Die väterliche Zucht (1)

Dieser Artikel ist unter dem Titel «Wie erzieht uns der Vater?» als Taschenbuch im Beröa-Verlag Zürich erschienen.

«Jede Rebe, die Frucht bringt, die reinigt er, damit sie mehr Frucht bringe» (Joh 15,2).

Einleitung

Dieser Gegenstand scheint auf den ersten Blick eine harte Massnahme zu sein, und doch, wie zeitgemäss ist er. Sehr oft fragen sich Jüngere und Ältere: Warum lässt Gott ein solches Ereignis in meinem Leben zu? Warum bin ich in meinem Examen durchgefallen? Warum ist meine Mutter krank? Warum dieses tiefe Leid?

Auf diese Fragen werden zwei grosse Gruppen von Antworten gegeben: Jene des Schicksalsglaubens, wie wir ihn beim Islam finden. Man behauptet: Es war so bestimmt, es gibt nichts anderes, als es anzunehmen, als sich zu unterziehen; es ist unvermeidlich. Ganz anders lautet die christliche Antwort: «Was willst Du mich lehren, Herr?» Das ist keine passive Resignation, sondern eine bewusste Annahme dessen, was Gott im Leben der Seinen zulässt, damit daraus Frucht zu seiner Ehre hervorkomme. Die Zucht ist ein Element des Werkes Gottes, das Er gegenüber jedem seiner Kinder ausübt, mit einem Endzweck der Gnade, der zu seiner Verherrlichung sein soll: «Der HERR wird es für mich vollenden» (Psalm 138,8). «Denn er wird vollenden, was über mich bestimmt ist» (Hiob 23,14). So sagt auch der Apostel: «Der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollenden wird bis auf den Tag Jesu Christi» (Phil 1,6) Und Hebräer 13,21 bestätigt: «in euch das bewirkend, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesus Christus.»

Römer 8,28 sagt uns, dass «alle Dinge», nicht nur die angenehmen und leichten, «denen, die Gott lieben, zum Guten mitwirken».

Johannes 15,1.2 spricht vom Vater als vom Weingärtner, der die fruchtbringende Rebe «reinigt, damit sie mehr Frucht bringe». Das ist die Frucht, wovon wir in Philipper 1,11 lesen: «Erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus ist, zur Herrlichkeit und zum Preise Gottes.»

Es handelt sich hier nicht um Dienst, um die Ergebnisse einer Tätigkeit für den Herrn, sondern um eine sittliche Frucht, die das göttliche Leben in uns durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes hervorbringt.

Das Thema, das uns beschäftigt, wird uns vor allem in Hebräer 12,5-11 vorgestellt. Es ist wichtig, diesen Abschnitt ganz zu lesen:

«Ihr habt die Ermahnung vergessen, die zu euch als zu Söhnen spricht: ‹Mein Sohn, achte nicht gering des Herrn Züchtigung, noch ermatte, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; er geisselt aber jeden Sohn, den er aufnimmt.› Was ihr erduldet, ist zur Züchtigung: Gott handelt mit euch als mit Söhnen; denn wer ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Wenn ihr aber ohne Züchtigung seid, deren alle teilhaftig geworden sind, so seid ihr denn Bastarde und nicht Söhne. Zudem hatten wir auch unsere Väter nach dem Fleisch als Züchtiger und scheuten sie; sollen wir uns nicht viel mehr dem Vater der Geister unterwerfen und leben? Denn jene zwar züchtigten uns für wenige Tage nach ihrem Gutdünken, er aber zum Nutzen, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden. Alle Züchtigung aber scheint für die Gegenwart nicht ein Gegenstand der Freude, sondern der Traurigkeit zu sein; danach aber gibt sie die friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die durch sie geübt worden sind.»

Was heisst Züchtigung?

Das Wort Züchtigung kommt vom griechischen paideia, das von pais (Kind) abgeleitet ist. Der gleiche Stamm findet sich heute noch in Ausdrücken wie Pädagoge (Erzieher) oder Pädiatrie (Kinderheilkunde).

In der Schrift kann man drei Bedeutungen dieses Wortes unterscheiden:

1) Auferziehen, erziehen, unterweisen

Auf diese Weise erinnert der Apostel Paulus in Apostelgeschichte 22,3, dass er zu den Füssen Gamaliels «auferzogen» worden sei.

