«Siehe, mein Knecht!» (4)

Jesaja 53,8-12

In den letzten Versen dieses Kapitels befasst sich der Prophet vor allem mit den Folgen und Ergebnissen des Leidensweges und Erlösungswerkes des Knechtes des HERRN.

Vers 8

«Er ist weggenommen worden aus der Angst und aus dem Gericht.» – Jesus lebte als Sohn des Menschen eine Zeitlang in der Angst! Im Garten Gethsemane fing Er an, sehr bestürzt und beängstigt zu werden (Mk 14,33). Er hatte volle Ursache dazu, denn Er kannte im Voraus alle Stationen der Leiden, die in den nächsten Stunden schrittweise über Ihn kommen sollten. Sie begannen mit dem Verrat von Judas, seinem Jünger, und fanden mit den drei Stunden des schrecklichen Gerichts Gottes ihre volle Tiefe. Sein Herz, nicht verhärtet durch den Betrug der Sünde, bangte vor all dem, was die Menschen in ihrem Hass Ihm antun würden. Und es kam über Ihn und schmerzte Ihn unsäglich. Aber seine Angst fand ihren Höhepunkt in dem Augenblick, als Gott Ihn, den Gerechten, für uns zur Sünde machte und Er selbst unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz zu tragen hatte. Jetzt, so musste Er sich sagen, jetzt wird mich Gott verlassen! Jetzt wird mich sein Zorn über die Sünde heimsuchen! Und Er, der gekreuzigte Heiland, ging hinein in die Stunden göttlichen Gerichts, die keine menschliche Feder beschreiben kann …

Die Angst hielt an und das Gericht. Erst um die neunte Stunde, als Er in völliger Übereinstimmung mit Gott triumphierend ausrufen konnte: «Es ist vollbracht!», erst da war Er davon befreit.

«Und wer wird sein Geschlecht aussprechen? Denn er wurde abgeschnitten aus dem Land der Lebendigen: Wegen der Übertretung meines Volkes hat ihn Strafe getroffen.» – Wir wissen, und auch der Überrest aus Israel wird davon überzeugt sein: wegen unserer Übertretung hat Er den Tod erlitten; dieser gehörte zur Strafe, die Ihn um unsertwillen getroffen hat; das war der Abschluss seiner Leiden als Erlöser.

Aber wenn nun der Tod die Laufbahn dessen abgebrochen hat, der aus den Nachkommen Davids war und als König in die Welt gekommen ist (Joh 18,37), welches würde nach seiner Auferstehung sein Geschlecht sein? Oh, Er bleibt der Löwe, der aus dem Stamm Juda ist, die Wurzel und das Geschlecht Davids (Off 5,5; 22,16). Doch ist Er jetzt, weit erhaben über jede irdische Herrlichkeit, verherrlicht zur Rechten des Thrones Gottes, und in dieser Stellung ist Er der Herr Davids (Mt 22,41-45). In kurzem wird Er als König der Könige und Herr der Herren seine Feinde vernichten und in dieser Welt ein herrliches Reich der Gerechtigkeit und des Friedens aufrichten, wie auf der Erde noch nie eines bestanden hat, selbst nicht in den Tagen Davids und Salomos. Das ist sein Geschlecht!

Vers 9

«Und man hat sein Grab bei Gottlosen bestimmt; aber bei einem Reichen ist er gewesen in seinem Tod, weil er kein Unrecht begangen hat und kein Trug in seinem Mund gewesen ist» – Hier finden wir eine ähnliche Begründung wie im 8. Vers. Sein Tod, der Ihn, den Gerechten, den Gott Wohlgefälligen, als Stellvertreter der Sünder getroffen hat, durfte weder sein Geschlecht antasten, noch Ihn – wenn auch nur äusserlich – mit der Verwesung in Berührung bringen: Nicht in das Massengrab der Gottlosen, die dieses Los verdient hatten, sollte sein Leib gelegt werden, sondern in die neue Gruft eines Reichen, «wo noch nie jemand gelegen hatte» (Lk 23,53). Ja, Gott gab nicht zu, dass sein Frommer die Verwesung sah (Ps 16,10); und am ersten Tag der Woche schon fand seine Auferstehung statt.

Vers 10

«Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen, er hat ihn leiden lassen.» – Das ist die Antwort der Herzen, die durch den Geist Gottes erleuchtet sind, auf all die lästerlichen Worte, womit der Unglaube vor dem Kreuz den übergoss, der nach Gottes Ratschluss als das Lamm Gottes ohne Flecken und ohne Fehl für uns geopfert werden sollte.

