Propheten und prophetischer Dienst (1)

Propheten und prophetischer Dienst begegnen uns sowohl im Alten als auch im Neuen Testament an vielen Stellen. Aus diesem Grund ist es der Mühe wert, einmal in einigen groben Skizzen zu untersuchen, was Gottes Wort zu diesem Thema zu sagen hat.

Was ist ein Prophet?

Am Anfang soll die Frage stehen, was wir unter einem Propheten zu verstehen haben. Die landläufige Meinung besteht darin, dass es die Aufgabe eines Propheten ist, zukünftige Ereignisse vorauszusagen. Ohne Frage finden wir diesen Gedanken in Gottes Wort. Aber bei genauerem Hinsehen werden wir schnell merken, dass ein Prophet wesentlich mehr ist als jemand, der in die Zukunft sieht oder die Zukunft voraussagt.

Wie auch in anderen Fällen wird es hilfreich sein, nachzuforschen, wo zum ersten Mal in der Bibel ausdrücklich von einem Propheten die Rede ist. Der erste Prophet, der in Gottes Wort so genannt wird, ist – für manche vielleicht etwas überraschend – der Patriarch Abraham. Gott selbst nennt ihn so, als Er zu Abimelech, dem König von Gerar, sagte: «Er (Abraham) ist ein Prophet und wird für dich bitten» (1. Mo 20,7). Der zweite Mann Gottes, der als Prophet bezeichnet wird, ist Aaron. Als Mose sich fürchtete, zum Pharao zu gehen, stellte Gott ihm seinen Bruder mit den Worten zur Seite: «Siehe, ich habe dich dem Pharao zum Gott gesetzt, und dein Bruder Aaron soll dein Prophet sein. Du sollst alles reden, was ich dir gebieten werde, und dein Bruder Aaron soll zu dem Pharao reden» (2. Mo 7,1.2). Aufschlussreich ist hier die Fussnote in der Elberfelder-Übersetzung, wo der Ausdruck Prophet wie folgt erklärt wird: Sprecher, Vortragender.

Damit wird schon klar, dass wir einen Propheten nicht einfach damit erklären können, dass er zukünftige Ereignisse voraussagt. Ein Prophet ist vielmehr jemand, der für einen anderen spricht. Im Fall von Abraham sollte dieser als Prophet für Abimelech zu Gott reden, im Fall von Aaron sollte dieser der Sprecher Moses vor dem Pharao sein. Diese Bedeutung finden wir durchgehend in der Bibel. Propheten sprechen für einen anderen – in der Regel für Gott. Sie «vermitteln» sozusagen zwischen Gott und Menschen. In den meisten Fällen sind Propheten Männer und Frauen, die als Sprecher Gottes zu den Menschen reden, in einigen Fällen auch umgekehrt.

A) Propheten im Alten Testament

Propheten reden aus der Gegenwart Gottes

Um Sprecher Gottes an die Menschen sein zu können, muss ein Prophet aus der Gegenwart Gottes heraus reden. Oft finden wir im Alten Testament den Ausspruch der Propheten: «So spricht der HERR …» Diese Formulierung ist charakteristisch für einen Propheten. Um zu wissen, was Gott zu sagen hatte, musste ein Prophet in Gemeinschaft mit Ihm leben. 1

Gott selbst hatte seinem Volk versprochen, dass Er den Propheten seinen Willen mitteilen würde. «Hört denn meine Worte! Wenn ein Prophet unter euch ist, dem will ich, der HERR, mich … kundtun» (4. Mo 12,6). Elia war der Prophet, der ein tiefes Empfinden dafür hatte, dass er nur aus der Gegenwart Gottes sprechen konnte. Mehrmals betont er die Tatsache, dass er vor dem Angesicht des Herrn stehe (1. Kön 17,1; 18,15; 2. Kön 3,14; 5,16). Nur auf diese Weise konnten Männer und Frauen «Sprachrohr» Gottes für andere sein.

Propheten reden zum Volk Gottes

Der Bereich des Dienstes der Propheten erstreckt sich hauptsächlich auf das Volk Gottes. Allerdings gibt es auch Prophezeiungen, die sich an Menschen und Völker ausserhalb des Volkes Gottes richten. Daniel z.B. hatte die Aufgabe, Worte Gottes an die heidnischen Herrscher in Babel zu richten. Schwerpunkt des Dienstes der Propheten ist jedoch das Volk Gottes. Dabei richten die Propheten im Allgemeinen ihre Worte sowohl an die Gesamtheit des Volkes als auch an einzelne Personen aus dem Volk. Gott spricht also durch seine Diener das Kollektiv (gemeinschaftlich) und das Individuum (persönlich) an.

