Gott ist Liebe

1. Johannes 4,9.12.17

Im 1. Johannes-Brief wird uns im 1. Kapitel zuerst die Botschaft vorgestellt, «dass Gott Licht ist und gar keine Finsternis in ihm ist» (Vers 5). Daher ist es für sündige Menschen, die in der Finsternis sind, unmöglich, mit Ihm Gemeinschaft zu haben. Aber auch Kinder Gottes können nur in der Gemeinschaft mit Ihm leben, wenn sie in dem Licht wandeln, wie Er in dem Licht ist (Verse 6 und 7).

Das zweimalige Zeugnis im 4. Kapitel: «Gott ist Liebe» (Verse 8 und 16) schwächt die Kraft der erstgenannten ernsten Tatsache keineswegs ab. Der heilige Gott kann niemals mit der Sünde in Verbindung sein. Und trotzdem dürfen Menschen zu Kindern Gottes, zu Gegenständen seiner Liebe werden und bleiben!

Gottes Liebe ist zu uns offenbart worden (Vers 9)

Gott wollte aus den Menschen, die alle Sünder waren, Kinder für sich haben, denen Er als Vater seine Liebe geben konnte (1. Joh 3,1).

Wie war denn dies möglich? Von uns aus überhaupt nicht. Wir konnten uns ja nicht ändern. Auch wollten wir gar nicht in eine solche Beziehung zu Ihm kommen. Wir waren in der Finsternis und haben unseren sündigen, verdorbenen Zustand von uns aus gar nicht erkannt, höchstens darunter geseufzt. Wir hassten jedes Licht, das unsere bösen Werke offenbarte. Es zog uns daher nicht zu Gott hin. Wir liebten Ihn nicht (Vers 10).

Aber Gott hat uns geliebt (Vers 10), uns, die Gottlosen, die Ungerechten, die Sünder, seine Feinde, die zu allem Guten kraftlos waren! (Röm 5,6-10). Je besser wir Gläubige unser altes Wesen in seinem Licht erkennen, desto weniger können wir die Liebe begreifen, die Gott schon zu uns hatte, als wir noch in diesem natürlichen Zustand waren.

Gottes Liebe ist nicht mit den Regungen zu vergleichen, die im Sünder aufkommen und die dieser mit Liebe bezeichnet. Was Gottes Herz erfüllt, ist so verschieden von dem, was sich im unerlösten Menschen regen kann, wie Gottes heiliges Wesen von dessen verdorbenem Wesen.

Gottes Liebe ist auch darin nicht nach Menschenart, dass sie kommt und geht, für eine kurze Zeit aufleuchtet und dann verglimmt. Sie kommt aus der Ewigkeit und währt bis in Ewigkeit. Schon «vor Grundlegung der Welt» war sie in ihrer ganzen Fülle da, und sie dauert ohne irgendwelche Schwankungen an, wenn die jetzigen Himmel und Erde vergangen sein werden.

«Vor Grundlegung der Welt» hat Gott, der Vater, seinen Sohn geliebt, und «vor Grundlegung der Welt» hat Er uns in Ihm, in Christus auserwählt, «dass wir heilig und untadelig vor Ihm seien in Liebe, und uns zuvor bestimmt zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst, nach dem Wohlgefallen seines Willens» (Joh 17,24; Eph 1,4.5).

Gott, der alles im Voraus überschaut, wusste, dass die Menschen nach ihrer Erschaffung in die Sünde fallen und sich verderben würden. Aber das hinderte Ihn nicht, sie in seinen Ratschluss unfassbarer Liebe einzubeziehen, der in Christus seinen Mittelpunkt hat. In unermesslicher Liebe war Er schon in der Ewigkeit bereit, diesen Ratschluss auszuführen, auch wenn es Ihn sein Alles kostete. «Vor Grundlegung der Welt» hat Er seinen eingeborenen Sohn als das Lamm ohne Flecken und ohne Fehl zuvor erkannt, das Er in den Tod geben würde, damit die Gegenstände seines Ratschlusses mit dem kostbaren Blut Christi aus ihrem Zustand erlöst (1. Pet 1,18-20) und für seine Herrlichkeit passend gemacht würden. Und tatsächlich, in der Fülle der Zeit «hat Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt, damit wir durch ihn leben möchten» und: «als eine Sühnung für unsere Sünden» (1. Joh 4,9.10).

Dieser Ratschluss und dieses über alles Erdenken kostbare Opfer, das zu dessen Erfüllung nötig war, beschreiben das Ausmass der Liebe Gottes, die zu uns offenbart worden ist.

Wie wird Gottes Liebe in uns vollendet? (Vers 12)

Im Johannes-Evangelium bezeugt der Herr Jesus verschiedene Male, dass der Mensch ewiges Leben habe, der an den Sohn glaubt (Joh 3,15.16.36), der Dem glaubt, der Ihn gesandt hat (5,24), der sein Fleisch isst und sein Blut trinkt, sich also im Glauben auf sein Erlösungswerk stützt (6,47-54). Das sagte Er vor allem zu den ungläubigen Juden.