Ja, am Kreuz auf Golgatha wurde erfüllt, was Gottes Herz schon vor Grundlegung der Welt beschäftigt und beschlossen hat. Statt den Menschen, wenn er in Sünde fiel, in ein ewiges Gericht zu bringen, wollte Er ihn erretten. Aber dazu gab es nur einen Weg. Anstelle des Sünders würde Er seinen eingeborenen, geliebten Sohn als Schuldopfer hingeben. Dieses Opfer allein konnte den Ansprüchen der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes entsprechen und genügen. Jeder Mensch, der sich im Glauben darauf stützen würde, sollte dadurch vollkommenes Heil und ewige Segnungen empfangen.

Solch wunderbare Liebe und Gnade war bis dahin unter den Menschen unbekannt. Strenge Verurteilung, gerechte Vergeltung und Strafgericht – das konnten sie begreifen, aber nicht eine derartige göttliche Reaktion in Christus Jesus auf ihre Vergehungen. Doch «Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz aufgekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben» (1. Kor 2,9). Uns, den Glaubenden, hat Gott es durch seinen Geist offenbart; «wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat» (1. Joh 4,19).

«Wenn seine Seele das Schuldopfer gestellt haben wird, so wird er Samen sehen, er wird seine Tage verlängern; und das Wohlgefallen des HERRN wird in seiner Hand gedeihen.» – Als seine Seele das Schuldopfer stellte, war das wie eine Aussaat im Menschengeschlecht. Wer an Ihn und sein Erlösungswerk glaubt, wird von neuem geboren und hat Leben in Ihm. Die Glaubenden werden Ihm als ein Geschlecht zugerechnet; sie sind sein Same, der Ihm dient, seine geistliche Nachkommenschaft (vgl. Psalm 22,31). So hat sich erfüllt, was in Psalm 126,6 von Ihm gesagt ist: «Er geht hin unter Weinen und trägt den Samen zur Aussaat; er kommt heim mit Jubel und trägt seine Garben.» Diese Garben umfassen nicht nur die Erlösten Israels, sondern auch die Erlösten, die heute aus den Juden und den Nationen gesammelt und «zu der Versammlung hinzugetan werden».

«Er wird seine Tage verlängern» … Er ist auferstanden und Gott hat Ihn zu seiner Rechten gesetzt, mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt. Er hat Ihm einen Namen gegeben, der über jeden Namen ist. Aber Er, der hier auf der Erde der treue Knecht des HERRN war, sagte (im Bild des hebräischen Knechtes): «Ich liebe meinen Herrn, meine Frau und meine Kinder, ich will nicht frei ausgehen» (2. Mo 21,5). Er will Knecht bleiben und sich der Seinen annehmen, die «das Wohlgefallen des HERRN» sind. Wenn Er jetzt für sein himmlisches Volk Hirte und Hoherpriester ist, so wird Er es einst auch für sein irdisches Volk sein. Er will als Hirte nach seinen Schafen fragen und sich ihrer annehmen (Hes 34,11 ff.). Er ist dann auch ihr Priester «nach der Ordnung Melchisedeks». Und droben wird Er seine Knechte, die Ihm hier treu gedient haben, sich zu Tische legen lassen und wird hinzutreten und sie bedienen! Ja, niemand wird die aus seiner Hand rauben, denen Er ewiges Leben gegeben hat (Joh 10,28).

Vers 11

«Von der Mühsal seiner Seele wird er Frucht sehen und sich sättigen.» – Am Ende seines Dienstes hier auf der Erde hat der Knecht des HERRN geklagt: «Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt … Israel ist nicht gesammelt worden.» Aber sein Gott hat Ihm sogleich eine tröstende Antwort gegeben: «Es ist zu gering, dass du mein Knecht seist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten von Israel zurückzubringen. Ich habe dich auch zum Licht der Nationen gesetzt, um meine Rettung zu sein bis an das Ende der Erde» (Jes 49,4-6). Wie hat sich dies doch erfüllt! Nachdem Er zum Vater aufgefahren war, wurde das zählbare Häuflein der Seinen mit Kraft aus der Höhe angetan; der Heilige Geist kam auf sie, was sie befähigte, Zeugen des Evangeliums der Gnade zu sein bis an das Ende der Erde (Mk 16,15.16). Da hat die Bildung seiner Versammlung ihren Anfang genommen, und sie ist heute noch nicht abgeschlossen. Und wenn unser Herr Jesus seine himmlische Braut zu sich heimgeführt hat, dann wird auch der Überrest aus «Israel gesammelt werden.» Zudem werden seine gläubigen Zeugen aus diesem Volk das Evangelium des Reiches, das sich ebenso auf sein Erlösungswerk gründet, in der Welt verkündigen, da, wo man noch nicht vom Herrn Jesus gehört hat (Jes 66,19). So wird das gewaltige Reich Christi auf der Erde vorbereitet werden.

