Jesus Christus als Hirte

Unser Herr Jesus wird uns in der heiligen Schrift sehr oft unter dem schönen Bild des Hirten vorgestellt. Schon ungezählte Male wurde darüber geredet und geschrieben. Denn Ihn in dieser Eigenschaft zu betrachten, erquickt das Herz der Gläubigen, die ihrerseits in der Bibel als Schafe oder als Herde dieses Hirten bezeichnet werden, immer wieder.

Auch dieses Thema ist unerschöpflich, wie alles, was die Person des Mensch gewordenen Sohnes Gottes, unseres geliebten Herrn, betrifft. Immer neue Schönheiten und Herrlichkeiten können wir an Ihm entdecken. Wir möchten jetzt den Blick auf die verschiedenen Tätigkeiten des Hirten richten, wie sie uns in den Bildern des Wortes vorgestellt werden. Doch wollen wir nicht zu lange bei den Einzelheiten verweilen, damit uns der Gesamteindruck dieser Seite seines kostbaren Dienstes vor Augen stehen kann.

Mein Hirte (Psalm 23)

Psalm 23 zeigt unseren Hirten in einer persönlichen und innigen Beziehung zu seinen Schafen. Jeder Gläubige, ob er zum irdischen Volk Gottes gehörte oder heute zur Versammlung Gottes hinzugetan ist, darf mit Fug und Recht sagen: mein Hirte.

Wie tut es unserem Herzen so unaussprechlich wohl, Ihn so zu kennen! Das Bewusstsein dieser Tatsache soll den einzelnen durchs ganze Leben begleiten. Jedes Schaf, das einst verloren war – und das waren wir ja alle – und vom Hirten gesucht und gefunden wurde, hat Er mit Freuden auf seine Schultern gelegt, um es bis «nach Hause» zu tragen (Lk 15,4-7).

Weil es in diesem Psalm darum geht, was der treue Hirte in seinem unermüdlichen Interesse und seiner ewigen Liebe für sein Schaf tut, darf ich mit völliger Sicherheit sagen: «mir wird nichts mangeln». Seine Tätigkeiten mir gegenüber werden hier so beschrieben:

  • Er lagert mich auf grünen Auen, Er führt mich zu stillen Wassern: Er ist treu besorgt, dass durch Gottes Wort die geistlichen Bedürfnisse der Seele befriedigt werden. Er ist gegenwärtig und durch seinen Geist wirksam, wenn ich das Wort für mich lese und darüber sinne, oder wenn ich es durch seine Diener in den Zusammenkünften empfange.
  • Er erquickt meine Seele, richtet sie auf oder stellt sie wieder her, wenn sie niedergedrückt ist oder Schaden genommen hat.
  • Er leitet mich durch seinen Geist in Pfaden der Gerechtigkeit, um seines Namens willen, also in Pfaden, die vor Gott recht und wohlgefällig sind, wie seine eigenen Pfade auf der Erde.
  • Diese Welt ist ein Tal des Todesschattens. Doch wenn ich auch durch sie wandern muss, fürchte ich nichts Übles. Denn der allmächtige Hirte ist bei mir, um mich zu leiten und zu bewahren.
  • Angesichts der Feindschaft dieser Welt bereitet Er vor mir einen Tisch: Er gibt mir seine Gemeinschaft, die mich durch den Heiligen Geist so erfüllen kann, dass sie mich über die Menschenfurcht erhebt.
  • Mein Becher fliesst über, der Becher der geistlichen Segnungen in Ihm, von denen Er zu mir redet.
  • Die Güte und Huld meines Hirten sind also mir gegenüber aktiv durch mein ganzes Leben hindurch. Das wird in diesem Psalm betont. Dabei wird vorausgesetzt, dass ich seiner Tätigkeit dankbar bewusst bleibe und mich so verhalte, dass sie sich voll auswirken kann.
  • Im Vaterhaus wird dieser Hirtendienst Christi nicht mehr nötig sein, aber die persönliche Gemeinschaft mit Ihm bleibt inmitten der Myriaden von Erlösten bestehen.

Der gute Hirte (Johannes 10)

Warum nennt sich der Herr Jesus hier «der gute Hirte»? Weil Er freiwillig sein Leben lässt für die Schafe (V. 11,15,17,18), im Gegensatz zu den Mietlingen, den Führern Israels, die sich um die Schafe nicht kümmern, die lieber fliehen, als sich unter Lebensgefahr für deren Wohl einzusetzen. Unter welch schrecklichen Leiden hat aber der gute Hirte freiwillig sein Leben gegeben! Am Marterholz hangend wurde Er mit den Sünden all derer beladen, die je und je an Ihn geglaubt hatten und glauben würden. Er wurde damit identifiziert und an ihrer statt zur Sünde gemacht. So hat Ihn Gott am Kreuz gesehen. Deshalb hat Er Ihn, den in sich selbst Reinen und Gott so unaussprechlich Wohlgefälligen, nach allen Ansprüchen seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit bezüglich der Sünde, schonungslos gerichtet. Zu diesem Sühnungswerk gehörte auch, dass Er, der gute Hirte, sein Leben liess für die Schafe; denn der Lohn der Sünde ist der Tod (Röm 6,23). – Wie betrachtet Ihn der Vater jetzt? Der Sohn spricht es selber aus: «Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme» (V. 17). Und jeder Erlöste kann mit Paulus sagen: «Christus … der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat» (Gal 2,20).