Aber warum wurde Johannes bei der Niederschrift seines ersten Briefes, der sich an Kinder Gottes richtet, durch den Heiligen Geist inspiriert, zu sagen: «Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes»? (5,13). Als Kinder Gottes mussten sie doch nicht am Besitz dieses Lebens zweifeln!

Vergessen wir nicht, dass schon in den Tagen des greisen Apostels Johannes viele falsche Lehrer aufgetreten, viele Antichristen geworden waren, die unter den Gläubigen ihre bösen Lehren zu verbreiten suchten, zweifellos auch über das ewige Leben.

Der Apostel gibt aber den Empfängern des Briefes nicht nur einen lehrhaften, sondern auch einen praktischen Beweis vom persönlichen Besitz des ewigen Lebens. Das ist eine Antwort auf obige Frage, die auch die nötig haben, die gut belehrt sind.

Gott – ewiges Leben – Leben aus Gott – Gottes Liebe – Liebe ausüben – das sind Begriffe, die eng miteinander verbunden sind. Gott und das ewige Leben offenbaren sich in uns darin, dass wir die Liebe Gottes weitergeben:

  • Wir sind Gesandte für Christus an die noch unversöhnten Menschen (2. Kor 5,20) und werden von der Liebe des Christus in uns dazu gedrängt
  • Im 1. Johannes-Brief wird der Nachdruck darauf gelegt, dass Kinder Gottes einander lieben. In Kapitel 3,14 lesen wir: «Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben.» In Kapitel 4,7.8: «Geliebte, lasst uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott; und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott» (d.h. er lebt im Bewusstsein der Liebe Gottes). «Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe.» Und in den Versen 11 und 12: «Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, sind auch wir schuldig, einander zu lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet.» (d.h. sie hat ihre Wirkung in uns und durch uns erfüllt)

Wie beglückend ist ein Leben, wenn das Herz von Gottes Liebe erfüllt ist und sie weitergibt! «Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm» (Vers 16).

Aber ist es nicht gerade diese praktische Seite der Sache, die Gläubige oft beunruhigt, wenn sie die lebendige Auswirkung der Liebe Gottes in ihrem Leben so wenig sehen? «Bin ich denn nicht im vollen Besitz des ewigen Lebens?», fragen sie sich dann.

Vielleicht lässt sich die Ursache dieser Schwierigkeit so illustrieren: Du stehst vor einem Wasserhahn. Du zweifelst nicht, dass das Wasser dahinter unter grossem Druck hervorsprudeln möchte, und dass es vom zugedrehten Hahn daran gehindert wird. Willst du Wasser, drehst du den Hahn auf!

Nun, wir Kinder Gottes können auch den Hahn zudrehen, so dass das Leben nicht mehr pulsiert und die Liebe Gottes nicht mehr hervorströmt. Das kann auf dreierlei Weise geschehen:

  • Den Worten in Johannes 15,10 und 1. Johannes 2,5 wird nicht Folge geleistet: «Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben, wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.» – «Wer aber irgend sein Wort hält, in diesem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet.» Ungehorsam ist eines der Dinge, die die Liebe Gottes zurückhalten
  • Die Ermahnung in 1. Johannes 2,15 wird nicht beachtet: «Liebt nicht die Welt, noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm.» Weltliebe verdrängt die Liebe des Vaters
  • Appetitlosigkeit gegenüber der himmlischen Speise und Trägheit im Gebet hindern uns, die Liebe Gottes zu geniessen: «Ihr aber, Geliebte, euch selbst erbauend auf euren allerheiligsten Glauben, betend im Heiligen Geist, erhaltet euch selbst in der Liebe Gottes» (Judas 20,21)

Auf die Frage: «Wie wird Gottes Liebe in uns vollendet?» können wir also die Antwort geben: Wenn wir ihren Zu- und Weiterfluss nicht durch fleischliche Regungen abstellen.

Die Liebe ist mit uns vollendet worden, damit wir uns nicht vor dem Tag des Gerichts fürchten (Vers 17)

Gottes Liebe beschäftigte sich mit uns in der Ewigkeit; sie will sich in der Jetztzeit in uns vollenden und uns erfüllen; und den Versen 17-19 können wir entnehmen, dass sie mit uns vollendet worden ist, «damit wir Freimütigkeit haben am Tag des Gerichts». Dieser Tag ist für uns auf einen Zeitpunkt angesetzt, der kurz auf das grosse Ereignis der Entrückung der Brautgemeinde folgt. Es ist der Tag, an dem jeder Erlöste vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden wird (2. Kor 5,10).

Beschleicht uns da Furcht, wenn wir an diesen Tag denken? Hätten wir nicht Ursache dazu? Jeder muss sich doch anklagen, dass er hier auf der Erde gegenüber dem Gott, für Den er durch die Leiden und das Sühnungswerk Christi erkauft worden ist, oftmals untreu war und mancherlei Werken des Fleisches Raum gegeben hat.

