Mehrfach wird unser Herr in den vier Evangelien und in der Apostelgeschichte mit dem Ort Nazareth in Verbindung gebracht. Diese Stadt war ein wichtiger Ort im Leben des Herrn Jesus auf der Erde: Dort wuchs Er auf und lebte viele Jahre, bevor Er seinen öffentlichen Dienst begann (Mt 2,23). Deshalb nannte man Ihn den «Nazarener» oder den «Nazaräer».
Verschiedene Personen und Personengruppen haben Ihn so genannt, darunter feindlich gesinnte Menschen, Skeptiker und Dämonen. Aber auch Jünger und Engel gebrauchten diese Formulierung. Einmal nennt sich der Sohn Gottes selbst als verherrlichter Herr «Jesus, der Nazaräer» (Apg 22,8).
Ich möchte auf einen Vers hinweisen, in dem Petrus Ihn so nennt. Als er im Haus von Kornelius war und Worte Gottes an die dort Versammelten richtete, sagte er unter anderem:
«Jesus, den von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat, der umherging, wohltuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm» (Apg 10,38).
Die Szene im Haus des Hauptmanns Kornelius ist ein entscheidender Moment am Anfang der christlichen Zeit. Hier erreicht das Evangelium von Jesus Christus klar erkennbar auch die Menschen aus den Nationen. In wenigen Worten zeichnet Petrus ein kraftvolles Bild von der Person und dem Wirken unseres Herrn. Es ist der Mühe wert, über diesen Satz nachzudenken, denn er beinhaltet viel.
1) Jesus
Petrus nennt seinen Herrn bei seinem Namen, den Joseph und Maria Ihm auf göttliche Anweisung hin gegeben haben. In Matthäus 1,16 kommt der Name zum ersten Mal vor. Dort lesen wir, dass Jesus «der Christus genannt wird». Jesus bedeutet «der HERR ist Rettung» und Christus (hebräisch: Messias) ist der Gesalbte Gottes. Damit ist Jesus derjenige, der im Alten Testament als der kommende König für sein Volk vorausgesagt worden ist. Deshalb lesen wir wenig später in Matthäus 1,21, dass man seinen Namen Jesus nennen sollte, «denn er wird sein Volk erretten von ihren Sünden».
Jesus ist sein Name als Mensch. Unter diesem Namen kannte man Ihn. Doch nicht nur das. Um sein Volk von ihren Sünden zu erretten, um der Retter von verlorenen Menschen zu werden, musste Er sein Leben lassen. Jesus ist auch der Name, der auf seinem Kreuz stand. Den Namen Jesus trug Er immer noch, als Er siegreich auferstand und in den Himmel zurückkehrte. Es ist der einzige Name, in dem Rettung zu finden ist, «denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der unter den Menschen gegeben ist, in dem wir errettet werden müssen» (Apg 4,12). Daran erinnert Petrus und wir tun gut daran, an dieser Wahrheit festzuhalten. Es gibt nur einen Weg zu Gott und der führt über Jesus Christus. Alle anderen vermeintlichen Wege sind Irrwege.
2) Von Nazareth
Nazareth lag in der verachteten Provinz Galiläa im Norden des Landes. In den Tagen Jerobeams hingen die Stämme aus diesem Landstrich dem Götzendienst an. Deshalb wurde dieses Gebiet «Galiläa der Nationen» genannt, wo ein Volk lebte, das in der Finsternis und im Todesschatten sitzt (Jes 8,23; 9,1; Mt 4,15.16).
Die Tatsache, dass der Herr Jesus von Nazareth war, hat im Licht des Neuen Testaments eine doppelte Bedeutung:
- Nazareth war zwar nicht der Geburtsort, wohl aber der Wohnort unseres Herrn. Nazareth verweist somit auf seine irdische Herkunft. Es war keine Auszeichnung, ein Nazarener zu sein. Im Gegenteil. Die Menschen drückten damit ihre Verachtung und ihre Geringschätzung aus. Genauso war es gemeint, wenn sie Ihn «den Nazarener» nannten. Diese Verachtung nahm unser Herr an. Auch Petrus scheut sich nicht, die Versammelten im Haus von Kornelius daran zu erinnern.
- Nazareth erinnert an das hebräische Wort «nezer», das im Alten Testament mit «Spross» oder «Schössling» übersetzt wird. Ein solcher Spross hat eine auffallend grüne Farbe und zeigt damit die Frische eines Schösslings. Im übertragenen Sinn gilt das für unseren Herrn. Jesaja 11,1 weist zuerst auf die niedrige Herkunft hin – der Stumpf Isais. Aus diesem Wurzelstock wuchs ein Schössling – der Messias. In Jesaja 53,2 sehen wir dann, dass Er als dieser Wurzelspross in einem öden und trockenen Land Frucht für Gott brachte. Möglicherweise bezieht sich Matthäus auf die Weissagung in Jesaja 11, wenn er sagt: «Er kam und wohnte in einer Stadt, genannt Nazareth, damit erfüllt würde, was durch die Propheten geredet ist: ‹Er wird Nazaräer genannt werden›» (Mt 2,23).
3) Von Gott gesalbt
Die Salbung ist das Zeichen göttlicher Erwählung und Sendung. Im Alten Testament wurden Könige, Propheten und Priester mit Öl gesalbt und so zu ihrem Dienst geweiht. Der Messias (der Gesalbte) erfüllt im Blick auf sein irdisches Volk alle drei «Funktionen». Er ist der König, der Prophet und der Priester. Im kommenden Reich wird Er alle diese Ämter ausüben.
