Der Erstgeborene

«Wenn er aber den Erstgeborenen wieder in den Erdkreis einführt, spricht er: ‹Und alle Engel Gottes sollen ihn anbeten›» (Heb 1,6).

Man könnte sich mit Recht fragen, weshalb der Geist Gottes, wenn Er vom Herrn redet, diesen rätselhaften Titel «der Erstgeborene» gebraucht, hätte Er doch einfach sagen können: «Wenn er seinen Eingeborenen, seinen geliebten Sohn einführt.»

Diese Tatsache ist umso auffallender, als wir diesen Titel auch in vier anderen Stellen auf den Herrn angewandt finden: Er ist «der Erstgeborene aller Schöpfung» (Kol 1,15), «der Erstgeborene aus den Toten» (Kol 1,18), der «Erstgeborene der Toten» (Off 1,5) und «der Erstgeborene unter vielen Brüdern» (Röm 8,29).

Es erscheint dem menschlichen Verstand unlogisch, dass der, welcher der eingeborene Sohn ist, «der Erstgeborene» genannt werden kann, dass der ewige Sohn Gottes «der Erstgeborene aller Schöpfung» sein soll, wie wenn Er dem Datum nach das erste der Geschöpfe wäre, dass Er der Erstgeborene aus den Toten sein soll, wo Lazarus, der Sohn der Witwe in Nain, die Tochter des Jairus und andere doch vor Ihm auferweckt worden waren.

Aber ein aufmerksames Studium der Schrift führt uns zum Schluss, dass dieser Ausdruck im Wort nicht immer dieselbe Bedeutung hat wie in der Sprache der Menschen. Um dies zu erkennen, müssen wir das Feld unserer Nachforschungen erweitern und untersuchen, was schon das Alte Testament über diesen Gegenstand sagt.

In den Zeiten der Patriarchen und in Israel spielte der erstgeborene Sohn in der Familie nicht nur eine grosse Rolle, sondern war auch im Erbteil begünstigt. Das Erstgeburtsrecht gewährte ihm also bestimmte moralische und materielle Vorrechte. Er war der Herr über seine Brüder (1. Mo 27,29) und empfing ein doppeltes Erbteil (5. Mo 21,17), so dass der «verlorene Sohn», der, bevor er in das ferne Land zog, von seinem Vater forderte: «Gib mir den Teil des Vermögens, der mir zukommt», den dritten Teil von allem empfangen haben muss, während der ältere Sohn Anrecht auf zwei Drittel hatte.

Aber wenn das Gesetz verbot, einen bevorzugten Sohn auf Kosten des Erstgeborenen zu begünstigen, so zeigt uns das Wort anderseits, dass der Erstgeborene durch eigene Schuld seine Geburtsrechte verlieren konnte, und dies zum Vorteil eines jüngeren Bruders. Wer erinnert sich nicht an die Geschichte des ungöttlichen Esau, der sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkaufte? Für die fleischliche Befriedigung eines Augenblicks verachtete er unermessliche geistliche Reichtümer, während Jakob bewies, wie hoch er sie einschätzte, wenn er auch fleischliche Listen anwandte, um sie zu erwerben.

In 1. Mose 49, welches Kapitel man die prophetische Landkarte Palästinas nennen könnte, stellte sich für die zwölf Söhne Jakobs das Problem von neuem: Der alte Patriarch verteilt durch den Glauben das Land der Verheissung unter die zwölf Stämme, die aus seinen Söhnen entstehen werden. Wem aber wird er das doppelte Teil des Erbes geben? Wer wird unter den Brüdern den Vorrang haben? Seine vier ältesten Söhne, Ruben, Simeon, Levi und Juda sind Kinder Leas. Nach der Ordnung der Natur hätten diese Vorrechte also Ruben gehört. Aber ach! Auch er hat sich durch sein Verhalten als unwürdig gezeigt, und Jakob ist als Greis von hundertsiebenundvierzig Jahren genötigt, über seinen ältesten Sohn ein ernstes Gericht aussprechen: «Ruben, mein Erstgeborener bist du, meine Kraft und der Erstling meiner Stärke!» Aber trotz dieser natürlichen Vorrechte fügt Jakob hinzu: «Überwallend wie die Wasser, sollst du keinen Vorzug haben, denn du hast das Lager deines Vaters bestiegen» (1. Mo 49,3.4).