Von diesem guten Hirten wird in Johannes 10 bezeugt:

  • Er ist durch die Tür in den Schafhof eingetreten, also gemäss den Verheissungen des Wortes (V. 2,3).
  • Er ist selber die Tür, durch die einst der gläubige Überrest aus Israel ins Reich Christi eingehen wird. Aber auch heute ist Er die einzige Tür der Rettung für jeden Menschen. Wer heute im Glauben durch sie eingeht, gelangt nicht in den jüdischen Schafhof, sondern zu der Herde des Herrn Jesus, die Er «meine Versammlung» nennt.
  • Auffallend ist auch in diesem Kapitel, wie der Herr zu jedem einzelnen Schaf, das durch die Tür eingegangen ist, eine enge Beziehung hat: Sie sind seine eigenen Schafe. Er kennt jedes mit Namen (V. 3). Er geht vor ihnen her, und die Schafe folgen Ihm, weil sie seine Stimme kennen (V. 4). Er kennt die Seinen und ist gekannt von den Seinen (V. 14). Dadurch, dass Er sein Leben für sie lässt, führt Er sie in die wunderbare Gemeinschaft ein, die der Vater mit Ihm und die Er mit dem Vater hat (V. 15), indem Er ihnen ewiges Leben gibt (V. 28, vgl. 1. Joh 1,1-4), Leben in Überfluss (V. 10).
  • Weil der gute Hirte nach dem Willen des Vaters das Erlösungswerk vollbracht und sein eigenes Leben gelassen hat, sind sie für ewig sein Eigentum, und niemand kann sie aus seiner Hand rauben (V. 28).
  • Der gute Hirte ist eins mit dem Vater (V. 30).

Der Hirte Israels (1. Mose 29,24)

Unzählige Stellen in den Propheten reden vom Volk Israel als von einer Herde, aber auch von seinen Hirten. Darunter haben wir ihre Könige und Fürsten, Priester und Propheten zu verstehen. Diese Hirten waren teils von Gott berufen, teils aber auch durch Erbfolge und Geburt oder durch Menschen an diesen Platz gestellt. Der Grossteil dieser Hirten hat traurig versagt. Anstatt das Volk anzuhalten, dem HERRN treu zu dienen, gingen sie ihm als schlechte Beispiele im Abfall von Gott voran. Anstatt sich zum Wohl des Volkes einzusetzen, suchten sie ihren eigenen Nutzen, vernachlässigten die Herde und leiteten sie in die Irre. Sie wurde mehrmals und zuletzt endgültig zerstreut.

Aber der HERR hat seinem Volk schon im Segen Jakobs, also am Anfang seiner Geschichte, «den Hirten Israels» verheissen (1. Mo 49,24). Damit ist Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes selbst gemeint.

In den Evangelien wird beschrieben, wie dieser Hirte ein erstes Mal zu seinem Volk kam. In unvergleichlicher Hirtenliebe und grosser Treue ist Er im ganzen Land seiner Herde nachgegangen. «Als er aber die Volksmengen sah, wurde er innerlich bewegt über sie, weil sie erschöpft und hingestreckt waren wie Schafe, die keinen Hirten haben» (Mt 9,36; Mk 6,34). «Er ging umher, wohltuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren» (Apg 10,38).

Das Volk nahm diese Wohltaten wohl an, aber nicht den Hirten selbst. Diesen hat es verworfen und gekreuzigt. Damit es von seinen Sünden errettet werden konnte (Mt 1,21), musste Er zuerst der «gute Hirte» werden, der für die Schafe sein Leben liess.

Nach der kommenden grossen Drangsal wird der Hirte Israels ein zweites Mal zu seiner Herde kommen, zum Heil, zum Frieden und zur Herrlichkeit derer, die unter Buße und Wehklagen (Sach 12,10-14) bereit sind, den einst verworfenen Messias als Hirten aufzunehmen.