Die Tatsache, dass Gott Propheten benutzt, um zu seinem Volk zu reden, beweist, dass Er sich um die Seinen kümmert. Er möchte, dass sein Volk seinen Willen kennt und ihn auch befolgt. Deshalb benutzt Er Propheten. Ganz besonders dann, wenn das Volk von den Gedanken Gottes abweicht, oder wenn einzelne Personen sich von Ihm entfernt haben, schickt Er seine Knechte. Das finden wir z.B. sehr klar im Buch der Richter, wo wir ein erstes deutliches Abweichen des Volkes im Land Kanaan sehen.

Der inspirierte Schreiber berichtet: «Es geschah, als die Kinder Israel wegen Midian zu dem HERRN schrien, da sandte der HERR einen Propheten zu den Kindern Israel; und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR …» (Ri 6,7.8). Der Name dieses ersten Propheten im Land Kanaan wird nicht einmal genannt, aber die Tatsache, dass Gott ihn schickte, ist von Bedeutung. Gott wollte sein Volk nicht im Elend und in der Abweichung von seinem Plan lassen, sondern durch den Propheten bemühte Er sich, sein Volk zu sich zurückzubringen. Durch das ganze Alte Testament hindurch können wir diesen Grundgedanken verfolgen.

Der Dienst der Propheten

Worin besteht nun der Dienst der Propheten, wie er uns im Alten Testament beschrieben wird? Wir sahen bereits, dass Propheten einerseits von Gott zu Menschen reden, zum anderen aber auch von Menschen zu Gott. Bei genauerem Hinsehen können wir unter diesen beiden grossen Überschriften verschiedene Seiten im Dienst der Propheten erkennen. Einige seien nachfolgend genannt:

1. Propheten decken den Zustand des Volkes auf

 Wenn Gottes Volk oder einzelne Personen von den göttlichen Gedanken abweichen, dann schickt der Herr seine Propheten, um seinem Volk die Augen über sein Abweichen zu öffnen. Propheten vermitteln oft eine Beschreibung der Zustände und des Fehlverhaltens. Diesen Gedanken finden wir sowohl im mündlichen als auch im schriftlichen Dienst der Propheten. Gott möchte, dass sein Volk klar erkennt, wie Er über die Zustände und über das Verhalten der Seinen denkt.

2. Propheten warnen das Volk

Die Botschaft der Propheten ist häufig eine Botschaft der Warnung. Propheten machen klar, dass das Fehlverhalten des Volkes für Gott einerseits nicht gleichgültig ist, dass Er es aber anderseits auch nicht einfach hinnehmen kann. Deshalb warnt Er sein Volk. Er stellt den Menschen den Ernst, aber auch die Folgen ihres Tuns vor Herz und Gewissen. Ziel dieser Warnungen ist immer, sein Volk wieder in Übereinstimmung mit seinen Gedanken zu bringen und es zu veranlassen, von neuem den Willen Gottes zu tun.

3. Propheten kündigen das Gericht an

Wenn die Warnungen Gottes an sein Volk nicht ausreichen, muss Er Gericht ankündigen. Hier finden wir häufig echte Voraussagen auf die Zukunft. Deshalb tragen die Botschaften der Propheten oft einen sehr ernsten Charakter. Meistens haben die prophetischen Gerichtsankündigungen, was ihre Erfüllung betrifft, einen doppelten Charakter. Zum einen erfüllten sie sich damals in der Geschichte des Volkes Israel, zum anderen ist ihre Erfüllung noch zukünftig. Die Propheten selbst, die Gott benutzte, haben ihre Prophezeiungen des Gerichts oft unter grossen inneren Übungen weitergegeben.

4. Propheten ermuntern die Treuen im Volk Gottes

Die Botschaft der Propheten ist nicht nur ermahnend, warnend und drohend, sondern sie ist häufig auch äusserst Mut machend. Zu allen Zeiten hat es im Volk Gottes solche gegeben, die ihrem Gott auch in schweren Zeiten treu bleiben wollten. Solche Gläubige werden durch den Dienst der Propheten ermuntert, aufgerichtet und getröstet. Oft folgen diese Ermunterungen unmittelbar auf ernsteste Gerichtsandrohungen. Gerade im schriftlichen Dienst der alttestamentlichen Propheten werden uns durch diese Ermunterungen bemerkenswerte Hinweise auf das kommende Friedensreich des Herrn Jesus vermittelt.