Wenn Ruben durch seine Verdorbenheit kostbare Segnungen verscherzt hat, so zog die Gewalttat Simeons und Levis in der Sache von Sichem (1. Mo 34,25) ebenso schwerwiegende Folgen nach sich: «Verflucht sei ihr Zorn, denn er war gewalttätig, und ihr Grimm, denn er war grausam! Ich werde sie verteilen in Jakob und sie zerstreuen in Israel» (V. 7).

Wenn die drei ersten Söhne durch ihre Schuld alles verloren haben, so kann der Patriarch endlich dem vierten Segnungen geben: «Dich, Juda, dich werden deine Brüder preisen …, vor dir werden sich niederbeugen die Söhne deines Vaters» (V. 8). Mit diesen Worten räumt er ihm den Vorrang ein über seine Brüder. Nicht nur wird Juda der vorherrschende Stamm sein, sondern aus ihm wird auch Schilo, der Messias, hervorkommen. Doch wird das andere Vorrecht der Erstgeburt, das doppelte Teil des Erbes, nicht Juda gegeben. Jakob legt dieses Vorrecht mit Freuden auf das Haupt des Abgesonderten unter seinen Brüdern, auf den geliebten Joseph. Joseph ist mit seinen beiden Söhnen, Manasse und Ephraim, gekommen, um seinen alten Vater zu sehen, und er vernimmt diese Worte: «Deine beiden Söhne, die dir im Land Ägypten geboren worden sind, ehe ich zu dir nach Ägypten kam, sollen mein sein; Ephraim und Manasse sollen mein sein wie Ruben und Simeon» (1. Mo 48,5). Indem er so redete, adoptierte Jakob seine beiden Enkel als Söhne, mit demselben Anspruch wie seine älteren Söhne Ruben und Simeon, aber Joseph wird im Gegensatz zu seinen Brüdern zu zwei Stämmen werden und somit bei der Verteilung des Landes durch Josua zwei Teile erhalten. Wir stellen also fest, dass Jakob, vom Geist Gottes geleitet, seinem erstgeborenen Ruben die Segnungen des Erstgeburtsrechts entzieht, um sie zwischen Juda und Joseph zu teilen, nach Auswahl der Gnade und unabhängig von jedem natürlichen Vorrecht der Geburt.

Das alles wird übrigens durch eine einzige Stelle des Wortes mit göttlicher Genauigkeit und Kürze bestätigt. Wir lesen in 1. Chronika 5,1.2: «Die Söhne Rubens, des Erstgeborenen Israels (denn er war der Erstgeborene; weil er aber das Lager seines Vaters entweiht hatte, wurde sein Erstgeburtsrecht den Söhnen Josephs, des Sohnes Israels, gegeben; aber er wird nicht nach der Erstgeburt verzeichnet. Denn Juda hatte die Oberhand unter seinen Brüdern, und der Fürst kommt aus ihm; aber das Erstgeburtsrecht wurde Joseph zuteil).»

Dieselbe Abweichung von der Regel findet sich in der Familie Davids wieder: In 1. Chronika 3 kommt Salomo in der Liste der Söhne Davids erst an zehnter Stelle, und doch ist er es, der zum Nachfolger Davids auserwählt ist. Bei einigen seiner Söhne, wie zum Beispiel bei Amnon, dem Erstgeborenen, Absalom und Adonija, können wir verstehen, weshalb Gott sie beiseite setzte, aber letzten Endes ist es einzig die Auswahl der Gnade, die die Wahl Salomos erklärt. Schon bei seiner Geburt liebte ihn der HERR und gab ihm den Namen Jedidjah, das heisst Geliebter Jahs (2. Sam 12,25), und wir hören Gott von Salomo sagen (und gleichzeitig von dem, der grösser ist als Salomo): «So will auch ich ihn zum Erstgeborenen machen, zum Höchsten der Könige der Erde. Ewig will ich ihm meine Güte bewahren» (Ps 89,28.29). Diese hohe Auszeichnung des Erstgeborenen wurde also durch die unumschränkte Gnade Gottes dem Sohn Davids und der Bathseba zuteil, obwohl er nicht der älteste Sohn Davids war. Er wurde somit der Erstgeborene in der königlichen Familie und erbte die Krone. Und aus dem Ausdruck: «Ich will ihn zum Erstgeborenen machen, zum Höchsten der Könige der Erde» können wir schliessen, dass «Erstgeborener» nicht immer den bezeichnet, der als erster geboren wurde, sondern manchmal auch: der Erste, der Höchste im Rang unter denen, die geboren sind. Dieses Wort «Erstgeborener» gibt also dem Gedanken der Erhabenheit, des Vorrangs, der Vortrefflichkeit Ausdruck, wobei diese Rechte nicht unbedingt durch das Erstgeburtsrecht erworben sein müssen.

