Trotzige Fragen

Maleachi 1; Maleachi 3

Der Prophet Maleachi war zu den Nachkommen der Juden gesandt, die unter Esra und unter Nehemia aus der Gefangenschaft in ihr Land zurückgekehrt waren.

Was er ihnen zu sagen hatte, waren Aussprüche des Wortes des HERRN an Israel. Wie immer hatte sein Wort auch durch diesen Boten den Zweck, das Volk zur Erkenntnis seines Zustandes und zur Umkehr zu bringen.

Zweck dieses Aufsatzes ist aber nicht, näher auf dieses letzte Buch des Alten Testaments einzugehen, sondern ein wenig bei Fragen stehen zu bleiben, die das Volk gegenüber diesen göttlichen Aussprüchen aufwirft.

Dass beim Hören und Lesen der Worte Gottes demütige und ernste Fragen aus dem Herzen kommen, ist nicht verkehrt, sondern nötig. Sie zeigen, dass man nicht gleichgültig und oberflächlich darüber hinweggeht, sondern genau wissen möchte, was uns Gott in jedem Buch, in jedem Kapitel, in jedem Vers zu sagen hat.

Im Buch Maleachi fängt das Volk die Reihe der Fragen jedoch mit einem aber an: «aber ihr sprecht». Es sind trotzige Fragen gegen Gott (Mal 3,13), die aus Herzen kommen, die sich Ihm und seinem Wort nicht unterwerfen.

Sie wollen sich selbst und Gott nicht eingestehen, dass bei ihnen, den Nachkommen derer, die unter Esra zur Nachfolge des HERRN umgekehrt waren, der Gottesdienst im grossen Ganzen Fassade geworden ist, und dass er nicht aus dem Herzen, einem gereinigten Herzen kommt. Sie tragen schon die Charakterzüge jenes Geschlechts, unter dem, 400 Jahre später, Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, wandelte. Er musste den Tempel reinigen und, ähnlich wie der Prophet hier, den Pharisäern, Priestern und Ältesten gegenüber anprangern, was Er hinter der Fassade ihres scheinbar korrekten Gottesdienstes an Heuchelei und Unreinheit wahrnahm (siehe z.B. Matthäus 23). Jene brachten es fertig, Gottesdienst auszuüben und gleichzeitig Gott in der Person seines Sohnes zu verwerfen und zu kreuzigen! Was ist eine solche Religion, eine solche Frömmigkeit wert?

Wir denken vielleicht: So war das Volk der Juden in jenen Tagen. Aber der Ausspruch des Wortes Gottes durch Maleachi hat auch uns, die wir durch Glauben an Jesus Christus zur Versammlung Gottes gehören, etwas zu sagen. Auch bei uns sucht Gott «Wahrheit im Innern«; auch uns gegenüber ist das Endziel des Gebotes: «Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben» (1. Tim 1,5).

So wollen wir denn beim Sinnen über die einzelnen Fragen, die wir jetzt aus dem Buch Maleachi herausgreifen, auch unser eigenes Herz, unseren eigenen Zustand prüfen.

«Worin hast du uns geliebt?» (Mal 1,2)

Mit dieser ersten Frage werden wir gleich zum Hauptpunkt geführt: Wovon soll das Herz dessen erfüllt sein, der zum Volk Gottes gehört? Von der Liebe Gottes. In ihr sollen wir ruhen; von ihr dürfen und sollen wir uns fortgesetzt nähren und uns an dieser unversiegbaren Quelle erquicken, die für uns in Christus Jesus geöffnet ist. Da werden alle unsere Bedürfnisse gestillt. Noch mehr. Seine Liebe setzt uns auch in den Stand, Gott zu lieben. Sie drängt uns, Ihm wohlgefällig zu dienen, den Bruder zu lieben und in dieser Welt Gesandte für Christus zu sein. «Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat» (1. Joh 4,19). Dieses Volk aber fragte murrend, indem es seine gegenwärtigen Umstände betrachtete: «Worin hast du uns geliebt?» War ihm denn seine eigene, jahrhundertelange Geschichte nicht Beweis genug? Hatte sie nicht damit begonnen, dass der HERR ihren Erzvater Jakob geliebt hat, weil er nach dem Erstgeburtsrecht begehrte und die damit verbundenen Verheissungen an Abraham im Glauben ergriff? Und war Gottes Tun mit Israel seither nicht eine ununterbrochene Kette von Beweisen seiner Liebe zu ihm gewesen? So sagt Er durch Jeremia zum Volk: «Ja, mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dir fortdauern lassen meine Güte» (Jer 31,3; vgl. auch 5. Mose 7,7.8).

