Ephraim und Manasse

1. Mose 41; 1. Mose 46; 1. Mose 48

Ephraim und Manasse sind die beiden Söhne, die dem Joseph in Ägypten geboren wurden. Im ersten Buch Mose werden sie in den Kapiteln 41, 46 und 48 erwähnt. Kapitel 41 spricht von ihrer Geburt und der Namensgebung. Kapitel 46 erinnert an ihre Geburt, während uns Kapitel 48 den Segen beschreibt, den beide von ihrem Grossvater Jakob bekamen.

Ihre Geburt

Sie wird uns mit folgenden Worten mitgeteilt: «Und dem Joseph wurden zwei Söhne geboren, ehe das Jahr der Hungersnot kam, die Asnat ihm gebar, die Tochter Potipheras, des Priesters von On. Und Joseph gab dem Erstgeborenen den Namen Manasse (= der vergessen macht): denn Gott hat mich vergessen lassen all meine Mühsal und das ganze Haus meines Vaters. Und dem zweiten gab er den Namen Ephraim (doppelte Fruchtbarkeit): denn Gott hat mich fruchtbar gemacht im Land meines Elends» (1. Mo 41,50-52).

Die Mutter der beiden war Asnat, die Tochter eines Priesters aus On. Der Pharao hatte sie Joseph nach seiner Erhöhung im Land Ägypten zur Frau gegeben (1. Mo 41,45). In Asnat sehen wir ein Bild von der Versammlung, die dem Herrn Jesus nach dessen Erniedrigung, Leiden und Sterben am Kreuz von Gott gegeben worden ist. Joseph war von seinen Brüdern in die Grube geworfen worden – ein Hinweis auf die Verwerfung des Herrn Jesus durch sein irdisches Volk. Im Land Ägypten wurde er dann ins Gefängnis geworfen – ein Hinweis auf seinen Tod auf Golgatha. Doch danach hatte der Pharao ihn hoch erhoben und ihn zum zweithöchsten Mann in Ägypten gemacht. Darin erkennen wir ein Bild der Erhöhung des Herrn Jesus zur Rechten Gottes. Ihm ist alle Gewalt und alle Macht gegeben. Wir sehen Ihn jetzt zur Rechten Gottes mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt.

Diesen Gedanken finden wir im Epheser-Brief in den Worten ausgedrückt: «Die Wirksamkeit der Macht seiner Stärke, in der er gewirkt hat in dem Christus, indem er ihn aus den Toten auferweckte; (und er setzte ihn zu seiner Rechten in den himmlischen Örtern, über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen, und hat alles seinen Füssen unterworfen und ihn als Haupt über alles der Versammlung gegeben, die sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt)» (Eph 1,19-23). Dem erhöhten Christus ist die Versammlung gegeben. Sie ist seine Braut, und ihr Einssein mit Christus wird im Bild des Leibes vorgestellt. Die Versammlung macht seine Fülle aus, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

Manasse und Ephraim sind die Söhne von Asnat. Dass es zwei Söhne sind, lässt uns daran denken, dass die Versammlung sowohl aus ehemaligen Juden als auch aus ehemaligen Heiden besteht. Dieser im Alten Testament so bedeutsame Unterschied gilt in der Haushaltung der Gnade nicht mehr. In Christus sind wir eins.

Die Bedeutung der Namen der beiden Söhne zeigt uns etwas von dem, was die Versammlung für den Herrn Jesus bedeutet.

Manasse

Manasse heisst: der vergessen macht. Joseph hatte unendlich Schweres erlebt. Die Erinnerung an seine Verwerfung sowohl im Haus seines Vaters als auch in Ägypten wird wohl für ihn unauslöschlich gewesen sein. Und doch fand er in seinem Sohn etwas, was ihn veranlasste, ihm gerade diesen Namen zu geben. «Denn Gott hat mich vergessen lassen all meine Mühsal und das ganze Haus meines Vaters.» Sein Weg war wirklich ein Weg der Mühsal gewesen. Doch dadurch werden wir auf den Weg Dessen hingelenkt, von dem wir prophetisch lesen: «Bitterkeit und Mühsal hat er gegen mich gebaut und mich damit umringt» (Klgl 3,5). Der Weg unseres Herrn war von Anfang an ein Weg bitterer Leiden, die sich am Ende, als Er zum Kreuz ging, noch steigerten.