Aber dem Heiligen Geist ist es ein Anliegen, uns durch den Apostel zu sagen, dass eine solche Furcht nicht angebracht sei. Er betont: «Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe» (Vers18).

Hier wird den Kindern Gottes, die sich fürchten, nicht einfach gesagt: Ihr müsst das vollkommene Heil Gottes besser kennenlernen. Sondern: ihr seid nicht vollendet in der Liebe! Ihr habt einen viel zu schwachen Begriff von der Liebe Gottes, in der Er alles vorausgesehen und dafür gesorgt hat, dass ihr am Richterstuhl des Christus für keines der Werke des Fleisches gerichtet werdet. Christus ist doch die Sühnung für unsere Sünden. Ihr wurdet aus Mangel an Wachsamkeit von ihnen übereilt; doch habt ihr tief Leid getragen darüber und sie dem Vater bekannt.

Wir Erlöste haben Freimütigkeit am Tag des Gerichts, weil wir hier schon einsgemacht sind mit dem Erretter, der jetzt schon droben lebt, nachdem Er für all das gestorben ist, wofür wir hätten verurteilt werden müssen. Der Richter ist unser Erlöser, der uns liebt, und wir sind schon in dieser Welt und dann auch vor dem Richterstuhl, der Stellung nach, wie Er ist. Wir sind vollkommen durch das, was Gottes Liebe in Christus für uns getan hat.

Das Offenbarwerden am Richterstuhl ist nötig für uns. «Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt worden bin» (1. Kor 13,12). Hier auf der Erde sehe ich hinsichtlich meiner Person und meines Lebens vieles noch nicht so, wie es Gott in dem Licht seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit, aber auch in seiner Weisheit und Liebe, beurteilt hat. Er gab mir wohl sein Wort in die Hand, aber ich habe seine Gedanken nur stückweise erkannt und sehr mangelhaft angewandt. Da ist es dringend notwendig, dass ich dort mit seinem Urteil über all mein Tun und Lassen in völlige Übereinstimmung und in Einklang komme.

Wie wird mir dieses Offenbarwerden vor dem Herrn die Augen völlig öffnen für den unergründlichen Reichtum der Liebe und Gnade Gottes, die mich während meines ganzen Lebens auf der Erde, mir hier auf der Erde meistens unbewusst, begleitet haben! Ich werde erkennen:

  • wie Gott mich erforscht und erkannt hat, um mich auf seinen ewigen Weg zu führen und darin zu leiten (Psalm 139)
  • wie Er mich bewacht und bewahrt hat bis zur Errettung aus dieser Welt (1. Pet 1,5)
  • wie Er mich einer geduldigen, aber konsequenten Erziehung unterzogen hat, damit aus meinem Leben die friedsame Frucht der Gerechtigkeit hervorkomme (Heb 12,4-11)
  • wie Er mir alles Nötige gegeben hat, um die mir geschenkten Gnadengaben auszuüben und in den zuvor bereiteten Werken zu wandeln (Eph 2,10). Und dann will Er mich am Richterstuhl noch für das belohnen, was seine Gnade in mir gewirkt hat!

Oh, wie wird auch dieses Offenbarwerden unsere Herzen droben mit unaufhörlichem Dank und Lob erfüllen!

Nein, der Gedanke an den «Tag des Gerichts» soll uns nicht mit Furcht, sondern mit dem tiefen Wunsch erfüllen, dass unser irdisches Leben durch seine Gnade zur Verherrlichung Gottes, des Vaters und des Sohnes, sei. Wie müssten wir es an jenem Tag bedauern, wenn es nichts oder nur wenig zu seiner Ehre beigetragen hätte! In diesem Sinn ist 1. Johannes 2,28 zu verstehen: «Und nun, Kinder, bleibt in ihm, damit wir, wenn er offenbart wird, Freimütigkeit haben und nicht vor ihm beschämt werden bei seiner Ankunft.»

Das ist also die Geschichte der Liebe Gottes uns gegenüber: Sie ist in seinem Sohn «zu uns» offenbart worden, um sich «in uns» zu vollenden und auf ewig «mit uns» zu sein, auch am Tag des Gerichts.

«Die Liebe vergeht niemals …» (1. Kor 13,8)

Welch ein Ausblick für die, die schon hier auf der Erde durch die Liebe Gottes gefunden und zu seinen Kindern geworden sind! Wir werden im Vaterhaus sein, wo diese Liebe auf ewig aus dem Herzen des Vaters und des Sohnes fliesst. Die Erlösten sind alle dort. Alles ist weggetan, was uns auf der Erde je getrennt hat. Ungehindert wird uns diese Liebe gegenseitig durchfluten. Mit einem Herzen werden wir Gemeinschaft haben mit dem Sohn und den Vater anbeten, Gemeinschaft haben mit dem Vater und dem Sohn Anbetung bringen. Wie freuen wir uns darauf!