Noch ein Beispiel: In Ägypten sagte Mose zum Pharao: «So spricht der HERR: Mein Sohn, mein erstgeborener, ist Israel … weigerst du dich, ihn ziehen zu lassen, siehe, so werde ich deinen Sohn, deinen erstgeborenen, töten» (2. Mo 4,22.23). Israel war nicht die erste Nation, die gebildet wurde, denn Ägypten, Babel und viele andere Nationen (1. Mo 10) sind Abraham vorausgegangen. Aber auch hier bedeutet «Erstgeborener» eine erhöhte Stellung gegenüber anderen Nationen, ein Vorrecht, das nicht auf die Vorexistenz gegründet ist, sondern auf die Gunst Gottes. (Siehe auch Jer 31,9 und 1. Chr 26,10.)

Darum also wird dem Herrn im Neuen Testament dieser Titel gegeben. Da geht es keineswegs um eine Frage der Zeit oder um das Datum der Geburt, wohl aber um Erhabenheit, um Vorrang, um Oberhoheit, um Vorzug. Als der Schöpfer selbst durch Fleischwerdung in die Sphäre seiner eigenen Schöpfung trat, konnte Er nicht anders als mit erhabener Würde bekleidet eintreten. Er konnte darin nur den ersten Platz einnehmen. Daher, als Gott den Erstgeborenen in den Erdkreis einführte (Heb 1,6), gebot Er den Myriaden von Engeln, den Geschöpfen höchster Ordnung, Ihn anzubeten und Ihm zu huldigen. Selbst als Er in der Gestalt eines Menschen erfunden wurde, selbst als Er ein wenig unter die Engel erniedrigt war, behielt Er die Stellung des Erstgeborenen und die ganze Schöpfung verblich angesichts dieser überragenden Herrlichkeit. Diese erhabene Stellung des Erstgeborenen hat Er sich nicht durch das Geburtsrecht erworben, da Er ja weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens hatte. Es sind vielmehr sein ewiger Wert, seine Würde als Sohn und als Schöpfer, die Ihm diesen Vorrang, diese Herrschaft zusichern, sowohl in seiner Erniedrigung als auch in der Herrlichkeit.

Die Engel beteten dieses in Windeln gewickelte kleine Kind an, das in der Krippe lag – ein Ausdruck der Schwachheit –, und sie erblickten mit Entzücken im Grab den Ort, wo sein Leib gelegen hatte. Wie einst die beiden Cherubim auf dem Sühndeckel auf die Lade herabblickten, sassen die beiden Engel bei der Gruft, einer zu dem Haupt und einer zu den Füssen und betrachteten mit Anbetung die wahre Bundeslade, ihren Schöpfer, der in den Tod ging. Sie wussten, dass der, der in die unteren Teile der Erde hinabstieg, «das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung» (Kol 1,15).

Das Wort «Bild» bezeichnet eine sichtbare Darstellung des Unsichtbaren oder Abwesenden. Der Grundgedanke dieses Wortes wird durch die Worte des Herrn illustriert, die Er aussprach, als Er auf das Abbild des römischen Kaisers auf einem Denar hinwies und fragte: «Wessen ist dieses Bild?» (Mt 22,20). Der Sohn ist von den drei Personen der Gottheit die, die Gott gegenüber seinen Geschöpfen vertritt und offenbart, man könnte dies weder vom Vater noch vom Geist sagen. Er ist Gott, offenbart im Fleisch, die Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens. Er kann sagen: «Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen» (Joh 14,9). Es wird nicht gesagt, dass Er durch die Menschwerdung das Bild Gottes geworden sei, so wie Er zum Beispiel Hoherpriester geworden ist nach der Ordnung Melchisedeks. Nein, Er ist es zu Recht von Ewigkeit her, bevor irgendeine Kreatur bestand, und ist auch hierin unendlich erhabener als Adam, der diese Fähigkeit der Darstellung erst bei der Schöpfung erlangte, und dies erst noch in begrenzter Weise, er wurde im Bild Gottes erschaffen, der Sohn hingegen ist das Bild Gottes, Er ist es nicht geworden. Das mag eine grammatikalische Spitzfindigkeit scheinen, aber wir müssen daran denken, dass, wenn es um die Herrlichkeit einer solchen Person geht, der Weihrauch des Heiligtums umso feiner zerstossen wird, damit er umso mehr Duft von sich gibt. Indem Er in diese Welt kam, hat der Sohn den Menschen und den Engeln die Eigenschaften und Vollkommenheiten Gottes tatsächlich sichtbar gemacht.

