Verharren

Paulus und Barnabas, diese treuen Knechte des Herrn, durften erleben, dass auf ihren Missionsreisen in so mancher Stadt durch ihren Dienst viele Menschen zum Glauben kamen. Sie blieben aber nicht lange an einem Ort, um die Fackel des Evangeliums möglichst rasch durch jene Gegenden finsteren Heidentums tragen zu können. Sie zogen weiter, wenn sie den Glaubenden das volle Heil in Christus verkündigt hatten und überliessen die «kleinen Herden» der treuen Hut des grossen Hirten der Schafe.

Aber es kam nun auch darauf an, ob diese «Kinder» im Glauben sich bei der alleinigen Quelle geistlichen Segens und der Kraft aufhielten, um nicht von den gefährlichen Strömungen und Einflüssen dieser Welt fortgerissen zu werden. Ihre Herzen, ebenso unbeständig wie die unseren, benötigten einen starken Halt, um «fest, unbeweglich» zu sein (1. Kor 15,58), wie Felsbrocken in reissender Flut. Darum gaben ihnen die Apostel Ermahnungen, die ihnen zeigten, in wem und in was sie verharren sollten. Auch uns haben diese Ermahnungen viel zu sagen.

«Mit Herzensentschluss bei dem Herrn verharren»

Mit diesen Worten ermahnte Barnabas die Griechen in Antiochien, die kurz vorher dem Evangelium «geglaubt und sich zu dem Herrn bekehrt hatten» (Apg 11,20.21).

Das war keine Ermahnung in einem gesetzlichen Geist, der vom Menschen, der arm und leer ist, Anstrengung fordert, sondern eine praktische Anleitung für Gläubige, die in Christus überreich geworden waren, diesen Reichtum in ihrem Leben nutzbar zu machen. Einst tot in Vergehungen und Sünden, waren jene Griechen jetzt in eine so wunderbare und unauflösliche Verbindung mit Ihm gekommen! Im Herrn Jesus hatten sie nun ewiges Leben, vollkommenes Heil und jede geistliche Segnung. Durch Ihn und in Ihm besassen sie alles. Wie glücklich und fruchtbar konnte ihr Leben fortan sein!

Aber gerade junge Gläubige stehen in Gefahr, in sich selbst hineinzuschauen oder hierhin und dorthin zu laufen, um das zu finden, was sie doch nur in praktischer Verbindung mit Christus geniessen können. Brauchen wir im Haus Licht und Wärme und Kraft, schliessen wir das Kabel an der richtigen Steckdose an. Oh, so müssen auch unsere Herzen «bei dem Herrn verharren», damit sie von seinem Leben durchflutet werden.

Achten wir genau auf die Formulierung: Es steht hier nicht «bei Jesus» oder «beim Heiland» verharren, sondern «bei dem Herrn». Als Erlöste gehören wir Ihm. «Ich bin meines Geliebten und nach mir ist sein Verlangen.» Er ruft uns zu: «Bleibt in meiner Liebe. Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben» (Joh15,9.10).

«In der Gnade Gottes verharren»

Auf ihrer ersten Missionsreise kamen Paulus und Barnabas nach Antiochien in Pisidien (Apg 13,14-52). Dort gingen sie am Tag des Sabbats in die Synagoge, und Paulus verkündete den anwesenden Juden und Proselyten das Evangelium von Jesus Christus. Unter anderem sagte er ihnen: «Von allem, wovon ihr durch das Gesetz Moses nicht gerechtfertigt werden konntet, wird durch diesen jeder Glaubende gerechtfertigt» (Apg 13,38.39).

Der Herr segnete die Botschaft in reichem Mass. Viele der Juden und anbetenden Proselyten folgten Paulus und Barnabas, da sie das Wort im Glauben aufgenommen hatten. Die beiden treuen Knechte des Herrn wussten aber, wie schwer es den Gläubigen aus dem Judentum wurde, sich vom Gesetz mit allen seinen Verordnungen, das dem Volk Israel von Gott gegeben worden war, zu lösen. Die Gläubigen in Jerusalem und Judäa, wie auch die Empfänger des Hebräerbriefes waren Beispiele dafür. Darum redeten die Apostel auch diesen Gläubigen mit grossem Ernst zu, «in der Gnade Gottes zu verharren» (V. 43).

Gesetz und Gnade, Rechtfertigung durch Gesetzeswerke und Rechtfertigung durch Glauben an den Herrn Jesus – sind unvereinbare Gegensätze. Wer, wie die Galater, Gesetz und Gnade zu verbinden sucht, ist getrennt von dem Christus und fällt aus der Gnade (Gal 5,3.4).

Wir, die heutigen Gläubigen aus den Nationen, waren nicht unter Gesetz. Hat uns daher die Ermahnung, in der Gnade Gottes zu verharren», nichts zu sagen?

