Vorbilder auf Christus, den Hirten

«Die Schriften sind es», sagt unser Herr Jesus, «die von mir zeugen» (Joh 5,39). Er ist ihr Hauptgegenstand, und wir tun gut, auch beim Lesen des Alten Testaments unser Augenmerk auf Ihn zu richten. In diesen Schriften reden die Propheten durch den Geist Christi manchmal direkt von Ihm, von seinem Kommen auf diese Erde, wie auch «von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach» (1. Pet 1,11). Oftmals aber werden uns im Alten Testament Bilder vor Augen geführt. Wenn wir diese mit Ihm, dem vollkommenen und herrlichen Gegenbild vergleichen, das uns im Neuen Testament gezeigt wird, können wir ähnliche oder gegensätzliche Züge erkennen. Solche Bilder prägen sich uns dann oft besser ein als lehrhafte Mitteilungen.

Lasst uns jetzt bei einigen Männern stehen bleiben, die Kleinvieh-Hirten waren. Zwei von ihnen wurden später berufen, die Herde des Volkes Gottes zu weiden. Ihr Verhalten bei dieser Aufgabe lässt uns Vergleiche ziehen mit Christus, dem Hirten Israels (Ps 80,2), der auch der Hirte derer geworden ist, die zu seiner Versammlung gehören.

Jakob (1. Mo 30,25-43)

Lange Jahre hatte Jakob die Herden Labans gehütet. Dann aber kam der Zeitpunkt, an dem er für sein eigenes Haus zu «schaffen» begehrte (V. 30). Er wollte seine eigene Herde haben.

Wie mussten nun, nach seiner Meinung, die Tiere beschaffen sein, die er seiner Herde beifügte? Er wollte kräftige Schafe oder Ziegen haben, und er wusste, wie er dazu gelangen konnte. «So wurden Laban die Schwächlichen zuteil und Jakob die Kräftigen» (V. 42). –

Und die Herde Christi, die auf ewig sein eigener Besitz, sein Eigentum sein soll? Wer darf dazu gehören? Ach, unter den Menschen gibt es nur «Untaugliche» (Röm 3,12)! Seine Herde besteht ausnahmslos aus solchen, die einst «kraftlos» waren zum Guten, aus Gottlosen, aus Sündern und Feinden Gottes (Röm 5,6-10). Und wenn nach menschlichen Massstäben grosse Unterschiede zu bestehen scheinen, so hat Gott doch das Törichte, das Schwache, das Unedle und Verachtete der Welt dazu auserwählt, damit sich vor Gott kein Fleisch rühme.

Aber, o Wunder der Gnade! Die jetzt durch den Glauben an Ihn zur Herde Christi zählen, die sieht der Hirte nicht mehr in ihrer eigenen Erbärmlichkeit. Ihnen lässt der Heilige Geist durch den Apostel sagen: «Aus ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung; damit, wie geschrieben steht: ‹Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn›» (1. Kor 1,26-31). In Ihm sind sie «eine neue Schöpfung» geworden, haben in Ihm Leben empfangen und sind angetan mit «Kraft aus der Höhe», durch den Heiligen Geist, der in ihnen wohnt, um hier ein Zeugnis für Ihn zu werden (2. Kor 5,17; Joh 10,10; Lk 24,49).

Daher kann jeder, der dem Hirten unmittelbar nachfolgt, schon in diesem Leben, in dieser Welt, zu seiner Ehre sein. Aber dies wird noch viel besser geschehen, nachdem Er die Seinen zu sich in die Herrlichkeit entrückt hat! Dann wird Er mit ihnen kommen, sichtbar für die Welt, «um an jenem Tag verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und bewundert zu werden in allen denen, die geglaubt haben» (2. Thes 1,10). Dann wird nur noch das an uns gesehen, was wir durch Ihn und in Ihm geworden sind.

Bei der Herde Israels, die sich Christus in der Zukunft sammeln wird, ist es ähnlich. Nur solche werden dazu gehören, in deren Herzen ein tiefes Werk der Buße geschehen ist und die sich ihrer Schuld und Unwürdigkeit bewusst sind. «Jedes Auge wird ihn sehen, auch die, die ihn durchstochen haben, und wehklagen werden seinetwegen alle Stämme des Landes» (Off 1,7). Auch sie werden durch Glauben an das Erlösungswerk am Kreuz Errettung finden. Dann wird der Hirte Israels sie weiden: «Siehe, ich bin da, und ich will nach meinen Schafen fragen und mich ihrer annehmen … Das Verlorene will ich suchen und das Versprengte zurückführen, und das Verwundete will ich verbinden und das Kranke will ich stärken … (Hes 34,11-23).

