Die Gnade Gottes (1)

Titus 2,11-12

Die Erscheinung der Gnade Gottes

«Die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen, und unterweist uns» (Tit 2,11.12).

Für jeden, der Heil und Frieden im Werk des Herrn Jesus gefunden hat, ist es stets ein grossartiger Gedanke, dass Gott uns in Christus in Gnaden begegnet ist. Verdient hatten wir etwas ganz anderes. Paulus erinnert seinen Mitarbeiter Titus an diese wunderbare Gnade Gottes, und es ist der Mühe wert, einen Augenblick darüber nachzudenken.

Gnade wird durch zwei wesentliche Merkmale geprägt. Zum einen ist sie immer unverdient, und zum anderen ist sie bedingungslos. Niemand von uns hat sich die Gnade Gottes erarbeitet oder verdient. Wenn Gott sich uns Menschen zuwendet, dann können wir Ihm nur danken. Niemand kann einen Anspruch auf die Gnade geltend machen. Ruth, die Moabiterin, sagte einst zu Boas: «Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen, dass du mich beachtest, da ich doch eine Ausländerin bin?» (Rt 2,10). Und Mephiboseth antwortete David auf sein Angebot der Gnade: «Was ist dein Knecht, dass du dich zu einem toten Hund gewandt hast, wie ich einer bin?» (2. Sam 9,8). Das darf auch unsere Sprache sein. Ausser dass die Gnade angenommen werden muss, stellt sie keine Bedingungen. Deshalb heisst es auch, dass sie allen Menschen erschienen ist.

Nachstehend 5 Punkte in Verbindung mit der Gnade Gottes:

1) Wie sich die Gnade Gottes offenbart

Sie ist erschienen, und zwar in der Person des Herrn Jesus. Vor 2000 Jahren wurde Er Mensch, lebte auf dieser Erde, starb am Kreuz von Golgatha und ist siegreich auferstanden. Das alles umfasst das Erscheinen der Gnade Gottes. Schon im Alten Testament hatte Gott sich als ein Gott der Gnade erwiesen. Aber in der Person seines Sohnes erkennen wir den ganzen Reichtum und die Herrlichkeit der Gnade Gottes. Sie gleicht der Sonne, die in ihrer vollen Kraft an einem wolkenlosen Tag mit ihren wärmenden Strahlen die Menschen erfreut.

Das Wort «erschienen» weist uns auf die historische Tatsache der Menschwerdung Jesu mit all ihren wunderbaren Folgen hin. Er ist die Personifizierung der Gnade Gottes. Mit seiner Menschwerdung begann die Erscheinung der Gnade Gottes, aber sie setzte sich fort in seinem Werk am Kreuz und seinem damit verbundenen Sieg. Wäre der Herr Jesus unmittelbar in Herrlichkeit erschienen, wären wir alle unweigerlich verloren gewesen. Aber Er kam nicht zuerst in Macht und Herrlichkeit, sondern in tiefer Armut und Erniedrigung. Wir sehen das besonders im Lukas-Evangelium, das uns wie kein anderes das Herz eines gnädigen Gottes aufschliesst. In der Person des Herrn Jesus hat uns «die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes» besucht (Lk 1,78). Gleichnisse wie die des barmherzigen Samariters oder des verlorenen Sohnes, die nur im Lukas-Evangelium berichtet werden (Kap. 10 und 15), sind ein beeindruckender Beweis dieser Gnade Gottes.

2) Wozu die Gnade Gottes erschienen ist

Ihr Erscheinen war heilbringend für alle Menschen. Gott erweist sich in Gnade als Heiland-Gott. Er will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er lebe. Deshalb bietet Er ihm in seinem Sohn das Heil an. Heil (oder Errettung) ist untrennbar mit der Person des Herrn Jesus verbunden. Ohne Ihn gibt es kein Heil. Als der alte Simeon das Kindlein Jesus in den Armen hielt, sagte er: «Meine Augen haben dein Heil gesehen» (Lk 2,30). Und Johannes der Täufer zitierte als Vorläufer von Christus das Wort des Propheten Jesaja: «Alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen» (Lk 3,6).

Im Evangelium offenbart Gott seine Gnade. Paulus war vom Gedanken durchdrungen, diese Botschaft zu verkündigen. Vor den Ältesten von Ephesus bezeugte er: «Aber ich nehme keine Rücksicht auf mein Leben als teuer für mich selbst, damit ich meinen Lauf vollende und den Dienst, den ich von dem Herrn Jesus empfangen habe, zu bezeugen das Evangelium der Gnade Gottes» (Apg 20,24). Doch wenn Gott Gnade übt, dann tut Er es nie auf Kosten seiner Heiligkeit. Er ist ein gerechter Gott, der Sünde nicht sehen kann. Wenn Er Gnade übt, dann tut Er das auf der Grundlage der Gerechtigkeit. Deshalb schreibt Paulus im Römer-Brief: «Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen. Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin offenbart aus Glauben zu Glauben» (Röm 1,16.17). Diese Gerechtigkeit Gottes hat sich am Kreuz auf Golgatha erwiesen. Seiner Gerechtigkeit wurde entsprochen, indem Er seinen Sohn schlug, der mit unserer Schuld und Sünde beladen war. Er war und ist aber auch so gerecht, dass Er jetzt jedem Gnade erweist, der das Werk seines Sohnes im Glauben annimmt.