Petrus gebraucht diesen Ausdruck, um die Bestimmung des Herrn Jesus in seinem Dienst auf der Erde zu beschreiben. Prophetisch lesen wir von Ihm: «Einst redetest du im Gesicht zu deinen Frommen und sagtest: Hilfe habe ich auf einen Mächtigen gelegt, ich habe einen Auserwählten erhöht aus dem Volk. Ich habe David gefunden, meinen Knecht – mit meinem heiligen Öl habe ich ihn gesalbt» (Ps 89,20.21). Das weist auf die Szene am Jordan hin, wo der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf den Herrn Jesus kam und blieb. Dort war auch die Stimme des Vaters zu hören: «Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe» (Mt 3,17; vgl. Mk 1,11; Lk 3,22; 2. Pet 1,17). Der Herr wurde nicht «vor Grundlegung der Welt» auserwählt, wohl aber «in der Zeit» zu seinem Dienst auf der Erde.
4) Er ging umher
Unser Herr war ein Diener Gottes in Bewegung. Er wirkte nicht statisch an einem Ort, sondern bewegte sich dynamisch von einem Ort zum anderen – in Galiläa, in Judäa und auch in Samaria. Sein Dienst war mobil und offen. Er war für alle zugänglich. Er wartete nicht, bis die Menschen zu Ihm kamen, sondern Er ging zu ihnen. Sein Dienst war geprägt von Nähe zu den Menschen und von der Bereitschaft zur Begegnung mit ihnen. Er suchte die Verlorenen auf und ging ihnen nach – am Brunnen von Sichar, am See Genezareth, in den Dörfern und Städten, bei Fischern, Zöllnern und Sündern. Sein Wirken war ein aktives Aufsuchen der Bedürftigen – nicht ein passives Abwarten. Er erwies sich als der gute Hirte, der das verlorene Schaf sucht, bis Er es findet (Lk 15,4-7).
5) Er tat Gutes und heilte
Der Herr diente voller Liebe und Güte. Er ging umher «wohltuend und alle heilend». Genau das prägte sein Leben. Er war nicht gekommen, um etwas für sich selbst zu haben. Er dache nicht an sich, sondern an andere, die seine Hilfe brauchten. Er war die personifizierte Gnade, Güte und Menschenliebe. Alles, was Er tat, diente dem Wohl der Menschen. Er tröstete die Trauernden, speiste die Hungrigen, sprach mit den Ausgestossenen und heilte die Kranken.
Seine Wohltaten waren nicht nur körperlicher Natur, sondern berührten das ganze Wesen des Menschen. Ihm ging es vor allem um den Geist und die Seele und um die Beziehung zu Gott. Er sprach den Menschen Sündenvergebung und Frieden zu. Er gab Hoffnung und Perspektive und richtete den Blick auf das kommende Reich Gottes. Die Liebe unseres Herrn war kein Gefühl, sondern tatkräftig – eine Liebe, die sich in konkretem Handeln zeigte.
6) Die von dem Teufel überwältigt waren
Das traf zuerst einmal auf die Menschen zu, die von Dämonen besessen waren. Er befreite sie aus ihrer Gebundenheit. Dieser Ausdruck weist aber auch darauf hin, dass sich jeder Mensch von Natur aus unter der Macht des Teufels befindet. So wurde der Herr ständig mit dem Bösen konfrontiert und trat aktiv gegen das Wirken des Satans auf – sei es physisch oder geistlich.
Das Wirken unseres Herrn war viel mehr als medizinische Hilfe – es war geistliche Befreiung. Der Teufel ist ein realer Gegner der Menschen, der sie in seiner Gewalt hält, sie unterdrückt, bindet und knechtet. Doch der Sohn Gottes ist offenbar geworden, um die Werke des Teufels zu vernichten (1. Joh 3,8). In vielen seiner Wunder geht es um Befreiung. Er trieb Dämonen aus, heilte Besessene oder stellte Menschen innerlich wieder her, die unter Schuld oder Angst litten. Diese Taten zeigen die geistliche Autorität des Herrn Jesus über die Mächte der Finsternis.
7) Gott war mit Ihm
Die abschliessenden Worte des Bibelverses bringen alles auf den Punkt: «Denn Gott war mit ihm.» Auch von Joseph heisst es, dass Gott mit ihm war (Apg 7,9). Doch auf keinen trifft diese Aussage so sehr zu wie auf unseren Herrn. Petrus bestätigt damit die göttliche Zustimmung zum Dienst des Herrn Jesus. Wir denken auch an die einzigartige Beziehung zwischen Gott, dem Vater, und Ihm, dem Sohn. Er selbst sagte: «Ich und der Vater sind eins» (Joh 10,30). Alles, was der Sohn tat, tat Er im Gehorsam gegenüber dem Vater (Joh 5,19). Die Kraft, mit der Er heilte und befreite, kam aus der innigen Gemeinschaft mit dem Vater.
Diese Aussage unterstreicht somit die göttliche Legitimation seines gesamten Wirkens: Jesus von Nazareth war anders als alle anderen Menschen. Er handelte nicht als unabhängiger Einzelgänger, sondern als Gesandter Gottes. Durch Ihn wirkte Gott selbst unter seinem Volk. Er war der Emmanuel, was bedeutet: «Gott mit uns» (Mt 1,23).
Fazit
Mit seiner Rückkehr zum Vater ging der Dienst des Herrn auf der Erde zu Ende. Dennoch wirkte Er vom Himmel aus weiter, als die Apostel unterwegs waren (Mk 16,20). In gewissem Sinn tut Er das immer noch. Kein Diener kann sich mit Ihm vergleichen – und doch lernen wir von Ihm, dem perfekten Diener. Auch wir wollen uns aktiv gebrauchen lassen, um Menschen zu helfen, die vom Teufel überwältigt sind und dem ewigen Verderben entgegengehen.
