Unser Vorbild im Gehorchen

Warum ist dem natürlichen Menschen der Gehorsam so unbeliebt? Weil dieser seinen eigenen Willen einschränkt. Er will jederzeit tun, was ihm beliebt. Er sucht sich jeder Autorität zu entziehen, die Gehorsam von ihm fordert. Er widersetzt sich den Eltern und Lehrern, hat Mühe, sich den Vorgesetzten zu unterstellen und sich den «obrigkeitlichen Gewalten» zu unterwerfen. Er meint, Freiheit von jedem Zwang und Druck, das tun, wonach es ihn gerade gelüstet, das mache das Leben erst angenehm. Das ist auch die Meinung der alten Natur im Gläubigen, deren wir uns für tot halten sollen.

Der Gehorsam des «zweiten Menschen vom Himmel»

Auch im Gehorsam unterscheidet sich Jesus, der zweite Mensch, völlig vom ersten Menschen und seinem Geschlecht, zu dem wir gehören. Lasst uns ein wenig darüber nachsinnen.

Beschäftigen wir uns oft mit der Herrlichkeit, die Er bei seinem Vater hatte, ehe die Welt war (Joh 17,5), dann macht uns sein Gehorsam während seiner irdischen Laufbahn tiefen Eindruck. Er war «das Wort» bei Gott, und Er war Gott. Alles, in der ganzen Schöpfung, Himmel und Erde, und was in ihnen ist, wurde durch Ihn (Joh 1,1-3).

Können wir uns eine Person vorstellen, die einen höheren Platz hatte, als Er? Seine Beziehung zu Gott, dem Vater, war nicht ein Gehorsams-Verhältnis. Vater und Sohn waren ja Gott, von gleichem Wesen und hatten denselben ewigen Ratschluss.

Dann aber kam der Zeitpunkt, an dem dieser Ratschluss ausgeführt werden sollte. Dazu musste das Wort «Fleisch», wahrhaftiger Mensch werden, blieb aber dabei «der eingeborene Sohn, der im Schoss des Vaters ist» (Joh 1,14.18; 3,13).

Mit seiner Menschwerdung trat «Jesus» in die Stellung des Gehorsams ein. Etwas ganz Neues für Ihn! Gott betrachtet den Menschen als seinen Knecht, der Ihm gehorchen soll, und diese Knechtsgestalt nahm der Sohn Gottes an, indem Er in Gleichheit der Menschen geworden ist (Phil 2,6.7). Im Gegensatz zu Adam, dem ersten Menschen und seinen Nachkommen, war Jesus, der zweite Mensch vom Himmel, Gott ununterbrochen gehorsam. Er tat hier auf der Erde allezeit das dem Vater Wohlgefällige (Joh 8,29). Wenn wir Ihm in Gedanken auf seinem Lebensweg folgen, können wir das fortwährend feststellen.

Schon vom zwölfjährigen Knaben Jesus vernehmen wir in Lukas 2,51: «Er war ihnen (den Eltern) untertan.» Diese knappe Beschreibung seiner ganzen Jugendzeit macht uns tiefen Eindruck. Er, der vom Himmel ist, unterwirft sich hier seinen einfachen und armen Eltern auf der Erde. Sie sind wohl gottesfürchtig und dem Wort Gottes gehorsam, aber wie in unseren Familien, war auch ihre Erziehung ihren späteren Kindern gegenüber von Schwachheit gekennzeichnet, und ihr erstgeborener, einzigartiger Sohn musste dies wohl besonders empfinden (V. 48-50). Doch kehrte Er nicht sein wirkliches Besserwissen hervor, sondern unterzog sich in wahrer Demut ihren Anordnungen. Er half seinem Vater und wurde Zimmermann wie er. – Ist das für junge Gläubige nicht eine grosse Ermunterung und klare Wegweisung?

Als Jesus «ungefähr dreissig Jahre alt» war (Lk 3,23), sollte sein wunderbarer Dienst beginnen: um gute Botschaft zu verkündigen und umherzugehen, wohltuend und heilend; um sein Volk zu erretten von ihren Sünden; und um Heiland der Welt zu werden. Aber Er begann diesen Dienst nicht zum eigenen Zeitpunkt. Er wartete auf Gottes Signal. Und dieses Zeichen kam. Johannes der Täufer war in aller Stille von Gott selbst zugerüstet worden, um Herold des Herrn zu sein und Ihm durch die Predigt und die Taufe der Buße in seinem Volk den Weg zu bereiten. «In der Wüste» hielt sich Johannes für diese Aufgabe bereit, und da «erging das Wort Gottes» zu ihm (Lk 3,2). Das war nun der Augenblick, in dem auch für Christus der Dienst beginnen musste: «Dann kommt Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um von ihm getauft zu werden» (Mt 3,13).

Hier war es auch, dass – als Er betete – «der Heilige Geist in leiblicher Gestalt, wie eine Taube, auf ihn (Jesus) herniederfuhr», auf den, der Mensch geworden war, um in dieser Gestalt Gott in Abhängigkeit zu dienen. Der Geist «führte Ihn umher». Er erfüllte den Dienst «in der Kraft des Geistes». Nichts vermochte den Geist in Ihm zu hindern, und daher war «Jesus voll Heiligen Geistes» (Lk 4,1 und 14). So erfüllte Er jede Ihm von Gott aufgetragene Aufgabe, sowohl was den Zeitpunkt als auch die Ausführung betraf, vollkommen nach dem Willen Gottes.