Gott bietet uns Heil und Errettung an. Der Schreiber des Hebräer-Briefes nennt dieses Heil «ein so grosses Heil». Und Judas hatte es auf dem Herzen, allen Fleiss anzuwenden, um seinen Briefempfängern etwas über das «gemeinsame Heil» zu schreiben. Es ist in der Tat der Mühe wert, über dieses grosse und gemeinsame Heil nachzudenken. Es beinhaltet alles, was Gott ehemals verlorenen Sündern anbietet: Rettung, Vergebung, Versöhnung, Rechtfertigung, Heiligung usw.1

3) Wem sich die Gnade Gottes offenbart

Sie offenbart sich allen Menschen gegenüber. Paulus schreibt an Timotheus von unserem Heiland-Gott, «der will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen» (1. Tim 2,4). Das Gnadenangebot Gottes in der Person des Herrn Jesus steht allen Menschen offen. Es ist nicht auf die Juden begrenzt, sondern gilt auch den Nationen. Die Gnade Gottes ist nicht auf einzelne Menschen oder Völker limitiert, sondern Gott wendet sich ausnahmslos an alle Menschen.

In unserer Bibelstelle geht es darum, dass Gott sein Heil allen Menschen anbietet. Daneben gibt es noch zwei andere wichtige Seiten, die hier nicht erwähnt werden:

  1. In Apostelgeschichte 17 spricht Paulus davon, dass Gott den Menschen gebietet, Buße zu tun. Er sagt dort: «Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen» (Apg 17,30). In 2. Thessalonicher 1,8 spricht er von solchen, die verloren gehen, und er gibt als Begründung an, dass sie «dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus nicht gehorchen» Es ist also eine Seite, dass Gott den Menschen sein Heil anbietet, es ist eine andere Seite, dass Er Buße befiehlt. Wer sein Heilsangebot ablehnt, ist nicht nur ungläubig, sondern auch ungehorsam.
  2. Ein weiterer Punkt ist die Akzeptanz des Heilsangebots Gottes. Bei dem, was Gott anbietet, ist die Verantwortung des Menschen ohne Frage ein wesentlicher Punkt. Er wird jedoch in Titus 2 nicht vorgestellt. Hier steht im Vordergrund, dass Gott sich an alle Menschen wendet. Wenn es heisst: «für alle Menschen», dann bedeutet das noch lange nicht, dass alle Menschen auch das Heil ergreifen. «Für» will sagen: «Im Hinblick auf alle». Wer diesen Vers benutzt, um die falsche und irrige Lehre der Allversöhnung zu stützen, stellt die Wahrheit auf den Kopf. Leider wissen wir, dass nicht alle Menschen das Heil Gottes im Glauben annehmen. Es heisst an anderer Stelle: «Der Glaube ist nicht aller Teil» (2. Thes 3,2).

4) Wann die Gnade Gottes erschienen ist

Unser Vers weist sicher auf die Vergangenheit hin. Gleichzeitig ist diese Aussage aber eine Art Startpunkt für das, was vor uns liegt. Wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung seiner Herrlichkeit (Tit 2,13). Auch das steht mit der Gnade in Verbindung. Petrus spricht davon, dass wir völlig auf die Gnade hoffen sollen, die uns bei der Offenbarung des Herrn Jesus gebracht wird (1. Pet 1,13). Damit ist der Augenblick seiner öffentlichen Erscheinung in Macht und Herrlichkeit gemeint. Und in der Zwischenzeit? Davon spricht Vers 12: Die Gnade unterweist uns, damit wir uns während unseres Lebens hier auf der Erde richtig verhalten.

5) Wen die Gnade Gottes unterweist

Jeder Mensch, der die Gnade Gottes für sich persönlich in Anspruch genommen hat, wird in der gegenwärtigen Zeit, d.h. bis zum Wiederkommen des Herrn Jesus, von der Gnade unterwiesen. Das Wort «uns» weist auf die Glaubenden hin. Die Gnade erweist sich allen Menschen gegenüber, aber sie unterweist jene, die das Heil Gottes angenommen haben. Um von der Gnade unterwiesen zu werden, muss man sie vorher angenommen haben. Das ist die Voraussetzung für ihren Unterricht.

In einem zweiten Teil wollen wir uns näher damit beschäftigen.

  • 1Anmerkung des Autors: An dieser Stelle sei auf das ausgezeichnete Buch «Das grosse Heil Gottes» von F.B. Hole hingewiesen, das unsere Herzen warm macht für das, was Gott uns aus Gnade geschenkt hat.