Was ist der Mensch?

Diese Frage wird in der Bibel fünfmal gestellt – viermal im Alten Testament und das fünfte Mal im Neuen Testament als ein Zitat aus Psalm 8. Wenn wir über diese Fragen in ihrem Zusammenhang und ihrer Beziehung zueinander nachdenken, werden wir merken, dass hier einige Grundfragen des menschlichen Daseins angesprochen werden.

1) Die völlige Sündhaftigkeit des Menschen und die vollkommene Heiligkeit Gottes

«Was ist der Mensch, dass du ihn hochhältst, und dass du dein Herz auf ihn richtest?» (Hiob 7,17; vgl. auch den ähnlich lautenden Ausspruch von Eliphas in Hiob 15,14).

Über den Charakter des Mannes, der diese Frage stellte, gibt es keinen Zweifel. Gott selbst hat über Hiob gesagt: «Seinesgleichen ist kein Mann auf der Erde, vollkommen und rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend» (Hiob 1,8). Hiob konnte zwar nicht verstehen, warum er so leiden musste, und er war auch der Meinung, dass er eine solche Züchtigung nicht verdient habe. Aber er wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass er ohne Sünde sei. Im Gegenteil, in den Versen 20 und 21 von Hiob 7 spricht er von seiner «Sünde, Übertretung und Missetat».

In Psalm 32 gebraucht David zum Teil dieselben oder ähnliche Ausdrücke, um seine ganze Sündhaftigkeit auszudrücken. Später, als Hiob sich selbst in der Gegenwart Gottes besser kennengelernt hatte, kommt er zum Ergebnis: «Mit dem Gehör des Ohres hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche» (Hiob 42,5.6).

Hiob war nicht ein Mann, der diese Frage leichthin und oberflächlich stellte. Im Gegenteil, er war einer, der über das menschliche Dasein und die Probleme des Lebens viel und tief nachgedacht hatte. Bei diesen Überlegungen war ihm die völlige Sündhaftigkeit des Menschen bewusst geworden, aber auch die völlige Reinheit und Heiligkeit Gottes. Wie lassen sich diese beiden Extreme jemals in Einklang miteinander bringen?

2) Die Unscheinbarkeit des Menschen und die majestätische Grösse des Universums

«Wenn ich anschaue deine Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?» (Ps 8,4.5).

David, der Verfasser dieses Psalms, hatte viele Jahre seines Lebens mehr oder weniger unter freiem Himmel verbracht – anfangs als Hirte, später als Flüchtling. Wie manches Mal wird er da seine Augen nach dem majestätischen Anblick eines sternklaren Nachthimmels gerichtet haben. So kam er schliesslich zur Erkenntnis: «Wenn ich anschaue deine Himmel … Was ist der Mensch?»

David war ein «grosser Mann», in gewisser Hinsicht ein «Nationalheld». Er hatte Goliath erschlagen und auch schon vorher seinen Mut im Kampf mit Bär und Löwe bewiesen. Später, als Israels König, war er der siegreiche Feldherr in wichtigen Schlachten. Gerade diesem Mann kommt angesichts des Firmaments die Winzigkeit des Menschen gegenüber der Grösse Gottes zum Bewusstsein.

Die scheinbar unendliche Weite des Universums kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch dieses gewaltige Schöpfungswerk endlich ist und somit ein weiteres Zeugnis gibt von der Grösse und Majestät des ewigen Schöpfers, der dies alles ins Dasein gerufen hat. Jeder unvoreingenommene Betrachter muss zu dieser Frage kommen: Was ist vor diesem Hintergrund der sterbliche, kleine Mensch letztlich?

3) Die Sterblichkeit des Menschen und die unfassbare Ewigkeit

«Was ist der Mensch, dass du Kenntnis von ihm nimmst?» (Ps 144,3).

In diesem Psalm denkt David über die Kurzlebigkeit der menschlichen Existenz nach, und er kommt zum Ergebnis: «Der Mensch gleicht dem Hauch; seine Tage sind wie ein vorübergehender Schatten.» In den Tagen der Patriarchen erreichten die Menschen für uns ein unvorstellbar hohes Lebensalter. Abraham wurde 175 Jahre alt, Isaak 180 Jahre, und als Jakob dem Pharao vorgestellt wurde, war er 130 Jahre alt. Doch was war sein Urteil über dieses «lange Leben»? «Wenig und böse waren die Tage meiner Lebensjahre» (1. Mo 47,9). Selbst wenn jemand fast 1000 Jahre alt wurde, wie Methusalah, dann war dies bei Gott «wie ein Tag». Und auch diese Aussage ist letztlich nur ein Vergleich, um in menschliche Worte zu fassen, was für den menschlichen Verstand unfassbar ist – der Gedanke der Ewigkeit.

So benutzte Gott

  • einen rechtschaffenen Mann, um die Sündhaftigkeit des Menschen festzustellen;
  • einen Grossen und Führer seines Volkes, um zu zeigen, wie klein der Mensch wirklich ist;
  • Menschen, die viel älter wurden als wir heute, um die Kürze des menschlichen Lebens darzustellen.

4) Ein Mensch – der Mittelpunkt aller Ratschlüsse Gottes

«Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, oder des Menschen Sohn, dass du auf ihn siehst? … Du hast ihn ein wenig unter die Engel erniedrigt» (Heb 2,6.7).

Während die vorigen Stellen unsere Blicke auf den Menschen hinlenkten, und folgerichtig das Ergebnis nur niederdrückend sein kann, so ändert sich jetzt unsere Blickrichtung: «Wir sehen aber Jesus» (V. 9). Unsere Aufmerksamkeit wird auf den «Menschen» in Gottes Ratschluss, auf seinen geliebten Sohn, hingelenkt.

Er wurde «ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt» (V. 9). Wenn der Mensch, von dem Hiob spricht, ein Sünder ist, so ist Er der, in dem keine Sünde war. Ja mehr noch, der für uns zur Sünde gemacht wurde, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in Ihm.

Wenn es David angesichts des Universums klar wird, wie klein der Mensch ist, so ist Er von unermesslicher Grösse, Erhabenheit und Herrlichkeit. «Dieser wird gross sein und Sohn des Höchsten genannt werden» (Lk 1,32).

Während das menschliche Leben wie ein Rauch ist, der vergeht, ist Er das ewige Leben. Er lebt in der Kraft eines unauflöslichen Lebens.

Aber das Wunderbare für uns ist: Er lebt nicht allein in seiner Grösse und Herrlichkeit. Durch Ihn will Gott viele Söhne zur Herrlichkeit bringen, und Er schämt sich nicht, uns Brüder zu nennen. In Ihm sind wir angenehm gemacht vor Gott und versetzt in die himmlischen Örter. Wir sind vollendet in Ihm. Dieser Mensch ist der Mittelpunkt aller Ratschlüsse Gottes, und in Ihm werden alle Vorsätze Gottes zur Vollendung kommen.

Wenn wir so den unermesslichen Abstand zwischen dem sterblichen Menschen und dem ewigen Gott betrachten, dann ruft es immer wieder unsere Anbetung hervor, dass dieser Gott Mensch wurde, um für uns zu sterben und uns untrennbar mit sich zu verbinden.