Dann wird der, der am Kreuz gelitten hat, die herrliche Frucht der Mühsal seiner Seele sehen. Dann wird sein Herz der Liebe gesättigt. Das Wort über Israel in Zephanja 3,17 wird erfüllt sein: «Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein rettender Held. Er freut sich über dich mit Wonne, er schweigt in seiner Liebe, frohlockt über dich mit Jubel.» Auch das Ausharren des Herrn Jesus in seinem Sehnen, seine Frau, die Gott Ihm gegeben hat, die Versammlung, bei sich zu haben, ist dann gestillt. Wie wird es das Herz Christi befriedigen, dass nun durch sein Werk, auf der Erde und im Himmel ein Volk von Erlösten ist, das seinem Gott und Vater Anbetung bringt (Off 1,6; Psalm 148,1-6 Himmel, 7-14 Erde; Sach 14,16).

«Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen, und ihre Ungerechtigkeiten wird er auf sich laden.» – Wie werden alle diese Menschen, «die Vielen», die doch Sünder waren, Gerechtigkeit erlangt haben? Nicht durch Gesetzeswerke und eigenes Verdienst, nur durch Glauben an den, der als gerechter Knecht den Willen Gottes vollbracht hat (Röm 5,1). Sie haben in Ihm den Erlöser erkannt, der ihre Ungerechtigkeiten auf sich geladen hat.

Vers 12

«Darum werde ich ihm Anteil geben an den Vielen, und mit Gewaltigen wird er die Beute teilen: dafür, dass er seine Seele ausgeschüttet hat in den Tod und den Übertretern beigezählt worden ist.» – Hier wird nun noch von der Verteilung der grossen Beute gesprochen, die Er als der mächtige Sieger von Golgatha Satan entrissen hat: «alle Reiche der Welt» (Mt 4,8). Durch den Sohn hat Gott die Welten gemacht, und nun ist Er, der Mensch geworden ist, der «Erbe aller Dinge» (Heb 1,2). Der erste Teil des Verses kann auch so übersetzt werden: «Darum werde ich ihm ein Teil mit den Grossen bestimmen» (franz. Übers.). Diese Version würde den Sinn nicht stark verändern. Damit Christus regieren kann, muss Er zuvor alle Ihm entgegenstehende Herrschaft und alle Gewalt und Macht unterwerfen und wegtun (1. Kor 15,24.25), die von solcherlei Grossen ausgeübt wird. Diese gehören zu den Feinden, die Er unter seine Füsse legt.

Aber welches sind dann die Grossen und Gewaltigen, mit denen Er die Beute oder das Erbe teilen wird? Es sind nicht die Engel, die «Gewaltigen an Kraft». Wir lesen nicht, dass sie mit dem Christus erben werden. Somit kommen nur noch die Gläubigen aus den Menschen als Erben infrage. Sind das denn die Grossen und Gewaltigen? Nach dem Urteil der Menschen dieser jetzigen Welt durchaus nicht; da sind sie die Verachteten. Im Reich der Himmel hingegen – das jetzt noch einen verborgenen Charakter hat, aber im Tausendjährigen Reich sichtbare Gestalt annimmt – gelten andere, göttliche Grundsätze. Unser Herr hat mit seinen Jüngern immer wieder davon gesprochen. Demnach zeigt sich wahre Grösse:

  1. im Tun und Lehren des Wortes Gottes (Mt 5,19);
  2. in Selbsterniedrigung und Demut (Mt 18,4);
  3. in demütigem Dienst (Mt 23,11.12).

Zu einem solchen «Knecht», der mit seinem Pfund so gelebt und gedient hat und – zum Beispiel – zehn Pfunde hinzugewonnen haben wird, sagt der Herr: «Weil du im Geringsten treu warst, so habe Gewalt über zehn Städte» (Lk 19,17). Nach seinem Urteil sind also das die Grossen und Gewaltigen. Weil sie sich selbst erniedrigten, sind sie so erhöht worden.

Im Römer 8,16.17 wird die Berechtigung zum Anteil an dieser Erbschaft anders ausgedrückt:

«Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Wenn aber Kinder, so auch Erben – Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir nämlich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden.»

Was uns am Ende des 53. Kapitels besonders bewegt, ist dies, dass es dem Knecht des HERRN sozusagen zum Lohn gerechnet wird, dass solche «Grossen und Gewaltigen» mit Ihm die Beute teilen. Dabei gehörten sie doch ausnahmslos zu denen, für die Er sein Erlösungswerk vollbrachte: «Er aber hat die Sünde vieler getragen und für die Übertreter Fürbitte getan.» Wie unaussprechlich ist doch Gottes Gnade!