Wir haben bis jetzt die unendliche Grösse dessen betrachtet, der der Erstgeborene der Schöpfung ist. Er ist das Haupt der ersten Schöpfung, weil Er selbst alles erschaffen hat. Gott ist der Architekt, der Sohn sein Werkmeister (Spr 8,30), durch den Er die Welten gemacht hat (Heb 1,2). Und in dieser Schöpfung, in der Er sich selbst zu nichts gemacht hat, wo Er niedriger geboren wurde als wir es sind, ist Er trotz allem der Mittelpunkt und das Haupt aller Dinge, der Erstgeborene aller Schöpfung.

Dieser Ausdruck berechtigt uns nicht zu sagen, dass Er ein Geschöpf geworden sei, wie es einige zu behaupten wagten. Dass jeder Mensch ein Geschöpf ist, ist offenbar, und auch der Sohn ist ein wirklicher Mensch geworden. Aber dass Er Mensch ist, berechtigt uns nicht, Ihn «Geschöpf» zu nennen, und wir haben nicht das Recht, Ihn Bruder zu nennen, weil Er uns seine Brüder nennt. Der Schöpfer ist nicht eine Kreatur. Er hat alle Dinge erschaffen, aber sich selbst hat Er nicht erschaffen. Wir lesen, dass Gott Ihm einen Leib bereitet (nicht erschaffen) hat. Es wird von seiner Geburt gesprochen (Mt 1,18) und nicht von seiner Erschaffung, wie bei Adam. Gott wacht bis in kleinste Einzelheiten über die Herrlichkeit seines Sohnes.

Aber Christus ist nicht nur das Haupt der ersten Schöpfung. Als der grosse Überwinder des Todes, als auferstandener Mensch ist Er auch der Herr der neuen Schöpfung. Er ist «der Anfang, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem den Vorrang habe» – das heisst in beiden Schöpfungen – (Kol 1,18). In Offenbarung 3,14 wird Er «der Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes» genannt. Durch seine herrliche Auferstehung hat Er den Tod zunichtegemacht und Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht. Er teilt seinen Erlösten dieses Leben der Auferstehung mit, wovon Er als Erster die sieghafte Macht offenbart hat, Er marschiert an der Spitze der neuen Schöpfung.

Und diesen ersten Platz, den Er in der Schöpfung und in der Auferstehung einnimmt, wird Er in der Herrlichkeit bewahren: Bald, wenn wir seinem Bild gleichförmig gemacht sind, werden wir Ihn als den Erstgeborenen unter vielen Brüdern sehen (Röm 8,29). Die Gläubigen werden die Versammlung der Erstgeborenen bilden, die in den Himmeln angeschrieben sind (Heb 12,23), Er aber wird mit Freudenöl gesalbt sein, mehr als seine Genossen. Diese Genossen sind die, deren Er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen, seine Adoptivfamilie, die Miterben Christi. Aber sie werden glücklich sein, Ihm auf ewig seine erhabene Würde des Erstgeborenen zuzuerkennen: den Vorrang vor seinen Brüdern und die Rechte des Erbteils. Und indem sie ihre Kronen zu seinen Füssen niederwerfen, werden sie sagen: Du bist würdig zu empfangen Reichtum – weil Du hier auf der Erde der Arme warst, Macht – weil Du hier auf der Erde in Schwachheit gewesen bist, Ehre und Herrlichkeit – weil Du hier auf der Erde die tiefste Erniedrigung erduldet hast.