Ausserdem stützte Er sich auf Gottes Wort. «Es steht geschrieben», das war Ihm bei allem Tun massgebend, und Er tat alles «nach den Schriften» (Mt 4,1-10; 1. Kor 15,3.4).

Wenn unser Herr Jesus vor seinem Kommen in diese Welt durch den Heiligen Geist im Psalmisten bekannte: «Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust; und dein Gesetz ist im Innern meines Herzens» (Ps 40,9), dann täuschte Er sich nicht über das, was Er auf der Erde zu erwarten hatte. Er meinte nicht, dass Ihm die Stunden seines Lebens hier auf der Erde lauter Annehmlichkeiten bringen, dass Ihm die Menschen nur Gutes erweisen und Er überall Liebe und Ehre und Ansehen finden würde. Im Gegenteil, Er wusste, dass Ihm sein Gehorsam, besonders vom Beginn seines öffentlichen Dienstes an, täglich Leiden einbringen würde, die seinem Herzen so weh tun sollten. Und so kam es dann auch. Er «war das wahrhaftige Licht, das in die Welt kommend, jeden Menschen erleuchtet» (Joh 1,9). Aber sie liebten dieses Hineinleuchten in ihre sittliche Finsternis nicht und hassten Jesus Christus auf Schritt und Tritt (vgl. Joh 3,19-21; 15,18). Aber nichts konnte Ihn aufhalten. Er liess sein Licht weiterhin leuchten, gab Zeugnis von der Wahrheit, auch wenn der Hass der Juden ständig wuchs und sie Ihn umzubringen suchten. Wenn Gottes Geist Ihn dazu führte, reinigte Er den Tempel von allen Händlern und Opfertieren, oder Er hielt den Schriftgelehrten und Pharisäern eine deutliche Rede über ihre Heuchelei und Gesetzlosigkeit (Mt 21,12-14 und Kap. 23).

Doch wurde Ihm sein treuer Dienst nicht nur mit Hass belohnt. Er wohnte ja «voller Gnade und Wahrheit» unter uns Menschen, und wer Ihn aufnahm, konnte durch Ihn «Gnade um Gnade empfangen» (Joh 1,14-17). Die Evangelisten berichten von vielen, die bei Ihm ewiges Heil und den ganzen Reichtum seiner Gnade gefunden haben. Solche Begegnungen waren für den treuen Knecht Gottes Erlebnisse tiefer Freude inmitten des «grossen Widerspruchs von den Sündern» (Heb 12,3), der sich bis zum Ende steigerte.

Und dann kamen ja die letzten Tage und Stunden. Wie schwierig wurde es da für unseren Heiland, das letzte Stück seines Weges des Gehorsams zu gehen! Die Leiden bis und am Kreuz standen vor Ihm wie eine Taufe, in die Er ganz hineintauchen musste, und wie war Er beengt, bis sie vollbracht war! (Lk 12,50). In Gethsemane stellte Ihm der Widersacher die ganze Schrecklichkeit dieser Leiden vor die Augen, so wie der Teufel sie sich vorstellen konnte. Unser geliebter Herr fing bei ihrem Anblick an, «sehr bestürzt und beängstigt zu werden» (Mk 14,33), besonders wenn Er noch daran dachte, dass Er, der keine Sünde kannte und sie hasste, am Kreuz zum Sündenträger und zur Sünde gemacht werden sollte. Das hatte ja zur Folge, dass Gott Ihn richten und Ihn drei Stunden lang verlassen musste! Aber die Bitten und Flehen, die Er «mit starkem Schreien und Tränen dargebracht hat» (Heb 5,7; Lk 22,41-45), offenbarten nur, dass Er nichts anderes als nur den Willen des Vaters tun wollte. Und dann stand Er vom Gebet auf und ging hin, um den Kelch der Leiden bis zum Tod, den Ihm der Vater gab, zu trinken. Obwohl Er Sohn war, hat Er als Mensch gelernt, ohne jeden Unterbruch Gehorsam auszuüben, in diesem ganzen Ausmass (Heb 5,8).

Was machte die Lust des Sohnes aus, als Mensch auf der Erde den ganzen Willen des Vaters zu tun? Nicht die Leiden des Dienstes oder die Qualen des Kreuzes an und für sich. Aber es war seine Wonne, durch all sein Reden, Tun und Verhalten Gott, dem Vater, zu gefallen, Ihn durch Gehorsam zu ehren, Ihn durch sein Erlösungswerk zu verherrlichen und Ihn durch den Wohlgeruch seiner Hingabe und seines Opfers zu erfreuen.

Uns, den Seinen, denen Er ein so vollkommenes Beispiel des Gehorsams bis zum Tod am Kreuz gegeben hat, ruft der Herr Jesus zu: «Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben, wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe» (Joh 15,10). Setzt Er denn voraus, dass wir dazu imstande sind? Gewiss, Er hat uns alles gegeben, was wir dazu benötigen:

  • neues Leben in Ihm;
  • den Heiligen Geist, die Kraft dieses Lebens und unser Führer;
  • das Wort Gottes, das uns die Gedanken und den Willen Gottes offenbart,
  • und dazu noch Gnade um Gnade.

Unsererseits ist aber notwendig, über unser Herz zu wachen, dass es nur von Ihm erfüllt bleibt und so nur das Eine wünscht: dem Vater zu dienen und Ihn zu verherrlichen.