Beachten wir: Dieses Wort in Jeremia sprach der HERR aus, als die zehn Stämme schon in assyrischer Gefangenschaft waren und als Juda und Benjamin nach Babylon weggeführt wurden. Auch darin erwies sich seine treue Liebe zu Israel, dass Er um ihres Götzendienstes und um ihrer Treulosigkeit willen ernste Züchtigungen über sie brachte und in der Zukunft noch bringen wird, bis es von ganzem Herzen zu Ihm umkehren und den Herrn Jesus als Messias aufnehmen wird. «Ich will dich wieder bauen, und du wirst gebaut werden, Jungfrau Israel!» (Jer 31,4).

Wie viel weniger sollten wir, die wir in Christus Jesus auserwählt und gesegnet sind, je an der Liebe Gottes zweifeln, wenn Er uns in seiner Weisheit durch harte Prüfungen führt. Er will uns dadurch ja nur näher zu sich ziehen.

Wenn das Volk also nicht in dem Bewusstsein der ihm bewiesenen «ewigen Liebe» seines Gottes lebte, konnte es Ihn auch nicht wiederlieben. Wir brauchen uns daher nicht zu wundern, wenn sich in den folgenden Fragen ein böser Zustand kundgibt.

«Womit haben wir deinen Namen verachtet?» (Mal 1,6)

Das Volk hielt hier äusserlich an einem Gottesdienst nach der Vorschrift des Gesetzes fest. Aber es brachte «unreines Brot» zum Altar, zum «Tisch des HERRN«: blinde, lahme und kranke Tiere, ja sogar Geraubtes. Was sagten die Priester dazu, von denen gesagt wird: «Die Lippen des Priesters sollen Erkenntnis bewahren, und das Gesetz sucht man aus seinem Mund, denn er ist ein Bote des HERRN der Heerscharen» (Mal 2,7)? Hätten sie nicht über den Altar wachen sollen? Er stand doch in Verbindung mit dem heiligen Gott, der von sich sagt: «Ich bin ein grosser König, spricht der HERR der Heerscharen, und mein Name ist furchtbar unter den Nationen» (Mal 1,14). Nein, sie liessen es geschehen. Sie vor allem waren schuld, dass der Gottesdienst zur blossen Formsache und der «Tisch des Herrn» verunreinigt und verächtlich wurde. «Wäre doch nur einer unter euch, der die Türen verschlösse, damit ihr nicht vergeblich auf meinem Altar Feuer anzündetet!» Ja, wäre nur einer unter ihnen gewesen, der für die Ehre des Namens des Herrn eingestanden wäre und in Gottesfurcht diesem Missstand gewehrt hätte! Das würde vielen Opfernden für die Heiligkeit des Altars die Augen geöffnet haben.

Dürfen wir hier nicht eine Parallele ziehen zu dem Tisch, an dem wir, die Erlösten des Herrn, erscheinen dürfen, um Gott «Opfer des Lobes» darzubringen? An diesem Tisch des Herrn bringen wir durch das Brechen des Brotes die Gemeinschaft zum Ausdruck, die wir als Glieder seines Leibes mit Ihm, dem erhöhten Haupt, haben dürfen (1. Kor 10,16-18). Wir sind «eine heilige Priesterschaft, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlangenehm durch Jesus Christus» (1. Pet 2,5). Wir alle sind verantwortlich, darüber zu wachen, dass der Tisch des Herrn nicht verächtlich wird. Das wäre dann der Fall, wenn er zu einer toten Form würde, wenn wir nicht im Glauben realisierten, dass der Herr Jesus selbst in unserer Mitte ist und wir mit Ihm an seinem Tisch Gemeinschaft haben.

Die Ehrfurcht vor seinem heiligen Namen und die Liebe zu Ihm leitet uns an, uns selbst zu prüfen, bevor wir zum Tisch des Herrn kommen, damit wir nicht in unwürdiger Weise, das heisst, in einem ungerichteten Zustand, dort erscheinen. Sonst würden unsere geistlichen Schlachtopfer jenen blinden und kranken Tieren gleichen.

Warum wendet er sich nicht mehr zu unserer Opfergabe? (Mal 2,13-16)

«Er wendet sich nicht mehr zu eurer Opfergabe … Und ihr sprecht: Warum?» Noch aus einem anderen Grund konnte Gott ihre Opfergabe nicht wohlgefällig annehmen: Die Opfernden waren schuld, dass der Altar des HERRN mit Tränen, mit Weinen und Seufzen bedeckt war. Das waren nicht ihre eigenen Tränen, sondern die der Frau ihrer Jugend, an der sie treulos gehandelt hatten. Die Tränen klebten sozusagen an den Opfern, die die Männer zum Altar brachten. – Sie aber sahen nicht ein, dass ihre Opfer dadurch für Gott unannehmbar wurden und fragten: Warum?

