Der Mann, der «nicht mehr war»

1. Mose 5,23-24

«Alle Tage Henochs waren 365 Jahre. Und Henoch wandelte mit Gott; und er war nicht mehr, denn Gott nahm ihn weg.» (1. Mo 5,23.24)

In der ausgewählten Bildergalerie der Glaubenszeugen in Hebräer 11 leuchtet ein Bildnis besonders hervor: Henoch. Er ist der einzige in dieser Liste, der «entrückt, damit er den Tod nicht sehe». Zudem wird ihm das Zeugnis gegeben, dass er vor der Entrückung «Gott wohlgefallen habe» (Heb 11,5).

Auch im geschichtlichen Bericht über Henoch im Alten Testament wird diese Auszeichnung der Entrückung vermerkt (1. Mo 5,21-24). Die bedeutsamste Einzelheit in der kurzen Erzählung seines Lebens ist die aussergewöhnliche Weise, in der er daraus schied. Jede Erwähnung der anderen vorsintflutlichen Patriarchen endet mit der gleichen ernsten Bemerkung: «und er starb». Aber von Henoch wird gesagt: «und er war nicht mehr, denn Gott nahm ihn weg», und in der Sprache des Neuen Testaments: «er wurde nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte» (Heb 11,5).

Er wandelte mit Gott

Warum diese besondere Bemerkung im Fall Henochs? Das war ein moralischer und geistlicher Zustand in seinem Leben, der ihn von den andern in jenem bösen Zeitlauf unterschied. Seine Wege und sein Charakter machten ihn Gott wohlgefällig, denn «Henoch wandelte mit Gott». «Gehen wohl zwei miteinander, ausser, wenn sie übereingekommen sind?», fragt der Prophet (Amos 3,3). Gott ist Licht, und durch Glauben wandelte Henoch im Licht, in dem keine Finsternis bestehen kann.

Der Geist Gottes gibt uns im Hebräer-Brief den Schlüssel zu diesem beherrschenden Grundsatz im Leben Henochs, in den Worten «durch Glauben» (Heb 11,5). Der Glaube ist die Fähigkeit, irdische Ereignisse im Licht der göttlichen Offenbarung zu sehen. «Der Glaube ist die Verwirklichung dessen, was man hofft», und auch «die Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht» (Heb 11,1). Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott wohlzugefallen, aber Henoch hatte das Zeugnis, dass er Gott, mit dem er wandelte, wohlgefiel.

Durch Glauben führte Henoch das Böse seiner Zeit auf den Ursprung in Eden zurück, indem er erkannte, wie die Sünde in die Welt kam und dass der Tod der Lohn der Sünde ist, vielleicht durch Adam selbst belehrt, mit dem er während mehr als dreihundert Jahren Zeitgenosse war. Der Fluch auf dem Erdboden, die Dornen und Disteln, der Schweiss seines Angesichts – alles zeugte von der Gegenwart der Sünde. Durch Glauben wusste Henoch um die List und Macht der Schlange, und durch den gleichen Glauben hielt er die herrliche Hoffnung fest, dass der Same der Frau eines Tages den Kopf der Schlange zermalmen und die Welt von den Fesseln des Verderbens befreien würde. Henoch glaubte Gott, gegen den er und seine Vorväter gesündigt hatten, und er wandelte mit Ihm.

Henoch und das Kommen des Herrn

«Wer mit Weisen umgeht, wird weise» (Spr 13,20), und mit Gott wandeln, heisst die Weisheit Gottes erkennen lernen. Diese Gewohnheit Henochs bewirkte, dass er in den Wegen Gottes gegenüber der gottlosen Welt unterwiesen wurde. Wie kam es, dass die Bosheit des Menschen auf der Erde die Oberhand gewann, und dass die Gedanken seines Herzens nur böse waren, den ganzen Tag? Wie kam es, dass das Blut des gerechten Abel umsonst laut um Rache schrie? Warum hielt der gerechte Gott die Strafe für den Brudermord Kains zurück? Henoch wusste es, weil er «mit Gott wandelte» und von ihm lernte.

Vor der Zerstörung der frevelhaften Städte der Ebene sprach der HERR: «Sollte ich vor Abraham verbergen, was ich tun will?» (1. Mo 18,17). Und Abraham, der der Freund Gottes war, sagte: «Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?» So offenbarte Gott seine Absicht des Gerichts dem Mann, der mit Ihm wandelte, der Ihm wohlgefiel, der sich auf die Seite des gerechten Richters der Erde stellte. Von Gott belehrt, schaute Henoch vorwärts auf den «Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes» (Röm 2,5).

Daher war Henoch, der Siebte von Adam, (nicht Hanoch, der dritte von Adam, der Sohn Kains – 1. Mose 4,17), fähig, von der Zukunft in der Regierung dieser Welt zu weissagen. Judas offenbart, was das Alte Testament verhüllt, das heisst, die Prophezeiung Henochs. Dieser vorsintflutliche Prophet sagte: «Siehe, der Herr ist gekommen inmitten seiner heiligen Tausende, um Gericht auszuführen gegen alle …»  (Judas 14,15).