In Titus 2,12 finden wir die Gnade, die uns «unterweist». Ihre Wirkung ist nicht eine verstandesmässige Belehrung, sondern eine ganz praktische Bildung in unserem Leben: um die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden zu verleugnen, besonnen und gerecht und gottselig zu leben in dem jetzigen Zeitlauf. Welch eine Erziehung!

Nach 2. Timotheus 2,25 ist es wichtig, die Widersacher in Sanftmut «zurechtzuweisen». Das ist nicht nur eine lehrmässige Unterweisung, sondern umfasst alles, was zu einer Erziehung und Zurechtweisung nötig ist, damit jener, der im Widerspruch zu den Gedanken Gottes ist, dahin zurückgeführt werde, «Seinen Willen zu tun»

Und in 2. Timotheus 3,16 finden wir, dass die Schrift unter anderem nützlich ist zur «Unterweisung» in der Gerechtigkeit. Auch dies bezieht sich ganz auf die Praxis.

In Epheser 6,4 begegnen wir dem gleichen Wort. Da werden die Väter ermahnt, die Kinder «aufzuziehen» (nicht einfach aufwachsen zu lassen!) in der «Zucht» und Ermahnung des Herrn. Das ist gewöhnlich die Bedeutung des Wortes Zucht, die nicht nur Erziehung, sondern auch Korrektur miteinschliesst.

2) Zurechtbringen

Diesen Sinn der Zucht stellt uns das Buch der Sprüche an vielen Stellen vor (3,11.12; 29,15; 20,30 usw.): nicht nur Belehrung und Tadel, sondern auch Strafe, die «Rute». Eine solche Züchtigung verursacht Schmerz, Leiden, «Traurigkeit» (Heb 12,11).

Der Vater muss die Rebe «reinigen», denn es gibt da Dinge, die Er wegnehmen muss. Die Liebe des Vaters, und nicht sein Zorn (Fussnote Heb 12,7), ist der Ursprung einer solchen Züchtigung. Hebräer 12,6 unterstreicht das: «Wen der Herr liebt, den züchtigt er.» Der Vater handelt so mit uns, weil wir seine Söhne sind, nicht damit wir es werden. Und vergessen wir nicht, dass diese väterliche Zucht jeden trifft: «deren alle teilhaftig geworden sind» (V. 8).

Was ist das Ziel davon? Vers 10 sagt es uns: «zum Nutzen», und «damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden». Das ist nicht eine Heiligkeit, zu der wir gelangen müssen, sondern jene, zu deren Teilhabern Er uns gemacht hat und die Er uns in unserem Leben hervorzubringen heisst.

Die Väter, die ihre Kinder züchtigen, werden von ihnen gescheut. Wenn wir die kleinen Kinder alles machen lassen, wird sie das bestimmt nicht zu einer Geisteshaltung führen, die sich ihren Eltern gegenüber geziemt. Die Züchtigung des «Vaters der Geister» bewirkt «Unterwürfigkeit» (V. 9). Sie führt uns dazu, wie der Herr Jesus, in Matthäus 11,26, zu sagen: «Ja, Vater …» Oder wie Er selbst in der dunkelsten und schmerzlichsten Stunde seines Lebens sagte: «Dein Wille geschehe.» Das ist die Belehrung von Römer 12,2: «… dass ihr prüfen mögt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist.»

Wenn das Kind Gottes unter der Zucht des Vaters steht, tauchen zwei Gefahren auf: «Achte nicht gering des Herrn Züchtigung!» (V. 5) Die Züchtigung gering achten, heisst, sie nicht beachten, meinen, das sei ja bald vorüber. Es bedeutet auch, sich ihr gegenüber verhärten: Stoizismus, oder sie mit passiver Ergebung annehmen: Fatalismus.

Die andere Gefahr ist, zu «ermatten» (V. 5). Sprüche 24,10 erinnert daran: «Zeigst du dich schlaff am Tag der Bedrängnis, so ist deine Kraft gering.» Man kann sich, wie ein Prediger sagte, im Wald der «Warum?» verlieren. Man kann auch, wie in Jesaja 40,27, glauben: «Mein Recht entgeht meinem Gott», und meinen, der Herr habe uns vergessen.

