Unter den Blicken meines Herrn leben

In Psalm 139 spricht eine Seele davon, dass sie sich von Gott beständig beobachtet fühlt. Der Psalmist weiss: ich werde von Ihm jederzeit gründlich erforscht und erkannt. Nichts in meinem Leben ist vor Ihm verborgen. Für alles interessiert Er sich, sogar für mein Sitzen und mein Liegen. Er weiss, weshalb ich aufstehe und ist vertraut mit allen meinen Wegen. Die Gedanken, die vor den Menschen verborgen sind, versteht Er, bevor sie sich bilden, und mein Wort hört Er, bevor es auf meiner Zunge ist.

Diese ständige Beobachtung scheint ihm zunächst unbequem gewesen zu sein. Er fühlte sich eingeengt durch die Hand Gottes, die sich auf ihn legte, weil sie ihn nicht sich selbst überlassen wollte. Er überlegte, ob ein Entfliehen vor seinem Geist, vor seinem Angesicht, überhaupt möglich wäre (V. 7-12). Schliesslich aber bittet er sogar darum, dass Gott ihn erforschen, sein Herz erkennen, ihn prüfen und seine Gedanken erkennen möge (V. 23.24). Er hat erfasst, dass Gott ihn deshalb so genau überwacht, weil Er ihn von einem Weg, der zum Schmerz führt, zurückhalten und ihn auf dem ewigen Weg, dem Weg des Lebens leiten will, der da endet, wo «Fülle von Freuden ist vor seinem Angesicht» (Ps 16,11), also vor dem Angesicht, dem er einst entfliehen wollte.

Die Braut im Hohenlied ist zu einer weit herrlicheren Erkenntnis geführt worden. Sie redet die Sprache eines Erlösten, für den alle Fragen der Sünde, der Vergebung, der Rechtfertigung göttlich geordnet worden sind. Im ganzen Buch ist nicht mehr die Rede davon. Sie ist beglückt darüber, dass die Blicke ihres himmlischen Bräutigams beständig auf sie gerichtet sind, und dass seine Hand sie führt. Oh, sie weiss ja, dass sie von Ihm geliebt ist, mit einer alles Denken übersteigenden Liebe. Darum beschäftigt Er sich doch ununterbrochen mit ihr! Sie ist sich bewusst: «Ich bin meines Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen» (Hld 7,11). Immer wieder hört sie aus seinem Mund Zeugnisse von seiner tiefen, unveränderlichen Zuneigung zu ihr. Nie erwähnt Er in seinem Lied der Lieder ihren früheren Zustand, aus dem Er sie herausnahm. Er spricht nur von der Anmut und Schönheit, die Er ihr verliehen hat. Sie selbst ist es, die einmal im Blick auf ihre Vergangenheit sagt: «Ich bin schwarz» (Hld 1,5); Er aber sieht nur, was sie Ihm jetzt ist: «Wie eine Lilie inmitten der Dornen, so ist meine Freundin inmitten der Töchter» (Hld 2,2). Wie sehr ist sie sich seiner köstlichen Liebe bewusst! Sie geniesst sie in vollen Zügen: «seine Linke ist unter meinem Haupt, und seine Rechte umfasst mich» (Hld 2,6).

Diese Liebe des Bräutigams, in der sie liebt, ist für die Braut ein mächtiger Ansporn zur Gegenliebe: «Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat» (1. Joh 4,19). Wenn sie Ihm angehört, so möchte sie auch für Ihn leben. Es ist ihr inniges Begehren, dass ihr Leben Ihm beständig Frucht bringe. Dass Er ihre entsprechenden Bemühungen mit Wohlgefallen registriert und Ihm nichts entgeht, ist für sie eine grosse Ermunterung. Nur ein paar Äusserungen ihres Lebens seien hier erwähnt, über die Er sich freut.

  • Er sagt von ihr: «Einer Stute an des Pharaos Prachtwagen vergleiche ich dich, meine Freundin» (Hld 1,9). Wie jene edlen Tiere auf den leisesten Zug des Lenkseils reagierten, so antwortet die Braut hier auf die Weisungen ihres Herrn. – Wie ist Ihm unser Gehorsam gegenüber seinem Wort so kostbar!
  • «Während der König an seiner Tafel war, gab meine Narde ihren Duft» (Hld 1,12). Alles was aus dem Fleisch kommt, seine Unreinheit, seine Selbstsucht und sein Hochmut, ist für Ihn ein übler Gestank. Aber was der Heilige Geist im Gläubigen hervorbringen kann, ist Ihm ein duftender Wohlgeruch. – Lasst uns darüber wachen!
  • «Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwester, meine Braut; du hast mir das Herz geraubt mit einem deiner Blicke …» (Hld 4,9). Ein Blick ist nicht viel. Aber was kann ein solcher Blick verraten! Er offenbart, was im Herzen vorgeht, ob es auf den Herrn gerichtet und von Ihm erfüllt ist. Hier ist es so, und das Herz des Bräutigams antwortet sogleich mit dem Ausdruck seiner eigenen, unvergleichlichen Liebe.
  • Die Braut betrachtet ihr Leben als Garten ihres Geliebten (Hld 4,12-16). Sie verschliesst ihn vor der Welt (V. 12; Gal 6,14). Sie pflegt ihn und bemüht sich eifrig darum, dass er die Früchte hervorbringt, die dem Geliebten köstlich sind. Dabei fällt auf, dass Gewürze darin wachsen – Würzrohr, Zimt, Myrrhe –, die Bestandteile des heiligen Salböls waren (2. Mo 30,23), die von den herrlichen Wesenszügen sprachen, die Jesus Christus als Mensch auf der Erde offenbart hat. Seine Gesinnung soll auch in den Seinen gefunden werden; Er hat ihnen ein Beispiel hinterlassen, und sie sind aufgerufen, seine Nachahmer zu sein. In allem heranzuwachsen zu Ihm hin, ist das, was der Geist in uns wirken will (Eph 4,15).

Auf die Einladung der Braut eilt der Bräutigam sogleich herbei und freut sich über alles, was in seinem Garten für Ihn gewachsen ist. Er nimmt alles wahr, und bei allem, was Er pflückt und geniesst, sagt Er: das ist mein: es sind alles Früchte aus meinem Garten, aus dem Garten meiner Schwester, meiner Braut.

Möchten wir nicht auch, dass unser Leben ein solcher Garten für unseren geliebten Herrn sei? Unter seinen Blicken, im Bewusstsein seiner heiligen, wunderbaren Liebe zu leben, ist uns dazu ein ständiger, mächtiger Ansporn.