Diese Weissagung – so viel bekannt, die früheste – ist in mancher Beziehung beachtenswert. Gott gab sie Henoch, vermutlich zu Lebzeiten Adams, bestimmt aber bald nach dessen Tod. Sie sagt die Erscheinung des Herrn Jesus zum Gericht voraus, die heute noch zukünftig ist. In seiner prophetischen Vision sah Henoch den Herrn schon gegenwärtig zum Gericht, denn er sagte: «Siehe, der Herr ist gekommen.» Er sah es mit dem inspirierten Auge des Propheten, vielleicht ohne damals die volle Bedeutung des Geschauten zu verstehen.

Die Sintflut war ohne Zweifel eine teilweise Erfüllung der Warnung Henochs des kommenden Gerichts der Bösen. Aber die vollständige Erfüllung geschieht erst beim Kommen des Herrn «inmitten seiner heiligen Tausende». Wir wissen nicht, ob der Herr und eine solche Menge gegenwärtig waren, als die grosse Flut kam. Aber wir wissen, dass Er noch kommen wird mit allen seinen Heiligen (Sach 14,5; 1. Thes 3,13). Dann wird der Herr Jesus Rache üben an denen, die Gott nicht kennen (2. Thes 1,8).

Die Entrückung Henochs

Dem Mann Gottes, der über die weit verbreitete Gottlosigkeit seiner Tage trauerte, war es gegeben zu sehen, dass das Recht auf der Erde schliesslich die Oberhand gewinnen, dass aber alles Böse gebührend gerichtet werden würde. Doch lange vor diesem Tag des Gerichts wurde der gottesfürchtige Henoch aus der Szene der ungehemmten Ungerechtigkeit auf der Erde weggenommen.

Der Bericht in 1. Mose über Henochs Entrückung ist kurz und einfach: «Und er war nicht mehr, denn Gott nahm ihn weg». Diese Erklärung wird in Hebräer 11 erweitert, wo wir lesen: «Durch Glauben wurde Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehe, und er wurde nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; denn vor der Entrückung hat er das Zeugnis gehabt, dass er Gott wohlgefallen habe.»

Das war die besondere Ehre, die dem Mann zuteilwurde, der mitten im Abfall des Geschlechtes Adams auf Gottes Seite stand. Henoch wurde in den Himmel aufgenommen, in die Wohnung der Gerechtigkeit und Heiligkeit, von woher der Herr selbst kommen wird, mit den Tausenden seiner Heiligen, um über alle das Gericht auszuüben.

In der Weise seiner Wegnahme illustriert Henoch die Entrückung der lebenden Gläubigen, die erfolgen wird, wenn der Herr Jesus vom Himmel herabkommen wird mit einem Zuruf der Sammlung. Dann werden die, die bis zu diesem Tag lebend geblieben sind, emporgehoben, um dann bei dem Herrn zu sein (1. Thes 4,15-17).

Henoch «war nicht mehr». Gott «nahm ihn weg». Er wurde «entrückt, damit er den Tod nicht sehen sollte.» Er wurde «nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte», das heisst, Er hatte ihn an einen anderen Ort versetzt.

Die Gläubigen der Versammlung Gottes «werden nicht alle entschlafen». Sie «werden verwandelt werden». Christus wird « unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit» (Phil 3,21). Die Übereinstimmung mit der Entrückung Henochs ist unverkennbar.

Henoch wurde von einer Welt weggenommen, die reif war zum Gericht, um schliesslich mit dem Herrn wiederzukommen, wenn Er erscheint, um mit seinen heiligen Tausenden das Gericht über alle auszuführen. So werden auch die himmlischen Heiligen aufgenommen, um beim Herrn zu sein, damit auch sie, wie Paulus sagt, «wenn der Christus, unser Leben, offenbart werden wird … mit ihm offenbart werden in Herrlichkeit» (Kol 3,4).

Diese plötzliche und stille Versetzung der Schar der lebenden Gläubigen, zusammen mit den aus den Gräbern Auferstandenen, zu einem verborgenen Sammelplatz in der Luft, ist die einzigartige, immer noch unerfüllte Hoffnung der Kirche. Die Schrift erwähnt kein Zeichen, das diesem glücklichen Augenblick vorausgehen müsste. Weder in der Ankündigung noch in der Vorbereitung muss noch etwas für die wartenden Heiligen geschehen, um ihre unmittelbare Entrückung auszuführen. Des Herrn eigene Verheissung seines Wiederkommens für die Seinen ist eine genügende Garantie für die Glaubenden. Mögen sie auch in der Zwischenzeit noch grosse Mühsale zu ertragen haben, so besitzen sie doch die stärkende Zusicherung: «Denn noch eine ganz kleine Zeit, und ‹der Kommende wird kommen und nicht ausbleiben›» (Heb 10,37).