Doch jetzt ist Ihm die Versammlung gegeben worden. Diese hat Er geliebt, und für sie hat Er sich selbst hingegeben (Eph 5,25). Nun ist sie seine Freude und Wonne. Hebräer 12,2 sagt, dass der Herr Jesus für die vor Ihm liegende Freude das Kreuz erduldet hat. Auch wenn sich diese Freude in erster Linie auf das Hingehen zum Vater bezieht, schliesst sie sicher mit ein, dass Ihm jetzt die Versammlung gehört. Der Tag kommt, da wir bei Ihm sein werden. Dann wird Er die Versammlung sich selbst verherrlicht darstellen, ohne Flecken und ohne Runzel (Eph 5,27). Doch jetzt schon findet Er seine Freude an seiner Braut. Sie lässt Ihn – im Bild gesprochen – die Mühsal seiner Seele und besonders das, was Er von seinem eigenen Volk erlitten hat, vergessen.

Ephraim

Ephraim bedeutet: doppelte Fruchtbarkeit. Nachdem der erste Sohn geboren war, freute sich Joseph über die doppelte Frucht und gab dem zweiten diesen Namen: «Denn Gott hat mich fruchtbar gemacht im Land meines Elends.» Wieder denken wir an den Herrn Jesus, von dem der Psalmdichter sagt: «Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten. Er geht hin unter Weinen und trägt den Samen zur Aussaat; er kommt heim mit Jubel und trägt seine Garben» (Ps 126,5.6) Im Propheten Jesaja heisst es: «Von der Mühsal seiner Seele wird er Frucht sehen und sich sättigen» (Jes 53,11).

Wie sehr hat sich der Herr Jesus nach dieser Frucht gesehnt! Am Kreuz hängend rief Er aus: «Mich dürstet!» Mit welchem Schmerz und mit welchen Tränen hat Er den Samen zur Aussaat gebracht! Doch welch ein Jubel nach vollbrachtem Werk! Mit welcher Freude trägt Er seine Garben! Dieser Durst der Seele des Herrn Jesus wird einmal in Vollkommenheit gestillt werden, wenn seine Braut in Herrlichkeit bei Ihm sein wird.1 So freut Er sich jetzt schon über jeden, der Ihn im Glauben annimmt und damit zu seiner Versammlung gehört. Als Er hier lebte, hat Er gesagt: «Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht» (Joh 12,24). An dieser Frucht findet der Herr Jesus jetzt und in Ewigkeit sein Genüge und seine Sättigung.

Der Segen Jakobs

In Kapitel 48 treten Manasse und Ephraim erneut in den Vordergrund. Der Patriarch Jakob sieht das Ende seines Lebens kommen. Gemeinsam mit seinen Söhnen geht Joseph zu seinem Vater, damit die beiden von ihm gesegnet werden. Der göttlich inspirierte Bericht lautet wie folgt:

«Joseph nahm sie beide, Ephraim mit seiner Rechten, zur Linken Israels, und Manasse mit seiner Linken, zur Rechten Israels, und führte sie näher zu ihm. Und Israel streckte seine Rechte aus und legte sie auf das Haupt Ephraims – er war aber der Jüngere – und seine Linke auf das Haupt Manasses; er legte seine Hände absichtlich so, denn Manasse war der Erstgeborene … Und Joseph sprach zu seinem Vater: Nicht so, mein Vater! Denn dieser ist der Erstgeborene; lege deine Rechte auf sein Haupt. Aber sein Vater weigerte sich und sprach: Ich weiss es, mein Sohn, ich weiss es. Auch er wird zu einem Volk werden, und auch er wird gross sein; aber doch wird sein jüngerer Bruder grösser sein als er, und seine Nachkommenschaft wird eine Fülle von Nationen werden. Und er segnete sie an jenem Tag und sprach: In dir wird Israel segnen und sprechen: Gott mache dich wie Ephraim und wie Manasse! Und er setzte Ephraim vor Manasse» (1. Mo 48,13-20).

Wir fragen uns vielleicht, was für ein Gedanke in dieser Handlung des greisen Jakob verborgen liegt. Es war nicht der Irrtum eines alternden Mannes, sondern eine bewusste Handlung, die dieser Patriarch vornahm. Es war auch nicht irgendein Zufall, sondern der Plan Gottes. Im Licht des Neuen Testaments erkennen wir darin etwas vom Ratschluss Gottes in Verbindung mit Christus und seiner Versammlung.