Abel (1. Mo 4,1-16)

«Abel wurde ein Schafhirte». Hier wird nicht beschrieben, wie er diese Aufgabe erfüllte, sondern nur, wie sein Bruder ihm, der Person des Hirten, begegnete.

Kain hatte Gott mit einer Opfergabe nahen wollen, die seine Selbstgerechtigkeit zum Ausdruck brachte. Gott konnte sie nicht annehmen. Daher wurde Kain eifersüchtig auf Abel. Er ergrimmte sehr, sprach zu seinem Bruder und erschlug ihn. –

Erinnert uns dies nicht daran, wie es dem Herrn Jesus erging? Er war als «der Hirte der Schafe» durch die Türe, also gemäss der Ankündigung der Schriften, zu seinem Volk gekommen (Joh 10,1.2). Immer wieder lesen wir von Ihm, dass Er «innerlich bewegt» war: Er sah, wie die Volksmenge erschöpft und verschmachtet war, wie Schafe, die keinen Hirten haben. «Innerlich bewegt», heilte Er ihre Schwachen und stillte Er ihre Bedürfnisse (Mt 9,36; 14,14; 15,32). Er war aber auch «innerlich bewegt» über die Nöte der einzelnen: über die Blinden von Jericho, über einen Aussätzigen, über die trauernde Witwe von Nain, über den unter die Räuber Gefallenen – im Gleichnis – (Mt 20,34; Mk 1,41; Lk 7,13; 10,33). Kein Weg war Ihm zu lang, keine Mühsal zu gross, wenn es galt, den Durst einer Seele zu stillen, wie zum Beispiel am Brunnen von Sichar. Jeder seiner Tage war ausgefüllt mit solch anstrengendem Dienst, und zuletzt gab der «gute Hirte» sein Leben hin für die Schafe! In der Tat, Er war vor den Augen aller der Hirte nach dem Herzen Gottes.

Die Pharisäer, die Schriftgelehrten, die Priester und die Ältesten sahen dies alles. Freuten sie sich über seinen Dienst zum Heil und Segen der Menschen? Durchaus nicht! Es verdross sie vielmehr, dass Er gekommen war, das Wohl des Volkes zu suchen. Im Licht seines Lebens und Dienstes kam die ganze Unfruchtbarkeit ihres Lebens und Dienstes zum Vorschein. Sie trachteten ja, ähnlich wie Kain, durch Gesetzeswerke eine eigene Gerechtigkeit aufzurichten und wollten sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterwerfen (Röm 10,3). Darum hassten sie Ihn. Durch Widerstand und Widerspruch erschwerten sie fortgesetzt seinen Dienst. Sie wollten verhindern, dass die Menschen an Ihn glaubten und beratschlagten, Ihn umzubringen (Joh 11,48.53). In ihrem tödlichen Neid überlieferten sie Ihn dem Pilatus (Mt 27,18) und ruhten nicht, bis sein Todesurteil gefällt und ausgeführt wurde. – O Herr, wie erstrahlt vor diesem dunklen Hintergrund dein Dienst in wunderbarem Licht!

David (1. Sam 16 und 17)

Lasst uns bei diesem Vorbild besonders beim Einsatz Davids als Hirte stehen bleiben. David weidete das Kleinvieh seines Vaters (1. Sam 16,11). Ein schlechter Hirte schonte sich selbst; wenn wilde Tiere in die Herde einbrachen, überliess er ihnen die Beute. David aber wandelte durch Glauben und tat seine Arbeit mit dem HERRN. Er war bereit, dabei sein Leben einzusetzen. Er erzählt selber: «Kam nun ein Löwe oder ein Bär und trug ein Stück von der Herde fort, so lief ich ihm nach … und entriss es seinem Rachen; und erhob er sich gegen mich, so ergriff ich ihn … und tötete ihn» (1. Sam 17,34.35).