Was ist da zu tun? Zuerst den Herrn bitten, dass Er uns von entmutigenden Gedanken befreie. Dann in seinem Wort die Verheissungen suchen, die Er uns im Blick auf schwierige Zeiten gegeben hat. Lasst uns schliesslich die zahlreichen Ermahnungen in der Schrift in Verbindung mit der Prüfung erwägen. Zum Beispiel Daniel 10,19: «Fürchte dich nicht, du vielgeliebter Mann! Friede dir! Sei stark, ja, sei stark! Und als er mit mir redete, fühlte ich mich gestärkt.» Oder auch in Jesaja 7,4: «Hüte dich und halte dich ruhig; fürchte dich nicht, und dein Herz verzage nicht.» Erinnern wir uns an die Stimme des Herrn Jesus zu jenen, die im Sturm beim Rudern Not litten: «Seid guten Mutes, ich bin es; fürchtet euch nicht!» Hebräer 13,5.6 fügt hinzu: «er hat gesagt: ‹Ich will dich nicht versäumen und dich nicht verlassen›, so dass wir kühn sagen können: ‹Der Herr ist mein Helfer, und ich will mich nicht fürchten; was wird mir ein Mensch tun?›» Lesen wir noch Psalm 94,19: «Bei der Menge meiner Gedanken in meinem Innern erfüllten deine Tröstungen meine Seele mit Wonne.» Wenn wir aber die Prüfung nicht aus der Hand unseres Vaters annehmen, wird die Folge Verbitterung sein.

Wie dem auch sei, die Schrift anerkennt, dass die Züchtigung für die Gegenwart ein Gegenstand der Traurigkeit ist, oder wenigstens zu sein scheint. Später gibt sie denen, die durch sie geübt sind, die friedsame Frucht der Gerechtigkeit (Heb 12,11). Aber es ist wichtig, «geübt» zu sein, zu forschen, was der Herr uns durch diese Prüfung sagen will, was es in uns gibt, das weggetan, aufgegeben oder gerichtet werden muss. Er wird mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen; denn Er ist treu (1. Kor 10,13). Aber Er will, dass wir die Dinge ernst nehmen, sie in seiner Gegenwart und in seinem Licht erwägen.

Wie reagieren unsere Herzen auf das Herz des Vaters, der heimsucht, mit dem Wunsch, uns Frucht bringen zu sehen? Können wir Ihm unsere Dankbarkeit für das Ziel, das Er verfolgt, ausdrücken? Wenn aber das Geheimnis der Prüfung bestehen bleibt, dürfen wir uns auf seine Gnade verlassen: «Unter dir sind ewige Arme» (5. Mo 33,27).

Die friedsame Frucht, die aus der Zucht hervorkommt, befähigt uns, andern zu helfen, die ihrerseits erprobt werden: «Darum richtet auf die erschlafften Hände und die gelähmten Knie» (Heb 12,12). Nachdem wir die Erfahrung der Treue und Liebe des Vaters gemacht haben, dürfen wir denen zu Hilfe kommen, die den Mut verlieren könnten, während sie an der Reihe sind, durch Leiden zu gehen: «Tröstet die Kleinmütigen» (1. Thes 5,14; 2. Kor 1,4).

3) Züchtigen

In gewissen Stellen geht das griechische Wort paideuo wirklich so weit. Zum Beispiel in 1. Korinther 11,32: «Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt verurteilt werden.» In einem solchen Fall trägt die Zucht den Charakter der Bestrafung, weil etwas Böses vorhanden ist – es mag mehr oder weniger schlimm sein – das man nicht gerichtet hat, sondern im Leben bestehen liess. Diese Züchtigung bliebe uns erspart, wenn wir unseren Fehltritt anerkennten und die Ursachen, die dazu geführt haben, im Selbstgericht verurteilten. Es ist immer noch die Liebe des Herrn, die so züchtigt, damit wir nicht «verurteilt» werden.

Der Gedanke des Selbstgerichts führt David am Ende von Psalm 139 zum Ausruf: «Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz … und sieh, ob ein Weg der Mühsal bei mir ist!» Am Anfang hiess es: «Du kennst …» (V. 2,3); am Schluss: «erforsche mich»: da begleitet man den göttlichen Blick bis in die Tiefen unseres Herzens. Diese Erfahrung ist manchmal sehr unerquicklich, ja, peinlich. Wir verstehen Hiob, der fragte: «Ist es gut für euch, dass er euch erforscht?» (Hiob 13,9). Aber bringen uns solche Erfahrungen nicht dahin, «auf ewigem Weg» geleitet zu werden?

In Offenbarung 3,19 lesen wir als letzte Ermahnung des Herrn an Laodizea, das sich so weit von Ihm entfernt hat: «Ich überführe und züchtige, so viele ich liebe. Sei nun eifrig und tu Buße!»