Während wir in 1. Mose 41 andeutungsweise gesehen haben, was die Versammlung für Christus bedeutet, erkennen wir hier, woraus die Versammlung nach dem ewigen Ratschluss Gottes besteht. Wir sahen schon, dass die zwei Söhne uns daran denken lassen, dass die Versammlung aus Menschen besteht, die einerseits aus den Juden und anderseits aus den Heiden stammten. Manasse ist der Erstgeborene, Ephraim der Jüngere. Manasse stellt die Gläubigen aus den Juden vor, während Ephraim von den Gläubigen aus den Nationen spricht.

Die Juden waren der Zeit nach die ersten, die zur Versammlung Gottes zählten. Als der Heilige Geist auf diese Erde kam, um die Gläubigen zu einem Leib zu taufen, da waren es zunächst ausschliesslich gebürtige Juden, die in diesen Segen hineinkamen. Anders ausgedrückt: Bei der Geburtsstunde der Versammlung in Apostelgeschichte 2 waren nur ehemalige Juden anwesend. Erst in Apostelgeschichte 10 bei der Begebenheit im Haus von Kornelius lesen wir davon, dass der Heilige Geist auch auf gläubig gewordene Menschen aus den Nationen fiel.

Obwohl die Juden zeitlich gesehen die ersten waren, die zur Versammlung Gottes zählten, war es im Ratschluss Gottes anders vorgesehen. Ephraim sollte vor Manasse sein. Davon lesen wir im Epheser-Brief: «Deshalb erinnert euch daran, dass ihr, einst die Nationen im Fleisch, die Vorhaut genannt werden von der so genannten Beschneidung, die im Fleisch mit Händen geschieht, dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, entfremdet dem Bürgerrecht Israels, und Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheissung, keine Hoffnung habend, und ohne Gott in der Welt. Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch das Blut des Christus nahe geworden. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht und abgebrochen hat die Zwischenwand der Umzäunung … damit er die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe … Und er kam und verkündigte Frieden, euch, den Fernen, und Frieden den Nahen. Denn durch ihn haben wir beide den Zugang durch einen Geist zu dem Vater» (Eph 2,11-18).

Obwohl es zeitlich anders war, galt der Friede, der verkündigt wurde, zuerst den Fernen – also denen aus den Nationen – und dann den Nahen – denen aus den Juden. So war es nach den Gedanken und dem Ratschluss Gottes. Diesen Ratschluss können wir weder begreifen noch verstehen, aber doch bewundernd anschauen. Was Joseph unbegreiflich war (und vielleicht auch blieb), dass sein Vater die Arme «kreuzte», findet seine Antwort und Erfüllung im Neuen Testament in den Worten des Apostels Paulus in Epheser 2. Der jüngere Sohn sollte grösser sein als der ältere. Wenn wir die Geschichte der Versammlung ein wenig verfolgen, dann sehen wir, dass es – über die Jahrhunderte hinweg – nur wenige waren, die aus den Juden kamen. Der weitaus grössere Teil der gläubigen Christen (der Gläubigen in der Haushaltung der Gnade stammt aus den Nationen.

Der Unterschied zwischen Juden und Heiden ist uns heute kaum noch bewusst. In den ersten Jahrzehnten des Christentums war das ganz anders. Und doch ist es gut, wenn wir uns ein tiefes Bewusstsein davon erhalten, dass wir, die ja – zumindest zum grössten Teil – ursprünglich aus den Nationen sind, von Natur aus keinerlei Anrechte hatten. Israel war das auserwählte Volk Gottes. Wir waren Fremdlinge. Wir hatten keine Hoffnung. Wir waren ohne Gott in der Welt. Und doch sind wir jetzt so nah geworden! Wir sind eins mit dem Herrn Jesus. Wir sind Mitbürger der Heiligen. Wir sind Hausgenossen des Glaubens. Wir gehören zur Versammlung des lebendigen Gottes, die Er sich durch das Blut seines Eigenen erworben hat (Apg 20,28). Und mit welchem Ziel? Die Antwort gibt erneut der Apostel Paulus: «Damit jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Örtern durch die Versammlung kundgetan werde die mannigfaltige Weisheit Gottes, nach dem ewigen Vorsatz» (Eph 3,10.11). Für diesen Vorsatz – angedeutet in den Bildern des Alten Testaments – dürfen wir Gott danken und Ihn anbeten.

  • 1Psalm 126 nimmt in erster Linie Bezug auf die Wege Gottes mit Israel und die Frucht, die der Herr Jesus im Tausendjährigen Reich geniessen wird. Aber die Anwendung auf die Versammlung ist sicher nicht von der Hand zu weisen.