O doch! Die zwei Jahrtausende Kirchengeschichte zeigen, wie auch die grosse Mehrheit der nichtjüdischen Christen einer schlimmen Werkgerechtigkeit verfielen. Die römische Kirche lehrt sie sogar, und wenn auch die Reformation die Gerechtigkeit aus Glauben wieder auf den Leuchter stellte, so ist doch das böse Unkraut der «guten Werke» zur Selbsterlösung wieder überall zu sehen. Auch wahrhaft Gläubige aus dem reformierten Lager wagen oft nicht, sich des Heils in Christus und ihres Platzes im Himmel zu freuen. Sie meinen, das wäre Anmassung, weil sie ja noch nicht wüssten, wie Gott ihre eigenen Werke beurteilt!

Die Erlösten, die die Schrift kennen, wissen aber, dass sie einzig durch Gnade errettet sind, mittels des Glaubens, ohne eigenen Verdienst, ohne Werke. Die Werke folgen nach der Errettung; denn erst in Christus Jesus sind wir zu guten Werken geschaffen, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen (Eph 2,8.10).

Diese guten Werke sind Werke der Gnade, die Gott in den Seinen wirkt. Sie geschehen in Abhängigkeit von Ihm, in der Kraft und der Weisheit, die Er uns gibt. – So leicht aber mischt sich das unreine Fleisch mit seinem Hochmut und seiner Selbstsucht hinein, sogar in den Dienst für den Herrn. Wie haben wir doch auch da nötig, darüber zu wachen, dass wir durch den Geist Gottes dienen und «in der Gnade verharren», damit all unser Wirken Ihm wohlgefällig und zu seiner Ehre sei!

«Im Glauben verharren»

Paulus und Barnabas konnten ihre reich gesegnete Tätigkeit in Antiochien nicht fortsetzen. Die Juden erweckten eine heftige Verfolgung gegen sie und vertrieben sie aus ihren Grenzen. Aber weder sie noch die Jünger, die sie dort zurückliessen, wurden dadurch entmutigt. Vielmehr wurden sie «mit Freude und Heiligem Geist erfüllt» (Apg 13,52).

In dieser Kraft reisten die treuen Diener nach Ikonium und Lystra weiter und verkündigten das Evangelium in der ganzen Umgebung mit unvermindertem Eifer. Aber die Verfolgung durch die ungläubigen Juden setzte ihnen überall nach. Schon in Ikonium geschah ein ungestümer Angriff, um sie zu misshandeln und zu steinigen (Apg 14,5), und in Lystra gelang es ihnen dann. Paulus wurde tatsächlich gesteinigt, zur Stadt hinausgeschleift und dort liegen gelassen, indem sie meinten, er sei gestorben (Apg 14,19).

Entsank ihnen nun der Mut, erlahmte ihr Eifer? Nein wahrlich, auch von ihnen konnte gesagt werden: «Sie hielten standhaft aus, als sähen sie den Unsichtbaren.» Trotz seiner Wunden am ganzen Leib stand Paulus auf und ging wieder in die Stadt hinein, aus der sie ihn geschleift hatten (V. 20), um die Jünger zu ermuntern! Die überströmende Gnade des Herrn befähigte ihn dazu. Schon anderntags reisten sie nach Derbe weiter und durften auch dort erleben, dass durch die Predigt des Evangeliums viele zu Jüngern wurden.

Was konnte doch der Herr mit solchen tun, deren Auge und Herz unverwandt auf Ihn gerichtet waren! Paulus und Barnabas kehrten nach Lystra und Ikonium und Antiochien zurück, in die Städte, wo die Verfolgung gegen sie gewütet hatte, um die Seelen der Jünger zu befestigen! (V. 21). Das taten sie nicht in natürlichem Mannesmut, sondern in der Kraft des Heiligen Geistes, die in jedem Gläubigen wirken will.

Mit solch leuchtendem Beispiel vor Augen konnten die Gläubigen an allen diesen Orten, die nun selbst den heftigen Widerstand der Ungläubigen zu spüren bekamen, die Dringlichkeit der Ermahnung erfassen, die an sie gerichtet wurde: «Sie ermahnten sie, im Glauben zu verharren, und dass wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen» (V.22).

Auch heute sind in verschiedenen Ländern und Gegenden viele verfolgte Kinder Gottes, die unsere anhaltende Fürbitte und mögliche Hilfe nötig haben, um hinsichtlich ihres Glaubens getröstet zu werden, «damit niemand wankend werde in diesen Drangsalen» (1. Thes 3,3).

Aber auch uns allen, die wir uns in Freiheit versammeln und dem Herrn dienen können, gilt diese Ermahnung, «im Glauben zu verharren». Uns sucht der Feind durch äusseres Wohlergehen zu lähmen, dass wir nicht mehr von Herzen «mitkämpfen mit dem Glauben des Evangeliums», und die gute Botschaft nicht mehr nach unseren Möglichkeiten mit Eifer hinaustragen zu denen, die vor dem kommenden Gericht gerettet werden sollen. Jeder muss sich fragen: Stehe ich, im Glauben befestigt, unverrückt da, oder werde ich vom Strom der Welt mitgerissen?