Nicht jede Prüfung ist eine Züchtigung. Gott geht seine erzieherischen Wege, um zu bilden und zurechtzuweisen, aber immer mit der Absicht, das Gute hervorzubringen und das geistliche Leben bei seinen Kindern zu vertiefen. Andere Prüfungen sind besonders «zur Verherrlichung Gottes». Das war der Fall bei dem Blindgeborenen in Johannes 9,3 und bei Lazarus in Johannes 11,4. In andern Fällen darf gerade durch jene, die durch grosse Leiden zu gehen haben, ein Zeugnis zur Ehre des Herrn abgelegt werden.

Um dir am Ende Gutes zu tun

Das 8. Kapitel des 5. Buches Mose, insbesondere die Verse 2-6 und 14-17, illustrieren anhand der Geschichte Israels den ganzen Begriff der Züchtigung. Diese Dinge sind zu unserer Ermahnung geschrieben, sagt 1. Korinther 10,11. Es ist also wichtig, sie zu bedenken. Der HERR sagte zu seinem Volk: «Du sollst dich an den ganzen Weg erinnern, den der HERR, dein Gott, dich hat wandern lassen … in der Wüste.» Es gibt besondere Tage im Leben, ein Jahrestag (Hochzeits- oder Geburtstag), das Ende eines Jahres, ein Tag des Alleinseins, an denen wir aufgefordert werden, den Weg, den wir geführt worden sind, zu überdenken. Zwei Arten von Erfahrungen können die zurückgelegte Strecke kennzeichnen:

Einerseits die Prüfungen «um dich zu demütigen, um dich zu prüfen, um zu erkennen, was in deinem Herzen ist.»

Anderseits alle Fürsorge der göttlichen Vorsehung: «Er speiste dich mit dem Man … Deine Kleidung ist nicht an dir zerfallen, und dein Fuss ist nicht geschwollen … Er brachte dir Wasser aus dem Kieselfelsen hervor.»

Diese väterliche Zucht, wie auch die Wohltaten seiner Vorsehung, haben ein klares Ziel:

  • damit sich dein Herz nicht erhebt (V. 12)
  • damit du den HERRN, deinen Gott, nicht vergisst (V. 14)
  • damit du nicht in deinem Herzen sprichst: Meine Kraft und die Stärke meiner Hand hat mir dieses Vermögen verschafft! (V. 17)

Ein anderes Ziel der Prüfung wird in Vers 3 unterstrichen: «Er liess dich hungern … um dir kundzutun, dass der Mensch von allem lebt, was aus dem Mund des HERRN hervorgeht.» Hunger zu haben schliesst eine Unzufriedenheit, ein Missbehagen, ein Bedürfnis mit ein, das Gott zulässt, um uns spüren zu lassen, dass allein die geistlichen Dinge diesen «Hunger» stillen können. Das ist die Erfahrung von 2. Korinther 4,16-18: «Deshalb ermatten wir nicht … indem wir nicht das anschauen, was man sieht, sondern das, was man nicht sieht; denn das … was man nicht sieht, ist ewig.»

Die Schlussfolgerung des ganzen Kapitels ist in unserem Untertitel enthalten: «damit er dir Gutes tue an deinem Ende» (V. 16). Die Demütigung, die Erprobung, der Hunger hatten nichts anderes zum Ziel, als das Werk, das Gott in den Herzen begonnen hatte, zur Vollendung zu führen. Der Psalmist konnte es bezeugen: «Es ist gut für mich, dass ich gedemütigt wurde» (Ps 119,71). «Gott, der es für mich vollendet» (Ps 57,3). Der Stab des Hirten (um das Schaf, das abirrt, zurückzuführen), ist er in seiner Hand nicht ein Gerät des Trostes?

Wir werden nun versuchen, diese Züchtigung anhand verschiedener biblischer Beispiele zu illustrieren. Wir werden im Besonderen folgende Seiten betrachten:

  • Hiob: Die Züchtigung um sein eigenes Herz zu erkennen
  • Elia – Jona – Johannes Markus: Die Züchtigung und die Wiederherstellung zum Dienst
  • Eli – Elimelech und Noomi – Abraham: Die Züchtigung in der Familie
  • Die Rekabiter (Jer 35): Die persönliche Züchtigung, unterstrichen durch 1. Korinther 9,24-27 und 1. Korinther 11,31.32
  • Paulus: Die vorbeugende Züchtigung, in Verbindung mit dem Dienst