Die Weissagung Henochs

Judas 14,15

Einer der kürzesten Briefe des Neuen Testaments ist der Brief von Judas. Und doch gibt uns gerade dieser Brief eine Reihe von Hinweisen auf alttestamentliche Ereignisse, die uns im Alten Testament selbst nicht berichtet werden. Das gilt auch für die Weissagung Henochs. Im ersten Buch Mose wird uns von dieser Weissagung nichts berichtet. Erst Judas – inspiriert durch den Heiligen Geist – spricht von den Worten dieses Gottesmannes aus alten Tagen. Seine Weissagung lautet:

«Siehe, der Herr ist gekommen inmitten seiner heiligen Tausende, Gericht auszuführen gegen alle und zu überführen alle Gottlosen von allen ihren Werken der Gottlosigkeit, die sie gottlos verübt haben, und von all den harten Worten, die gottlose Sünder gegen ihn geredet haben» (Judas 14.15).

Eine alte Weissagung, die gleichzeitig hoch aktuell ist. Judas beschreibt uns in seinem Brief den Niedergang innerhalb des christlichen Zeugnisses. Gewisse Menschen würden sich einschleichen und ihren üblen Einfluss ausüben. Die Kennzeichen dieser Menschen werden ausführlich beschrieben und mit verschiedenen Beispielen aus dem Alten Testament untermalt. Diese Menschen werden dadurch charakterisiert, dass sie zum einen unter dem Deckmantel eines christlichen Bekenntnisses in Sittenlosigkeit und Unmoral leben und zweitens die Herrschaft und Autorität des Herrn vollständig ignorieren.

Doch Judas belässt es nicht bei der Beschreibung ihres bösen Tuns, sondern er weist auch immer wieder mit sehr deutlichen Worten auf das Gericht hin, das diese Menschen treffen wird. Diese Tatsache wird ebenfalls mit Beispielen aus dem Alten Testament untermauert. Auch die Weissagung Henochs hat es mit diesem Gericht zu tun. Die Tatsache, dass Gott das Gericht über böse und gottlose Menschen bringen wird, ist eine überaus ernste. Der Grundsatz Gottes lautet: «Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten! Denn was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten» (Gal 6,7). Wenn dieser Grundsatz schon allgemeine Gültigkeit hat, wie viel mehr dann für Menschen, die unter dem Deckmantel des christlichen Bekenntnisses vor keiner Gräuel- und Schandtat zurückschrecken.

Wir leben heute in einer Zeit, in der das Gericht nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Die Weissagung Henochs wird sehr bald in Erfüllung geben. Deshalb wird es nützlich sein, sich in einigen Punkten etwas näher damit zu befassen.

1. Der Herr kommt zum Gericht

Der Zentralpunkt der Weissagung Henochs ist die Tatsache, dass der Herr Jesus wiederkommt, um Gericht auszuführen. Wann wird das sein? Wer ein wenig mit der Prophetie des Neuen Testaments vertraut ist, dem wird sofort klar sein, dass Henoch hier auf das Kommen des Herrn auf diese Erde anspielt, wenn Er kommen wird, um hier sein Reich in Macht und Herrlichkeit zu gründen. Es heisst ausdrücklich, dass Er inmitten seiner heiligen Tausende kommt. Wenn der Herr kommt, um seine Braut zu holen, kommt Er für uns, aber nicht mit uns. Wir warten zunächst darauf, dass unser Herr kommt, um uns zu sich zu holen. Erst dann wird Er – gemeinsam mit seinen Heiligen – auf diese Erde zurückkehren, um das Gericht auszuführen. Dabei werden wir Ihn begleiten.

Die Unterscheidung dieser beiden Aspekte seines Kommens (einmal für uns und dann mit uns) wird uns im Neuen Testament klargemacht. Besonders der Abschnitt in 1. Thessalonicher 4,13-18 belehrt uns darüber. Der Herr wird die entschlafenen Gläubigen mit sich bringen, wenn Er zum Gericht auf diese Erde kommt. Damit das überhaupt möglich ist, wird Er vorher kommen, um die lebenden und die entschlafenen Gläubigen zu sich zu holen.

Die Tatsache, dass der Herr Jesus gemeinsam mit den Seinen auf diese Erde zurückkehren wird, finden wir an mehreren Stellen im Alten und Neuen Testament. Einige seien hier zitiert:

  1. Sacharja 14,5: «Und kommen wird der Herr, mein Gott, und alle Heiligen mit dir»
  2. 1. Thessalonicher 3,13: «Um eure Herzen zu befestigen, dass ihr untadelig seid in Heiligkeit, vor unserem Gott und Vater, bei der Ankunft unseres Herrn Jesus mit allen seinen Heiligen.»
  3. 2. Thessalonicher 1,10: «Wenn er kommt, um an jenem Tag verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und bewundert zu werden in allen denen, die geglaubt haben.»