5. Propheten weisen auf den Messias hin

Die vornehmste Aufgabe der Propheten des Alten Testaments ist ohne Zweifel, dass sie uns herrliche Hinweise auf die Person unseres Herrn geben. Er selbst erklärte den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, «von Mose und von allen Propheten anfangend», das, was Ihn selbst betraf (Lk 24,27). Und Petrus schreibt, dass der Geist Christi in den Propheten «von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach zuvor zeugte» (1. Pet 1,11). Die Prophezeiungen des Alten Testaments sind voll von Christus. Sie sprechen von seinem Leiden und Sterben am Kreuz, von seinem Sieg, aber auch von seiner Rückkehr auf diese Erde in Macht und Herrlichkeit, aber auch mit Gericht und der dann folgenden wunderbaren Friedensherrschaft, die der Herr Jesus einmal antreten wird. Dass die Propheten, wenn sie zukünftige Dinge beschrieben, nicht immer wussten, auf welche Zeit sich ihre Weissagung bezog, macht uns 1. Petrus 1,10 deutlich.

6. Propheten treten vor Gott für das Volk ein

An mehreren Stellen im Alten Testament finden wir, dass die Propheten für das Volk zu Gott geredet haben. Als herausragendes Beispiel sei an dieser Stelle Samuel erwähnt, den wir immer wieder zugunsten des Volkes Israel im Gebet vor seinem Gott finden. In 1. Samuel 7 richtete er zuerst im Auftrag Gottes ein ernstes Wort an das Volk. Die Menschen hörten darauf und änderten ihre falsche Verhaltensweise, Unmittelbar danach wandte Samuel sich mit folgenden Worten an sie: «Versammelt ganz Israel nach Mizpa, und ich will den HERRN für euch bitten», und handelte dann entsprechend: «Und Samuel schrie zu dem HERRN für Israel, und der HERR erhörte ihn.»

Die Akzeptanz der Propheten

Die Anzahl der Propheten, die Gott zu seinem Volk schickte, war gross. Doch in den meisten Fällen müssen wir sehen, dass das Volk nicht auf die Worte Gottes durch die Propheten hörte. Es sind eher Ausnahmefälle, wo ihre Botschaft das von Gott gewünschte Ziel erreichte. Dennoch liess Er nicht davon ab, seine Worte immer wieder durch die Stimme der Propheten an sein Volk zu richten. Dem Propheten Hesekiel wurde ausdrücklich gesagt, seine Botschaft auszurichten, egal ob das Volk hören würde oder nicht: «Und du sollst zu ihnen sprechen: So spricht der Herr, HERR! Und sie, mögen sie hören oder es lassen … und du Menschensohn, fürchte dich nicht vor ihnen und fürchte dich nicht vor ihren Worten … und erschrick nicht vor ihrem Angesicht» (Hesekiel 2,4-7).

Ähnlich wie Hesekiel erging es auch anderen Propheten. Ihr Dienst war schwer und die Gefahr gross, dass sie mutlos wurden. Mancher musste sein Leben lassen. Stephanus, der erste Märtyrer der Zeit der Gnade, bringt diesen Tatbestand auf den Punkt, als er den religiösen Führern des Volkes vorwarf: «Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Und sie haben die getötet, die die Ankunft des Gerechten zuvor verkündigten» (Apg 7,52). Der letzte Prophet des alten Bundes, den Gott seinem irdischen Volk sandte, war Johannes der Täufer, der ausdrücklich «ein Prophet des Höchsten» genannt wird (Lk 1,76). Doch auch ihm erging es nicht anders als vielen seiner Vorgänger. Er fand einen gewaltsamen Tod, weil man seine Botschaft nicht wollte.

  • 1Nur in wenigen Ausnahmefällen sehen wir, dass Gott auch Menschen als «Sprecher» benutzt, die grundsätzlich nicht in Gemeinschaft mit Ihm lebten. Ein Beispiel dafür ist König Saul, über den der Geist Gottes in einer ganz bestimmten Situation und aus einem bestimmten Grund kam, so dass er mit den Propheten weissagte (1. Sam 10,10.11).