So handelte er auch, als er gesalbt worden war, um später die Herde Israels zu weiden. Er trat im Namen des HERRN dem schrecklichen Goliath entgegen, vor dem sich alle Männer Israels fürchteten. Er suchte die Ehre Gottes und liebte sein Volk, das er von diesem Erzfeind befreien wollte. Er wusste aber durch Glauben, dass er dabei nicht sterben, sondern siegen würde. –

So deutlich und schön dieses Vorbild sein mag, es wird vom Herrn Jesus, dem Gegenbild, weit übertroffen. Satan, der schreckliche Feind Gottes und der Menschen, ist einst in den Garten Eden eingebrochen und hat das ganze Menschengeschlecht in die Sünde, ins Verderben hineingezogen. Da gab es nur eine Möglichkeit, diesen Feind zu vernichten und die Menschen zu befreien und zu retten: der gute Hirte musste ihn überwinden, indem Er sein Leben opferte (Joh 10,11.15), um es nach vollbrachtem Sieg wiederzunehmen. Das ist geschehen. Er hat «durch den Tod den zunichtegemacht, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreit, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren» (Heb 2,14.15).

Durch dieses Erlösungswerk hat Er aber auch alle Ansprüche Gottes befriedigt, indem Er die Sünde sühnte. So wurde Gott vollkommen und auf ewig verherrlicht.

Diese Tat des guten Hirten können wir hier nicht voll ermessen und seine damit verbundenen Leiden nicht ergründen. Aber schon hier durften wir beginnen, Ihm dafür unaufhörlich Dank und Anbetung darzubringen, und droben werden unsere Herzen von vollkommenem Lob überfliessen.

Mose (2. Mo 3)

Das angeführte Kapitel zeigt diesen später so treuen und hingebenden Knecht Gottes in einem etwas ungünstigen Licht. Mose weidete die Herde seines Schwiegervaters in der Wüste. Diese begrenzte Aufgabe schien ihm, der doch zum Führer Israels und somit zu ihrem Hirten (vgl. 4. Mose 27,17) ausersehen war, zu genügen. Seine Laufbahn in Ägypten war ja abgebrochen. Seine Brüder, die Kinder Israel, verstanden nicht, dass Gott durch seine Hand ihnen Rettung geben wollte (Apg 7,25). Mose hatte sich damit abgefunden. Weder für sich selbst noch für das Volk erstrebte er ein anderes Ziel.

Wie verständlich erscheint uns sein Verhalten! Hätten wir an seiner Stelle anders reagiert? –

Der HERR, der Hirte Israels, der später als Mensch zu seinem Volk kommen sollte, handelte anders. Er hatte seine Herde in Ägypten nicht vergessen. Gemäss seinen Verheissungen an Abraham wollte Er sie aus jener Knechtschaft befreien und sie in ihr Besitztum einführen (1. Mo 15,14; 17,8). Er überwand das anfängliche Widerstreben Moses, des auserwählten Führers. Durch ihn leitete Er das murrende, widerspenstige und undankbare Volk durch die Wüste und die feindlichen Heere hindurch, bis an den Jordan und durch Josua ins verheissene Land. Er begleitete es in der Wolke und liess sich in seinen Zielen durch nichts zurückhalten.

Auch die traurige Geschichte Israels im Land, wo die auserwählte Nation in den Abfall von seinem Gott, in den Götzendienst und die schrecklichen Sünden der sie umgebenden Völker hinabsank, vermochte den Hirten nicht zu hindern, die weiteren Pläne Gottes auszuführen: Er kam herab, um auf Golgatha ein Heil aufzurichten, das auch für das zwölfstämmige Israel gilt.

Aber die Juden haben Ihn doch zum Weinberg hinausgeworfen und getötet; jene Übeltäter sollten doch auf schlimme Weise umgebracht werden! (Mt 21,39.41). Gewiss, aber das Blut des neuen Bundes ist vergossen und in der Zukunft wird ein Überrest (auch aus Juda) in bitterer Reue und im Glauben zu Ihm zurückkehren. Er wird sie aus der Drangsal befreien und sie aufgrund seines Erlösungswerkes annehmen. Er wird sie in sein Reich herrlichen Segens und Friedens einführen, um sie dort zu weiden (Hes 34). Wenn dann «jemand spricht: Was sind das für Wunden in deinen Händen?, so wird er sagen: Es sind die Wunden, womit ich geschlagen worden bin im Haus derer, die mich lieben» (Sach 13,6).

Ja, so treu und langmütig ist der Hirte Israels, und so voller Geduld und überströmender Gnade ist Er auch als Hirte des himmlischen Volkes! Er wird nicht ruhen, bis Er uns ans Ziel, in das Haus seines und unseres Vaters gebracht hat. Es ist unser Wunsch, Ihm bis dahin in Treue nachzufolgen und Ihm zu dienen.