Das wird in Hesekiel 34 anschaulich beschrieben. Was dann geschieht ist herzbewegend, aber auch ernst für jene, die böse Hirten waren. Wir wollen in kurze Worte fassen, was der Hirte Israels dann tut:

  • Er sagt: «Ich bin da, und ich will nach meinen Schafen fragen und mich ihrer annehmen» (V. 11).
  • Er wird sie erretten aus allen Orten, und sie herausführen aus den Völkern, wohin sie zerstreut worden sind (V. 12,13).
  • Er wird sie an allen Wohnplätzen des Landes auf guter Weide weiden und sie lagern.
  • Er will dem Zustand, der eingetreten ist, ein Ende machen, weil unter dem Volk keine guten Hirten waren: Er sucht das Verlorene, führt das Versprengte zurück, verbindet das Verwundete (die zahlreichen Wunden, die ihm unter den Völkern und in der Drangsal zugefügt wurden), und stärkt das Kranke (V. 16).
  • Das Fette aber und das Starke wird Er vertilgen. Nach Recht wird Er sie weiden. Wenn Er da ist, wird Er die bösen Hirten richten, die die schwachen Schafe verdrängt, sich selbst geweidet haben und dabei fett geworden sind (V. 17-22).
  • Diesen Hirten wird Gott über sein wiederhergestelltes Volk erwecken, seinen Knecht David (ein Vorbild von Christus): «Der wird sie weiden, und der wird ihr Hirte sein» (V. 23). Welch glückliche Zeit des Segens steht denen vom Volk Israel bevor – auch den zehn Stämmen – die zu Ihm umkehren werden!

Der grosse Hirte der Schafe (Hebräer 13,20)

Warum wird Er hier so genannt? Oh, Er hat das Ihm von Gott anvertraute Erlösungswerk vollbracht, und seinen Willen in allen Teilen und zu seinem vollkommenen Wohlgefallen ausgeführt. Der Gott des Friedens, der in Christus «Friede auf der Erde» und «Friede im Himmel» geben wollte. (Lk 2,14 und 19,38), ist völlig befriedigt. Das hat Gott dadurch bezeugt, dass Er «aus den Toten wiederbrachte unseren Herrn Jesus, den grossen Hirten der Schafe».

Er ist nun nicht mehr in Knechtsgestalt auf der Erde, sondern in den Himmel aufgefahren. Er ist jetzt von Gott mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt und über die Werke seiner Hände gesetzt; Gott hat alles seinen Füssen unterworfen (Heb 2,7). In dieser Stellung kann Er sagen; «Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde» (Mt 28,18).

Aber in seiner unendlichen Liebe zu seiner Herde, in der Er uns «bis ans Ende liebt», ist Er auch im Himmel unser Hirte geblieben, die wir noch auf der Erde dem herrlichen Ziel im Himmel entgegen pilgern. Er will uns mit aller seiner Gnade, die keine Grenzen kennt, hindurchführen, uns weiden, lagern und beschützen. Mit seiner ganzen göttlichen Macht will Er uns beistehen, wenn wir seinen grossen Auftrag ausführen helfen: «Geht hin in die ganze Welt und predigt der ganzen Schöpfung das Evangelium» (Mk 16,15).

Doch heisst das nicht, dass Er uns in dieser Welt, die Ihn verworfen hat, vor jeder Schmach und jeder Verfolgung bewahren werde. Er hat seinen Jüngern vorausgesagt, dass sie dies erleben würden (Joh 15,18-21; 21,18.19). Er vermöchte die Seinen in solchen Drangsalen wohl so zu schützen, wie die beiden Zeugen in Offenbarung 11, aus deren Mund Feuer gehen wird, das ihre Feinde verzehrt; «und wenn jemand sie beschädigen will, muss er so getötet werden». Das wird aber in den Tagen der Gerichte sein. Heute sind es noch Tage der Gnade; der Herr will Menschen retten und selbst durch das Verhalten der verfolgten Boten des Evangeliums zu ihren Herzen reden. Aber diese dürfen in solchen Umständen den ermunternden und tröstlichen Beistand des grossen Hirten erfahren.

Der Erzhirte (1. Petrus 5,4)

Als der grosse Hirte, der vom Himmel her seinen Dienst ausübt, ist Er auch der Erz- oder Oberhirte und hat als solcher in seiner Versammlung auf der Erde Brüder zu Hirten eingesetzt (Eph 4,11). Ausserdem werden sowohl die von den Aposteln eingesetzten Ältesten als auch die, denen der Herr Jesus heute in den örtlichen Versammlungen einen ähnlichen Dienst anvertraut, hier ermahnt, die Herde Gottes nach dem Vorbild, das Er ihnen gegeben hat, und in seiner Gesinnung zu hüten:

  • nicht aus Zwang, sondern freiwillig, aus Liebe zu der Herde,
  • nicht um schändlichen Gewinnes willen; sondern bereitwillig,
  • nicht als solche, die da herrschen über die Herde, als ob sie ihr Besitztum wäre,
  • vielmehr als Vorbilder der Herde.

Das ist nicht ein Dienst, der «oben hinaus», sondern «unten durch» führt. Aber wenn am Tag des Herrn der Erzhirte offenbar geworden ist, dann wird Er den Hirten, die in seinem Geist Hirten gewesen waren, die «Krone der Herrlichkeit» geben, die davon redet, dass ihre Mühen für Ihn kostbar gewesen sind.