Es handelt sich hier also um die Erscheinung unseres Herrn und Heilands Jesus Christus in Macht und Herrlichkeit. Er kommt auf diese Erde zurück, um die wunderbare tausendjährige Friedensherrschaft anzutreten. Vorher jedoch wird Er die Erde durch Gericht reinigen und alle Gottlosen, die sich gegen Ihn versündigt haben, wegraffen.

2. Das Gericht trifft alle Gottlosen

Es muss uns beim Lesen der Weissagung Henochs auffallen, dass der Ausdruck «gottlos» und «Gottlose» viermal gebraucht wird. Das Gericht trifft die Gottlosen, weil sie Werke der Gottlosigkeit getan haben. Und selbst die Art und Weise, wie sie es getan haben, war gottlos. Deshalb sind es gottlose Sünder, die gerichtet werden. Gottlos meint nicht nur, dass sie ohne Gott gelebt haben, sondern dass sie Gott nicht die Ehre gegeben haben, die Ihm zusteht. Äusserlich führen diese Menschen sogar den Namen Gottes im Mund – nach 2. Timotheus 3,5 haben sie sogar eine Form der Gottseligkeit –, auch wenn sie innerlich weit von Ihm entfernt sind. Gott lässt sich nie von einer Fassade täuschen. Er beurteilt das Innere, und deshalb steht sein Urteil über diese Menschen fest: Es sind gottlose Sünder.

Gott beurteilt diese Menschen nach dem, was sie getan und geredet haben. Deshalb wird einerseits auf die Werke hingewiesen, die sie verübt haben, und anderseits auf die harten Worte, die sie geredet haben. Diese Menschen haben sich nicht gescheut, gottlose Werke zu verüben, und sie haben sich auch nicht gescheut, gottlose Worte zu reden. Deshalb ist das Gericht, das sie treffen wird, absolut gerecht. Sie werden überführt werden.

Weiter fällt uns der Gebrauch des Wortes «alle» auf. Das Gericht trifft alle, d.h. alle Gottlosen. Keiner wird davon ausgenommen sein, keiner wird diesem Gericht entgehen. Und das Gericht wird sie treffen für alle ihre Werke und für alle ihre harten Worte. Bei Gott ist nichts vergessen. Jede gottlose Tat, jedes gottlose Wort wird gerichtet werden.

3. Gericht wird ausgeführt

Das gerechte Gericht Gottes wird nicht nur ausgesprochen, sondern es wird auch ausgeführt werden. Dass dieses Gericht einmal kommen wird, ist heute schon eine unumstössliche Tatsache. Doch bis heute ist Gott noch langmütig. Aber der Tag wird kommen, wo das Gericht tatsächlich ausgeführt wird. Und dieser Tag kommt, wenn der Herr mit uns auf dieser Erde erscheinen wird. – Wir fragen: Wie wird dieses Gericht ausgeübt werden? Mir scheint, dass dies auf eine zweifache Weise geschehen wird.

Die erste Art des Gerichts könnten wir als ein Kriegsgericht bezeichnen. Davon lesen wir in Offenbarung 19,11-21, wo uns der Herr der Herren und König der Könige beschrieben wird, der kommen wird, um Krieg in Gerechtigkeit zu führen. Aus seinem Mund geht ein scharfes, zweischneidiges Schwert hervor, das ohne Frage vom Gericht spricht. Es wird all jene treffen, die, angeführt vom kommenden römischen Weltherrscher und vom Antichristen (hier als Tier und falscher Prophet bezeichnet), in offener Auflehnung gegen den Herrn Jesus in den Krieg ziehen werden. Die Anführer werden ohne weitere Gerichtsverhandlung «lebendig in den Feuersee geworfen, der mit Schwefel brennt».

Die zweite Art des Gerichts könnten wir als Sitzungsgericht bezeichnen. Davon ist in Matthäus 25,31-40 die Rede, wo uns das sogenannte «Gericht der Lebendigen» beschrieben wird. Hier werden die Schafe von den Böcken getrennt. Die einen gehen in den Segen des Reiches ein, die anderen in das ewige Feuer. Entscheidend wird ihr Verhalten gegenüber den «Brüdern des Königs», den treuen Juden, sein, die dann das Evangelium des Reiches predigen werden.

Der Richter ist der Herr, und das Gericht, das Er ausübt, wird ein Gericht in Gerechtigkeit sein.

4. Der Herr ist gekommen

Vielleicht wundern wir uns über die Ausdrucksweise der Weissagung Henochs. Obwohl das, was er voraussagte, noch viele tausend Jahre auf sich warten lassen würde, wird es so dargestellt, als ob es schon geschehen sei. Es heisst nicht: «Der Herr wird kommen», sondern «der Herr ist gekommen». Auch das ist sicher nicht ohne Grund. Das Gericht, das einmal kommen wird, stand von Anfang an fest. Es konnte zu keiner Zeit auch nur den geringsten Zweifel daran geben, dass dieses Gericht einmal ausgeübt wird. Bereits am Anfang seines Briefes weist Judas darauf hin, dass diese Menschen «schon längst zu diesem Gericht zuvor aufgezeichnet waren» (V. 4). Das heisst durchaus nicht, dass Gott Menschen zum Gericht zuvor bestimmt sind, sondern es heisst, dass das Gericht selbst eine festbeschlossene Sache ist. Im Herrn Jesus hat jeder Mensch die Möglichkeit, diesem Gericht zu entfliehen. Wer dieses Angebot Gottes allerdings nicht annimmt, für den ist das Gericht eine unumgängliche Tatsache.

