Sie nehmen Ihn, wie Er war, in dem Schiff mit

Markus 4,35; Markus 5,1

Welch ein Erlebnis, mit dem Herrn Jesus im gleichen Schiff zu sein, und mit Ihm ans jenseitige Ufer zu fahren! Erkannten die Jünger damals die Grösse dessen, der in Niedrigkeit, in der Gestalt eines wahren Menschen, im Hinterteil des Bootes auf einem Kissen schlief? Das sollte sich zeigen. Auch unsere Umstände, durch die wir geführt werden, machen kund, was wir von Ihm halten.

Der unermüdliche Diener, den uns das Markus-Evangelium vorstellt, hatte wieder einen Tag hingebenden Dienstes unter den Menschen hinter sich, der Ihn aufs äusserste angestrengt hatte. Wie seine Tage ausgefüllt sein konnten, wird im 3. Kapitel angedeutet, wo wir lesen: «Und wieder kommt die Volksmenge zusammen, so dass sie nicht einmal Brot essen konnten.  Und als seine Angehörigen es hörten, gingen sie aus, um ihn zu greifen; denn sie sprachen: Er ist ausser sich!» (Mk 3,20,21).

Nun aber war die Volksmenge entlassen. Er benützte die wenigen Augenblicke der Überfahrt, um etwas auszuruhen. Er schlief ein, obwohl Er wusste, dass in den nächsten Minuten schon ein heftiger Sturmwind aufkommen würde, der den sonst ruhigen See in ein tobendes Wasserchaos verwandeln sollte. Als Mensch vertraute Er «von Mutterschoss an» auf seinen Gott.

Anders die Jünger. Unter ihnen waren Fischer, die schon manche Stürme auf diesem See erlebt hatten. Aber in eine solche Bedrängnis waren sie wohl noch nicht gekommen. «Die Wellen schlugen in das Schiff, so dass das Schiff sich schon füllte.» Es wurde sogar «von den Wellen bedeckt» (Mt 8,24). Sie «waren in Gefahr» (Lk 8,23). Im nächsten Augenblick konnte nach menschlichem Ermessen das Schiff in die Wellen sinken. – Und ihr Meister schlief in tiefem Frieden!

Begreifen wir die Jünger in ihrer tiefen Not, in der sie rufen: «Meister, Meister, wir kommen um!» (Lk 8,24)? War es verkehrt, so zu schreien? Wir lesen doch in Psalm 34,16: «Die Augen des HERRN sind auf die Gerechten gerichtet und seine Ohren auf ihr Schreien.» In Philipper 4,6 werden wir sogar aufgefordert: «Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden.»

Aber es war ein falscher Ton in ihrem Rufen. Es geschah ohne «Danksagung», ohne Glauben, ohne Vertrauen, ohne wirkliche Gemeinschaft mit dem unaufhörlich treu besorgten Herzen ihres wunderbaren Meisters. «Sie wecken ihn auf und sprechen zu ihm: Lehrer, liegt dir nichts daran, dass wir umkommen?» Wie müssen Ihm diese vorwurfsvollen Worte wehgetan haben!

Trotzdem handelt Er sogleich in diesem Augenblick äusserster Not. «Er wachte auf, schalt den Wind und sprach zu dem See: Schweig, verstumme! Und der Wind legte sich, und es trat eine grosse Stille ein.»

Ein jäher Wechsel für die Jünger! Eben meinten sie, es sei nur ein Schritt zwischen ihnen und dem Tod. Und nun diese Wende! Da blieb ihnen nur noch übrig, das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Was sie sich jetzt mit Beschämung sagen mussten, fasste der Herr Jesus in die Worte zusammen: «Was seid ihr furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?»

