, dass wir die göttliche Sprache nicht verstehen. Dann sind wir «blind, kurzsichtig und haben die Reinigung von unseren früheren Sünden vergessen» (2. Pet 1,9). In einer bestimmten Situation ging es den Jüngern auch so: «Sie waren durch die Brote nicht verständig geworden, sondern ihr Herz war verhärtet» (Mk 6,52). Hüten wir uns vor diesem Sauerteig, der uns für die Gnade und Liebe Gottes unempfänglich macht.

Sie hat viel geliebt

Der Herr gibt Simon eine Erklärung, die uns vielleicht seltsam erscheint: «Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt.» Tatsächlich haben wir das Evangelium nicht so gelernt. Wir wissen, dass die Vergebung unserer vielen Sünden nicht auf der Grösse unserer Liebe zu Gott beruht. Wie ist dann diese Aussage des Herrn zu verstehen? Den Schlüssel dazu finden wir in 1. Johannes 4,19: «Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.»

Die Liebe kommt nicht aus dem Nichts, sie entspringt schon gar nicht dem Herzen eines Menschen oder eines Gläubigen. Die Liebe hat ihren Ursprung in Gott. Wenn wir diese göttliche Liebe geniessen, die uns vergeben hat, die uns erlöst hat und die unsere grosse Schuld erlassen hat, wird die Liebe zu Gott in unserem Herzen wachsen. So geschah es bei dieser Frau. In dem Mass, wie sie die Gnade und die Liebe Gottes zu sich genoss, wuchs ihre Liebe zum Herrn. Sie liebte viel als Antwort auf die göttliche Liebe zu ihr. Ohne dass sie es wusste, bis der Herr es ihr sagte, war ihre Liebe der Beweis (und nicht die Ursache) für die Vergebung ihrer Sünden.

Dein Glaube hat dich gerettet

Der Herr Jesus vergibt dieser Frau alle ihre vielen Sünden. Die Errettung, die Er ihr zusichert, ist eine ewige Errettung. Das ist aussergewöhnlich, denn in den Evangelien gibt der Herr meistens eine regierungsmässige Vergebung, die mit den Umständen auf der Erde verknüpft ist. Das entgeht den Anwesenden nicht. Sie fragen sich: «Wer ist dieser, der auch Sünden vergibt?» (V. 49). Nur Einer kann das tun: Gott. Vor ihnen steht Gott, der sich im Menschen Jesus Christus offenbart. Als Antwort auf den Glauben dieser Frau – nicht auf ihre Liebe – schenkt Er ihr eine ewige Errettung. «Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dich gerettet; geh hin in Frieden» (V. 50).