Könnten wir irgendwelchen Zweifel daran haben, dass der Herr Jesus wiederkommt? Sicher, es gibt Spötter, die sich über die Verheissung der Ankunft des Herrn lustig machen (2. Pet 3,4). Aber das ändert überhaupt nichts an der Tatsache, dass der Tag X einmal kommen wird. Gott hat es versprochen, und Gott steht zu seinem Wort. Für Ihn ist es so, als ob der Herr schon gekommen sei.

5. Der Herr kommt inmitten seiner heiligen Tausende

Hier geht es um die Frage, wer den Herrn begleiten wird, wenn Er auf diese Erde zurückkommt, um Gericht auszuüben. Es sind seine «heiligen Tausende». Damit wird zunächst ausgedrückt, dass es eine unübersehbare Menge von solchen ist, die hier als «Heilige» bezeichnet werden. Obwohl wir aus 2. Thessalonicher 1,7.8 wissen, dass der Herr Jesus vom Himmel her «mit den Engeln seiner Macht, in flammendem Feuer» kommen wird, scheint es mir nicht so zu sein, dass die Engel hier unter den Begriff «heilige Tausende» fallen. Wohl lesen wir in Offenbarung 14,10 von «heiligen Engeln», aber an keiner anderen Stelle werden Engel ohne weiteren Zusatz «Heilige» genannt. Dieser Ausdruck wird ausschliesslich für Menschen gebraucht, die dem Herrn Jesus angehören. Wir sind seine «Heiligen».

In den weiter oben zitierten Stellen (Sach 14,5; 1. Thes 3,13; 2. Thes 1,10) ist ebenfalls die Rede von diesen «Heiligen», die seine Heiligen genannt werden. Ausserdem sind es alle Heiligen. Daran erkennen wir, dass alle, die dem Herrn Jesus angehören, an diesem Ereignis teilhaben werden. Alt- und neutestamentliche Gläubige werden dabei sein, wenn Er zum Gericht wiederkommen wird. Anders ausgedrückt sind es die, die an der ersten Auferstehung teilhaben werden. Das sind

  • Erstens die Gläubigen des Alten Testaments, die (von Henoch und Elia abgesehen) alle durch den Tod gegangen sind.
  • Es sind 2. die Gläubigen der Gnadenzeit, die entweder in Christus entschlafen sind, oder bei seinem Kommen für die Seinen lebend verwandelt werden und zusammen zu Ihm entrückt worden sind.
  • Und 3. sind es die gläubigen Märtyrer der Drangsalszeit, die ebenfalls durch den Tod gegangen sind und an der ersten Auferstehung teilhaben werden (Off 20,4-6).

Es wird also eine unübersehbar grosse Anzahl von Menschen sein, die den Herrn Jesus begleiten werden. Und warum wird das so sein? Es wird zur Ehre und Herrlichkeit unseres Herrn sein. «Wenn er kommt, um an jenem Tag verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und bewundert in allen denen, die geglaubt haben» (2. Thes 1,10). Welch ein Triumph für unseren Herrn und Heiland! Einst kam Er in Niedrigkeit auf diese Erde, und nur einige wenige nahmen überhaupt Notiz von seinem Kommen. Dann aber kommt Er inmitten einer gewaltigen Schar von solchen, die Er «seine Heiligen» nennt.

Was wird das für unseren Herrn sein! Was bedeutet es für uns? Freuen wir uns auf diesen Tag, wo Er im Gericht verherrlicht sein wird, wo Ihm all die Ehre zuteilwerden wird, die die Menschen Ihm heute versagen? Welch ein gewaltiges Geschenk, dass wir aus Gnaden und ohne jedes eigene Verdienst zu diesen «seinen heiligen Tausenden» gehören dürfen! Er schämt sich nicht, sich öffentlich zu uns zu bekennen und uns als «Heilige» zu bezeichnen, obwohl wir Ihn so oft verunehrt haben. So liegt in der alten Weissagung von Henoch einerseits der überaus ernste Gedanke des Gerichts über alle jene, die «gottlos» genannt werden, aber anderseits die Erinnerung an den wunderbaren Triumph unseres Herrn, den Er mit uns teilen wird.

Mit dem Dichter sagen wir von Herzen:

  • Herrlich wirst du dann erscheinen,
    Herr Jesus, komm!
    In der Mitte all der Deinen.
    Herr Jesus, komm!
    Erd' und Himmel werden spenden
    Ruhm und Preis an allen Enden.
    O welch seliges Vollenden!
    Herr Jesus, komm!