Diese ganze Erfahrung, die ihnen tief ins Mark eindrang, führte zu einem wichtigen Ergebnis: Sie wuchsen in der Erkenntnis der Person des Herrn! – Kann es für den Gläubigen einen grösseren Gewinn geben? Zu diesem Ziel will ihn Gott durch die Prüfungen und Trübsale seines Lebens führen. – Die Jünger sprachen zueinander: «Wer ist denn dieser, dass auch der Wind und der See ihm gehorchen?» Wer anders konnte dies sein als der Schöpfer-Gott, «der die Berge feststellt durch seine Kraft, umgürtet ist mit Macht, der da stillt das Brausen der Meere, das Brausen ihrer Wellen und das Getümmel der Völkerschaften» (Ps 65,7.8).

Unser Herr ist jetzt im Himmel. Die Seinen können Ihn nicht mehr auf den Strassen Galiläas oder auf dem See Genezareth begleiten wie seine Jünger.

Kommen wir gegenüber ihnen, als sie Jesus in seiner Knechtsgestalt bei sich hatten, zu kurz? Keineswegs! Mit welcher Liebe und welchem Zartgefühl hat der Herr Jesus in seinen Abschiedsreden (Johannes 13–17) den elf Jüngern klargemacht, dass es ihnen – und uns – sogar nützlich sei, wenn Er weggehe (Joh 16,7).

Wie war denn dies möglich? Mehr als drei Jahre lang hatten sie doch seine sichtbare Nähe geniessen dürfen. Sie konnten Ihn anschauen und mit ihren Händen betasten. Er war ihr Lehrer, ihr Führer, ihr Meister. Jeder persönlich war ein Gegenstand seiner treuen Fürsorge. Wenn dies aufhörte, wie konnte dann dieser Verlust wettgemacht werden?

Nein, dieser vertraute Umgang wurde durch die Rückkehr des Herrn Jesus zum Vater nicht abgebrochen, sondern in unerwarteter Weise vertieft. Es kam ein neues Element dazu. Auf die Bitte des Sohnes hat der Vater den Seinen den «andern Sachwalter», den Geist der Wahrheit gegeben, dass Er bei den Jüngern und bei uns sei in Ewigkeit. Dieser bleibt bei uns und ist in uns. Diese herrliche Tatsache hat zur Folge, dass wir unseren geliebten Herrn jetzt ununterbrochen sehen können (Joh 14,16-19), nicht als Mensch auf der Erde, sondern als den Verherrlichten im Himmel, nicht mit unseren leiblichen Augen, aber mit den Augen des Glaubens. Darum können wir «mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude frohlocken» (1. Pet 1,8).

Sein Herz hat sich, seitdem Er droben ist, gegen die Seinen auf der Erde nicht verändert. Oh, wir wissen es! Von dort her hat Er durch den Heiligen Geist die Möglichkeit, uns viel wirksamer zu helfen, als Er es hier auf der Erde tun konnte. Nichts kann uns von der Liebe Christi scheiden. Zur Rechten Gottes verwendet Er sich für uns (Röm 8,34.35). Ja, Er lebt allezeit, um dies tun zu können (Heb 7,25). Wir haben in Ihm einen grossen Hohenpriester, der Mitleid zu haben vermag mit unseren Schwachheiten, der in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde (Heb 4,14.15).

So lasst uns denn unsere Reise getrost fortsetzen! Auch wir sind ja auf der Fahrt zum jenseitigen Ufer, zu Gottes Herrlichkeit, zum Vaterhaus, zum Erbteil, das in den Himmeln aufbewahrt ist für uns. Auch wir mögen jetzt eine kleine Zeit, wenn es nötig ist, betrübt werden durch mancherlei Versuchungen. Sie bezwecken die Bewährung unseres Glaubens (1. Pet 1,4-7). Oft können sie einen Höhepunkt erreichen, der uns in grosser Not zum Herrn rufen lässt. Er ist bei uns im Schiff, so nahe wie den Jüngern auf dem See. Hüten wir uns aber vor falschem Schreien, das Kleinglauben und Mangel an Vertrauen verriete! Er weiss, wann Er eingreifen muss, wann der Wind sich legen und die Wasser ruhig werden sollen.