Das erinnert uns daran, dass Gott niemals unser Privatleben von unserem Dienst für Ihn trennt. Treue in der Ehe, Treue zum Herrn im eigenen Haus, an der Arbeitsstätte inmitten der Welt, ist die Voraussetzung dazu. Die Anweisungen an Timotheus und Titus bezüglich der Ältesten und Diener bestätigen dies. Nur wer «dem eigenen Haus wohl vorstand», war geeignet für eine solche Aufgabe in der «Versammlung».

«Womit haben wir ihn ermüdet?» (Mal 2,17)

Wie weit musste sich dieses Volk von seinem Gott entfernt haben, dass es sagen konnte: «Jeder Übeltäter ist gut in den Augen des HERRN, und an ihnen hat er Gefallen; oder wo ist der Gott des Gerichts?» So sprechen ja die Kinder dieser Welt, die Gott nicht kennen und keine Beziehung zu Ihm haben.

Gott hatte in der langen Geschichte Israels immer wieder bewiesen, dass Er die Übeltäter bestrafte und sein Volk durch Gerichte züchtigte, wenn es eigene, böse Wege ging. Hatten nicht ihre eigenen Väter dies erfahren, als sie eine siebzigjährige Gefangenschaft in Babel erleiden mussten? Und nun fragten ihre Kinder: «Wo ist der Gott des Gerichts?»

Oh, wie ermüdet es Gott, für den das Gericht eine fremde Sache ist, wenn seine Erziehungswege mit uns und alle seine Züchtigungen uns nicht zur Furcht seines Namens zurückführen, die lebendig wird, wenn wir uns bei Ihm aufhalten!

«Worin sollen wir umkehren?»
«Worin haben wir dich beraubt?» (Mal 3,7.8)

Die Abgabe des Zehnten war eine Satzung des Gesetzes des HERRN, unter dem Israel stand. Sie aber waren davon abgewichen und brachten nicht den ganzen Zehnten ins Vorratshaus, der Gott gehörte, aus Furcht, sie kämen dabei zu kurz, es reiche dann nicht mehr für die eigenen Bedürfnisse aus. Sie hätten im Glauben gehorchen und so «den HERRN der Heerscharen» prüfen sollen, und Er hätte ihnen die Fenster des Himmels geöffnet und Segen über sie ausgeschüttet bis zum Übermass.

Wir, die Gläubigen der Jetztzeit, sind nicht unter Gesetz. Doch wollen wir nie vergessen, dass wir zu denen gehören, die das Lamm Gottes durch sein Blut für Gott erkauft hat (Off 5,9; 1. Kor 6,20; 7,23). Nicht nur unser materieller Besitz, sondern wir selbst, mit allem, was wir sind und haben, sind sein Eigentum. Wir «berauben» Ihn, wenn wir etwas für uns zurückbehalten, und dies wäre auch zum eigenen Mangel. Wenn wir aber im Vertrauen auf Ihn und durch die Erbarmungen Gottes unsere Leiber Ihm als lebendiges Schlachtopfer darstellen, machen auch wir die Erfahrung: Er öffnet uns die Fenster des Himmels und lässt uns alle seine Segnungen geniessen.

«Was haben wir miteinander gegen dich beredet?» (Mal 3,13)

Einen Gottesdienst ausüben, der nur Formsache ist, bei dem man Gott weder vor den Augen noch vor dem Herzen hat, ist nur jämmerliche, mühevolle und trockene menschliche Anstrengung. Das Volk hatte genug davon. In ihren Herzen entstand ein Murren, und sie gaben ihm in ihren Unterredungen versteckten Ausdruck. Sie beneideten im Verborgenen die Übermütigen und die Täter der Gottlosigkeit, die über diese religiösen Anstrengungen lachten und dabei äusserlichen Erfolg hatten. Gott aber nahm Kenntnis von ihren trotzigen Worten, die sie vor Ihm verbargen. Wie tief musste ihr Zustand Ihn betrüben!

Unter dem Volk gab es jedoch auch solche, die den HERRN fürchteten und Ihm mit Freuden dienten. Auch sie unterredeten sich. Er merkte auf und hörte auch ihre Worte. Er zählte sie zu dem Überrest, den Er am kommenden Tag überströmend segnen wird; denn sie achteten seinen Namen, in dem alle Schätze der Herrlichkeit und Gnade, der Kraft und der unendlichen Güte verborgen sind. Er und seine Verheissungen waren das Thema, womit sie sich ermunterten.

Möchten auch wir uns «allezeit im Herrn freuen», der uns seinen Namen jetzt noch viel deutlicher offenbart hat! So werden wir Ihm unermüdlich dienen und die Opfer nicht scheuen.